Lohnt sich Kino: Atomic Blonde

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Ein Ensemble-Cast zum Zungeschnalzen, kompromisslose Action im dreckigen Berlin, Sekunden vor dem Ende des Kalten Krieges, und eine Neopunk-Aufmachung im urbanen Stil. All dies sind Dinge, die den neuen Streifen von David Leitch zu einem etwas anderen Film machen sollen. Atomic Blonde ist nach John Wick 2 erst die zweite Regiearbeit des Amerikaners und steht deshalb ganz besonders im Fokus der Öffentlichkeit. Wir haben uns in die düsteren Nebenstraßen der Hauptstadt gewagt und herausgefunden, ob dem Regisseur sein Hintergrund als Stuntman bei der Verwirklichung des packenden Spionage-Thrillers weitergeholfen hat oder es sich bei Atomic Blonde am Ende doch nur um eine leere Action-Hülle handelt.

Geteilte Metropole voller Spione

Ähnlich dem großen Vorbild Dame, König, As, Spion aus 2011 basiert auch Atomic Blonde auf einer schriftlichen Vorlage. Modell gestanden hat dieses Mal allerdings keines der Werke von John le Carré, sondern die relativ unbekannte Graphic Novel The Coldest City von Antony Johnston. Der bekannte Spionage-Enthusiast Jeremy Duns schreibt in seinem Review zum Thriller:

Terrific stuff: a taut, smart journey back to the dying days of the Cold War, with all the ingenious double-crosses and twists one could hope for.

Auch die filmische Adaption begibt sich in die politischen Grabenkämpfe zwischen den Geheimdiensten der Besatzungsmächte. Die eisenharte britische Undercover-Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) wird in das geteilte Berlin beordert, um den Mord eines befreundeten MI6-Agenten aufzuklären. Doch die Lage vor Ort stellt sich als problematisch heraus. Der Ermordete führte eine vollständige Liste sämtlicher in der Stadt befindlichen Spione mit sich – ein für alle Seiten tödliches Dokument.

Auf der Suche nach dieser Liste verführt und prügelt sich die Atomic Blonde von einer Zwangslage in die nächste und trifft dabei auf den maßlos exzentrischen und ebenso schießwütigen Briten David Percival (James McAvoy) sowie die charmante Französin Delphine (Sofia Boutella). Wie es sich jedoch für einen guten Spionage-Thriller gehört, kann die Protagonistin niemandem trauen – nicht einmal den eigenen Leuten. Als die Demonstrationen auf den Straßen Berlins schließlich drohen zu eskalieren, verlagert sich die zwielichtige Spionagearbeit in neongrelle Untergrund-Clubs und verlassene Stadtwohnungen. Wer hält nach dieser blutigen Hetzjagd die Trümpfe in der Hand und was hat es mit dem mysteriösen Agenten Satchel auf sich?

Kalter Krieg im Neon-StilLohnt sich Kino Atomic Blonde7

Bereits die ersten Einstellungen von Atomic Blonde geben die Marschrichtung vor. Eine Action-Sequenz folgt auf die nächste, nur gelegentlich unterbrochen von typischen Spionage-Motiven und Dialogen. In seiner Inszenierung und dem Look versucht der Film jedoch neue Wege zu beschreiten. Berlin kurz vor dem Mauerfall wird nämlich nicht nur als machtpolitisches Zentrum des Kalten Krieges dargestellt, sondern vor allem als dreckiger Schauplatz des Verbrechens. Auf ihrer Suche nach der ominösen Liste besucht Charlize Theron deshalb neben sterilen Verhörzimmern des MI6 auch zahlreiche Bars, Nachtclubs und Gang-Verstecke. Diese Handlungsorte erstrahlen in hellen Neonfarben und sind fast immer mit fetziger NDW-Musik aus den 80ern ausgestattet. Das Resultat: Ein punkiger und rebellischer Stil, der gerade in der ersten halben Stunde richtig gut zur Geltung kommt und dem Spionage-Setting einen frischen Anstrich verleiht.  Dementsprechend gebührt auch dem extravaganten Set- und Kostümdesign ein großes Lob.

