Test: Minecraft – Story Mode Staffel 2, Episode 1 – Hero in Residence

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Es gibt Videospiele, bei denen man auf den ersten Blick erahnen kann, ob sie in die Kategorie „Hat mein Leben verändert“ fallen oder doch eher das Qualitätsmerkmal „Uwe Boll-Film“ tragen. Und dann gibt es Telltale Games. Die Franchise-Geschichtenerzähler haben in der Vergangenheit eine ganze Reihe wunderbarer Graphic Adventures geschaffen, aber von Zeit zu Zeit auch zum Sterben langweilige Point-and click-Quälereien auf den Markt geworfen. Seit dem 10. Juli flimmert die zweite Staffel von Minecraft: Story Mode über die Bildschirme und wir haben uns die erste Episode des Klötzchen-Abenteuers einmal ganz genau für euch angeschaut.

Adieu Verpflichtungen – Auf ins Abenteuer

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Die Zahl der eckigen Charaktere in Minecraft ist begrenzt und so schlüpfen wir wie bereits in der ersten Staffel des Mojang-Telltale-Mashups wieder in die Rolle von Jesse. Natürlich haben wir anfangs die Wahl, ob wir den Fortschritt aus dem Erstling zu übernehmen oder uns einen brandneuen Jesse basteln. Aus jeweils drei weiblichen und männlichen Presets suchen wir uns den Charakter heraus, der am ehesten zu uns passt. Von dieser Entscheidung hängt nicht nur der Look des Hauptcharakters ab, sondern auch seine Synchronstimme (Patton Oswald/ Catherine Taber).

Nach seinem Sieg über den Wither Storm und der Gründung von Beacontown ist Jesse ganz und gar mit seinen Verpflichtungen als Hero in Residence beschäftigt. Unter den Vorbereitungen für das lang ersehnte Gründefest begraben, kommt er kaum dazu, sich seinen Freunden und Mitstreitern Olivia, Axel, Lukas und Petra zu widmen und sich gemeinsam in neue Gefahren zu stürzen.Test Minecraft - Story Mode Staffel 2, Episode 1 – Hero in Residence7

Erst eine gemeinsame Schatzsuche mit der Abenteuer-hungrigen Petra reißt die beiden aus ihrem tristen Alltag und verspricht eine weitere Expedition ins Unbekannte. Direkt unter der blühenden Metropole Beacontown finden die beiden nämlich nicht nur ein verschollenes Lama, sondern auch eine mysteriöse, Monster-spuckende Grube und einen glühenden Handschuh, der Jesse bei der ersten Berührung prompt an der Hand festwächst.

Um beides wieder loszuwerden, schließen Petra und Jesse sich mit einer illustren Truppe neuer Kameraden zusammen und begeben sich auf die Suche nach einem sagenumwobenen Unterwassertempel und dem mächtigen Konstruktionsblock. Wie es sich für ein amtliches Abenteuer gehört, stellt sich ihnen natürlich auch dieses Mal wieder eine dunkle Präsenz in den Weg.

Langer Anlauf für einen kurzen Sprung

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Soviel vorab: Mit einer Spielzeit von rund 90 Minuten gehört Hero in Residence nicht nur zu den kürzesten Abenteuern des Minecraft-Ablegers, sondern des gesamten Telltale-Universums. Betrüblich ist in diesem Zusammenhang vor allem die Tatsache, dass sich die erste Episode enorm viel Anlaufzeit lässt. Nach ewig langen Sequenzen in Beacontown, die zeigen, wie beliebt Jesse nach seinem ersten Abenteuer doch geworden ist und wer sich so alles in der Stadt tummelt, wird unser Held erst nach rund 30 Minuten mit dem eigentlichen Aufhänger der Staffel konfrontiert: Dem mystischen Handschuh.

Die folgenden 60 Minuten nehmen glücklicherweise etwas an Fahrt auf und so entsteht schnell eine interessante Abenteuer-Geschichte rund um Jesse, Petra und zwei kuriose Schatzjäger. Die neuen Charaktere sind toll geschrieben, Synchronstimmen hervorragend umgesetzt und es wird permanent ein exotisches Minecraft-Feeling vermittelt. Die Soundkulisse allerdings will nicht so recht zu dem passen, was auf dem Bildschirm gerade passiert. Kleines Beispiel: An manchen Stellen setzt völlig willkürlich die Kampfmusik ein, obwohl die Heldentruppe gerade erst auf einer einsamen Insel angekommen sind.

