Test: Agents of Mayhem

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Die Verbrecher regieren: Das schreit nach den Agents

Der wilde Wahnsinn ist zurück. Zwölf Agenten machen sich auf die Reise, um der niederträchtigen Verbrecherorganisation Legion, die sich wie eine Seuche über das futuristische Seoul ausgebreitet hat, das Handwerk zu legen. Wer hat sie geschickt? Selbstverständlich niemand Geringeres als die irren Entwickler von Volition. Nach vier Teilen Saints Row steht mit Agents of Mayhem nun eine neue IP in den Regalen. Wir haben uns natürlich sofort in den Open-World-Shooter gestürzt und dem Zerstörungswahn freien Lauf gelassen. Soviel vorab: Es wird vulgär, brachial und schräg bis zur letzten Minute.

Wahnsinn in allen Formen und Farben

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Dr. Babylon: Bond-Bösewicht par Excellence

Der altbekannte Kampf zwischen Gut und Böse tobt nun seit Jahrzenten unter den belebten Straßen der bunten Metropole Seoul. Die Kontrahenten: Eine finstere Organisation von diabolischen Superverbrechern namens Legion und eine Truppe rechtschaffener Verteidiger der Ordnung namens Agents of Mayhem. Doch Obacht! Frei nach der Volition-Formel haben wir es hier natürlich nicht mit einem solch abgeschmackten Konzept von Helden vs. Schurken zu tun. Vielmehr sind auch die vermeindlichen Helden im Third-Person-Shooter völlig durchgeknallt und auf grundlose Verwüstung aus. Das übergeordnete Motto lauet stattdessen: Bad vs. Evil.

In Agents of Mayhem bekommen wir es also zunächst mit einer machthungrigen Riege an Superschurken zu tun. Angeführt wird diese vom mysteriösen Morningstar. An seiner Seite sorgt Dr. Babylon, ein Bond-Bösewicht wie er im Buche steht, für jede Menge Chaos und Zwietracht. Warum Legion die Welt in Schutt und Asche legen will, ist dabei natürlich Nebensache. Fakt ist jedoch: Die Organisation muss aufgehalten werden. Um das zu bewerkstelligen, hat die ehemalige Legion-Offizierin Persephone Brimstone eine bunt zusammengewürfelte Truppe an Charakteren versammelt, die sich zwischen Drogenrausch und humanitärer Hilfe um das Beseitigen hochrangiger Legion-Mitarbeiter kümmert.

Der Weg bis zu Dr. Babylon ist natürlich gepflastert mit etlichen zwielichtigen Gestalten, die euch das Leben schwer machen. Das wär‘ zum Beispiel der charismatische Popstar August Gaunt, der mit seinen exklusiven VR-Headsets sämtliche Teenager dieser Welt zu willenlosen Sklaven der Organisation macht. Oder aber Hammersmith, der nicht nur gern die Sterne beobachtet, sondern diese auch quietschvergnügt mit Laserkanonen ausstattet, um ganze Städte zu pulverisieren. Wie ihr seht: Agents of Mayhem bietet euch die ganze Palette des Wahnsinns. Natürlich kommt dabei auch der Humor nicht zu kurz, der wie schon bei Saints Row sehr albern und gewöhnungsbedürftig ausfällt.

Ein Käfig voller Antihelden

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Immer zu dritt unterwegs

Die zwölf Charaktere, die ihr im Spielverlauf freischaltet, kommen da doch eine ganze Spur herzlicher daher. Den Anfang machen Hollywood, ein ausgebrannter Ex-Schauspieler und Erotikstar, Fortune, eine erfolglose Himmelspiratin aus Rio de Janeiro und Hardtack, Militärexperte und Waffennarr. Wer sich die Vorbesteller-Edition des Spiels gesichert hat, bekommt sogar noch zwei zusätzliche Figuren spendiert: Johnny Gat, bekannt und berüchtigt aus Saints Row und Lazarus, einen Hybriden aus Mensch und Maschine. Alle anderen Agents schaltet ihr Stück für Stück in eigenen Missionen frei.

Die mal mehr mal weniger sympathischen Agenten sind das absolute Herzstück des Spiels. Ihr habt dabei die freie Wahl, ob und wann ihr einen neuen Helden in euer Team holen möchtet. Jeder „Held“ hat zu diesem Zweck seine eigene kleine Intro-Mission spendiert bekommen. In dieser lernt ihr nicht nur einiges über die Hintergründe und Motive des Charakters, sondern könnt euch gleichzeitig mit den neuen Fähigkeiten vertraut machen. Gemeinsam mit Daisy verbringt ihr beispielsweise eine durchzechte Nacht in den Straßen von Seoul und versucht am nächsten Tag euer trunkenes Gedächtnis aufzubessern – Rollerblades, Gatling-Gun und ein amtlicher Kater sind natürlich mit im Gepäck.

