Test: Paper Mario: Color Splash

Eigentlich ist man von Nintendo ja etwas anderes gewohnt als platte Spielwelten und zweidimensionale Charaktere. Bei den Paper Mario Spielen fällt es dann aber doch recht leicht ein oder zwei Augen zuzuknautschen. Kein Wunder, bei einer Reihe die vor Kreativität und bissigem Wortwitz nur so strotzt. Ob sich der neuste Teil Paper Mario: Color Splash ebenfalls als so ein filigranes Origami behaupten kann oder doch eher in die Kategorie lumpiges Pappmaschee gehört?

Paper Mario: Color Splash BannerLausige Poststelle…

Das Postamt des Pilzkönigreichs sollte wirklich höhere Qualitätsstandards in ihren Filialen durchdrücken, kaum hat unser Lieblingsklempner nämlich etwas wohlverdiente Auszeit von seinem letzten Abenteuer, erreicht ihn und Prinzessin Peach ein merkwürdiges Poststück: Ein Toad-förmiger Brief der Mario geradewegs nach Port Prisma führt. Schnell stellt sich heraus, dass nicht auf Papier geschrieben wurde, sondern dass es sich um einen wirklich echten Toad handelte, dem schlicht die Farbe und damit auch die Lebenskraft geklaut wurde und danach ein Dasein als Brief fristen musste. Lebewesen sollten nicht als Standardbrief (nichtmal als Maxibrief) verschickt werden dürfen, auch nicht wenn ihnen die Farbe fehlt!

Was das Farbproblem angeht so ergeht es großen Teilen des Königreichs aber ähnlich, Farbdiebe lauern an jeder Ecke und sind wie versessen auf euer Rosenrot, Ockergelb und Königsblau. Das kann Mario natürlich nicht auf sich sitzen lassen, also schließt er sich kurzerhand mit dem Farbexperten Farbian, einem sprechenden Farbeimer mit Augen, zusammen um den Strippenzieher hinter diesem gewaltigen Farbklau zur Rede zu stellen.Paper Mario: Color Splash Review

Claude M. Moyse wäre stolz

Genau so durchgedreht und verschroben wie sich das nun angehört hat, ist auch der Rest von Paper Mario: Color Splash ausgefallen. Abgefahrene Ideen reichen sich liebevoll die Hand und immer neue Absurditäten stellen sich euch in den Weg. So werdet ihr auf euer Reise an Schnick-Schnack-Schnuck Dojos vorbeikommen, dank eines überdimensionalen Tischventilators perfekte Wellen erzeugen, um einen Toad davon zu überzeugen, dass das Surfen seine einzig wahre Bestimmung ist oder einen Rettungstrupp in die Wege leiten, um einen verschollenen Toad-Rettungstrupp zu retten. Color Splash gönnt euch keine fünf Minuten Langeweile und genau das ist wohl die größte Errungenschaft des Spiels.

Paper Mario: Color Splash ReviewAn dieser Stelle sei ganz besonders die deutsche Lokalisierung des Spiels in den Himmel gelobt. Ohne den spitzfindigen und messerscharfen Humor den die Übersetzung versprüht wäre das Spiel nur halb so gut. Man fühlt sich bei diesen liebevollen und kreativen Übersetzungen direkt an Nintendos Lokalisierungen der 90er zurückerinnert dessen Wortwitzglas ständig überlief und man gar nicht hinterherkam mit dem Trinken.

Viele der schrulligen Gags basieren dabei wie auch in den Vorgängern darauf, dass Color Splash in einem Universum angesiedelt ist, das einzig aus Pappe und Papier besteht. Ganz davon abgesehen, dass dadurch ein unverkennbarer und knuffiger Look entsteht, wird dieser Fakt auch aktiv in das eigentliche Spielgeschehen eingebaut wenn ihr euch beispielsweise nur zur Seite drehen müsst um flach zu werden und durch eine andernfalls unüberwindliche Felsspalte zu schlüpfen. Manche Gegner können euch zum Beispiel auch einfach zerknüllen oder andere fiese Dinge mit eurem Papier-Leib anstellen.