Viel Telltale mit wenig Minecraft

In klassischer Telltale-Manier steuern wir Jesse per Point-and-Click und arbeiten sukzessive die wenigen interaktiven Schauplätze ab. Im Vergleich zu Tales of the Borderlands oder Wolf among us bietet Minecraft: Story Mode jedoch einen Ticken mehr spielerische Freiheit. Wir haben die PC-Version getestet und so können wir uns beispielsweise relativ frei mithilfe von WASD in Beacontown und anderen Städten umsehen.

Hinzu kommt ein simples Crafting-Feature, das leider nur drei Mal im Verlauf der ersten Episode Anwendung findet. Abseits von einer kleinen Baueinlage zum Start des Abenteuers werdet ihr die Minecraft-Sandbox leider schwerlich vermissen. Die üblichen Quick-Time-Events komplettieren das Bild eines Point-and-Click mit Storyfokus. Wem das in puncto Gameplay schon in der Vergangenheit sauer aufgestoßen ist, der wird auch mit Hero in Residence nicht glücklich werden.

Die Grafik wurde selbstverständlich auch in der zweiten Staffel wieder eins zu eins aus Minecraft übernommen und weiß zu begeistern. Auch wenn die Engine im ersten Moment nicht allzu viele Details hergeben sollte, erkennt man deutlich die Liebe zum Detail, welche die Macher an den Tag legen. Auch die Gestik und Mimik der Figuren sorgt hier für die ein oder andere Überraschung. Wer hätte gedacht, dass ein Haufen simpler Klötzchen eine solche Vielfalt an Gesichtsausdrücken darstellen kann?

Kaum Emotion trotz Ecken und Kanten

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Zu einem guten Telltale-Spiel gehören natürlich auch die schwerwiegenden Entscheidungen, die ihr treffen müsst. Und diese gibt es in der ersten Episode zuhauf. Wie geht ihr mit der streitlustigen Petra um? Wer soll in eurer Abwesenheit die Geschicke von Beacontown lenken? Wie verhält man sich in Anwesenheit eines legendären Schatzsuchers? All dies sind Fragen, mit denen euch das Spiel regelmäßig konfrontiert. Eure Antworten decken dabei das ganze Spektrum an Gefühlsregungen ab. Von naiven Rückfragen bis hin zu sarkastischen Sticheleien ist alles dabei. Wenn ihr einmal nichts zu sagen habt, bleibt euch am Ende immer die Option, zu schweigen.

Hier muss sich Minecraft: Story Mode mit der Telltale-Serie zu The Walking Dead messen, die gemeinhin als emotionaler Höhepunkt des Universums gilt. Trotz seiner Ecken und Kanten schafft es Hero in Residence leider nicht, den Funken überspringen zu lassen. Wie in aktuellen Marvel-Produktionen hat man schlichtweg nie das Gefühl, dass einer der Charaktere ernsthaft in Gefahr schwebt oder das Abenteuer mit emotionalen Konsequenzen im Gepäck verlässt.

Betrachtet man die erste Episode jedoch mehr als kurzweilige Sitcom denn als Dramaserie, lässt sich sicher ein Auge zudrücken. Wir hoffen auf Besserung in den kommenden vier Episoden.

Witzige neue Charaktere
Exotische Minecraft-Welt
Spannende Geschichte
Viele Entscheidungen
Minecraft-Konzept nur halbherzig umgesetzt
Kaum spielerische Herausforderungen
Wenig emotionaler Tiefgang
Lächerlicher Umfang

Christian Böttcher

Die ersten 90 Minuten mit der zweiten Staffel von Minecraft: Story Mode waren ohne Zweifel unterhaltsam. Die neuen Charaktere machen einiges her und versprechen für die kommenden Episoden jede Menge Witz und gute Laune. Auch wenn viele Minecraft-Elemente nur halbherzig unter der Telltale-Schablone hervorblitzen, weiß die exotische Spielwelt zu überzeugen. Wer eine kurzweilige spielbare Sitcom einer emotionalen Drama-Serie vorzieht, wird mit der ersten Episode eine Menge Spaß haben: In puncto Spielumfang und Pacing muss Telltale mit den kommenden Episoden jedoch einiges nachlegen.
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