Test: Absolver

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Der Weg zum Absolver ist lang und beschwerlich

Spiele mit einem innovativen und einzigartigen Kampfsystem sind schon lange keine Zukunftsmusik mehr. Schon vor einigen Jahren hat sich Dark Souls zum unumstößlichen König der fordernden und komplexen Kampfmechaniken aufgeschwungen und regiert seither mit fester Hand. For Honor hat diesen Frühling versucht mit skill-basierten Schlachten in einem altbewährten Setting eine Nische für anspruchsvolle Duelle auf Augenhöhe zu schaffen. Absolver übernimmt dieses Konzept und treibt es im Martial Arts-Stil auf die Spitze, indem sämtliche Spielelemente in den Dienst des Kampfsystems gestellt werden. Ob das funktioniert und was für ein Spiel daraus entsteht, haben wir für euch herausgefunden.

Vermisst: Die Story von Absolver

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Hohe Ziele: Der Turm von Adal

Absolver erzählt eine Geschichte so kleinteilig und heruntergebrochen wie wir es lange nicht erlebt haben. Ihr seid ein aufstrebender Aspirant, dessen einziges Ziel darin besteht, zum besten Krieger der ganzen Welt zu werden, um in den elitären Kreis der Absolver aufgenommen zu werden. Dabei handelt es sich um versierte Streiter, die mit ihren Fähigkeiten das Land Adal vor dem Bösen beschützen.

Ein Absolver zu werden ist jedoch nicht leicht. Die erste Prüfung besteht darin, sich Zutritt zum großen Turm von Adal zu verschaffen. Um das Tor zu öffnen, müsst ihr zunächst sieben Torwächter, die sogenannten Gezeichneten, bezwingen, welche in vier größeren Gebieten rund um das monumentale Bauwerk auf euch warten. Anschließend könnt ihr den Turm erklimmen und euch auf dessen Spitze einem legendären Krieger stellen, um in den Rang eines Absolvers aufzusteigen.

Wie ihr sicher schon festgestellt habt: Die ehemaligen Ubisoft-Kräfte beim Entwickler Sloclap fahren in Sachen Story einen minimalistischen Kurs. Allerdings gibt Absolver auch gar nicht erst vor, irgendetwas anderes zu sein als ein Action-RPG mit kompromisslosem Fokus auf das Gameplay. Absolver will gespielt werden, nicht gelesen, gesehen oder gehört. Je nachdem wie schnell ihr das Kampfsystem adaptiert habt, erstreckt sich die spielbare Geschichte über 4-5 Stunden. Doch ihr müsst nicht erwarten, dass ihr dann auch nur im Ansatz mit dem Titel durch seid.

Schlauchig und doch schön

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Der Comic-Look liefert Atmosphäre

Auf der Suche nach den sieben Gezeichneten durchstreift euer Charakter grüne Landschaften, dampfende Sümpfe und prachtvolle Städte. Das Spiel kommt dabei in einem liebevollen Comic-Look daher, der die Welt in bunte Farben taucht. Auch hier behalten die Entwickler ihren Kurs bei, denn die Optik rückt in den Hintergrund und macht Platz für scharf umrissene Kontraste bei den Charakteren, die jede Bewegung und Animation glasklar erkenntlich darstellen.

Die großen Teilgebiete von Absolver erinnern in ihrem Aufbau mehr an eigenständige Level als an eine organisch zusammengewachsene Welt. Zwischen den Arealen finden wir ellenlange Schlauchpfade, auf denen uns weder Gegner noch interessante Nebenschauplätze erwarten. Haben wir diese allerdings hinter uns gelassen, erwarten uns weitläufige, durchdachte Gebiete, die mit kleinen Geheimnissen und Items gespickt sind und dabei wunderbar vertikal konzipiert wurden, mit etlichen Ebenen, Vorsprüngen und Abkürzungen. Hier macht das Kämpfen wirklich Laune. Und kämpfen werdet ihr.

In puncto Performance zeigt Absolver allerdings noch einige Schwächen. Beim Launch gab es kleinere Server-Probleme, die wir allerdings verschmerzen konnten und uns stattdessen im Offline-Modus ausgetobt haben. Was man allerdings bei einem skill-lastigen Spiel wie Absolver nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, sind Kameraprobleme. In die Ecke gedrängt, kam es nicht selten vor, dass die Kameraperspektive plötzlich verzerrt und für den Kampf absolut unzumutbar war. Wir hoffen auf einen baldigen Patch, der diese Fehler in den Griff bekommt.

Ich, du und der andere – mit Fäusten

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Wer kämpft hier gegen wen?

