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Retro-Test: Silent Hill 2 (PS2, Xbox, PC)

Unwissenheit als Tugend: Entgegen vielerlei anderer Berichterstattung zum Thema „Retro“ wollen wir Klassiker gänzlich unvoreingenommen in Augenschein nehmen. Unser Redakteur, der sich die alternde Perle zu Gemüte führt, hat das Spiel im Vorfeld nie gespielt. Welche Ikonen vergangener Tage funktionieren also auch heutzutage noch, gänzlich ohne verklärte Nostalgie? Heute mit: Silent Hill 2.

Silent-Hill-2-Screenshot-01Nur wenige Titel schaffen es, sich in der Flut von beliebig austauschbaren Videospielen als Hochkultur zu behaupten. Doch Silent Hill 2 gelingt eben genau das. Silent Hill 2 ist nicht nur ein meisterlich arrangiertes Horrorspiel, sondern schafft es  auch, die Welt des Spielers kopfstehen zu lassen. Durch seine interpretationswürdige Handlung, einer verstörenden Bildsprache und einem Finale, das in Sachen Videospiel auch heutzutage noch Seinesgleichen sucht, avancierte Silent Hill 2 postwendendend zum Kulturgut.

Der Nerd-Almanach

1996 brach nicht nur eine Zombie-Epidemie in dem fiktiven Städtchen Raccoon City aus, sondern mit ihr zusammen auch der Kult um das Survival-Horror-Genre. Capcoms Resident Evil war ein Kassenschlager. Da sich Konami an der Kuchentheke gern ein Stück vom Erfolg abzwacken wollte, entschied man sich kurzerhand, ein Gegenprodukt zu entwickeln. Mit einigen Mitarbeitern der Tokyoter Niederlassung formte man „Team Silent“ und schraubte an der ersten Inkarnation von Silent Hill. Statt B-Movie-Flair legte man hierbei allerdings Wert auf psychologischen, tiefgründigen Horror. Statt der gewohnten Schreckmoment-Geisterbahn, machte sich das schleichende Unwohlsein breit. Das traf den Nerv der Zeit: Das 1999 veröffentlichte Silent Hill war ein Erfolg.

Silent-Hill-2-Screenshot-07Mit der neuen Generation von Videospielkonsolen auf dem Vormarsch, sah Team Silent eine Möglichkeit, seiner Vision eines guten Horrorspiels noch näher zu kommen. Doch was sie letztlich mit Silent Hill 2 lostraten, überstieg die Erwartungen vieler Spieler. Nichtsdestotrotz fiel die Rezeption in der Fachpresse recht verhalten aus. Vielerorts wurde das eigentliche Spielprinzip wesentlich stärker gewichtet, als Narration und Design. Wie sich heute zeigt, zu unrecht: Silent Hill 2 gilt als einer der Videospiel-Meilensteine der vergangenen Jahre.

Von (Pixel-)Perlen vor (Bitmap-)Säuen

Auf einem nebelumschlungenen Plateau blicken wir das erste Mal auf das Städtchen Silent Hill. Das tiefhängende Grau, in dem sich unser Blick verliert, ist ein Vorbote, eine stumme Warnung, und zeitgleich eine Metapher für das komplette Spiel. Es ist nicht das, was wir sehen, sondern das, was vor unserem Blick verborgen bleibt, das uns Unwohlsein verspüren lässt und kalte Schauer über den Rücken jagt. Es ist die Stille, die Silent Hill auskostet, und nicht den Sturm.

Silent-Hill-2-Screenshot-09Unser Protagonist James Sunderland ist rastlos. Als ihn drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Mary eine Nachricht von ihr erreicht, führt ihn sein Weg zurück nach Silent Hill. An jenem Ort verbrachte das Paar einst glückliche Tage, bevor Mary von einer schweren Krankheit in die Knie gezwungen wurde. Doch kann dieser Brief echt sein? Oder ist James in seiner Trauer vielleicht dem Wahn verfallen und vermischt Vorstellungskraft mit Realität? Doch mit seiner Trauer als Triebwerk führt ihn sein Weg unweigerlich zurück. Mit den verklärten Erinnerungen hat Silent Hill jedoch nicht mehr viel gemein. Statt eines verschlafenen, einladenden Nestchens nahe des Toluca Lake, ist aus der Stadt ein Hort der Einsamkeit und Verzweiflung geworden.

