Test: 7te See

Mammutprojekte wie Elder Scrolls, Dragon Age oder Final Fantasy belegen, dass Rollenspiele nach wie vor zu den beliebtesten Genres in der Videospielbranche zählen. Vielleicht hat der ein oder andere von euch aber auch schon einmal einen analogen Ausflug in fantastische Rollenspiel-Welten gewagt. Das Schwarze Auge, Shadowrun und natürlich Dungeons & Dragons, das als einer der Ur-Väter des Rollenspiels gilt, sind hier nur die prominentesten Vertreter. In der Pen-and-Paper-Szene lohnt sich aber auch durchaus ein Blick über den Tellerrand der Promis hinaus. Hier finden sich spannende Varianten mit frischen Szenarien, abseits des klassischen Fantasy-Settings. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Mantel-und-Degen-Szenario voller Piraten, Musketiere, Intrigen und spannenden Seekämpfen? In diese Kerbe schlägt das Rollenspiel 7te See, das jüngst in deutscher Sprache vom Pegasus-Verlag in den Handel gebracht wurde.

Ganz ohne Bildschirm, Joypad und sogar Spielbrett kommen die Pen-and-Paper-Rollenspiele aus. Das gesamte Spiel läuft in euren Köpfen ab. Lediglich ein Blatt auf dem ihr die Werte eures Charakters festhaltet sowie ein paar Würfel unterstützen euch dabei, in die sagenhafte Welt von Théa einzutauchen. Aber lassen wir das kleine Rollenspieler-ABC, wenn ihr die letzten zehn Jahre nicht unter einem Stein gehaust habt, solltet ihr der Faszination Rollenspiel zumindest schon einmal begegnet sein.

Rollenspiel-Experten ist die 7te See vielleicht sogar schon bekannt. Ende der 90er Jahre gab es bereits ein paar englischsprachige Publikationen unter dem Namen „7th Sea“. Ein Jahr später erhielten sie auch teilweise eine deutsche Übersetzung. Jetzt kehrt das Rollenspiel zurück und ist ebenfalls wieder in deutscher Sprache erhältlich. Auf über 300 Seiten lest ihr alles, was ihr zum Spielen benötigt. Preislich ist die 7te See ein echtes Schnäppchen. Gerade mal 20€ kostet das Grundregelwerk des Spiels. Ein Spitzenpreis, gerade angesichts der Hardcover-Hülle und der stabilen Buchbindung. Bei vielen anderen Rollenspiel-Systemen kommt ihr längst nicht so günstig weg.

Die Welt von Théa

Doch kommen wir endlich zum Spiel selbst. Die 7te See siedelt sich in der fiktiven Welt von Théa an. Sie erinnert ein wenig an das Europa des 17. Jahrhunderts. Umschlossen von sechs Meeren erzählen sich alte Seebären jedoch immer wieder von der legendären 7ten See. Um die 7te See ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden, die auch im Buch näher beschrieben werden.

Viele Gegebenheiten entsprechen dem irdischen Vorbild, es gibt jedoch auch teilweise erhebliche Unterschiede. Magie gehört zum Beispiel der Realität an, nicht den Hirngespinsten abergläubischer Seeleute. Doch auch hier geht das Rollenspiel nicht den klassischen Weg. Statt spektakulärer Feuerbälle geht es in die 7te See ein wenig zurückhaltender zur Sache. Das Magie-Kapitel wird im Regelwerk umfangreich beschrieben und führt unterschiedliche Wege der Zauberei auf. Insgesamt wirkt das magische Wirken düsterer aus als bei den meisten Rollenspiel-Systemen und ist zudem oft mit der Spielwelt verwoben. Interessant ist dabei auch, dass jede Nation über eine andere magische Richtung verfügt.

In der Welt von Théa hat die Magie allerdings einen nicht ganz leichten Stand. Die Kirche ist darauf erpicht, ihren Status zu erhalten und verfolgt das magische Treiben durch die Inquisition. Die Vaticinische Kirche preist den Gott Théus und erzählt in ihren Schriften immer wieder von den vier Propheten. Drei dieser Propheten seien bereits erschienen. Das Eintreffen des vierten Propheten zeichnet ein düsteres Szenario ab, das den Weltuntergang mit sich bringt. Innerhalb der Kirche tobt ein Machtkampf und Intrigen sind an der Tagesordnung. Das Kirchenoberhaupt verstarb bereits vor zwei Jahren auf seltsame Art und Weise. Bisher ist es der Kirche jedoch nicht gelungen, einen Nachfolger zu bestimmen. Die Rivalitäten innerhalb der Kirche und mit der magischen Welt versprechen einiges an Konfliktpotenzial

Mehr als ein Altes Europa

Théa ist ein großer Kontinent, der von Meeren umschlossen ist. Im Wesentlichen unterteilt sich das Land in sieben Nationen. Jede Nation lehnt sich an ein europäisches Vorbild an. Avalon entspricht etwa dem Großbritannien des 17. Jahrhunderts, Castillien ähnelt dem spanisch-portugiesischem Raum, die Eisenlande könnten den deutschen Fürstentümern gleichen, Vodacce hat Ähnlichkeiten mit Italien, Montaigne lehnt sich an Frankreichs Kultur und Geschichte an, Vendel bedient das Wikinger-Klischee und Ussura hatte vermutlich Russland oder andere osteuropäische Staaten als Vorbild. Außerdem gibt es noch das Reich des Halbmonds, das jedoch unter dem Bann der Kirche steht, da hier seinerzeit der zweite Prophet ermordet wurde. Erwähnung findet auch noch Kathay, ein mysteriöses Reich, das sich ganz im Osten hinter einer Flammenwand befinden soll.