Absolver setzt stark auf einen natürlichen Wechsel zwischen PVE- und PVP-Elementen. Wer gänzlich auf menschliche Interaktion verzichten möchte, kann das Spiel auch im Offline-Modus komplettieren. Seid ihr allerdings online unterwegs, wird es nicht allzu lange dauern, bis ihr dem ersten menschlichen Spieler über den Weg lauft. Ob es sich dabei um einen Feind handelt, der euch mitten im Kampf von hinten niederstreckt oder einen Verbündeten, mit dessen Hilfe ihr den nächsten Bossgegner bezwingt, erfahrt ihr erst, wenn das Gegenüber auf euch reagiert.

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Kein Kampf ohne Verbeugung

Um mit den Mitspielern zu kommunizieren, verfügt das Spiel über ein simples Interaktions-Rad, auf dem ihr klassische Gesten wie die Verbeugung oder den Daumen nach oben findet, aber auch die Möglichkeit, das Gegenüber zu einer Coop-Session einzuladen oder zu einem Kampf herauszufordern. Dabei handelt es sich allerdings nur um Förmlichkeiten, denn auch ohne diese Hilfe könnt ihr jederzeit aufeinander einkloppen oder gemeinsam gegen Feinde antreten. Uns hat dieses System stark an eine Mischung aus Journey und Dark Souls erinnert. Andere Spieler können jederzeit eure Welt betreten, aber was ihr daraus macht, ist ganz euch überlassen.

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Intime 1vs1-Duelle

Wem das offene PVP-System in der Spielwelt nicht ausreicht, kann sich auch nach dem Abschluss der Story an einem der Checkpoints einfinden, um 1vs1-Duelle in abgegrenzten Arenen zu starten, sogenannte Kampfprüfungen. Wie in For Honor kämpft ihr solange, bis ein Kontrahent den anderen drei Mal besiegt hat. Für jeden Sieg gibt es Erfahrungspunkte, dank derer ihr im Online-Rang aufsteigt. Habt ihr Rang 10 erreicht, könnt ihr sogar eure eigene Kampfschule erstellen und eure Weisheit an unerfahrene Schüler weitergeben. Ein Emote für „Be water, my friend“ haben wir leider noch nicht gefunden.

Mit der richtigen Haltung zum Ziel

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Drei Gegner: Eine echte Herausforderung

Kommt es zum Äußersten, sei es gegen einen menschlichen Spieler, einen Boss oder NPC, spielt Absolver seine Trumpfkarte aus: Das Kampfsystem. Auch hier können wir wieder den Vergleich zu Dark Souls ziehen. Die Kämpfe in Absolver sind nämlich nicht nur verdammt knackig, sondern erfordern eine enorme Eingewöhnungszeit. Alle Auseinandersetzungen finden dabei Mano-a-Mano statt. Bögen, Schusswaffen oder Ähnliches sucht ihr vergeblich.

Jedes Geplänkel besitz etliche taktische Komponenten, die ihr Stück für Stück und auf die harte Tour erlernen müsst. In Absolver dreht sich schließlich alles darum, ein besserer Kämpfer zu werden, was für euren Charakter gilt wie für euch selbst. Das grundlegende System ist dabei gar nicht so komplex. Mit einer Taste initiiert ihr Standardangriffe, mit einer anderen lasst ihr alternative Moves vom Stapel.

Welche Art von Punch oder Kick ihr dem Gegner entgegenwerft, hängt dabei von der Kampfhaltung ab, die ihr eingenommen habt. Von diesen gibt es insgesamt vier, die eure die Arme und Beine repräsentieren. Darüber hinaus könnt ihr Angriffe blocken, sofern es die relativ kurze Stamina-Leiste es zulässt und Angriffe parieren, absorbieren oder ihnen ausweichen, je nachdem für welche Klasse ihr euch zu Beginn des Spiels entschieden habt.

Absolver lädt zum Tanz

Der Clou an Absolver ist es, Angriffe richtig zu verketten und dabei perfekt zu timen. Zu diesem Zweck verfügt ihr über das sogenannte Kampfdeck, in dem ihr neue Moves ausrüstet und für euch nutzbar macht. Anfangs könnt ihr Angriffssequenzen mit bis zu zwei Aktionen erstellen, schaltet aber schon bald längere Kettenangriffe frei. Die Sequenzen bestückt ihr anschließend mit Moves und schafft somit todbringende Kombinationen, die flüssig von einer Kampfhaltung in die nächste übergehen. Habt ihr die Defensive eures Widersachers gebrochen und lasst eine dieser schier unendlichen Martial Arts-Ketten auf ihn niederprasseln, fühlt sich das nicht nur unglaublich befriedigend an, sondern lässt Absolver beinahe wie einen einstudierten Tanz wirken.

