Test: The Franz Kafka Videogame

Test: The Franz Kafka VideogameEin-Mann-Entwickler-Team Denis Galanin hat es auf die ganz großen Literaten abgesehen: Nachdem er uns 2012 mit Hamlet das gleichnamige Werk von William Shakespeare in einem drolligen 2D-Grafikstil und veränderter Story in Point-and-Click-Manier spielen ließ, widmet er sich in seinem neuen Abenteuer dem bedeutendsten Schriftsteller des Surrealismus: Franz Kafka. The Franz Kafka Videogame nimmt sich Kafkas Person und dessen Werke wie Die Verwandlung oder Das Schloss als Inspiration, um ein wahrlich einzigartiges und absurdes Spiel zu erschaffen.

Galanin, auch unter dem Namen mif2000 bekannt, tat sich für The Franz Kafka Videogame mit Daedelic Entertaiment zusammen und brachte das Spiel für den PC und iOS am 6. April heraus. Wir haben uns die PC-Version des Adventure-Spiels angesehen und es auf seine kafkaesken Qualitäten hin untersucht. Hier lest ihr von uns Das Urteil.

Wo bist du nur hineingeraten K.?

Test: The Franz Kafka Videogame

Für seine Verlobte Felice begibt sich K. auf eine seltsame Reise.

Böhmen 1924: Als Psychotherapeut beschäftigt sich Protagonist K. mit Phobien und Depressionen. Die Familie seiner Verlobten Felice sieht den ruhigen K. allerdings als keine passende Wahl an, kann seine Profession nicht einmal eine adäquate Hochzeit finanzieren. Reichlich verzweifelt nimmt K. daher ein mysteriöses Jobangebot der Firma Castlock Corp. wahr, – im Deutschen greift hier das Teekesselchen Schloss (Castle)/Schloss (Lock) – um seine Barschaft zu vergrößern und die schöne Felice zu ehelichen.

Eine unerwartete Hypnose von einem an Fallschirmgurten befestigten Astronauten später, findet sich K. in einem Zug Richtung Amerika wieder. Welch verzwickte, absurde Situation mit der sich der liebe K. da konfrontiert sieht. Anstatt aufzugeben, machen wir uns zusammen mit unserem Hund auf die Reise, auf der wir neben einem weisen Entenwesen auch auf einen Menschen mit übergroßem Taucherhelm und einen Haufen Fernseher in der Wüste treffen. – Nach Normalität darf man hier nicht suchen.

Test: The Franz Kafka Videogame

Briefe und Zeitungsausschnitte erzählen Teile der Geschichte.

Sowohl der Name des Hauptcharakters, welcher uns aus dem Werk Der Prozess mit Protagonisten Josef K. bekannt vorkommt als auch die Geschichte klingen zwar nach dem dem guten Kafka (auch dieser verliebte sich in eine Felice), zu große Ähnlichkeiten mit den mysteriös düsteren Vorlagen darf man allerdings nicht erwarten. Uns erwarten zwar allerlei seltsame Gestalten und eine undurchsichtige Geschichte, bedrohlich oder unheimlich wird es aber nie. Der provokante Name The Franz Kafka Videogame im Titel kann daher wohl eher als eine Hommage angesehen werden. Kafka-Kenner werden öfter schmunzeln müssen, wenn ein bekanntes Thema, eine vertraute Person oder ein abstruses Rätsel auftaucht, wirklich näher bringt uns das Spiel die Inhalte der Werke allerdings nicht. Das Spiel ist – wie Kafkas Werke – anders, verwirrend und zugleich interessant, kann sich mit der Größe seiner Vorlage aber nicht vergleichen.

Etwas enttäuscht hat uns auch das Ende des rund 90 minütigen Titels, welches recht unverhofft um die Ecke kommt und unser gesamtes Erlebnis als Traum bzw. Halluzination enttarnt. Durchaus ein passendes Ende, wir hätten uns aber durch die liebevolle Einführung in das Liebesthema mehr von der Geschichte erhofft.