Jede Nation in die 7te See hat natürlich ihre ganz besonderen Eigenarten. Nicht nur die bereits erwähnte Magie verändert sich regional. Jeder Abstecher in ein neues Reich bietet auch einen recht drastischen Wechsel des Settings an. Für Abwechslung ist also gesorgt. Ebenso gibt es bedeutsame Interaktionen zwischen den Reichen. Montaignes Herrscher ist bewandert in der Kunst der Magie und bietet den magisch Aktiven Asyl an. Das missfällt wiederum Castillien, der Heimat der Kirche. Zudem ist die Welt vollgestopft mit schillernden Figuren, die Leben ins Spiel bringen. Die Spieler selbst übernehmen dabei übrigens selbst einen wichtigen Part. Sie schlüpfen nicht in die Rollen irgendwelcher Durchschnittseinwohner, sondern von bekannten Persönlichkeiten. Als solche mischen sie mit im Ränkespiel der Reichen und Mächtigen. Folgerichtig wird in die 7te See auch nicht selten mal richtig auf die Pauke gehauen. Wir spielen Helden, Rockstars, Ikonen, lebende Legenden. Also verhalten wir uns doch auch so. Die Fähigkeiten der Charaktere sind in jedem Fall spektakulär und immer ein wenig over-the-top.

Mit Stift und Würfeln

Doch auch wenn die 7te See ein Rollenspiel ist, das vor allem auf den erzählerischen Aspekt Wert legt, kommt es nicht um die spielmechanische Seite herum. Hier erfindet die 7te See das Rad nicht neu. Im Spielverlauf werdet ihr immer wieder einmal dazu gezwungen, das Können der eigenen Spielfigur auf eine Probe zu stellen. Dazu zieht ihr etwa einen bestimmten gerade geforderten Fertigkeitswert zu Rate. Ihr würfelt entsprechend des Wertes eine Anzahl von zehnseitigen Würfeln und versucht mit diesen einen vom Spielleiter vorgegebenen Wert zu übertreffen. Zeigt ein Würfel eine 10, dürft ihr den Würfel sogar erneut werfen und die geworfene Zahl hinzuaddieren. Auf diese Art sind auch Ergebnisse jenseits der 10 möglich.

Hervorzuheben ist auch die Art der Charaktergestaltung. Mir hat vor allem der Einstieg in die Generierung gut gefallen. Im Grunde könnt ihr die Idee für eure Figur ganz selbst gestalten. Seid ihr aber gerade nicht sonderlich kreativ, könnt ihr auch einfach zwanzig Einstiegsfragen beantworten, die euch dann zu eurem neuen Charakter begleiten. Anschließend wählt ihr eine Eigenschaft aus, die bei eurem Charakter besonders gut ausgeprägt ist. Zu Wahl stehen hier folgende Attribute: Entschlossenheit, Gewandtheit, Muskeln, Stil und Verstand. Jetzt wählt ihr eure Nation, die euch wiederum ein paar Modifikationen bringen.

Im Anschluss wählt ihr einen Hintergrund aus. Mit diesem bekommt die Figur besondere Fertigkeiten oder Eigenarten. Danach könnt ihr zusätzliche Fertigkeitspunkte verteilen, um den Charakter noch weiter auszugestalten, bevor ihr euch weitere Vorteile erkaufen könnt. Mit „Arkana“ erhaltet ihr noch eine Tugend und eine Untugend, die einmal pro Abenteuer ausgelöst werden können. Abschließend geht es in die Geschichte des Charakters, in dem es etwa um noch aufzuarbeitende Konflikte geht. Damit steht eure Figur auch geschichtlich auf soliden Füßen. Die Erschaffung der Spielfigur funktioniert ziemlich intuitiv und geht flott von der Hand. Wenn ihr aber Gefallen an der Charaktererschaffung habt, bietet euch das System auch genügend Freiraum zur kreativen Entfaltung.

toller Preis
schöne Charaktererschaffung
mit vielen over-the-top-Momenten
Regelwerk nicht immer gut strukturiert

Sebastian Hamers

Die 7te See hat frischen Wind in mein Rollenspieler-Leben gebracht. Mir gefällt die Idee, sich nicht zu sehr auf komplizierte Regeln zu versteifen, sondern den erzählerischen Aspekt des Spiels in den Mittelpunkt zu stellen. Das Spiel ist gespickt mit Over-the-top-Momenten. Das trifft vielleicht nicht jedermanns Geschmack, macht zwischendurch aber mal richtig Laune. Mit die 7te See braucht ihr keine lange Anlaufzeit, sondern startet direkt durch von 0 auf 100, seid eine lebende Legende und zeigt den Gegnern mit spektakulären Aktionen, wer hier der Chef im Ring ist. Trotzdem ist das Rollenspiel kein Blender. Im Regelwerk findet ihr eine gut durchdachte Welt wieder, die sich lebendig anfühlt und genug Stoff für viele Abenteuer bietet. Ein wenig Kritik muss sich das Regelwerk jedoch auch gefallen lassen. Besonders gut strukturiert ist es nicht aufgebaut. Bei der Lektüre fühlt es sich so an, als hätte man die ganze Zeit quergelesen. Sorgt euch am besten nicht, wenn ihr etwas nicht direkt auf Anhieb durchblickt. Beim weiteren Studium des Buchs werden diese Lücken geschlossen. Lobend erwähnt werden sollte auf jeden Fall noch einmal die Preisgestaltung von Pegasus. Gerade angesichts des hochwertigen Materials sind die veranschlagten 20€ wirklich ein toller Preis.
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