Lohnt sich Kino: Ghost in the Shell

Lohnt sich Kino: Ghost in the Shell2029 – Ausgestattet mit dem ersten vollständigen Cyborg-Körper leitet Major (Scarlett Johansson) die Eliteeinheit Sektion 9 der Public Security, welche in einer dystopischen Welt, in der Menschen durch Maschinen-Teile ihren Körper und ihr Gehirn verändern, erweitern und verbessern können, gegen Hacker und Cyberterroristen antritt. Major’s Cyborg Körper stammt, wie die meisten Verbesserungen dieser Art, von Hanka Robotics, welchen sie nach einem Unfall, bei dem nur ihr Gehirn gerettet werden konnte, erhalten hat. Hanka sieht in Major die nächste Stufe der Evolution der Menschheit mit ihren enormen Fähigkeiten.

Als ein gefährlicher Hacker beginnt, gegen das Cyber-Technologie-Unternehmen Hanka vorzugehen, ist es die Aufgabe des Majors herauszufinden, um wen es sich bei dem mordenden Cyber-Terroristen handelt und warum er gegen Hanka vorgeht. Doch umso näher Major und ihr Team, unter anderem Batou ( Pilou Asbæk) und Chief Daisuke Aramaki (Takeshi Kitano), dem Gegenspieler  Kuze (verkörpert von Michael Pitt) und seinen Motiven zu kommen scheinen, umso mehr hinterfragt Major selber die Absichten von Hanka Robotics. Warum gaben diese Major einen neuen Körper? Wer war sie wirklich? Ist sie nur eine hochentwickelte Waffe? Die Suche nach dem Hacker Kuze verwandelt sich in eine Suche nach der Vergangenheit von Major und der Frage, wer sie wirklich ist.

Ab dem 30. März könnt ihr Major bei dieser Suche begleiten, dann kommt Ghost in the Shell hierzulande ins Kino.

Der Antritt eines großen Erbes

Rupert Sanders, welcher mit Snow White and the Huntsman ebenfalls eine bekannte Geschichte interpretierte, hätte sich als nächstes Film-Projekt keinen größeren Kult-Anime und Wegbereiter des Cyberpunk-Genres mit Ghost in the Shell aussuchen können. Der ursprüngliche  Manga von Masamune Shirow, welcher den Titel Kokaku kidotai: The Ghost in the Shell trug, erschien 1989 und bildete zusammen mit der Filmumsetzung Ghost in the Shell von Mamoru Oshii 1995 die Grundlage und Inspiration für viele folgende Cyberpunk und Science-Fiction Filme, so auch für die Matrix-Trilogie. Bis heute folgten unter anderem ein weiterer Film von Oshii (Innocence), zwei herausragende Anime-Serien mit jeweils zwei Staffeln (Ghost in the Shell: Stand Alone Complex und Ghost in the Shell: Arise) sowie einige Videospiel-Umsetzungen.

Sowohl der Manga, als auch die Filme und Anime-Serien folgen zwar dem Major Motoko Kusanagi, haben aber unterschiedliche Zeitstränge und erzählen unterschiedliche Geschichten. Vor allem die philosophischen und visionären Themen des gesamten Universums rund um die Frage nach Identität, Bewusstsein, Künstlicher Intelligenzen und dem Unterschied zwischen Mensch und Maschine, machen für Fans Ghost in the Shell zu einem der bedeutendsten und faszinierendsten Universen des Cyberpunks.

An eine Hollywood-Umsetzung, welche Elemente aus dem Manga, den Filmen und den Anime-Serien vereinen will, sind die Erwartungen dementsprechend groß.

Cyberpunk Look und Feel bis in die Spitzen

Lohnt sich Kino: Ghost in the Shell

Optisch ist der Film ein Cyberpunk-Juwel. Die durch bunte Hologramme und faszinierende Mensch-Maschinen-Hybriden gefüllte Stadt vermittelt eine visionäre Zukunft aber auch eine Art des Verfalls. Neben makellosen Cyborgs zeigt sich in den Seitenstraßen die Welt von ihrer anderen Seite: Heruntergekommen, voller Dreck, Kabel und Verbrechen. Neben den hochmodernen Laboratorien und ästhetischen Verbesserungen des menschlichen Körpers, welche bei Hanka Robotics zu erhalten sind, gibt es auch einen Schwarzmarkt und eine Unterwelt. Hier begegnen uns  Menschen, welche schmerzlich aussehende Anpassungen an ihrem Körper vornehmen lassen oder in die virtuelle Welt abdriften. Die Welt fühlt sich organisch und authentisch an.

