Test: Need for Speed Payback

need for speed payback

Die kalte Jahreszeit endet schneller, als sie begonnen hat, denn jetzt wird es wieder richtig heiß. Polizeisirenen im Nacken, während man mit 250 km/h über die Autobahn rast. Quietschende Reifen und pures Adrenalin. All dies und mehr macht Need For Speed zu dem, was es ist. Wir haben den neuen Ableger des Arcade-Race Franchise in unsere Redaktions-Werkstatt geschoben und geschaut, was das Game wirklich unter der Motorhaube hat.

Dynamisches Trio im Temporausch

In Need For Speed Payback seid ihr kein Einzelkämpfer, sondern besitzt ein Trio aus drei spielbaren Charakteren. Tyler Morgan (The Racer), Mac (The Showman),  Jess (The Wheelman) und ihr Ingeneur Rev bilden eine Crew, die nicht zu unterschätzen ist. Die Gruppe betreibt Street Racing in dem zentralen Handlungsort Fortune Valley und erledigt nebenbei nicht ganz so legale Jobs. Als einer dieser Jobs durch einen Verrat einer Kontaktperson jedoch komplett schief geht, wird Rev schwer verletzt und die Ware ist geklaut. Nun hat Tyler, der Kopf der Crew nur noch eine Option, um nicht in den Knast zu kommen. Er schließt sich einem Casino Betreiber und Glücksspieler namens The Gambler an und arbeitet für diesen, als Gegenzug dafür, dass in dem geplatzten Coup sein teurer Rennschlitten verschwunden ist. Daraufhin trennt sich die Crew. 6 Monate später beginnt für euch dann die aktive Handlung des Spiels.

Denn Tyler merkt, dass ihn das Street Racing nicht loslässt und fährt so gegen den Willen seines Chefs ein illegales Rennen. Dieses wird,wie er erfährt, von der Verräterin,die nicht nur einen seiner Freunde verletzt, sondern auch seine Crew auseinander gebracht hat, geschoben – alles im Auftrag von „dem House“. Das House ist ein mächtiges Kartell, welches die Casinos, Polizei und Kriminellen der Stadt kontrolliert und unter anderem auch durch „gefixte“ Rennen sein Geld verdient.

Das Rennen gewinnt er und verärgert so nicht nur die Verräterin Navarro, sondern besonders das Haus. Als er anschließend Zuhause ankommt, fliegt zu allem Überdruss auch noch sein eigenes Haus in die Luft und der aufbrausende Racer beschließt, dass es ihm nun endgültig reicht. Die alte Crew muss zusammengeführt werden, ein Kampf gegen das House beginnt. Währenddessen versucht ihr Verbündete zu finden und eure Wagen immer weiter zu verbessern, um am größten Rennen der Umgebung, dem Outlaws Rush, teilzunehmen und zu verhindern, dass das House  auch dort den Ausgang fixt.

Need for Speed Payback Test Bild 1

Die Verfolgungsjagden mit ihren zahlreichen Explosionen besitzen einen leichten Hauch zu Dramatik.

Jeder bekommt ein Stück von der Torte

Nachdem man zu Beginn denken könnte, dass man sich eigentlich nur mit Tyler in der Rennen stürzt, wird man nach wenigen Missionen eines besseren belehrt. Die Beinamen der Charaktere haben die Entwickler nämlich nicht umsonst gewählt. Tyler „The Racer“ ist nämlich sowas wie der Casual Driver und begleitet euch in den Rennen, wie man sie schon seit Jahrzehnten kennt. Auch in Speed-Races und Drag-Races ist der Tempojunkie ein Spezialist.

Wenn es dann aber kunstvoll zugeht, spielt man mit Mac „The Showman“. Man hat das Gefühl, dass der junge Brite eins mit dem Wagen wird, wenn er die Offroad Strecken fährt. Auch beim Driften ist der Automobilzauberer ein Genie und holt aus jeder Kurve das Maximum. Kommt es jedoch zu Verfolgungsjagden, fahrt ihr diese mit Jess „The Wheelman“, die mit Erfahrung und Nerven aus Stahl jeden Verfolger abschüttelt. Die ehemalige Polizistin hat ihre Jobs schneller erledigt, als ihre Verfolger „Fluchtwagen“ buchstabieren können.

Need for Speed Payback Test Bild 2

Zwischensequenzen zeigen die Crew bei der Besprechung vor ihren Aufträgen.

