Lohnt sich Kino: Barry Seal – Only in America

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Bei kaum einem Hollywood-Schauspieler gehen die Geschmäcker aktuell auseinander wie bei Tom Cruise. Die einen lieben seine sympathischen Draufgängerfiguren mit ansteckendem Grinsen, die anderen stempeln ihn als eindimensionalen Strahlemann ohne darstellerische Vielfalt ab. Schaut man sich jedoch seine Filmografie an, wird schnell klar: Ist der Amerikaner beteiligt, geht es vornehmlich darum, die Massen zu unterhalten. In diese Kerbe schlägt auch sein neuester Film, bei dem er sich nach Edge of Tomorrow erneut mit Doug Liman zusammengetan hat. Wir haben uns Barry Seal – Only in America angesehen und verraten, ob sich der Kinobesuch für euch lohnt.

Der Gringo liefert immer

Amerika: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem nichts unmöglich, aber fast alles erlaubt scheint. Die Geschichte von Barry Seal ist so unglaublich, dass sie nur wahr sein und sich so auch nur in den Vereinigten Staaten abgespielt haben kann. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film von einem Piloten, der seinen Kontostand mit gelegentlichen Schmuggeleien aufbessert, bis er überraschend von der CIA als Aufklärungsflieger für Südamerika rekrutiert wird. Der Kalte Krieg ist in vollem Gange und so findet er sich schnell in einem Netz zwischen kommunistischen Revolutionären, dem kolumbianischen Drogenkartell um Pablo Escobar und den amerikanischen Behörden wieder.

Ohne eine Miene zu verziehen, spielt der Strahlemann Barry Seal (Tom Cruise) alle Parteien gegeneinander aus, schmuggelt Waffen, Drogen und alles, was sonst noch über die Landesgrenzen gebracht werden muss. In Windeseile steigt er zu einem der reichsten Männer der USA auf. Doch Reichtum und Ruhm fordern schnell ihren Tribut, wenn die Geldwäsche hinter überwältigenden Einnahmen zurückbleibt und den Geschäftspartnern langsam dämmert, wer in diesem lukrativen Spiel die Fäden in der Hand hält. Kann der raffinierte Draufgänger seinem Schicksal entfliehen?

Unterhaltung statt Realismus

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Das satirische Biopic orientiert sich thematisch an der Iran-Contra-Affäre, die Mitte der 80er vor allem durch die amerikanischen Medien ging und den damaligen Präsidenten Ronald Reagan in Misskredit brachte. Ein trockenes Drama müsst ihr hier allerdings nicht erwarten, denn Doug Liman hat sich entschieden, nicht nur die Person Barry Seal als sonnigen, unbedarften Draufgänger darzustellen, der von einem glücklichen Zufall in den nächsten stolpert, sondern auch den Film selbst als eine lockere Komödie zu inszenieren.

Wirklich viel mit der historischen Vorlage hat der Streifen also nicht gemein. Das mag dem ein oder anderen sauer aufstoßen, der sich eine ernste Auseinandersetzung mit dem durchaus spannenden Thema gewünscht hat, denn einige verurteilte Mitglieder des Medellin-Kartells (Escobar, Ochoa) werden hier als harmlose Geschäftsmänner mit fragwürdigem Sinn für Humor dargestellt. Wir müssen gestehen: Gerade die seichte Umsetzung ist über die Laufzeit von 115 Minuten richtig unterhaltsam. Zeitweise fühlten wir uns als wären wir in ein wirres Crossover von The Wolf of Wallstreet und Top Gun geraten – Grenzenlose Reichtümer und Dekadenz auf der anderen Seite, Pilotenwitze mit Augenzwinkern auf der anderen.