Jedesmal, wenn eine aus den Filmen oder Serien bekannte Szene sich auf der Leinwand ankündigt, durchlief es uns mit einem Schauer. Die Umsetzung der Shelling-Sequenz zu Beginn, der Sprung vom Hochhaus oder die Geisha-Szene und die Helikopter mit Vogelflügeln sind perfekt und visuell atemberaubend umgesetzt worden. Auch der Cyborg-Körper des Majors sowie die vielen Cyber-Verbesserungen und Klamotten der Menschen sind dank des WETA Workshop beeindruckend bis ins kleinste Detail. Ein richtiges 80er Bladerunner Revival mit neuer CGI und 3D-Technik bietet sich uns hier im Kino.

Was gegen die imposante Optik zurückfällt, ist leider der Soundtrack von Clint Mansell (Requiem for a Dream, Black Swan), welcher zwar mit seinen elektronischen Kompositionen zum Film passt, aber keinesfalls Gänsehaut auslöst wie der Soundtrack des Films von 1995.

Flache Handlung in einer tiefgründigen Welt

Lohnt sich Kino: Ghost in the Shell

Die Story von GitS: Ein tiefer Sturz?

Doch auch das schönste Geschenkpapier kann nicht über einen leeren Karton hinwegtäuschen. Und leider bietet die Geschichte von Ghost in the Shell nicht viel mehr als solch einen leeren Karton. Und das sagen wir nicht als wütende Otakus, welche jede Szene und jeden Satz ankreiden, sobald er nicht exakt mit dem Original übereinstimmt.

Das wohl größte Problem liegt darin, dass Sanders, wie er selbst in einem Interview sagte, den ’95er Ghost in the Shell Film nicht Bild für Bild nachdrehen wollte, aber auch nichts völlig neues in das Universum bringt. Nichtsdestotrotz werden viele ikonische Szenen aus den Anime-Serien und vor allem aus dem Film von Oshii eins zu eins übernommen. Es bleibt einem  somit gar nichts anderes übrig als den Film mit den Vorlagen zu vergleichen und sich auf eine ähnliche Story und die dazugehörigen Charaktere einzustellen. Und genau hier wird man dann enttäuscht. Denn die Übernahme der Story-Elemente hört bei Namen und der Optik auf und hat für die Story meist keine Bedeutung oder verwirrt uns, da sie den originalen Kontext weglassen oder abändern.

Zunächst zum Antagonisten Kuze: Die Beziehung zwischen Major und Kuze wird in GitS: Stand Alone Complex ergreifend erzählt und veranlasst einen über Identität, Cyborg-Körper und über Gut sowie Böse nachzudenken. Die Geschichte der beiden Charaktere in der Neu-Adaption wurde allerdings, bis auf einige Kernpunkte, komplett neu geschrieben und bietet keinesfalls dieselbe Tiefe, sondern eher Kitsch. Auch wurden dem Charakter Kuze Merkmale anderer Gegenspieler im GitS Universum hinzugefügt, was nicht wirklich funktioniert und auch die Chance auf weitere Filme mit eben diesen anderen Gegenspielern auszuschließen scheint- ein Marketing Fehler oder wusste Sanders, dass nach einem Hollywood Ghost in the Shell Film Schluss sein würde? So kann weder der originale Charakter von Kuze glänzen noch die Aspekte und Personen, die er vereint darstellen soll.