Wer eine wirklich tiefgründige, gut durchdachte Story erwartet, wird leider wie bei den Vorgängern enttäuscht. Die Story dient als Mittel zum Zweck, um gewissermaßen einen Bezug zur Umgebung und den Charakteren zu gewinnen, was unglücklicherweise ebenfalls scheitert. Die Charaktere nerven einen teilweise schon fast mehr, als dass man sie liebgewinnt, weswegen man froh ist, dass die Story durch viele Rennen übermäßig gestreckt wird.

Zahlreiche Möglichkeiten

Vielfältigkeit gibt es nicht nur bei den Charakteren, auch die Karte hat mehr zu bieten als man denkt. Unglücklich als „Open World“ betitelt, ist es leider eine Schwäche der neuen Map, dass sie gerade das nicht ist. Fährt man an einem Canyon etwas abseits der Straße, ist man schon „runtergefallen“und wird an den Punkt gesetzt, an dem man vorher war. Dass Need For Speed kein GTA ist, war im Vorhinein klar, jedoch kann man dies zumindest als kleine Schwäche sehen. Doch abgesehen davon ist ziemlich viel los in Fortune Valley und Umgebung. Denn wenn neben den zig‘ verschiedenen Renntypen Langeweile aufkommt, könnt ihr euch natürlich auch noch anders beschäftigen.

Need for Speed Test Bild 4

Die weitläufige Karte birgt viele Neuerungen

So gibt es auf der Straße verschiedene Challenges. Diese werden beim Durchfahren eines grünen Tores gestartet und durch ein identisch aussehendes Tor wieder beendet. Im Raum dazwischen bekommt ihr manchmal die Aufgabe, eine bestimmte Geschwindigkeit zu erreichen. Bei anderen hingegen müsst ihr Driftpunkte sammeln. All dies gibt euch zusätzliche Erfahrungspunkte, die einem sowieso für fast alles hinterhergeworfen werden. Des Weiteren gibt es 19 verschiedene Tankstellen, die nicht nur als Schnellreise-Punkt dienen, sondern scheinbar auch magische Kräfte haben. Durchfährt man sie, sieht euer Auto nach jeder noch so intensiven Verfolgungsjagd aus wie ein Neuwagen. Ob der Neuwagenduft in diesem Paket enthalten ist, blieb uns leider unbekannt.

Ein weiteres nennenswertes Feature sind die Wetten, die nun vor jedem Rennen abgeschlossen werden können. Passend zu dem Casino-Thema bekommt ihr vor jedem Wettkampf, egal welcher Art, eine Challenge. Darunter zum Beispiel „Sei 60 Sekunden lang erster und gewinne das Rennen“ oder „Mache einen 30m Sprung und gewinne das Rennen“. Dazu bekommt ihr eine Quote und könnt immer 700 Münzen setzen. Solltet ihr dann gewinnen, erhaltet ihr nach dem Rennen bei einer 7:1 Quote beispielsweise 4200 Münzen als zusätzlichen Gewinn.

Auch die Wracks dürfen nicht vergessen werden. Denn sobald ihr einen „Boss“-Gegner besiegt habt, verrät er euch die ungefähren Standorte von Wrackteilen. So müsst ihr anhand eines Fotos erkennen, welcher Ort der weitläufigen Karte dort gezeigt wird. Habt ihr diesen gefunden, wartet dort ein Wrackteil auf euch. Sammelt ihr diese zusammen, könnt ihr besondere Racer wieder restaurieren – Eine Schnitzeljagd, die echt Laune macht.

Ihr Paket ist da

Schon im Vorfeld wurde angekündigt, dass das Spiel Mikrotransaktionen beinhalten wird. Große Aufregung bei der Spielergemeinde, die sowieso schon versucht, sich gegen Lootboxen in Vollpreistiteln zu wehren. Bei Need for Speed Payback ist es aber komplett anders, man hat überhaupt keinen Bedarf, extra Geld in das Spiel zu investieren. Die Mikrotransaktionen beschränken sich auf sogenannte „Lieferungen“. Diese werden auch innerhalb des Spiels häufiger gedroppt und enthalten Geld und kosmetische Verbesserungen am Wagen. So kann man Schnickschnack wie grünes Nitro oder eine besondere Lackierung für sein Auto bekommen.

Need for Speed Payback Test Bild 3

Bei der Gestaltung des Wagens habt ihr viele Möglichkeiten.

Etwas wirklich kritisch aus Sicht eines Need for Speed Fans zu beäugendes Thema sind die neuen Tuning-Karten. Anstatt des klassischen Tunings in der Werkstatt, in der man die Teile kauft, die man haben will, bekommt man nun nach jedem Rennen eine zufällige Tuning Karte. Diese verbessern z.B Auspuff, Bremsen, etc. Wie stark dies geschieht, hängt von der Zahl auf der Karte ab, je höher desto besser. Auch bei den Tuning-Händlern kann man im stündlich wechselnden Angebot Karten erwerben. Diese sind meist aber schlechter als die in Rennen erhältlichen. Hier hätte man gerne das altbewährte System nutzen können.