Die Charaktere sind toll geschrieben und haben allesamt ihren ganz eigenen Charme. Bis man alle zwölf von ihnen freigeschaltet hat, vergehen einige Stunden, insofern gibt es immer etwas Neues auszuprobieren. Ihre Fähigkeiten sind dabei ebenso einzigartig wie ihre Charakterzüge und immer mit der gewissen Portion Humor und Albernheit umgesetzt. Die indische Bogenschützin Rama deckt ihre Feinde mit Giftgas ein, während der osteuropäische Elite-Mutant Yeti lieber mit verheerenden Eisangriffen vorgeht. Jeder Charakter verfügt über einen Standardschuss, eine Spezialattacke und die Mayhem-Fähigkeit, die zum Einsatz kommt, wenn ihr für genug Chaos gesorgt habt.

Seoul bleibt seelenlos

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Weltmetropole Seoul: Der Schein trügt

Vor jeder Mission könnt ihr euch im Hauptquartier, der sogenannten Ark, einen Überblick über das eigene Setup und die Fähigkeiten eurer „Helden“ verschaffen. Darüber hinaus könnt ihr hier an Trainingssimulationen teilnehmen, eure Fahrzeuge pimpen, Waffen upgraden oder die Einsatzbasis selbst mit einigen Perks ausstatten. Auch an einem kleinen, leider wenig innovativen Metagame, dem Globalen Konflikt, könnt ihr hier teilnehmen und arbeitslose Agenten in alle Welt verschicken. Gerade in der Ark wird der Rollenspiel-Charakter des Heldenshooters deutlich. Denn auch in Seoul gilt der Leitspruch: Looten und Leveln, das muss drin sein in ’nem Spiel.

Habt ihr euch für ein Gespann aus drei Agenten entschieden, findet ihr euch auf den relativ leeren Straßen der Metropole wieder. Die Spielwelt ist zwar offen gestaltet, bietet allerdings kaum Anreize, sich abseits der Missionen in ihr herumzutreiben. Das ist gerade deshalb unglücklich, weil die Stadt selbst wirklich sehr liebevoll und schick gestaltet wurde. Selbst bei Nacht strahlt alles in grellen Farben und macht Lust darauf, die Dächer und Häuserschluchten zu erkunden. Wenn man dort allerdings nicht viel mehr als gelegentliche Kisten mit Items vorfindet, vergeht das Entdeckerfeeling relativ schnell. Lediglich repetitive Nebenmissionen, Kristalle und andere Spielzeit-Strecker wurden großzügig auf der Karte verteilt.

Ähnlich lieblos sind auch die Missionen gestaltet. So gut wie jeder Einsatz dreht sich darum, in einem unterirdischen Legion-Komplex nach Informationen zu suchen bzw. Bossgegner zu stellen. Leider hat das Verbrechersyndikat scheinbar für alle Basen das gleiche Architekturbüro engagiert, denn die Bunker ähneln sich bis auf den letzten schlauchigen Korridor. Das hilft in Sachen Orientierung, führt aber binnen kürzester Zeit zu Ermüdungserscheinungen. Den Schauplätzen der zahlreichen Bosskämpfe wurde etwas mehr Liebe zuteil, doch die Begegnungen an sich folgen einem wiederkehrenden Muster. Einziger Lichtblick: Ihr könnt die Missionen in sage und schreibe zwölf verschiedenen Schwierigkeitsgraden absolvieren. Sieben sind zu Beginn verfügbar, fünf weitere müsst ihr erst freispielen.

Drei Sprünge für ein Halleluja

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Agents of Mayhem: Feuer frei ohne Rücksicht auf Verluste

Womit Agents of Mayhem jedoch zweifelsfrei überzeugen kann, ist das Gameplay. Der Third-Person-Shooter spielt sich schnell, brachial und schnörkellos. Alle Waffen verfügen über ordentlich Bums und so empfindet man stets diebische Freude dabei, sich durch Gegnerhorden zu ballern. Dank der umfangreichen Upgrades für Waffen und Fähigkeiten kann man sich nach seinen eigenen Vorlieben austoben und ein Loadout schaffen, mit dem man jeden Widersacher pulverisiert. Damit könnt ihr dann rund 20 Stunden in der Story-Kampagne von Agents of Mayhem verbringen.

Nicht nur der einzigartige Triple-Jump hat sich schnell zu einem unserer Lieblingsfeatures aufgeschwungen, sondern vor allem der dynamische Wechsel der Agenten hat es uns angetan. Per Knopfdrück könnt ihr nämlich zwischen euren drei Charakteren hin und herwechseln. Ist euer Schild gerade down oder ihr braucht einen speziellen Skill, tritt in Sekundenschnelle ein neuer Action-Held auf den Plan. Das macht die Kämpfe nicht nur dynamisch und blitzschnell, sondern auch ebenso anspruchsvoll. Wer sich nur auf einen Agenten verlassen will, wird unweigerlich das Zeitliche segnen.