Seine wenigen Bekanntschaften in der von Nebel durchfluteten Geisterstadt sind zumeist gebrochene, mit ihrem eigenen Schicksal hadernde Gestalten oder unaussprechliche Kreaturen, die ihn heimzusuchen scheinen. Die Designer haben sich unteranderem von den abstrakten Werken eines Francis Bacon inspirieren lassen: Die Gegner sind grotesk deformierte Figuren, vor denen wir Ekel und Abscheu entwickeln. Doch erst nach Abschluss des Spiels wird uns deutlich, dass die Gegner mehr sind als reine, spielgetriebene Staffage: Jeder Gegner und viele Areale sind getränkt in bedeutungsschwangerer Symbolik und transportieren eine Geschichte, die uns erst nach und nach, vielleicht auch erst beim zweiten Durchlauf, völlig verständlich wird.

Pixel Galore?

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Die Kulisse Silent Hills ist von Moder, Rost und in Fetzen gerissenem Dekor bestimmt. Kaum ein Spiel hat es jemals geschafft, so eine homogen wirkende Verwahrlosung auf den Bildschirm zu bringen, wie Silent Hill 2. Die ausgestrahlte Atmosphäre gibt uns jederzeit das Gefühl, an einem Ort weitab der Heimat, weitab der Geborgenheit zu sein. Durch eine unnachahmliche Geräuschkulisse wird der Eindruck der Unwirtlichkeit weiter forciert. So führen wir zum Beispiel ein Radio mit uns, das Störsignale aussendet, sollten wir einem Feind näher kommen. Zwar wirken Yamaokas Kompisitionen stellenweise sehr harmonisch und treibend, erhalten jedoch ihren Bruch durch verstörende Ambientsounds und dissonantes Industrial-Gehämmer.

Das wir uns in der Haut von James Sunderland nicht sonderlich wohlfühlen, hängt auch damit zusammen, dass sich unser Protagonist genauso verloren in Silent Hill fühlt, wie wir uns vor dem Bildschirm. Wir mimen nicht den abgebrühten Elitesoldaten, der auf eine aus den Fugen geratene Mission geschickt wurde, sondern einen Helden des Schlages „Max Mustermann“. Einen Protagonisten, der mit Metallstange und Handfeuerwaffe nahezu genauso wenig umzugehen weiß, wie wir. Das lässt die Atmosphäre noch bedrohlicher erscheinen, und markiert einen der stärksten Punkte der Serie.

Pixel am Krückstock

Silent-Hill-2-Screenshot-04Rein optisch werden wir auch heute noch erstaunlich wenig von dem fast elf Jahre alten Titel verschreckt. Viel eher könnten wir an einer etwas trägen Handhabung oder den mehr schlecht als recht umgesetzten Kämpfen scheitern. Doch egal ob gewollt oder nicht, diese Elemente sind ein wichtiger Bestandteil der Spielerfahrung. Genauso wie seine oft elegischen „Ruhe vor dem Sturm“-Passagen, die bei heutigen Achterbahn-Kirmesattraktionen wie Call of Duty schon fast einschläfernd wirken mögen. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, Atmosphäre und Handlung in sich aufzusaugen, der wird von solchen Szenen unweigerlich in ihren Bann geschlagen. Belohnt werdet ihr mit einem Erlebnis, das auch heute noch Seinesgleichen sucht.

Fazit
Silent Hill 2 ist sowohl packender Survival-Horror, als auch spielbares Kunstwerk. Wer sich auf eine etwas steife Bedienung und die Depressivität auskostende Atmosphäre einlässt, wird mit einem einmaligen Spielerlebnis belohnt. Nur wenige Titel können von sich behaupten, den Spieler nach dem Abspann über das Geschehene sinnierend zurückzulassen. Bei Silent Hill 2 geben wir euch genau auf diesen Effekt Brief und Siegel. Silent Hill 2 ist auch heute noch ein Meisterwerk!