Wenn man hingegen die Auto-Auswahl betrachtet, kann man nicht unbedingt meckern. Nachdem man am Anfang zwischen drei eher billigen Modellen entscheiden darf, kann man sich im späteren Spielverlauf durch Abschließen der Story Missionen so einige heiße Schlitten freischalten. Dies reicht vom Lamborghini über Lotus bis hin zum Koenigsegg. 78 scharfe Karossen warten darauf, von euch entdeckt zu werden. Mit den großen Simulationen Forza und Gran Turismo kann Need for Speed: Payback aber natürlich nicht mithalten, was die Anzahl der Vehikel anbelangt.

Wenn die Einsamkeit einsetzt

Auch, wenn es den meisten Spielern mehr um den Kampagnen-Modus bzw. den Singleplayer-Modus geht, bietet Need For Speed Payback natürlich auch Online Features. Wichtig ist es, dass nicht wie bei manch anderen aktuellen Spielen ein Online Zwang im Einzelspieler herrscht. Dafür gibt es einen Daumen hoch an die Entwickler. Falls ihr dann doch Online seid, gibt es sogenannte Auto-Log Challenges. Bei diesen wird euch vor einem Rennen die Zeit eines anderen Spielers angezeigt. Schlagt ihr sie, bekommt ihr extra Erfahrung und Punkte – Ein nettes, herausforderndes Feature. Natürlich könnt ihr auch Online Rennen fahren, diese sind aber nicht wirklich ausgereift, weshalb man sich lieber auf die Kampagne konzentrieren sollte.

Need for Speed Payback Test Bild 4

Auch ein Tag/Nacht Rhythmus ist vorhanden

Schlussendlich muss man natürlich noch ein Wort zu der Grafik und dem Gameplay verlieren. Unser Test fand mit der Xbox One Version auf der Xbox One X statt. Für diese ist das Spiel laut Verpackung optimiert und müsste demnach in 4k laufen. Dies ist leider nicht der Fall. Darüber hinaus sind auch die Grafikfehler nicht zu knapp. So ist bei Schäden am Wagen die Schattierung auf dem Lack plötzlich verschwommen. Des Weiteren kommt es neben den Reifen während des Fahrens zu schwarz-weißen Punkten, welche dem Schnee bei alten Röhrenfernsehern ähneln. Die Umgebung ist in den Wüstengegenden relativ lieblos gestaltet und könnte auch aus einem 10 Jahre älteren Rennspiel stammen. Mehr Mühe gab man sich dafür bei der Stadt, denn diese ist relativ gut gelungen und ähnelt stark Las Vegas, dem Casino-Mekka in der Wüste Nevadas.

Der Soundtrack des Spiels bringt ein wirklich gutes Feeling rüber und führt damit die Tradition der guten Musik in Need for Speed weiter. Die Wagen schnurren wie bengalische Tiger und verleihen einem das Streetracing Gefühl, wie man es gerne haben möchte. Im Gameplay unterscheidet sich das Spiel nicht besonders zu seinen Vorgängern. Sehr simple Steuerung, also Arcade Racing vom Feinsten, genauso wie man es auch erwartet hat. Unlogische Bremswege, Absurde Beschleunigungen, ein unwirksames Schadens-Modell kommen hinzu. Aber im Endeffekt macht es doch irgendwie Spaß und das ist das, was wirklich zählt.

Anfängerfreundlich
Wett-Challenges und Auto-Log machen Rennen interessanter
Variantenreiche Wagenauswahl
"Suchtfaktor" wie alten NFS-Spielen vorhanden
Wrack-Suchen als gelungener Zeitvertreib
Kein "Open World" wie angekündigt
Nervige, sich wiederholende Sprüche der Charaktere
Tuning-Karten anstatt klassisches Tuning-System

Henri Briese

Dass die Entwickler mit Need For Speed Payback nicht das Rad neu erfinden, war im Vorhinein klar. Jedoch ist es mit dem neuen Ableger gelungen, wenn auch nur teilweise, den Charme der alten Most Wanted-Teile einzufangen. Es macht einfach wieder Spaß, endlose Stunden Rennen zu fahren, um sich seinen Traumwagen zusammen zu basteln. Wenn man die Abstriche berücksichtigt, kann man hier von keinem Knaller, aber einem soliden Arcade-Racer sprechen, der seinem Namen alle Ehre macht.
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