Lohnt sich Kino: Der Dunkle Turm

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Acht vollwertige Roman-Klassiker in eine filmische Laufzeit von 95 Minuten gepresst – das klingt nicht nur nach ambitionierter Fantasy, sondern stellt sich schnell als neueste Verfilmung von Stephen King heraus. Seit Jahrzenten träumen Fans nun schon von einer epochalen Adaption des Der-Dunkle-Turm-Zyklus. Unter der Regie von Nikolaj Arcel wird dieser Traum in Kürze Wirklichkeit. Wir haben uns den Streifen schon vor Kinostart angesehen und berichten euch, ob uns der Western-Fantasy-Mix ein süsses Erwachen beschert hat oder wir doch eher in einen King-Albtraum gestolpert sind.

…und der Revolvermann folgte ihm

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Im Zentrum von allem steht ein dunkler Turm. Seit Anbeginn der Zeit hält er das Universum zusammen und trennt die bekannte Welt von einer dunklen, dämonischen Außenwelt. Eine Gruppe von Männern ist dem Schutz des Turms anvetraut: Die Revolvermänner. Roland Deschain (Idris Elba) ist der letzte von ihnen und fechtet eine ewige Schlacht mit dem Mann in Schwarz (Matthew McConaughey) aus, dessen einziges Ziel es ist, den Turm zu zerstören und die Welt ins Chaos zu stürzen.

Der eiskalte Killer klammert sich in seinem Bestreben an eine alte Legende, die besagt, dass nur der Geist eines Kindes den Dunklen Turm zu Fall bringen kann. So lernen wir den jungen Jake Chambers (Tom Taylor) kennen, der jede Nacht in seinen Träumen die Schlacht um das Schicksal der Welt miterlebt. Natürlich dauert es nicht lange, bis die Schergen des Mannes in Schwarz auf den traumatisierten und begabten Jungen aufmerksam werden. Er kann fliehen und beschließt, sich auf die Suche nach Roland zu machen, um sein Schicksal zu ergründen.

Seelenlos-generischer Genre-Mix

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Soweit so bekannt erscheint uns die Geschichte, mit der wir in den ersten Sequenzen von Der Dunkle Turm konfrontiert werden. Doch abseits der Grundidee können wir in den folgenden 95 Minuten kaum etwas von der King`schen Genialität genießen, die uns damals so tief in die Romane eintauchen ließ.

Stephen King hat Der Dunkle Turm einstmals als sein wohl wichtigstes Werk bezeichnet. Da ist es schwer zu glauben, dass der Däne Nikolaj Arcel nicht der erste Regisseur ist, der sich am Drehbuch von Akiva Goldsman und Jeff Pinkner versucht hat. Vor einigen Jahren stand eine Umsetzung der Fantasy-Saga mit Ron Howard als Director schon kurz vor dem Abschluss, bevor Universal den Deal in letzter Sekunde absagte.

Arcels Umsetzung mangelt es leider an Identität und Seele. Von Anfang bis Ende des Streifens waren wir uns nicht sicher, ob wir es mit Coming of Age-Kost im Fantasy-Setting zu tun haben oder der Film doch eher als moderner Action-Thriller geplant war. Soviel ist sicher: Beides funktioniert nur auf einer sehr generischen Ebene. Um wirklich zu überzeugen, fehlt es dem Jungdarsteller Tom Taylor schlicht an Persönlichkeit, den Fantasy-Komponenten an kreativen Ideen und der Geschichte an Tiefgang.

Hastige Inszenierung mit darstellerischen Lichtblicken

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Das erste Problem an Der Dunkle Turm liegt in seiner schier lächerlichen Länge. Nachdem angekündigt wurde, dass die Laufzeit des Film knapp über Spielfilmlänge liegt, war das Geschrei in den Foren groß – völlig zurecht. Denn die Drehbuchautoren haben tatsächlich den irrwitzigen Versuch unternommen, alle acht Bände in einem Film unterzubringen. Das Ergebnis: Leser von King vermissen etliche Elemente aus ihrem liebsten Band, während Neulinge mit den fehlenden Motivationen der Charaktere und der hastigen Inszenierung völlig überfordert sind. Eine Teilung des Stoffes in mehrere Filme wäre dem Franchise deutlich besser gerecht geworden.

Auch das schauspielerische Personal trägt zu den vielen Längen bei, die den Film schier endlös erscheinen lassen. Idris Elba macht seinen Job als Revolvermann noch mit am besten, wenn er seinem liebsten Hobby aus Luther oder Pacific Rim nachgeht: Schweigen und stattdessen die Mimik sprechen lassen.

