Test: Great Western Trail

Im Jahr 2015 stellte Autor Alexander Pfister seinen Strategie-Brocken Mombasa vor und erhielt dafür auch den Deutschen Spielepreis. In Sachen Anspruch und Tiefgang ist Mombasa doch wohl kaum zu toppen, oder? Alexander Pfister hat es dennoch probiert und stellte schon ein Jahr später auf der Spielemesse in Essen sein neues Spiel Great Western Trail vor. Wir haben für euch gecheckt, ob der Titel seinen hohen Erwartungen gerecht werden konnte.

Thematisch und geografisch hat Herr Pfister einen großen Sprung gewagt. Statt Ostafrika ist diesmal der Wilde Westen der Schauplatz seines Brettspiels. Wer sich jetzt schon auf actiongeladene Schießereien mit Banditen und Indianern gefreut hat, wird allerdings enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen die Cowboys in ihrer ureigenen Funktion als Viehtreiber. Zeitlich siedelt sich das Spiel im 19. Jahrhundert an, als der Handel mit Vieh noch eine ziemlich mühsame Angelegenheit war.

Von Texas nach Kansas City

Eure Herden starten im südlichen Texas und sollen sicher bis nach Kansas City gebracht werden. Von dort aus werden die Tiere dann per Zug in den Westen transportiert. In Großstädten wie San Francisco, Sacramento oder San Diego wird das Vieh dringend benötigt, sodass sich dort auch ein guter Preis erzielen lässt. Der Weg bis Kansas City ist jedoch lang und beschwerlich. Als Gefahren warten dort Steinschläge, Überschwemmungen oder Dürrezeiten auf euch und auch die Indianer wollen von eurem Geschäft profitieren.

Entsprechend viel Material macht sich auch auf dem Spielbrett breit. Demnach ist der Spielekarton ziemlich prall gefüllt. Der recht große Spielplan wird schon vor dem Spiel mit etlichen Plättchen bedeckt. Neben den bereits erwähnten Gefahren- und Indianerplättchen, braucht ihr mit Cowboys, Handwerkern und Ingenieuren auch noch drei unterschiedliche Klassen an potentiellen Angestellten. Dazu kommen noch ein paar Gebäude, es werden Aufträge ausgelegt und einen Rindermarkt braucht es natürlich auch noch. Um die eigenen Bestände zu verwalten, erhaltet ihr zusätzlich noch ein eigenes Tableau. Zum Spielen von Great Western Trail braucht ihr auf jeden Fall einen ordentlich großen Tisch.

Ein Spiel mit einer Vielfalt an Mechaniken

Die Rinder selbst werden durch Karten dargestellt. Zunächst verfügt ihr über ein Deck aus 14 Rindern, von denen ihr zunächst vier auf die Hand nehmt. Im Verlauf des Spiels werdet ihr euer Deck mit Rinderkarten stetig erweitern, sodass die Gesamtherde nicht nur größer, sondern auch wertvoller wird.

Eure Hand wird sich auf dem langen Weg bis Kansas City noch einige Male verändern. An den Zwischenstopps führt ihr immer wieder Aktionen aus, bei denen ihr zumeist Handkarten abwerft, um euch einen Vorteil zu verschaffen. Abgeworfene Karten kommen aber nicht ganz aus dem Spiel, sie wandern auf euren Ablagestapel. Dieser wird zum neuen Nachziehstapel, sobald sich dort keine Karten mehr befinden. Ihr kennt das Prozedere sicher aus dem ein oder anderen Deckbuilding-Spiel. Am Ende eines jeden Zuges zieht ihr aus eurem Deck dann wieder auf euer Handkartenlimit auf.

Poor lonesome cowboy

Dreh- und Angelpunkt des Spiels ist dabei euer Viehtreiber, der sich einen vorgegebenen Pfad von Texas bis Kansas City entlangbewegt. Mindestens ein Feld müsst ihr euch pro Runde weiterbewegen, die maximale Bewegungsrate zeigt euch ein Marker auf eurem Spielertableau an. Hier bietet sich nur eine von sehr vielen Möglichkeiten, euren Viehhandel zu optimieren. Im weiteren Spielverlauf wird es euch möglich sein, deutlich mehr Felder zu laufen als noch zu Spielbeginn. Die Bewegungsrate muss allerdings nicht zwingend ausgereizt werden. Liegt ein attraktives Zwischenziel auf eurem Weg, könnt ihr auch dort einen Halt einplanen, um eine Aktion zu tätigen. An einigen Stellen spaltet sich darüber hinaus der Weg und euch stehen gleich mehrere Optionen für die weitere Reise zur Verfügung.

Ihr erahnt sicherlich schon an dieser Stelle, dass Great Western Trail ein wahres Monster in Sachen Vielfalt ist. Es lässt sich so ziemlich alles im Spiel optimieren: die Reichweite des Viehtreibers, das Handkartenlimit, das Deck an sich und noch vieles mehr. Dabei haben wir von den Gebäuden, die ihr in Great Western Trail bauen könnt, noch gar nicht gesprochen.

Ausbau der Strecke

Beim Spielstart liegen lediglich ein paar wenige neutrale Gebäude aus. Diese Gebäude könnt ihr mit eurem Viehtreiber aufsuchen, um dort Aktionen auszuführen. Später könnt ihr freie Flächen dann mit euren eigenen Gebäuden bewirtschaften. Um überhaupt Ortsaktionen zu tätigen, müsst ihr entweder neutrale oder eigene Gebäude aufsuchen. Auf Gebäuden anderer Spieler dürft ihr nur kleine Aktionen, sogenannte Hilfsaktionen, durchführen. Es sollte also in eurem Interesse sein, möglichst oft eigene oder neutrale Gebäude aufzusuchen.