Eine hektische Agentengeschichte

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Leider muss der innovative Ansatz im Verlaufe der 115 Minuten Stück für Stück dem etwas hektischen Agentenplot weichen. Dass die Handlung permanent zwischen einem Hinterzimmer des britischen Geheimdienstes und dem Geschehen in der Unterwelt hin und herspringt, trägt dabei nur zur Spannung bei. Schade ist jedoch, dass der Streifen sich dabei kaum Zeit lässt, das Vorgehen der weißblonden Superagentin zu erklären. Man folgt der Femme Fatale gebannt von Ort zu Ort, hat allerdings nur selten Einsicht in ihre Pläne und Gedanken. Einerseits gefällt uns dieses Konzept, denn so bleibt die Protagonistin undurchsichtig und verführerisch, andererseits hätten wir uns ein wenig mehr Klarheit gewünscht, um ihre hektischen Ortswechsel und radikalen Methoden besser nachvollziehen zu können. Fans der geschriebenen Vorlage könnten darüber hinaus vom Ende des Films enttäuscht werden, denn es weicht deutlich von den finalen Kapiteln des Originals ab.

Handgemachte Action mit Wucht

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Wer einen trockenen Spionage-Schinken erwartet, den wird Atomic Blonde sicherlich überraschen. Auch wenn die gut geschriebenen und stets interessanten Dialoge den Großteil der Spielzeit einnehmen, treibt gerade seine geballte Action den Film voran. In einem Interview hat der Regisseur und Ex-Stuntman verraten, dass Charlize Theron sage und schreibe 98% ihrer Stunts selbst choreographiert hat. Dass die Action handgemacht und natürlich ist, spürt man im fertigen Film am eigenen Leib. Neben spektakulären Verfolgungsjagden durch die enge Straßen Berlins beeindrucken vor allem die Szenen, in denen Frau Theron selbst Hand an ihre zahlreichen Widersacher anlegen durfte. Eine Plansequenz im zweiten Drittel des Films hat es uns ganz besonders angetan. Die 10-minütige Sequenz kommt gänzlich ohne Schnitt aus und zeigt einen Kampf auf Leben und Tod über drei Stockwerke hinweg. Dabei geht wirklich jeder Schlag und jeder Tritt in Mark und Bein. Insofern taugt Atomic Blonde auch als amtlicher Actionfilm.

Furiosa light

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Dass Charlize Theron eine der großen Schauspielerinnen unserer Zeit ist, hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen. Nicht zuletzt Mad Max: Fury Road hat den Kritikern gezeigt, wie vielschichtig und zugleich stark die südafrikanische Grand Madame des Films aufspielen kann. Was sie als knallharte Furiosa begonnen hat, führt sie in Atomic Blonde nahtlos fort. Sie verkörpert die Spezialagentin Lorraine Broughton mit beeindruckender Distanz und Zähigkeit und schafft es gleichzeitig, in den stillen Momenten des Films verletzlich und gedankenverloren zu wirken. An ihre brilliante Performance in Mad Max kommt sie hier leider nicht ganz heran, trägt den Spionage-Thriller allerdings fast im Alleingang und ohne Probleme. Auch wenn der Rest des Ensembles einen guten Job abliefert, sticht die Atomic Blonde aus der Masse heraus wie ein Ferrari unter lauter Trabis. In weiteren Rollen können John Goodman (The Big Lebowski), Toby Jones (Sherlock), der aufstrebende Bill Skarsgård (Die Bestimmung – Allegiant) und nicht zuletzt der gute alte Til Schweiger (Keinohrhasen) überzeugen.

Atomic Blonde ist ein gelungener Eintrag in das etwas angestaubte Spionage-Genre. David Leitch hat dem düsteren Berlin kurz vor der Wende nicht nur einen punkigen Neon-Look verpasst und das Setting aus gut sortierten Geheimdienstbüros in die chaotische Unterwelt der Hauptstadt verfrachtet, sondern das Ganze auch noch mit einem Neue Deutsche Welle-Soundtrack abgerundet, der ins Ohr geht und für mächtig frischen Wind sorgt. Die etwas hektisch und unnötig kompliziert erzählte Agentengeschichte gerät schnell in den Hintergrund, wenn sich die furios aufspielende Charlize Theron in markerschütternden Action-Sequenzen durch blasse Gegenspieler prügelt. Euch erwartet ein wuchtiger Action-Thriller mit einer Menge guter Ideen, der allerdings immer wieder in klassische Muster zurückfällt.

Atomic Blonde kommt am 24. August in die deutschen Kinos
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