Anfangs werdet ihr vor allem mit dem Kampf gegen mehrere NPC-Gegner Probleme haben, aber nach einigen Stunden mit dem Spiel versteht ihr die Angriffsmuster der Gegner und könnt eure eigenen Angriffe koordiniert einsetzen, um vom Button Masher zum leichtfüßigen Faust-Ästheten zu werden. Für Langzeitmotivation sorgen viele neue Moves, die ihr jedoch nicht wie in anderen Spielen mit einer lockeren Geldbörse freischaltet, sondern peu à peu erlernen müsst. Dies tut ihr, indem ihr euch einen Gegner sucht und den entsprechenden Schlag oder Kick immer wieder blockt oder ihm ausweicht. Habt ihr dies oft genug getan, könnt ihr den Move anschließend in euer Deck einbauen.

Talente, Kräfte, Items – Am Ende zählt nur der Skill

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Die Attribute

Abseits des grandiosen, unverbrauchten Kampfsystems brüstet sich Absolver auch mit seinen Rollenspiel-Features. Neben den Moves verbessert ihr nämlich auch sukzessive euren Charakter, der für jeden gefallenen Gegner Erfahrungspunkte erhält und im Level aufsteigt. Anschließend habt ihr die Qual der Wahl, in welchen Wert ihr eure hart erarbeiteten Talentpunkte steckt. Ihr habt die Wahl aus klassischen RPG-Elementen wie Stärke, Kondition und Co. Auch wenn die Werte unterschiedliche Moves und Spielstile boosten, schien uns deren Einfluss auf das Spiel vergleichsweise gering- wahrscheinlich, um das Spiel im offenen PVP nicht allzu unfair zu gestalten.

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Die Items

Darüber hinaus finden sich an jeder Ecke Items für eure 9 Ausrüstungs-Slots, die euren Schsden mit der blanken Hand oder aber den Waffenschaden verstärken. Denn ab und zu entdeckt ihr in verwinkelten Gassen auch abgenutze Schwerter oder Knüppel, mit denen ihr für kurze Zeit neue Moves erhaltet und deutlich mehr austeilen könnt. Der Nachteil: Nehmt ihr währenddessen zu viel Schaden, kann der Gegner euch die Waffe wegschnappen und seine Chance mit der Klinge nutzen.

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Die Kräfte

Für das letzte Quäntchen taktische Tiefe sorgen die sogenannten Kräfte. Das sind Psy-Fähigkeiten, die ihr von gefallenen Bossen erhaltet. Zu Beginn des Spiels verfügt ihr nur über einen kleinen Heilzauber, den ihr in brenzligen Situationen einsetzen könnt, später kommt aber eine ganze Palette an neuen Kräften dazu, mit denen ihr Gegnergruppen zu Boden werft oder die Defensive eines Widersachers schwächt. Es ist schön zu wissen, dass ihr im Notfall auf diese Fähigkeiten zugreifen könnt, aber glücklicherweise haben auch diese keinen großen Einfluss auf das Gameplay von Absolver. Hier haben die Entwickler eine wirklich schöne Balance aus Kampf- und RPG-Elementen geschaffen.

Brilliantes Kampfsystem
Gelungenes Open-PVP mit Überraschungsmomenten
Gute Balance zwischen Kampf- und RPG-Elementen
Vertikales Design der offenen Level
Atmosphärischer Comic-Look
Martial Arts-Ästhetik schön eingefangen
Spieler erhalten viele Freiheiten
So gut wie keine Story
Grafikfehler, Bugs und Co.
Schlauchige Übergänge zwischen den Leveln

Christian Böttcher

Absolver ist kein fehlerloses Spiel. Die Performance kratzt hier und da und auch das Leveldesign will an der ein oder anderen Stelle nicht so recht überzeugen. Absolver ist aber auch ein Spiel, das viel wagt und damit viel gewinnt. Nach einer gewissen Eingewöhnung lässt euch das fließende Kampfsystem mit dem Gefühl zurück, ihr würdet einen einstudierten Tanz aufführen. Jeder Gegner ist eine Herausforderung, die ihr nur mit den richtigen Moves und ausbalancierten RPG-Kräften bezwingen könnt. Kurze Geplänkel im offenen PVP-Modus und portionierte Coop-Passagen mit Fremden machen das Spiel zu einem unvergesslichen Erlebnis. Könnt ihr auf die Geschichte verzichten und sucht rohes, brilliantes Gameplay im Martial Arts-Stil, dann ist Absolver das richtige Spiel für euch.
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