Lohnt sich Kino: Es

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Nach drei Jahrzehnten kehrt eine Legende zurück. Sage und schreibe 27 Jahre ist es her, dass Stephen Kings ganz persönlicher Horrorclown das erste Mal die heimischen Bildschirme heimsuchte. Noch diesen Monat feiert Pennywise sein schreckliches Comeback. Ab dem 29. September erwartet uns eine Neuauflage des Schockers mit neuem Personal und einem frischen Setting, das uns in die 80er entführt. Wir haben Es schon zwei Wochen vor dem deutschen Kinostart gesehen und uns bis auf die Knochen gegruselt. Hier unser Urteil zum blutigen Coming-of-Age-Horrortrip.

Es kehrt zurück nach Derry

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Die 1980er sind im vollen Gange. Lethal Weapon 2 und Batman sorgen im Kino für Schlagzeilen und Street Fighter lässt in jedem Jugendzimmer die Stimmung hochkochen. Schräge Frisuren im Vokuhila-Stil machen auch vor US-amerikanischen Kleinstädten nicht Halt. Dementsprechend ist auch die US-amerikanische Kleinstadt Derry fest in den Klauen des Jahrzehnts gefangen und strotzt nur so vor proletarischem 80er-Vibe.

Die Sommerferien stehen kurz bevor und sämtliche Kinder des kleinen Ortes sind bereits in heller Aufregung. Allerdings geht auch die Angst um im beschaulichen Derry, denn auf mysteriöse Art und Weise verschwinden immer wieder Kinder aus der Siedlung und bleiben spurlos verschollen. So auch der neugierige Georgie, der sich eines regnerischen Tages aufmacht, sein selbstgebasteltes Papierboot zu Wasser zu lassen, nur um stattdessen eine letzte, schicksalhafte Bekanntschaft zu machen.

Der Klub der VerliererLohnt sich Kino Es4

Auf der Suche nach seinem kleinen Bruder und anderen Vermissten trommelt der stotternde Bill (Jaeden Lieberher) den Klub der Verlierer zusammen, der aus dem Großmaul Richie (Finn Wolfhard), dem Angsthasen Stan (Wyatt Oleff) und Eddie (Jack Dylan Grazer) besteht, der an einer eingebildeten Immunkrankheit leidet. Wenig überraschend gelten alle vier Schulfreunde als absolute Aussenseiter in der Stadt und sind ständigen Stichleien einer älteren Gang aus Mitschülern, angeführt vom gewalttätigen Henry (Nicholas Hamilton), ausgesetzt.

Schnell wird ihnen jedoch klar, dass die wahre Bedrohung im idyllischen Derry nicht von Schlägertypen ausgeht, sondern von dem tanzenden Clown Pennywise (Bill Skarsgård), der den Jugendlichen zunächst nur in ihren Träumen erscheint – manchmal als Clown, manchmal als verstörendes Angstbild.

Gemeinsam mit dem übergewichtigen Ben (Jeremy Ray Taylor), der von ihrem Vater misshandelten Beverly (Sophia Lillis) und Mike (Chosen Jacobs), welcher aufgrund seiner Hautfarbe schikaniert wird, suchen die vier nach Hinweisen, um das drohende Unheil zu bekämpfen und die verschollenen Kinder zu retten. Eins ist sicher: Nur gemeinsam kann der Klub der Verlierer den übernatürlichen Gegner zu Fall bringen.

Vom Mainstream-Horror zur Kultfilm-Adaption

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Anders als man es vielleicht vom Regisseur Andy Muschietti erwartet, der zuletzt mit seiner Langfilm-Version von Mama an den Kinokassen für Furore sorgte und enorme Summen einspielte, bei den Kritikern allerdings nur mäßigen Erfolg verzeichnen konnte, bekommen wir es beim Remake von Stephen Kings literarischem Kult-Klassiker nicht mit einer billigen Kopie zu tun, die mit Jumpscares und Schockeffekten auf kurzweiligen Horror-Spaß à la Insidious setzt.