Die Möglichkeiten, die sich für euch ergeben, sind sehr breit gestreut. An vielen Orten könnt ihr sogar gleich mehrere Aktionen durchführen. Sie bringen euch Bargeld ein, manchmal in Abhängigkeit von bestimmten Gegebenheiten, gewähren euch Zugriff auf den Rindermarkt, lassen den Viehtreiber zusätzliche Felder ziehen und und und… So mancher Brettspiel-Neuling mag damit überfordert sein, Fans von strategischen Spielen werden sich dafür umso mehr darüber freuen.

Mit dem Zug in den Westen

Einige Gebäude nehmen auch Einfluss auf die Zugstrecke. Zugstrecke? Ganz genau! Sobald ihr das Vieh mühsam nach Kansas City getrieben habt, müssen die Tiere per Zug weiter in den Wilden Westen geschafft werden. Deshalb gibt es im Spiel auch noch eine Zugstrecke, die ihr natürlich ebenfalls noch in eure Überlegungen mit einbeziehen müsst.

Möglicherweise fallen für den Transport der Rinder noch weitere Kosten an. Dies hängt davon ab, wie weit eure eigene Lok schon auf der Zugstrecke nach vorne geeilt ist. Durch bestimmte Aktionen könnt ihr eure Lok auf der Zugstrecke von vorne bewegen. Alle Bahnhöfe, die in Fahrtrichtung hinter eurer Lok liegen, können ohne Aufpreis angefahren werden. Ansonsten werden Transportkosten fällig.

Doch auch die westlichen Städte selbst haben, wie könnte es anders sein, eine zusätzliche Relevanz im Spiel. Immer wenn ihr eine Viehherde in Kansas City abgeliefert habt, nehmt ihr einen Marker von eurem Spielertableau und legt ihn auf eine Stadt. Durch das Entfernen des Markers schaltet ihr automatisch eine neue Fähigkeit für euch frei, die ihr ab sofort einsetzen könnt. In den West-Metropolen bekommt ihr für das Legen des Markers ebenso eine Belohnung. Auf diese Art und Weise könnt ihr beispielsweise auch das Handkartenlimit erhöhen.

Das Vieh zu Geld machen

Für euren Erfolg ist natürlich auch entscheidend, welche Rinder ihr letztlich in Kansas City abliefert. Dazu legt ihr nach Ankunft eure Handkarten offen. Diese Rinder liefert ihr jetzt zum Transport in den Westen ab. Ihr errechnet schnell den Zuchtwert der Herde, der sich aus den unterschiedlichen Rinderarten ergibt und für den es dann auch endlich das redlich verdiente Geld gibt.

Bis es soweit ist, vergeht jedoch schon ein wenig Zeit. Der Weg ist lang und beschwerlich, da sich dort nicht nur die Annehmlichkeiten der Gebäude befinden, sondern auch so manches Hindernis. Gefahrenstellen oder auch Indianerdörfer könnt ihr nämlich nur gegen einen gewissen Obolus passieren. Natürlich ist es auch möglich, diese genannten Stellen zu beseitigen und dafür Siegpunkte zu sammeln.

Ein Spiel für lange Abende

In einem Spiel werdet ihr den Weg von Texas bis nach Kansas City etwa fünfmal hinter euch bringen. Das Ende der Partie ist mit dem Arbeitermarkt verknüpft. Jeder der drei Arbeitertypen Cowboy, Handwerker und Ingenieure bringt euch diverse Vorteile im Spiel. Cowboys helfen euch etwa beim Kauf von Vieh auf dem Markt, während ihr die Handwerker natürlich zum Bau von Gebäuden benötigt.

Sobald das letzte Feld des Arbeitsmarkts mit einem Plättchen belegt wurde, wird das Ende des Spiels eingeläutet. Der aktive Spieler beendet noch seinen Zug und seine Mitspieler dürfen nun ebenfalls noch eine volle Runde spielen. Erst dann geht es in die Endwertung, in der alle erworbenen Siegpunkte addiert werden. Siegpunkte gibt es für viele unterschiedliche Errungenschaften. Gewertet werden die Rinder in eurem Deck, euer Barvermögen, sowie gesammelte Gefahrenplättchen oder auch erfüllte Aufträge. Für eine Partie müsst ihr rund zwei Stunden einplanen. Die erste Auflage von Great Western Trail ist bereits vergriffen. Mittlerweile sollte das Spiel aber wieder in den Läden zum Preis von etwa 40€ zu finden sein.

Mechaniken greifen gut in einander
Thema gut umgesetzt
taktisch anspruchsvoll
braucht Einarbeitungszeit

Sebastian Hamers

Great Western Trail ist kein Leichtgewicht. Es bedarf schon einer guten Einarbeitung, bevor ihr mit allen Feinheiten des Spiels vertraut seid. Rechnet damit, dass die erste Partie vielleicht noch etwas holprig ausfällt. Doch spätestens danach entfaltet Great Western Trail sein volles Potenzial. Es gibt so viele Möglichkeiten, um an Siegpunkte zu gelangen und somit seine Rivalen zu übertrumpfen. Der Mix der Mechaniken ist gut aufeinander abgestimmt und wirkt keinesfalls wild zusammengewürfelt. Auch das Wild-West-Thema wurde gut eingefangen, selbst wenn die klassischen Schussgefechte und Kneipenprügeleien keinen Weg ins Spiel gefunden haben. Unter dem Strich ist Great Western Trail ein exzellentes Brettspiel für Vielspieler, das für viele taktisch anspruchsvolle Abende garantiert.
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