25 Minuten ingame: Sleeping Dogs #01 Video-Test: Sleeping Dogs

Test: Sleeping Dogs

Regen schlägt auf den Asphalt von Hong Kongs Straßen, als wolle er mit seiner Inbrunst die Korruption und Gewalt, der auf ihr stattfindenden Geschehnisse, hinwegspülen und sie von aller Schuld reinwaschen. Doch ganz so einfach ist das nicht … Die Triaden mit ihrem enormen Durst nach Macht, Einfluss und Geld scheinen fest verankert mit dem Stadtbild. Sogar die Instrumente der Regierung scheinen gegen die familiären Regime ebenfalls machtlos. Doch vielleicht hat sie aus ihren misslungenen Versuchen gelernt, setzt sie jetzt doch all ihre Hoffnungen auf das richtige Pferd: Uns Spieler.

Wieder-se-hen mit Wei Shen

Sleeping-Dogs-Test-Screenshot-05Obiger „Klappentext“ dürfte euch, auch wenn etwas dick aufgetragen, ungefähr in die richtige Stimmung für Sleeping Dogs versetzen. Bei dem von United Front Games und Square Enix entwickelten Titel handelt es sich grob gesagt um eine Art Gangsterdrama: Ihr lenkt die Geschicke von Undercover Cop Wei Shen, der aufgrund seiner dunklen Vergangenheit, Hong Kongs Sun-on-Yee-Triade infiltrieren und nach und nach niederringen soll. Durch einen „glücklichen“ Zufall trifft er während eines Aufenthalts hinter schwedischen Gardinen auf seinen alten Jugendfreund Jackie Mar, der ihm dabei hilft, einen Fuß in die „Triaden-Tür“ zu bekommen. Über Botengänge und kleinere Gefälligkeiten steigert ihr zu Beginn also erst einmal euer Ansehen innerhalb der Triade und erarbeitet euch das Vertrauen der Fadenzieher. Nebenbei macht ihr als verdeckt agierender Polizist noch Kleinkriminelle dingfest und tretet Informationen aus dem Zwielicht Hong Kongs an die Gesetzteshüter ab.

Was zuerst nach einem arg zusammengeschusterten Handlungsrahmen aussieht, wandelt sich im Laufe der Spielzeit immer mehr zu einem stimmigen Gesamtbild. Nicht immer sind alle Zusammenhänge hundertprozentig schlüssig. Durch die reißerische Inszenierung und eine schonungslose Erzählweise taucht jedoch nicht nur unser Held immer tiefer in die Machenschaften der Sun-on-Yee-Triade ein, sondern auch wir Stück für Stück tiefer in die Spielwelt. Parallelen zum Hong Kong Kino und klassischen Eastern-Actionern sind sicherlich nicht ganz ungewollt. Gut und gerne hätte das Spiel auch als Script für einen weiteren Film von John Woo (u.a. Face/Off – Im Körper des Feindes, The Killer) herhalten können. Das ist manchmal unfreiwillig amüsant, manchmal packend erzählt, aber in jedem Fall immer unterhaltsam.

Endlich wieder Sandkasten!

Sleeping-Dogs-Test-Screenshot-02Sleeping Dogs ist spielerisch höchst abwechslungsreich. Nicht nur besitzt es ein ausgefeiltes Kampfsystem, bei dem ihr feindliche Gangs oder gar Polizisten aufmischt, sondern auch zahlreiche fahrbare Untersätze und allerhand Schießprügel, mit denen ihr Blei in Richtung Feind pusten dürft. Zusätzlich wollen Gebäude unbemerkt infiltriert, brenzlige Situationen durch geschickte Konversation entschärft und Tatorte untersucht werden. Und das ist noch lange nicht das Ende der chinesischen Bambusstange: United Front Games schafft es, uns  bis zur letzen Mission mit immer wieder neuen Aufgabenstellungen zu fordern. Damit bleiben Abnutzungserscheinungen aus und die Spannung stets hoch.

