Test: Last Day Of June

Carl & June an ihrem Lieblingsort.

Emotionale Videospiele mit ernsthaften Themen erfreuen sich in der Spielegemeinschaft einer wachsenden Beliebtheit, sind jedoch größtenteils im Nischenbereich anzutreffen. Einer solchen Sparte ist auch „Last Day Of June“ zuzuordnen. In nachfolgendem Test verraten wir euch, was dieses Spiel so besonders macht und warum es eine Chance verdient hat.

Die Liebe und der Tod. Im Leben gibt es wohl keine größeren, schicksalhafteren und endgültigeren Emotionen als diese. Vermutlich weil beides für den Menschen meist plötzlich und unerwartet kommt und schwer zu begreifen ist, hat sich das italienische Entwicklerstudio Ovosonico in ihrem erst zweiten Videospiel einer solchen Thematik gewidmet.

Eine bittersüße Liebesgeschichte.

Im Mittelpunkt von Last Day of June stehen der bebrillte Carl und seine titelgebende Freundin June. Trotz einer gemeinsamen schweren Vergangenheit führen die beiden eine glückliche Beziehung in einem winzigen Dorf mit gerade einmal vier anderen Nachbarn. June ist Künstlerin und Carl versucht sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Lachen zu bringen.

Das Spiel startet an einem sich dem Ende neigenden, spätsommerlichen Tag. June und Carl haben den Tag an ihrem Lieblingsort, einem Steg an einem See verbracht. Auch wenn Carl es nicht ahnt, ist es ein besonderer Tag, denn seine June möchte ihm ein Geschenk übergeben. Ein aufziehendes Sommergewitter macht den beiden jedoch einen Strich durch die Rechnung und sie müssen ihren Platz abbrechen und zum Auto zurückkehren. Carl wird das Geschenk einfach zu Haus öffnen.

Doch dazu kommt es nicht. Nur wenige hundert Meter vom gemeinsamen Haus entfernt stirb June, als das Auto von der Straße abkommt – Ein Unfall, eine Verkettung unglücklicher Umstände, ausgelöst von den anderen Dorfbewohnern. Und Carl? Carl bleibt allein zurück.

Der See. June ist fort…

Wie weit würdest du gehen?

Das Vergangene ist endgültig und kann nicht verändert werden. Genau damit will sich ein vom Schicksal gezeichneter Carl nicht abfinden. An den Rollstuhl gefesselt, will er das Geschehene ungeschehen machen, die Vergangenheit ändern. Hierfür kommen ihm die von June gezeichneten Gemälde der übrigen Dorfbewohner zur Hilfe. Wie durch Portale kann Carl durch Berühren der einzelnen Bilder in die Haut der Nachbarn schlüpfen und deren Taten an jenem schicksalhaften Tag verändern.

Jeder der übrigen Dorfbewohner hat an diesem sommerlichen Tag etwas getan, das in direkter Verbindung mit dem Unfall steht oder diesen sogar ausgelöst hat. Der kleine Junge ist seinem Ball nach unachtsam auf die Straße gerannt, der Jäger hat versehentlich einen Steinschlag ausgelöst und die Dame hat versäumt, beim Umzug ihre Kartons am Fahrzeug zu befestigen. Das Auto von June & Carl hat also auf jedenfall seinen Unfall, auf die eine oder andere Art.

Nach bester Und täglich Grüßt das Murmeltier-Manier obliegt es euch, diesen einen Tag im Körper unterschiedlicher Charaktere wieder und wieder zu durchleben und die gemachten Fehler zu verhindern. Ihr wisst wie es zu dem Unfall gekommen ist und müsst durch Knobeln und Ausprobieren eine passende Lösung finden. So müsst Ihr verhindern, dass der Fußball des kleinen Jungen beim Spielen auf die Straße rollt. Findet eine Lösung wie die Dame bei ihrem Umzug die Kartons auf dem Auto sicher befestigen kann. Und vermeidet es, dass der Jäger versehentlich einen Steinschlag auslöst. Das Spiel selbst gibt euch keine konkreten Hinweise, es kann lediglich nachgesehen werden, wie viele Entscheidungsmöglichkeiten es pro Charakter gibt – wovon jedoch nur eine einzige dazu führt, dass June nicht stirbt.

Die magischen Gemälde, mit denen Carl die Vergangenheit ändern will.