Abseits der katastrophalen Drehbucharbeit lässt auch McConaughey sein Können hervorblitzen. Auch wenn dem Mann in Schwarz so ziemlich keine Motivation mit auf den Weg gegeben wurde, spielt er den eloquenten Psychopathen mit beeindruckender Beiläufigkeit und Überzeugungskraft.

Alle Nebencharaktere sowie der junge Protagonist selbst wirken hingegen wie Pappaufsteller, die Arcel mit größter Sorgfalt über die Handlungsorte verteilt hat. Das beste Beispiel ist hier die Seherin Arra (Claudia Kim). Ihre Rolle hat für den Film lediglich eine Funktion: Dem Zuschauer zu erklären, wohin die Hauptcharakte als nächstes eilen müssen und warum das für das Schicksal der Welt von größter Bedeutung ist. Über sie selbst, geschweige denn ihre Motive erfahren wir rein gar nichts. Für uns ist das der Inbegriff eines schlechten und überhasteten Drehbuchs.

Die Optik: Eine kreative Wüste

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Sicher werdet ihr euch jetzt fragen: Wie steht es denn um die Schauwerte von Der Dunkle Turm? Kriegen wir wenigstens ein paar kreative Einstellungen, Kamerafahrten und Orte zu sehen. Die Antwort ist kurz wie enttäuschend: Leider nein. Wir kennen Mittwelt als düsteren Ort, der nicht nur im Western-Setting daherkommt, sondern gleichzeitig unfassbar lebensfeindlich erscheint. Im Film wurde dieser Ort durch austauschbare Fantasy-Siedlungen, dichte Wälder und CGI-Wüsten ersetzt. Einzig das zeitgenössische New York macht dabei einen etwas besseren Eindruck. Rolands Interaktion mit dem Keystone Earth ist nicht nur humorvoll, sondern auch unterhaltsam eingefangen.

Einige wunderschöne Panoramen konnte die Filmcrew einfangen, doch genau hier liegt ein weiteres Problem des Films. Die Schauplätze weisen keinerlei Gemeinsamkeiten mit den kompromisslos düsteren und dreckigen Stätten der Romane auf. Die Adaption ist hier schlichtweg zu sauber, zu ordentlich und ohne Ecken und Kanten in Szene gesetzt worden. Optisch wirkt sie eher wie ein moderner Teenie-Blockbuster. Wir behaupten: Zielgruppe gekonnt verfehlt.

Action als Füllmaterial

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Wir hätten uns für diese King-Umsetzung das Fantasy-Komplettpaket gewünscht, garniert mit einer Dialog-getriebenen Inszenierung. Abseits von einigen modern und auch kreativ choreographierten Einlagen, in denen der Revolver selbst die Hauptrolle spielt, wird stattdessen viel Zeit mit durchschnittlichen Action-Sequenzen vergeudet. Weder die Western-Einflüsse des Revolvermannes noch die magischen Kräfte des Bösewichts können mit der nötigen Wucht und Kraft überzeugen. Beim Mann in Schwarz wurde indes lieber mit ellenlangen CGI-Splittern um sich geworfen – wenig unterhaltsam und absolut überflüssig.

Alles in allem wirkt die Inszenierung von Der Dunkle Turm wie in den 90er-Jahren hängengeblieben. In seltenen Momentan kommt gewisses Abenteuer-Feeling auf und wir können uns tatsächlich mit dem jungen Jake identifizieren, doch zumeist haben wir es mit generischen Schauplätzen, Choreographien und Einstellungen zu tun. Von einem Epos dieser Größe haben wir uns deutlich mehr versprochen.

Der Dunkle Turm reiht sich ohne Gegenwehr in die Liste der gescheiterten Stephen King-Verfilmungen ein. Für ein großes Fantasy-Epos, das verspricht, alle Romane des Zyklus unter einen Hut zu bringen, fehlt Nikolaj Arcels Adaption schlichtweg die kreative Power. Nicht nur die Schauplätze wurden deshalb in generischer Form umgesetzt, sondern auch die Action und vor allem die Nebencharaktere. Mit soliden Leistungen im Rahmen des katastrophalen Drehbuchs sorgen Elba und McConaughey für kurze Lichtblicke und lassen den ansonsten viel zu sauberen und ordentlichen Look des Films ein wenig dreckiger und authentischer wirken. Wer die Vorlage nicht kennt, bekommt aufdringlich seichte Unterhaltung und durchschnittliche Action, alle anderen sollten besser komplett die Finger von der filmischen Umsetzung lassen.

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