Eine Prise Surrealismus

Test: The Franz Kafka Videogame

René Magritte lässt grüßen.

Das Spiel besitzt einen wunderbaren Artstil, welcher neben Szenarien und Personen in Anlehnung an Kafkas Werke auch viele surrealistische Elemente präsentiert. So erinnert das Menü an ein Werk von Magritte, Gregor Zamza (Samsa aus Die Verwandlung) begegnet uns als Käfer-Privatdetektiv, wir stehen vor einem großen Tor und werden nicht hindurch gelassen und wir können mit den Frequenzen eines Radios den Ort wechseln.

Wir klicken uns durch insgesamt 34 interaktive Standbilder, welche mal ein Rätsel, mal ein Gespräch oder einen Brief zeigen. Jede Spielsequenz gleicht dabei einer Collage, die uns mit ihren gedeckten Farben und seltsamen Einrichtungen und kleinen Details oftmals an Twin Peaks erinnert. Ist das Rätsel in dem jeweiligen Standbild gelöst, folgt ein Ladebildschirm und wir finden uns in einer neuen seltsamen Umgebung wieder und werden vor ein weiteres Rätsel gesetzt.

Test: The Franz Kafka Videogame

Begleitet wird unser absurdes Abenteuer von einer sanften Musik, welche auch in Teilen Spannung erzeugt, aber nie allzu sehr in den Vordergrund rückt. Im Menü und in den Passagen, in denen wir Briefe oder Zeitungsauschnitte lesen, lauschen wir einem stimmungsvollen Gesang. Gesprochen wird in dem gezeichneten 2D-Abenteuer nicht, die Sprechblasen sind dafür wundervoll geschrieben und können mit einigen Witzen aufwarten.

Rätselspaß und Rätselfrust

In The Franz Kafka Videogame müssen wir uns nicht durch ein Inventar wühlen, unseren Charakter bewegen oder im richtigen Moment bestimmte Tasten drücken, lediglich der linke Mouse-Cursor muss betätigt werden. Mal wird nur geklickt, mal wird etwas gezogen, das war es auch schon. Mit diesem einfachen Handwerkzeugs können wir in die Welt des Spiels eintauchen.

Test: The Franz Kafka Videogame

Zweimal finden wir uns als Spielfigur auf einem Spielbrett wieder.

Kern des Spiels und Ziel unseres Klickens ist das Lösen der zahlreichen Rätsel und Puzzle, welche uns in zahlreicher Form begegnen und uns die unterschiedlichsten Denkarten abverlangen. Mal müssen wir unseren Weg auf einem Spielbrett durch Würfeln bestreiten, mal Munition zum Besiegen eines Monsters bereitstellen, einmal mussten wir sogar in Tekken-Manier kämpfen. Fast jedes Rätsel überrascht uns mit seiner pfiffigen Mechanik und Aufmachung, neben dem Spiel mit Licht und Schatten müssen wir auch geübt in Schriftkunde, Mathematik und Karthographie sein. Oft werden die Rätsel mit einem surrealen Element verfeinert und lassen uns lächeln, wenn wir sehen wie ein Würfel in einer riesigen Kaffeetasse landet oder ein Falke eine Kuh, die uns den Weg versperrte, von den Gleisen hebt.

Einige Rästel gehen schnell von der Hand oder sind nach etwas Anstrengung unserer Gehirnwindungen erledigt und wir loben das surreale Genie in uns. Jedoch sind andere Rätsel schier unlösbar und wir klicken wild herum, ohne weiter zu kommen. Zum Glück wird uns als Hilfe ein Notizbuch zur Verfügung gestellt, welches nach dem Ablaufen einer gewissen Zeit erst einen vagen und nach dem Verrinnen weiterer Minuten einen konkreten Hinweis auf des Rätsels Lösung preisgibt.