Fader Beigeschmack ist, dass man nach Wahl einer Entscheidung die komplette Szene über den Augenblick des Unfalles ansehen muss, welche je nach Charakter variiert. Wenn die Entscheidung richtig war, ist es interessant zu sehen, was als nächstes passiert, da die meisten zuvor gefällten Entscheidungen jedoch falsch sind, wird euch immer wieder die Sequenz vom Unfall gezeigt. Dieses nicht überspringbare Video ist nach dem zweiten mal nicht nur unglaublich nervig, sondern sorgt auch dafür, dass dieser für die Handlung eigentlich so wichtige Moment an Wirkung verliert.

In klassischer Third-Person-Optik könnt Ihr euch durch die übersichtliche Spielwelt des kleinen Dorfes bewegen. Die leicht träge Steuerung ist bei allen Protagonisten weitestgehend gleich und zeigt auch beim Auto- oder Rollstuhlfahren keinerlei Veränderung. Die einzelnen Figuren haben unterschiedliche Fähigkeiten, so kann der Junge mit seinem Fussball für die anderen Charaktere im Weg stehende Blumentöpfe umwerfen. Dafür können die anderen für den Jungen unzugängliche, schwere Türen öffnen. Leuchtende Objekte zeigen euch an, dass Ihr mit ihnen interagieren könnt, dies erspart euch viel Sucherei. Denn mit dem Herumlaufen und Ausprobieren, wo welches Objekt am besten einzusetzen ist, werdet Ihr noch genug Zeit verbringen. Durch das Einsammeln von insgesamt 20 Erinnerungen könnt Ihr die Einwohner besser kennenlernen und mehr über deren Vergangenheit und Beweggründe erfahren.

Fürs Auge und Herz.

Das Creativteam von Ovosonico dürfte beim Figurendesign von niemand anderem als Regisseur Tim Burton inspiriert worden sein. Erinnern die Charaktere mit ihrem dünnen Körpern und großen Köpfen doch sehr an die aus Filmen wie Nightmare Before Christmas oder Frankenweenie. Kein Wunder, hat sich an dem Spiel doch auch Animatorin Jess Cope beteiligt, welche schon bei letzterem Film mitgewirkt hat.

Was die Figuren in Last Day of June allerdings besonders macht, ist die Tatsache das die Münder fehlen und anstatt der Augen lediglich Ausbuchtungen vorhanden sind. Das macht die Figuren designtechnisch zwar interessant , lässt sie jedoch genauso creepy wirken. Hinzu kommt, dass das Spiel über keine Sprachausgabe verfügt, sondern sich die Charaktere über eine unverständliche Sprache austauschen, zu Vergleichen mit der von Mr. Bean. Ihr könnt also die Emotionen nicht anhand von Gesichtsausdrücken oder Gesprächen abrufen, sondern diese lediglich durch die Körpersprache und Körperhaltung der Charaktere erahnen.

Das ganze Dorf: Alle Bewohner versammelt.

Optisch kann der Titel auf den ersten Blick mit einer farbenfrohen, teils wie mit Aquarell gezeichnet wirkenden 3-D Grafik punkten. Doch sobald Ihr einen zweiten Blick riskiert, wird euch auffallen, dass dichte Objekte noch immer so unscharf aussehen wie zuvor noch aus der Ferne. Diese vorab durch den Entwickler gepriesene künstlerische Innovation sieht zwar schick aus, dennoch wird Euch hin und wieder das Gefühl beschleichen, irgendetwas stimme nicht mit euren Augen oder dem Fernseher.

Ein fantastischer Soundtrack wird euch vollständig in das emotionale Abenteuer eintauchen lassen und euch mit dramatischen Tönen und Effekten mitteilen, dass es sich um einen wichtigen Moment handelt oder ihr einfach eine falsche Endscheidung getroffen habt und June erneut stirbt.

Emotionale Handlung
Knifflige Rätsel
Schöner Soundtrack
Nicht überspringbare Szenen
Steuerung könnte feiner sein
Charakterdesign gewöhnungsbedürftig

Phillip R.

Last Day of June hat überzeugt! Das Charakterdesign mag gewöhnungsbedürftig sein und das eigentliche Gameplay nicht all zu anspruchsvoll. Die tiefgehende Handlung und komplexen Lösungswege gleichen dies jedoch wieder aus. Emotional liefert das Spiel von der ersten Minute bis zur Post-Creditszene vollkommen ab. Bei einem Preisleistungsverhältnis von 3-4 Stundenspielzeit und gerade einmal 20,- € Anschaffungspreis sollte jeder einmal in diesen Titel reingeschaut haben.
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