PlayStation 4 / Xbox 720: Keine Gefahr für die Wii U? World of Warcraft: Talentspezifikationen zu Mists of Pandaria bekannt

Filmkritik: Indie Game – The Movie

Super Meat Boy, FEZ und Braid verzückten abertausende Gamer, mit deren aufreibender Entstehung allerdings nur die wenigsten vertraut sein dürften. Die Dokumentation begleitet die Macher der Independent-Hits bis zum Release, setzt sie damit in ein ganz neues Licht und erübrigt jeden Zweifel, ob Spiele Kunst sein können.

Einlauf

Im Grunde inszeniert der 90Minüter die typisch amerikanische Underdog-Story. Vier Rockys nehmen den Kampf auf: Edmund McMillen und Tommy Refenes steigen mit dem Fleischhopser Super Meat Boy in den Ring. Jonathan Blow führt den zeitmanipulativen Anzugträger Braid ins Feld und Phil Fish kämpft mit FEZ in vielerlei Beziehung. Anders als die Serie Bubble Universe will der Film von Lisanne Pajot und James Swirsky keinen ausführlichen Einblick in die Mechanismen der Spieleentwicklung geben, sondern entspinnt in erster Linie ein Künstler-Portrait, das sich konkret auf die Macher sowie deren Belange und weniger auf ihre Games bezieht.

Jeder independent-interessierte Leser dürfte bereits wissen, dass die genannten Titel längst zu glücklichen Enden geführt haben. Die Spiele haben Traumwertungen eingefahren, verkauften sich hervorragend und sind inspirierend für diverse ähnlich gelagerte Wohnzimmer-Produktionen. Trotzdem bleiben die Entstehungsgeschichten filmreif, schließlich ist kein Erfolg garantiert und die gnadenlosen Launen des Publikums sind hinlänglich bekannt.

In erster Linie hat man daher mit den großen und kleinen Dramen von bebrillten Bartträgern zu tun. Der Film setzt zu einem Zeitpunkt ein, in dem die Entwicklung eines Spiels längst nicht mehr die Erfüllung eines Traums darstellt, sondern in ein selbstauferlegtes Schicksal mutiert ist, aus dem es irgendwann ganz einfach kein zurück mehr gibt. Die Arbeit erreicht bei nahezu jedem Titel kurz vor der Veröffentlichung in der “Crunching-Time” ungesunde Ausmaße, diese Problematik erhascht man ab und an als kleine News in den einschlägigen Medien. Aus dieser Situation schöpfen die Regisseure ihr Potential und geben den angeknacksten Egos viel Raum zur Darstellung. Es ist etwas schade, dass sich die Macher weniger für die Konzeptionsphase interessieren, sondern mehr für die konfliktgeladenen Arbeitsphasen.

Angeschlagen

Ehrlich und mit Stinkefinger kotzt sich Phil über quengelnde Kiddies aus, die sich nicht vorstellen können, dass die Produktion eines Spiel tatsächlich Jahre benötigen kann. Ein nervenaufreibender Zwist mit einem ehemaligen Geschäftspartner ist für das Gemüt zusätzlich wenig förderlich. Jonathan Blow kann sich über seinen Erfolg nur mäßig freuen, weil er das Gefühl hat, mit seinen ursprünglichen Intentionen gescheitert zu sein – die Leute sähen nur ein Spiel. Tommy und Edmund hadern hingegen mit einer heftigen Deadline, auferlegt von Microsofts Xbox-Download-Plattform und auch die verbesserungswürdigen persönlichen Umständen tragen nicht zur Entschärfung der Situation bei.

Diese Mini-Tragödien erscheinen vor allem in einer leicht manipulativen Konzentration wie Jammern auf hohem Niveau, aber die regelrecht erdrückende Frustation während ihrer Arbeit ist nicht vorgetäuscht. Fast einhellig ist der Standpunkt, dass wenn das Spiel kein Erfolg werde, man sich nie wieder diesem Stress aussetzen wolle. Genährt wird der Umstand durch das Ausleuchten der privaten Verhältnisse. Sie leben von und mit dem Nötigsten, setzen für ihre Vision alles auf eine Karte. Beziehungen wurden belastet oder sind ganz in die Brüche gangen, das Rumkrebsen am Rande des Existenzminimums und Rückschläge bei der Arbeit setzen sichtlich zu, die Gefühlsausbrüche sind daher vollkommen nachvollziehbar. Sie müssen schließlich für ihr Werk gradestehen. Haut es nicht hin, sind sie kein versteckter, kleingeschriebener Name in den minutenlangen Credits. Kritik langt ihnen direkt ins Gesicht und sie können sie nirgends abwälzen.

Spätestens hier erübrigt sich die Diskussion, ob Spiele Kunst sind. Der Film vermittelt auch durch ansprechende Bilder den Druck, der auf unabhängige Entwickler lastet und wieviel Herzblut es braucht, um so eine Aufgabe auch noch qualitativ hochwertig zu einem Ende zu bringen. Die machen es nicht, weil es ein Job ist, sondern weil sie nicht anders können.

Schlussgong

Zum Finale sind die Babys der ausgelaugten Eltern dann zum Abschuss freigegeben. Drei Spiele unter vielen, über die man im Handstreich im Internet richten kann. Ein phantastischer Soundtrack trägt bis dahin den fast durchgängig melancholischen Grundton, kurz vor Release macht sich fast Endzeitstimmung breit. Jonathan, Phil, Edmund und Tommy sind müde. So müde, dass sie sich über die ersten Erfolgsmeldungen nicht freuen können.

Aber sie haben sich bekanntlich behauptet. Alle Spiele sind bemerkenswerte Erfolge, die Erleichterung ist spürbar, wenn die Jungs die fast durchweg positiven Reaktionen im Internet verfolgen, wie der Druck abfällt und endlich Geld in die Kassen der sympathischen Vorzeige-Nerds spült. Mit genügend Abstand reflektiert ein gelöster Edmund kurz vor dem Abspann eine anrührende Geschichte über seinen größten persönlichen Erfolg bei Super Meat Boy und er bleibt dabei nicht der einzige mit feuchten Augen. Leider braucht es in diesem Fall immer noch einen Film, um die Emotionen zu entwickeln, die ihre Kunstwerke im wahrsten Sinne des Wortes verspielen. Aber die Szene ist lebendig, kreativ und wird auch in Zukunft mit dem noch jungen wie faszinierenden Medium experimentieren. Es ist noch viel Platz im Ring.

[youtube vobkKX6Wblk nolink]