Ihr seid also ständig damit beschäftigt, eure Fähigkeiten und die gegnerischen Verstärkungen im Blick zu behalten. Ähnlich wie eure Knarren haben es nämlich auch die Gegner in sich. Ob ihr gegen agile Assassinen mit Elektroschockern, Sniper mit Mehrfachschuss oder klassische Sturmtruppen mit Maschinengewehr antretet: Agents of Mayhem ist ein harter Brocken. Das Gegner- und Bossdesign weiß zu überzeugen und sorgt nicht nur auf dem Bildschirm für jede Menge Chaos, sondern führt auch bei euch gelegentlich zu Panik.

Agents of Mayhem: Der Actionfilm unter den Videospielen

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Natürlich darf auch der schottische Quartiermeister nicht fehlen

In puncto Performance können wir Agents of Mayhem kein Gütesiegel ausstellen, hatten allerdings nicht so arge Probleme mit Bugs, Glitches und dergleichen wie andere Quellen berichten. Auf der PlayStation 4 lief das Spiel bei uns absolut flüssig und lediglich kleinere Fehler sind uns aufgefallen. Wenn wir unser Agentenmobil gerufen haben, ist der Bolide gelegentlich an uns vorbeigedüst oder hat sich mit brachialer Gewalt an der nächsten Straßenecke ausgetobt, aber ansonsten blieben wir von Grafikfehlern verschont. Probleme hatten vor allem mit der Kollisionsabfrage. Nicht selten hing unser Agent wie durch Zauberhand an einer Wand fest und schwebte sorglos durch den leeren Raum – wir hätten uns nicht gewundert, wenn er plötzlich anfängt, in Comic-Manier durch die Luft zu rudern und anschließend mit einem Satz auf dem Boden aufschlägt.

Die Grafik und Animationen von Agents of Mayhem hingegen haben wir schon nach einigen Stunden in unser Herz geschlossen. Wer die Optik von Saints Row mochte, wird sich auch über den Look der neuen IP freuen. Seoul ist bunt, grell und explosiv. Gerade die Partikeleffekte der Einschläge und Explosionen sehen richtig knackig und schön überzeichnet aus. Hinzu kommen die detailreichen Animationen der Charaktere wie etwa bei Daisys Rollerblades. Das bunte Finish bei den Gameplay-Passagen wird etwas kontrastiert von den Zwischensequenzen, die in einem scharfen Comic-Look umgesetzt wurden. Diese wirken deutlich matter und leicht entsättigt im Vergleich zur Ingame-Grafik, was den kurzen Einspielern eine ganz besondere Note verleiht. Gerade der absurde, leicht alberne Humor des Spiels wird durch die Zwischensequenzen passend unterstützt.

Wo Levelarchitektur und Abwechslung im Gameplay versagen, versucht vor allem die Musik von Agents of Mayhem einiges wieder rauszureißen. Den Action-Anleihen des Spiels entsprechend scheint dieser direkt aus den 80ern zu stammen. Fetzige Techno-Beats während der Autofahrten und ein übertriebener Spannungs-Soundtrack im Inneren der Legion-Bunker sorgen nicht nur für nostaglische Stimmung, sondern sind ebenfalls immer mit einem Augenzwinkern in die Spielpassagen eingebaut. Auch die Explosionen klingen wie aus Action-Klassikern à la Rambo und Lethal Weapon. Alles in allem klingt Agents of Mayhem verdammt gut.

Tolles Charakterdesign
Schnörkelloses Shooter-Gameplay
Durchdachte Fähigkeiten und Waffen
Liebevolle Comic-Grafik
Ikonischer Sound der 80er-Jahre
Viele Freischalt- und Sammelbares
Alberner Volition-Humor
Leider kein Multiplayer
Eintöniges Level- und Missionsdesign
Fadenscheinige Open World
Performance-Probleme

Christian Böttcher

Mit Agents of Mayhem setzt Volition den Siegeszug ihrer albernen und schwachsinnigen Videospiele fort. Das mag für die einen Grund zur Freude sein, für die anderen wiederum ein Armutszeugnis moderner Gamer. Fakt ist: Auch der Humor des neuen Third-Person-Wahnsinns ist gewöhnungsbedürftig. Wer damit etwas anfangen kann, findet einen soliden Shooter mit dynamischen und schnellen Gameplay-Passagen, der ganz besonders mit seinem kreativen und liebevollen Charakterdesign punkten kann. Die Spielwelt Seoul tritt dabei einen Schritt zurück und verschafft den Agenten ihren großen Auftritt, denn Levelarchitektur und Missionsdesign wurden weder zeitgemäß noch langfristig unterhaltsam umgesetzt. Bedauerlich, denn das Spiel weiß durch Grafik und Sound ebenso zu überzeugen wie durch pointierte Rollenspielelemente. Für den kurfristigen Spaß taugt Agents of Mayhem jedoch allemal.
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