Stattdessen nimmt sich der Argentinier in seiner Inszenierung Zeit, um den Geist der Romanvorlage auf unheimliche, wenn nicht sogar unbequeme Art und Weise auf die Leinwand zu bannen. Was daraus entsteht ist eine Reise durch Stephen Kings Gruselkabinett, aufgepeppt mit einer modernen Coming-of-Age-Geschichte.

Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf

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Im Vergleich zu Horror-Szenarien im Stil von Lovecraft, die vor allem durch das Monster selbst zum abstrakten Gruseln einladen, besaß Stephen Kings schon immer seine ganz eigene Auffassung von psychologischem Horror, die deutlich tiefer geht, als nur den Schockeffekt selbst abzufeiern. Oft sind es die Umstände, in denen Opfer sich befinden, die ebenso für Gänsehaut sorgen wie das vermeintlich Böse in seinen Romanen. Menschliche Probleme und soziale Misstände finden ihren Weg in seine Texte und liefern zeitlose Themen, die nicht nur eine literarische Auseinandersetzung einfordern.

Genau diesen Umstand hat sich der Regisseur zu Herzen genommen und schafft ein Umfeld für die sechs Jugendlichen, das bereits mehr als genug Stoff für einen eigenen Gruselfilm bieten würde. So spielt der Clown Pennywise im Film zwar eine nicht unerhebliche Rolle für die Entwicklung der Kinder, schließlich müssen sie das formlose Monster besiegen, um die Stadt zu retten, doch die wahre Leistung der Mitglieder des Klubs der Verlierer besteht darin, emotional zu reifen, sich über das Urteil der Erwachsenen hinwegzusetzen und ihren eigenen Weg zu gehen. Jeder der sechs Charaktere hat sein Päckchen zu tragen, sei es eine überfürsorgliche Mutter (Eddie), sexuellen Missbrauch durch den Vater (Beverly) oder schlicht das eigene Stottern (Bill). Am Ende geht es nur darum, sich den eigenen Ängsten und Problemen zu stellen und sie zu bekämpfen.

Sommerferien im Gruselkabinett

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Das Ergebnis ähnelt stark einer anderen Stephen King-Verfilmung, die bis heute als eine der besten der Coming-of-Age-Ära gilt: Stand by Me. Auch wenn wir es dort nur mit vier jungen Erwachsenen zu tun bekamen, sind vor allem optische Parallelen zum Meisterwerk von Rob Reiner offenkundig. Der Sommer in all seinen Facetten prägt auch die Bilder und Charaktere in Es. Nicht zuletzt, wenn Richie seine Freunde immer wieder daran erinnert, dass sie die Sommerferien doch eigentlich dazu nutzen sollten, lieber Kinder zu sein als nach verschwundenen Kindern zu suchen. Gerade die zeitweilige Idylle und Harmonie der amerikanischen Kleinstadt mit aufgeweckten Teenagern im Zentrum sorgt für einen hervorragenden Kontrast zu den Gruselelementen, die anschließend deutlich wirkungsvoller ausfallen. In Es darf gelegentlich auch gelacht, geweint und nostalgisch zurückgedacht werden, bevor die nächste Szene das Grauen zurück in die Wirklichkeit holt.

Das Übernatürliche und die eigenen Ängste

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Der Grusel soll dabei natürlich nicht zu kurz kommen Und das tut er beileibe nicht, obwohl größtenteils auf plötzliche Schockeffekte, blutige Gewaltorgien und konventionelle Horror-Motive verzichtet wurde. Vielmehr orientiert sich der Film an Stephen Kings Vorlage und nutzt die Ängste der Kinder, um unheimliche Szenen zum Leben zu erwecken, schließlich ist der Clown nur eine der vielen Erscheinungsformen, die Es annehmen kann. Stattdessen bekommt jeder Charakter seine ganz eigene Grusel-Passage spendiert, die ihm die eigenen Schwächen und Albträume vor Augen hält. Dementsprechend vielfältig gestaltet der Film seine Monster, die euch einen Schauer über den Rücken laufen lassen, euch allerdings nicht vor lauter Panik aus dem Kinosessel reißen. Leider sind diese Abschnitte schon nach der zweiten Iteration vergleichsweise durchschaubar. Zunächst werden die Jugendlichen isoliert, um anschließend mit der persönlichen Angstvorstellung konfrontiert zu werden. Schließlich transformiert sich dieses Angstbild in Pennywise, die Personifikation aller kombinierten Ängste.