Okay, bei so einem, bis unters Dach vollgestopftem Gameplay, mag die Vermutung naheliegen, dass die einzelnen Elemente qualitativ kaum hervorstechen können – doch falsch gedacht! Nehmen wir zum Beispiel die zahlreichen Shootouts, die sich nicht nur einem toll funktionierenden Deckungssystem bedienen, sondern zusätzlich auch noch erlauben, per Bullet-Time über Hindernisse zu hechten und Gegnern in Zeitlupe die Lichter auszuknipsen. Auch Drive-Bys per Auto oder Motorrad funktionieren dank verlangsamtem Zeitfluss hervorragend. Von den zahlreichen Faustkämpfen wollen wir dabei gar nicht erst zu schwärmen anfangen … nur so viel: Dank erlernbarerer Schlagkombinationen verlieren die schmerzhaft choreographierten, flüssig animierten Martial-Arts-Einlagen nie an Faszination.

Sleeping-Dogs-Test-Screenshot-03Dem Spielspaß kommt auch die Leichtigkeit des eigentlichen Spielablaufs zugute. Keines der genannten Spielbestandteile ist wirklich komplex oder auch nur ansatzweise realitätsnah. Per zwei- oder vierrädrigem Gefährt auf den Straßen Hong Kongs unterwegs, macht sich eindeutiges Arcade-Feeling breit: Per ulkiger Rammattacke, die uns ein wenig an einschlägige Kart-Racer erinnert, lassen wir Motorradfahrer fliegen oder kapern andere Autos per „Action-Hijack“ bei voller Fahrt. Und auch wenn diese spielerische Leichtigkeit im starken Kontrast zur recht ernsten Handlung steht, funktioniert das Gesamtpaket: In den Sequenzen herrscht Anspannung, aufgrund des stellenweise recht harten Tobaks, während des Spielens aber ist vor allem Spielspaß Trumpf.

Verschrammter Lack oder Hochglanzpolitur?

United Front Games hat ein ansprechendes Kleid für sein Open-World-Baby gehäkelt. Die Stadt wirkt unheimlich lebendig und authentisch. Die hohen Betonbauten scheinen die Stadt schon fast zu erdrücken, während idyllische Plätzchen, wie eine malerische Tempelanlage, uns die verdeckte Schönheit der Stadt spüren lassen. Stören tun hier höchstselten nachladende Texturen, weit entfernte Pop-Ups oder eine stellenweise etwas störrische Kameraführung. Allzu viele Attraktionen hat das „Digital-Hong-Kong“ zwar nicht zu bieten (Karaoke, Hahnenkämpfe), doch dank einer Fülle an Nebenaufgaben, jeder Menge versteckter Boni und Standard-Sperenzien, wie Klamottenläden und Essensständen, finden wir aber auch hier abseits der knapp 15-stündigen-Kampagne genug Beschäftigung.

Sleeping-Dogs-Test-Screenshot-01In Sachen Soundtrack kann Sleeping Dogs nicht mit Branchengröße GTA mithalten. Zwar sind die vorhandenen Radiostationen durchaus breitgefächert und bieten einige tolle Songs, doch neben der kultigen Musikpalette des genannten Konkurrenten, sieht Sleeping Dogs leider alt aus. Und auch wenn das Grafik-Paket für einen Open-World-Titel wirklich gelungen scheint, stören wir uns doch hier und da an etwas hölzernen Animationen der Charaktere, die im krassen Kontrast zur flüssigen Kampfaction stehen. Außerdem scheint es um die Intelligenz von Hong Kongs Polizei nicht sonderlich gut gestellt: Zwar ist es durchaus herausfordernd, die Gesetzeshüter in brenzligen Situationen abzuwimmeln, zumindest auf Vierrädern scheinen sie uns aber nie wirklich gefährlich zu werden.