Als es darum ging, Weichen für einen Zug zu stellen, mussten wir die Minuten quälend Abwarten, bis uns die Hinweise geliefert wurden. Auf die Lösung, in welcher Reihenfolge man die Weichen stellen musste, hätte man einfach nicht kommen können. Besonders nervtötend waren Schieberätsel, in denen wir mit einer Schablone einen Weg auf einer Karte finden mussten. Die Hinweise zeigen zwar wie der Weg am Ende aussehen soll, diesen auf der Karte finden und richtig hinschieben muss man aber trotzdem. Diese Art Rätsel fällt gegen geschicktere Puzzle deutlich ab und hindert eher den Spielfluss.

Doch auch nach solchen Momenten schafft es das Spiel, uns wieder die Mundwinkel nach oben zu ziehen- und zwar durch die Achievements des Spiels. So hatten wir einmal eine Tafel vor uns, welche Felder mit den Zahlen 1-9 und ein 10. leeres Feld beinhaltete, allerdings in der falschen Reihenfolge. Schnell haben wir alles richtig hingetauscht – doch damit hatten wir das Rätsel nicht gelöst. Es blinkte lediglich das Achievement Logician (Logiker) auf, welches uns auf eine freche Art zu loben scheint, oder uns doch auslacht, weil wir zu einfach gedacht haben? Es sind die Details, die ein Spiel sympathische machen.Was die wahre Lösung ist, verraten wir euch an dieser Stelle nicht.

Wie viel Kafka steckt in The Franz Kafka Videogame?

Das 2D-Spiel ist für die modernen 50+Std. Open-World-Titel-Spieler natürlich erschreckend kurz, liefert uns aber in der Länge eines Films (oder einer The Walking Dead Episode von Telltale) eine wundervoll absurde Welt, durch die wir uns sehr gerne und stets mit einem verwunderten Lächeln auf den Lippen geklickt haben.

Wirklich kafkaesk wird es leider nicht, weder wird tiefer auf die Themen der Werke eingegangen, noch erfüllt uns ein unerklärlich bedrohliches Gefühl beim oder nach dem Spielen. Am besten ließe sich das Spiel wohl als ein mit seltsamen Rätseln gespicktes Bilderbuch beschreiben, in dem einzelne Charaktere, einige Dialoge oder Orte an den großen K. erinnern. Wir haben beim Spielen wieder Lust bekommen, uns erneut in die absonderlichen Erzählungen Kafkas einzulesen und freuen uns, dass einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller eine Hommage im Game-Format gewidmet wurde – ihm und einer Katze, schenkt man den Credits des Spiels Glauben.

Wundervoller Artstil mit Surrealismus-Anleihen
Abwechslungsreiche und teils knackige Rätsel...
Zahlreiche Referenzen zu Kafka und seinen Werken
Sanft mit Musik untermalt
Faszination und Verwirrung werden vereint
Zu freundlich, um kafkaesk zu sein
...welche ohne Tipps manchmal nicht lösbar sind oder pures Rumprobieren erfordern
Leider bleibt es lediglich bei Anspielungen
Mit 90min leider recht kurz
Ende nicht zufriedenstellend und zu abrupt

Nele

Inspiriert von Kafkas Leben und seinen Werken begeben wir uns als Psychotherapeut K. in The Franz Kafka Videogame auf eine absonderliche Reise. Ohne Inventar oder Laufbewegungen klicken wir uns durch surreale und wunderschöne Bilder und lösen abwechslungsreiche vertrackte Rätsel, bei denen wir schon einmal mehr als nur um die Ecke denken mussten. Leider sind wir nach 90 Minuten durch und erhalten eine recht magere Story mit einer nicht zufriedenstellenden Auflösung. Auch waren einige Rätsel ohne die beiden zur Verfügung stehenden Hinweise nicht zu lösen oder bedurften nur wilder Klickerei. Wirklich kafkaesk, also auf eine mysteriöse Weise bedrohlich, wirkt das kinderbuchartige Point-and-Click-Spiel leider nicht. Jedoch haben uns die vielen Anspielungen auf Charaktere, Themen und Orte aus Kafkas Werken stets schmunzeln lassen. The Franz Kafka Videogame gleicht einer Novelle, welche wir Seite für Seite lesen und welche unser surreales Herz erwärmt.
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