Paper Mario: Color Splash ReviewDie große neue Thematik ist dieses Mal aber, der Titel verrät es bereits, die Farbe. Gleich zu Beginn des Spiels bewaffnet ihr euch mit einem Farbhammer, mit dem ihr jederzeit farblose Stellen in der Landschaft restaurieren und wieder bunt machen könnt. Darunter können auch Gebrauchsgegenstände sein, die ihr mit einem spritzigem Schlag des Hammers wieder zum Einsatz bringen könnt. Natürlich aber nur wenn das der Farbfüllstand erlaubt, nutzt ihr den Hammer nämlich zu oft geht euch irgendwann die Farbe aus und ihr müsst euch etwas Grün aus den Bäumen oder etwas Rot aus nahegelegenen Blumen schlagen. Kein Witz, so funktioniert das nunmal, halt wie im echten Leben. Glücklicherweise sind die Füllstände sehr großzügig bemessen und die Farbe sollte euch eigentlich nie ausgehen.

Sammelkarten-Wirr-Warr

Während Präsentation, Optik und musikalische Untermalung (die übrigens auch einmalig schön ist) von Paper Mario: Color Splash wirklich ihres gleichen suchen hinkt das letztliche Gameplay diesem fulminanten Gesamteindruck leider hinterher. Ärgerlicherweise hat man sich für das Kampfsystem am doch eher bescheidenen Paper Mario: Sticker Star orientiert. Anstatt wie in einem klassischen Rollenspiel verschiedene Aktionen zur Auswahl zu haben, die immer wieder, sollten es die Aktionspunkte erlauben, einsetzbar sind, kämpft man in Paper Mario: Color Splash mit Sammelkarten die nach einmaliger Benutzung verbraucht sind. Diese Karten reichen von klassischen Sprüngen und Hammerschlägen bis hin zu Eisblumen oder gar Koopas die sich eurem Team anschließen.Paper Mario: Color Splash Review

Ab und an findet man sogenannte “Dings“-Karten (Sagte ich bereits, dass die Lokalisierung kaum zu überbieten ist?), bei denen es sich um die einzigen dreidimensionalen Objekte handelt, die in der Paper Mario Welt existieren und die besonders stark und meist relevant für den Spielfortschritt sind. An sich sind die rundenbasierten Kämpfe toll inszeniert, die Sammelkarten bereiten aber leider nur Probleme: Es können nicht mehr als 99 davon getragen werden, schnell verliert ihr den Überblick über eure Sammlung und jeder Kartengebrauch schmerzt das Gamerherz, da man am liebsten alle Karten für den “richtigen Zeitpunkt“ aufsparen würde.

Zudem sind die Auseinandersetzungen sehr leicht geraten, bis auf die imposanten Bosskämpfe und unerwartete “Trial and Error-Passagen“ habe ich nicht einmal im gesamten Spielverlauf das zeitliche gesegnet. Wobei man aus fast allen Kämpfen auch einfach ohne jegliche Konsequenzen flüchten kann, es gibt nicht einmal Erfahrungspunkte für besiegte Schurken. Wozu also noch kämpfen? Alle Pazifisten wird das freuen, der frustrierte Durchschnittsspieler wiederum versucht Kämpfen aber nur aus dem Weg zu gehen um sich etwas Lebenszeit zu sparen. Das ist einfach furchtbar schade und zieht das ansonsten geniale Spiel unnötig nach unten.

Paper Mario: Color Splash Review

Wer hat diesen Farbdieb gesehen?

Wundervoll knuffiger Look
Ein wahres Gagfeuerwerk
Die beste Lokalisierung des Jahres
Liebevolle und kreative Inszenierung
Großer Spaß für Jung und Alt
Wunderschöner Soundtrack
Sehr lange Spielzeit
Shy Guys mit Strohalmen sind die beste Erfindung seit Knäckebrot
Umständliches und dennoch viel zu simples Kampfsystem
Kein Level-System, was die Motivation für Kämpfe im Keim erstickt
Ein wenig zu einfach

Jonas D.

Selten habe ich mich so über ein brillantes Spiel geärgert: Sowohl was die Optik, den Sound und die Präsentation angeht ist Paper Mario: Color Splash eine glatte 10/10. Keine Übertreibung. Naja vielleicht setzt auch die wahnsinnig lustige Lokalisierung meine Sinne außer Gefecht. Fakt ist allerdings, dass das umständliche und dennoch simple Sammelkarten-Kampfsystem das Thema eindeutig verfehlt und den Titel an einer Traumnote vorbei schrammen lässt. Aber davon sollte man sich keinesfalls abschrecken lassen! Nur nochmal zur Erinnerung: In Paper Mario: Color Splash gibt es einen sprechenden Farbeimer namens Farbian. Allein deshalb solltet ihr Color Splash unbedingt spielen.
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