Lohnt sich Kino: Ghost in the Shell

Die Entwicklung der Story im Film ist leider allzu vorhersehbar und generisch- etwas, was einem im Ghost in the Shell Universum eigentlich nicht unterkommt- und basiert auf dem Ur-Thema Rache. Major entdeckt nach und nach, dass ihr neuer Körper von Hanka Robotics keinesfalls ein großzügiges Geschenk war, sondern ihr dadurch etwas viel bedeutenderes gestohlen wurde: Ihre Vergangenheit und Identität. Ja, viel mehr als das, was uns schon die Trailer verrieten, kommt leider nicht. Recht bald rückt der Blick vom Terroristen Kuze auf den Leiter von Hanka Cutter (Peter Ferdinando), der nun als Bösewicht fungiert. Und durch eine flache Story geht genau das verloren, was wir in dem Film so gerne gesehen hätten: einen Ghost in schöner Shell. Philosophische Themen, welche uns mit dem Puppet Master in Oshiis Film begegnen (Ist es einer KI möglich, ein Bewusstsein zu entwickeln?) oder in der gesamten Reihe angesprochen werden (Ab wann ist ein Mensch eine Maschine? Was ist der Unterschied zwischen beiden? Ist ein Leben ohne Körper möglich? Was passiert, wenn Erinnerungen wie Computerdaten gelöscht oder verändert werden können? Wie gefährlich ist das Cyberspace?) verkommen in der neuen Adaption zu einem typischen „Ich habe meine Erinnerung verloren, bin anscheinend ein wichtige Person und muss nun herausfinden, wem ich trauen kann und wer meine wirklichen Feinde sind.“-Film.

Characters in a Nut-Shell

Lohnt sich Kino: Ghost in the Shell

Takeshi Kitano als Aramaki.

Scarlett Johansson erinnert sehr an ihre Rolle in „Lucy“, passt aber, mit Ausnahme einiger seltsamer Laufbewegungen, doch sehr gut in die Rolle des Majors, vor allem in Action-Szenen. Der dänische Schauspieler Pilou Asbæk verkörpert Batou bis in die blond gefärbten Spitzen seines Bürstenhaarschnitts perfekt und lockert den Film durch gekonnten Witz und Charme auf. Die weiteren Mitglieder der Sektion 9,  wie Togusa und Ishikawa, fallen allerdings enorm ab, da sie so gut wie keine Screening-Zeit erhalten haben und auch keinen Einfluss auf die Story des Films ausüben. Lediglich der stets japanisch sprechende Aramaki behält etwas von seinem ruhigen Stoizismus, welchen er auch im Film von ’95 besitzt. Die neue Rolle von Dr. Ouélet (Juliette Binoche), welche für die Anfertigung von Majors Körper verantwortlich ist, verkörpert leider einen allzu vertrauten Wissenschaftler-Charakter. Sie ist die Bezugsperson von Major bei Hanka und liebt diese fast wie eine Tochter. Und wie viele Wissenschaftler vor ihr, verkündet sie am Ende die Wahrheit und ist bereit, sich zum Schutz ihres Experiments, Major, zu opfern.

Verwirrt und enttäuscht

Auch nach dem Ghost in the Shell aus dem Jahr 1995 von Oshii waren wir verwirrt und die unterschiedlichen Zeitlinien und Geschehnisse im gesamten GitS-Unisversum sorgen für alles andere als Klarheit und Einfachheit, aber wir waren von dem Universum und den Charakteren auch sofort fasziniert. Die philosophischen und tief menschlichen Fragen haben uns lange Grübeln lassen und die komplexen Charaktere sind uns ans Herz gewachsen.

In der Hollywood-Adaption vermissen wir genau diese tiefergehende Faszination und die umfangreichen existenzialistischen Fragen. Der Film ist zu nah an den Originalen, um eine eigenständige Einführung in das GitS-Universum zu sein, bietet aber gleichzeitig nicht den Ghost, der dem Universum sonst innewohnt. Allerdings wird Neulingen des Universums ein beeindruckender Cyberpunk-Film geliefert, welcher diese vielleicht veranlasst, auch die Ursprünge zu lesen und zu sehen.

Ghost in the Shell ist ein wahres Cyberpunk-Spektakel. Die Welt und die Action aus dem Manga und den Anime-Serien sowie den Filmen wurden visuell atemberaubend inszeniert. An der Seite von Major Motoko Kusanagi geht es auf die Jagd nach Cyber-Terroristen und Hackern, mit denen Major sich mit ihrem vollständigen Cyborg-Körper in zahlreichen Kämpfen anlegt. Viele Szenen wurden zur Freude eingefleischter Fans detailgetreu und effektvoll inszeniert. Allerdings leidet die Hollywood Umsetzung des Kult-Universums an einer zu flachen und vorhersehbaren Story, welche eher an Bourne mit Cyborgs erinnert, als an die philosophischen und komplexen Themen und Eigenheiten der GitS-Originale.

 

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