Bekommt der tanzenden Clown allerdings erst einmal einen seiner kurzen Auftritte, setzen die richtig unbequemen und gruseligen Momente des Streifens ein. Nicht nur das geschminkte Gesicht von Bill Skarsgård brennt sich in euer Gehirn wie Fingernägel auf einer Tafel, sondern vor allem sein Verhalten beschert euch nachträglich einige Albträume. So ist der Clown absolut unberechenbar und kann sich vom freundlichen, mit sanfter Stimme sprechenden Zirkusartisten binnen Sekunden in einen sadistischen Psychopathen verwandeln, der die Kinder mit Freude quält. Die Vorlage ist nicht allzu gut gealtert und dementsprechend hat auch Pennywise eine dunkle Entwicklung durchgemacht. Im Vergleich zu Tim Curry kommt sein Nachfolger deutlich weniger menschlich und wesentlich fieser daher. Diese Entwicklung spiegelt sich insbesondere in seinen Bewegungen wieder – mit unkontrolliert vibrierenden Gliedmaßen nähert er sich mal ganz langsam, mal blitzschnell der Kamera und sorgt so für einen unvergesslichen Grusel.

Es – Ein Film mit Charakter

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Das Drehbuch von Cary Fukanaga, Chase Palmer und Gary Dauberman schafft es über die Laufzeit 135 Minuten hinweg, die Charaktere so authentisch, verstört und gleichzeitig liebevoll zu beschreiben, dass man mit jedem von ihnen mitfiebert und sich trotz des 80er-Settings gerne in sie hineinfühlt. Wie man es vielleicht noch aus der eigenen Jugend kennt, besitzt jeder der sechs seine ganz eigene Rolle für die Gruppe. Richie ist das Plappermaul, Ben der belesene Bücherwurm und Bill der besonnene Anführer. Eine tiefgründige Charakterzeichnung bleibt aus Zeitgründen natürlich aus, ist für die Dynamik in der Truppe allerdings auch gar nicht notwendig.

Stattdessen lebt die Coming-of-Age-Story vom Schauspiel der Jungdarsteller, das durch die Bank weg gelungen ist. Besonders im Fokus steht die Darstellerin Sophia Lillis, deren Leistung die des restlichen Ensembles jedoch um einiges überstrahlt. Das liegt zum einen an ihrer lockeren Art, die einzige Frau unter fünf reifenden Jugendlichen zu spielen, kindlich naiv, aber dennoch mit genügend Cleverness ausgestattet, um authentisch zu wirken, zum anderen an ihrer schockierend, aber nicht explizit inszenierten Hintergrundgeschichte, die sie zwingt, sich von der hilflosen Opferrolle Stück für Stück zu einer toughen, eigenständigen Frau zu entwickeln. In diesem Zusammenhang sind wir vor allem gespannt, was der zweite Teil der Geschichte aus ihrer Rolle machen wird, wenn der Klub der Verlierer in 27 Jahren nach Derry zurückkehrt.

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Fazit

Es ist eine gelungene Stephen King-Verfilmung und zugleich einer der besten Gruselfilme des Jahres. Andy Muschietti verzichtet bei der Neuauflage größtenteils auf oberflächliche Schockeffekte und schafft stattdessen einen unheimlichen, stellenweise unbequemen Gruselfilm mit einer liebevollen Coming-of-Age-Geschichte als Fundament. Eine vielseitige Truppe junger Aussenseiter tritt gegen die entmenschlichte Angst selbst an und schlägt sich ganz nebenbei mit den Tücken des Erwachsenwerdens herum. Sowohl die Kinderdarsteller als auch Bill Skarsgård liefern eine unvergessliche Leistung ab, die gespickt mit unberechenbaren Bildern nicht nur Genrefans begeistert.

Es startet am 28. September 2017 in die deutschen Kinos
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