Test: Little Nightmares

„I’m singing in the rain,“ ist so das Erste, was uns bei dem gelben Regenmantel eingefallen ist. So strahlend, so fröhlich wirkend. Tanzend springt ihr durch den Regen und die Tropfen spielen eine Melodie auf eurem Mantel.

Aber das ist falsch. In Little Nightmares geht es nur regnerisch zu, auf keinen Fall fröhlich. Kein Tanzen, ihr könnt nur weglaufen. Keine Melodien, sondern schaurige Geräusche. Little Nightmares lässt alles zum Leben erwachen, wovor ihr euch als Kind gefürchtet habt. Und vielleicht auch immer noch fürchtet.

Six wacht in einem Koffer auf

Six wacht in einem Koffer auf

Es“CAPE“ing in the Rain

Ihr schlüpft in die Rolle des neunjährigen Mädchen Six und wacht in einem dunklen Raum auf. So beginnen schon einmal die meisten Alpträume. Alles, was ihr besitzt, ist euer Regencape und ein kleines Feuerzeug, was euch ein wenig Licht verschafft. Barfuß schleicht ihr auf dem metallischen und nassen Boden durchs Dunkel auf der Suche. Aber nach was sucht ihr eigentlich? Dem Licht am Ende des Tunnels? Nach Hilfe? Oder einfach nur, nach dem Weg aus dem Alptraum heraus?

So ganz wird es nicht eindeutig, was eure Aufgabe ist. Sicher ist nur, ihr müsst da raus. Die Räume schwanken, was darauf vermuten lässt, dass ihr auf einem Schiff gefangen seid. Der Ort an sich trägt den Namen Schlund. Das Licht ist knapp und kleine, ekelhafte Blutegel wollen euch das Leben aussaugen. Es gibt sicherlich schönere Kreuzfahrten als diese. Über lange Treppen und dunkle Korridore klettert ihr an verschiedenen Dingen hoch, immer auf der Suche nach dem nächsten Ausweg. Dabei müsst ihr oftmals kleine Aufgaben lösen, um den nächsten Weg aus diesem Gefängnis zu finden.

In der Dunkelheit lauern noch dunklere Schatten

In der Dunkelheit lauern noch dunklere Schatten

Unterwegs trefft ihr kleine, koboldartige Wichte, die ebenfalls auf der Flucht sind. Zwar fliehen sie auch vor euch, aber mit einem festen Drückerchen merken die kleinen Kerle, dass ihr eigentlich nichts Böses im Schilde führt. Aber mehr als eine stilistische Rolle spielen diese auch nicht. Sie sind eher was für den Trophäensammler unter euch. Im Plot tauchen sie aber zumindest noch wieder auf. Dafür müsst ihr sie aber nicht zwingend sammeln. Spoiler gibt es hier natürlich nicht, keine Angst.

Hausmeister Krause mit neuer Anstellung

Auf eurer weiteren Reise trefft ihr noch viele unheimliche Gestalten, vor denen ihr euch immer wieder verstecken müsst. Sei es eine Art Auge der Medusa, das euch nicht erspähen darf oder langarmige Mumiengestalten, die euch auch aus der letzten Ecke noch rauszerren wollen. Hier gilt es also zu schleichen und noch mehr zu schleichen. Die Hausmeistermumie mag zwar blind wie ein Maulwurf sein, hat aber ein Gehör wie eine Fledermaus. An anderer Stelle wiederum gilt die kleinen Beinchen in die Hände zu nehmen.

Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein

Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein

Little Nightmares spielt dabei mit euren Ängsten. Das fängt beim Alleinsein an hört bei Weitem nicht bei der Dunkelheit auf. Alles, was in unseren schlimmsten Alpträumen vorkommt, wurde hier verarbeitet. So schlimm sich das anhört umso schöner sieht es auf dem Bildschirm aus, denn der Spross der Tarsier Studios lässt sich nur dank seinem ganz eigenem Grafikstils nur als liebevoll beschreiben. Zusammen mit eurer winzigen Gestalt ergeben sich so verschiedenste kleine Welten, in denen ihr euch zurecht finden müsst. Auf eine spezielle Art und Weise ist dies sehr charmant, wenn auch durchgehend beunruhigend. Als hätte Tim Burton höchstpersönlich ein Videospiel geschaffen, so kommt es uns vor.

Zusätzlich fungiert ein minimalistisch gehaltener Soundtrack perfekt zu der Atmosphäre. Auf Musik wird größtenteils verzichtet, im Vordergrund stehen das Knarzen der Holzdielen oder das Tropfen des Regens. Dadurch solltet ihr euch umso mehr Gedanken darüber machen, wo ihr schnell lang laufen wollt und wo ihr doch eher auf Ninja macht. Auf jeden Fall entsteht ein wirklich besonderes Feeling, was euch in seinen Bann zieht.