Die 80er sorgen für gute Laune

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Die Machart der verschwitzen Komödie weiß dabei ebenso zu überzeugen wie die absurde Geschichte selbst. An der Kamera liefert Cèsar Charlone, der schon in City of God wahre Meisterleistungen vollbrachte, tolle Bilder und kreative Fahrten mit dem Arbeitsgerät. Bereits in den ersten Minuten wird klar, dass der Film nicht nur thematisch die 80er in den Vordergrund rückt, sondern auch optisch. Die Kamera bleibt immer unruhig und erweckt gelegentlich sogar einen leicht unprofessionellen Eindruck. Die Kamerarbeit wirkt dabei als stamme sie direkt aus dem Jahrzehnt von Kokain und Modesünden – von Wackelkamera bis zur wilden Rundumfahrt ist alles dabei.

Auch wenn der Film ruhig einige Minuten kürzer hätte ausfallen dürfen, werden die Längen durch abgedrehte Montagetechniken und Zooms hervorragend kaschiert. Als die Kamera plötzlich – wie in einem Edgar Wright Film – an den über beide Ohren grinsenden Cruise heranfährt oder der Transfer von Waffen und Menschen, kreativ kontrastiert, zusammengeschnitten wurde, konnten wir uns ein Lachen nicht verkneifen. Der satte 80er-Soundtrack, gemixt mit modernen Rock-Hymnen erledigt den Rest und sorgt ebenfalls für gute Laune.

Bitte lächeln

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Als ich hörte, dass Tom Cruise den charmanten Lebemann verkörpert, war ich als Cruise-Kritiker zunächst skeptisch. Doch so sehr ich den wandelnden Blockbuster-Magneten verabscheue, kann ich nicht leugnen, dass er wie geschaffen ist für die Rolle des Barry Seal. Das permanente Stolpern von einem glücklichen Zufall in den nächsten spielt Tom Cruise mit solcher Hingabe, dass man dem Schwerverbrecher mit Freude bei der Arbeit zuschaut und bis zu den letzten Bildern auf seiner Seite bleibt.

Dabei macht er nicht nur als unverfrorener Geschäftsmann eine gute Figur, sondern auch als passionierter Pilot, der mit leuchtenden Augen vor seiner neuen CIA-gesponserten Maschine steht. Ebenso routiniert zeigt er sich in den wenigen emotionalen Szenen mit seiner Ehefrau Lucy (Sarah Wright), die erst in seine Machenschaften eingeweiht wird, als es schon zu spät ist. Kurzum: Der Amerikaner ist schlicht die perfekte Besetzung für den unverschämt erfolgreichen Buschpiloten und sein Grinsen trägt den Film beinahe im Alleingang.

Als Gegengewicht zum ewig grinsenden Cruise lernen wir schon früh im Film den ambitionierten CIA-Agenten Monty Schafer (Domhnall Gleeson) kennen, der die schier unglaublichen Ereignisse erst ins Rollen gebracht hat und mit immer neuen Plänen an den Schmugglerkönig herantritt. Den karrieregeilen Anzugträger kauft man dem vielversprechenden Iren in jeder Sekunde ab und er bereichert den ansonsten blassen Cast mit seinem nüchternen aber effektvollen Schauspiel.

Fazit

Barry Seal – Only in America ist keine bedeutungsschwangere Aufarbeitung historischer Ereignisse. Stattdessen hat sich der Regisseur den wahren Kern einer unglaublichen Geschichte geschnappt und daraus eine Komödie geschaffen, die euch garantiert ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Ihr seht Tom Cruise als unverschämt erfolgreichen Schmugglerpiloten, der von einem glücklichen Zufall in den nächsten tappt und euch binnen Sekunden mitreißt. Witzige Kamerafahrten, Montagen und ein Soundtrack-Mix aus modernen Rock-Hymnen und 80er-Hits lassen die 115 seichten Minuten wie im Flug vergehen. Das Urteil: Oberflächlich, aber überraschend unterhaltsam.

Barry Seal – Only in America startet am 07. September in die deutschen Kinos
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