Cosplay: Jessica Nigri - sexy Pokémon und Dovahkiin ingame Relaunch: Feiert mit uns!

Test: The Walking Dead

Eine Frage, die sich jeder Genre-Fan früher oder später stellt: Wann beginnen Zombies eigentlich zu langweilen? Für mich hat der Leichen-Spielplatz in Dead Rising 2 den Grusel endgültig zu Grabe getragen. Früher Horrorikonen, heute nur noch Witzfiguren. Zombies sind tot. Endgültig. Selbst die mit Lob überschüttete Comic- bzw. Fernsehserie The Walking Dead vermochte mich nicht mehr zu reizen.

Telltale vs. Zombies

The-Walking-Dead-Screenshot-01Im Gegensatz zu der Aussicht auf ein Zombie-Adventure aus der Telltale-Schmiede! Was die Jungs anfassen, wird in der Regel mit Respekt behandelt. Die Abenteuer des Piraten Guybrush in den Tales of Monkey Island haben selbst einem Adventure-Muffel wie mir ausgesprochen gut gefallen und konnten dem legendären Ruf standhalten. Sogar das reichlich kritisierte Jurassic Park hat den Fanboy in mir zum Jauchzen gebracht. Also wer, wenn nicht dieser Laden, könnte den fauligen Fleischfressern neues Leben einhauchen?

Lee hat ziemliches Glück. Irgendwie. Die Überführung des mutmaßlichen Mörders in den Knast gerät fürchterlich schief. Der Sheriff verursacht einen Unfall, der unserer Spielfigur zwar die Flucht ermöglicht, gleichzeitig aber auch den Kampf ums Überleben einläutet, denn die Untoten-Apokalypse läuft bereits auf Hochtouren! Lee hat nur noch eine Patrone in der Pumpgun des Sheriff, ein kaputtes Bein und der ursprünglich recht umgängliche Staatsdiener kriecht bereits geifernd auf ihn zu.  Für einen Mörder tut sich Lee mit dieser Situation jedoch ausgesprochen schwer – zum Glück! Den Kadaver-Killer mit dem Bodycount einer Kleinstadt können wir in ähnlichen Titeln noch oft genug zelebrieren.

Telltale nimmt das Setting und seine Figuren von Anfang an bitterernst. Die Dramatik ist auch im Cel-Shading-Stil sofort spürbar, der sich damit an die gleichnamige Comic-Reihe anlehnt. Trotz sichtlich beschränkter technischer Möglichkeiten und etwas steifer Animationen überzeugt der Ausdruck. Die Inszenierung rangiert auf sehr hohem Niveau, ein dezenter Soundtrack unterstreicht souverän den gesamten elegischen Stil. Der flüchtige Verbrecher nimmt kurz darauf das Mädchen Clementine unter seine Fittiche und die Entwickler bedienen sich damit an einem ziemlich billigen, aber auch höchst effektiven Trick: Lee ist ein Vaterersatz auf Zeit und das Spiel entwickelt mit größtem Genuss immer wieder Situationen, die an die Beschützerinstinkte des Spielers appellieren.

Wer ist hier das Monster?

The-Walking-Dead-Screenshot-02Das gelingt in erster Linie durch das exzellente Storytelling. Clementine ist alles andere als ein nerviger Sidekick. Sie ist ein tapferes Kind, das ständigem Grauen ausgesetzt ist, viel zuviel gesehen hat, trotzdem bleibt  jede Reaktion, jeder Dialog nachvollziehbar und ihrem Alter entsprechend. Wer hier kein Mitgefühl entwickelt, der hat schlicht kein Herz.

Dabei stellen nicht die Zombies den Horror beziehungsweise Feind dar, sondern die restlichen Mitmenschen. Die lebenden Toten sind eine Naturgewalt. Aus dem Nichts gekommen als eine allgegenwärtige Bedrohung, die die menschlichen Abgründe bloßlegt, sobald es um das eigene Überleben geht. In diesem Spiel gehen die grausamsten Brutalitäten aus einem ganz bestimmten Grund allesamt vom Menschen aus.

The Walking Dead arbeitet das Konfliktpotential in einer Gruppe, die permanentem Druck ausgesetzt ist, hervorragend heraus und verweist damit auf seine Genre-Wurzeln, in denen die “Walking Deads” auch nur Mittel zum Zweck waren, um soziale Missstände anzuprangern. Das Spiel skizziert gekonnt die Eigenheiten seiner Protagonisten, schürt mit Elan Sympathien und Abneigungen, um anhand dessen den Spieler in diversen weitreichenden Zwickmühlen herauszufordern.

Ähnlich wie in Mass Effect müssen in diesem dialoglastigem Abenteuer Gespräche gestaltet und zuweilen äusserst schmerzhafte Entscheidungen gefällt werden. Die Resultate verlaufen zum großen Teil auf einer einheitlichen, erzählerischen Linie, die direkten Konsequenzen offenbaren allerdings oft große Unterschiede, die ein mehrmaliges Durchspielen rechtfertigen, bis man “seinen” Film definiert hat.

Schädelspalter vergeblich gesucht

The-Walking-Dead-Screenshot-03Denn im Grunde ist man in The Walking Dead nichts anderes als ein Regisseur.  Es existiert zwar ein etwas größerer Interaktionsradius als bei Telltales Jurassic Park, aber Rätsel gibt es streng genommen eigentlich nicht. Ein schnödes Abklappern der Hotspots reicht vollkommen, kombinieren ist nicht nötig, alle Aktionsmöglichkeiten leiten sich aus dem sehr übersichtlichen Inhalt des Inventars ab. Die Frustationsgefahr ist damit sehr gering. Wer aber Kopfnüsse oder Rätselketten vom Schlage eines Monkey Island oder Back To The Future erwartet wird ziemlich enttäuscht werden.

Hinter dieser Knobel-Einöde steckt aber ein System. Telltale ist eindeutig mehr an den Figuren, an der drückenden Atmosphäre und vor allem der Geschichte als am spielerischen Gehalt gelegen. Adventure-Puristen wird das sauer aufstossen, aber Genre-Fans dürften sich über die neue Seriösität begeistern. The Walking Dead kann problemlos mit dem Niveau gegenwärtiger, ausgezeichneter TV-Serien mithalten. Das Episodenformat unterstreicht diesen Charakter sogar noch zusätzlich.

To be continued…

The-Walking-Dead-Screenshot-04Aber das macht es natürlich unmöglich, die Qualität des gesamten Spiels zu beurteilen. Noch vier Episoden sollen jeweils monatlich folgen, dafür muss das PC-Wurmfutter mit circa 20€ in Vorleistung gehen und etwas Vertrauen mitbringen. Dann gibt’s Zugang zum Auftakt – die folgenden Episoden sind im Preis natürlich enthalten, für 2-3 Stunden Spieldauer wäre der Betrag schon etwas happig. Allerdings kann man mit dem Spiel eine Weile seinen Spaß haben.

Es ist den Entwicklern gar nicht hoch genug anzurechnen, dass sie den Zombies das Drama zurückgegeben haben und den Überlebenskampf nicht auf eine weltfremde Ballerorgie reduzieren. Telltale traue ich nun sogar zu, den Vampiren den pubertären Zeitgeist auszutreiben. Aber erstmal sind die toten Ikonen sind endlich wieder aus ihren Gräbern gekrochen – und das nicht zum Spaß!