Bei dieser Völlerei bleibt euch das Rennen zum Klo wohl nicht erspart

Bei dieser Völlerei bleibt euch das Rennen zum Klo wohl nicht erspart

Springen, Klettern, Greifen – Parkour für kleine Mädchen

Was dem Spiel ebenfalls zu Gute kommt, ist eine einfache Steuerung. Mit dem linken Joystick bewegt ihr euch frei im Raum, mit dem rechten könnt ihr die Kamera etwas verschieben, um ein paar weitere Einblicke des Raumes zu erhalten. Lasst ihr den Stick wieder los, richtet sich die Perspektive wieder normal aus. Zudem könnt ihr in Little Nightmares Springen, ein Feuerzeug benutzen, und schnelllaufen. Darüber hinaus müsst wie erwähnt noch ducken und schleichen, nach Dingen greifen und klettern.

Viel mehr bedarf es für das Spiel aber auch nicht. Beispielsweise müsst ihr euch Gegner nicht besiegen, da diese eh übermächtig sind. Aber auf anderem Wege dürft ihr dann vielleicht doch mal ein wenig den ekelhaften Fieslingen auf die Finger oder Arme hauen.

Euer gelber Mantel scheint den Koch an schmackhafte Bananen zu erinnern

Euer gelber Mantel scheint den Koch an schmackhafte Bananen zu erinnern

Solltet ihr es zwischendurch nicht schaffen, vor dem Gourmet-Koch oder den anderen schaurig schönen Gestalten zu entkommen, werdet ihr zum letzten Checkpoint zurückgesetzt. Diese befinden sich in der Regel am Anfang eines Raumes oder an kleinen Laternen, die ihr auf eurer Reise entzünden könnt.

Die Herausforderungen an euch sind bei Little Nightmares wirklich abwechslungsreich, auch was das Tempo angeht. Ihr werdet immer wieder vor andere Rätseln gestellt und müsst euch eure Umgebung gut anschauen und erkunden, wo ihr raufklettern, etwas verschieben oder öffnen könnt. Ein perfekter Wechsel zwischen Weglaufen und Verstecken lässt keine Langeweile aufkommen, bietet aber auch Verschnaufpausen für euch. Eine spezielle Mechanik sind noch die Hungerattacken, die euch fast zugrunde richten. Aber keine Angst, in der Nähe findet ihr immer etwas zum Essen in solchen Momenten. Ihr fragt euch vielleicht, was dies eigentlich soll, aber im weiteren Verlauf werdet ihr merken, dass sich dahinter ein ganz spezielles Stilmittel versteckt. Aber wie versprochen, werden wir euch nicht spoilern.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den schönsten Regenmantel im Land?

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den schönsten Regenmantel im Land?

Ein dunkles Ende

Am Ende erwartet euch noch ein kleiner Showdown mit der Dame, die wir ganz am Anfang im sehr kurzen Eröffnungsvideo gesehen haben. Was zu erst wie ein Traum aussah, scheint also die bittere Realität zu sein. Ob sie euch auf das Schiff verschleppt hat und wer genau sie ist, erfahrt ihr bis dahin nicht. Es steh aber fest, dass auch sie euch nichts Gutes will. Hier heißt es dann, eurer Angst in die Augen zu schauen.

Das Ende, so viel sei gesagt, lässt uns dann doch etwas verwirrt zurück. So ein bisschen fiel uns die Kinnlade herunter, bei dem, was dann dort passierte. Hier gilt es für euch selbst, eure philosophischen Schlüsse zu ziehen. Franz Kafka wäre aber sicherlich stolz auf die Entwickler von Tarsier Studios gewesen. Vielleicht könnt ihr die Geschichte ja mal euren Deutsch- oder Philosophielehrern zum Interpretieren vorstellen.

Spannende Entdeckungsreise...
Sehr schöne grafische Darstellung
Atmosphärische Klangkulisse
Sehr gute Steuerung
Abwechslungsreiche Level
Herausfordernde, kreative Rätsel
Ende, was zum Nachdenken anregt
...mit sehr versteckter Story
Philosophischer Ansatz vielleicht nicht für jeden
Stellenweise doch leicht durchschaubar

Philipp

"What the duck?" Das Ende von Little Nightmares ließ mich dann doch etwas fragend zurück. Was genau hab ich da gerade durchgespielt? So richtig will es mir auch immer noch nicht klar werden, was nun die Story des Spiels war. Als kleines Mädchen versuche ich den alles verschlingenden Schlund zu entkommen. Aber warum bin ich eigentlich dort und warum erinnert das Ganze an eine Kreuzfahrt auf der M.S. Stephen King? Was ich aber weiß, ist die Tatsache, dass mich das Spiel richtig an Bord gezogen hat. Ich wollte unbedingt aus dieser Hölle raus und dem kleinen Mädchen helfen. Also spielte ich Little Nightmares fast in einem Ruck durch. Eine Spielzeit von fünf bis sechs Stunden ist bei dem Preis auch in Ordnung. Die grafische Darstellung, die atmosphärischen Geräusche und die individuellen Figuren sorgen für ein fast einmaliges Spielerlebnis, was ich jedem empfehlen kann, der ein kleines Spiel für nebenbei sucht oder raus muss aus dem MMO- und RPG-Wahnsinn da draußen.
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