In Anno 1800 könnt ihr auf einen großen Fundus verschiedenster Industriezweige zurückgreifen.
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In Anno 1800 könnt ihr auf einen großen Fundus verschiedenster Industriezweige zurückgreifen.

Vom Windows-Rechner auf den Küchentisch

Anno 1800 - Das Brettspiel im Test: Die analoge Umsetzung des PC-Spiels

  • vonSebastian Hamers
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Ubisoft betreibt mit Anno 1800 vorbildliche Produktpflege und hat jetzt sogar die offizielle Lizenz für die Umsetzung als Brettspiel vergeben.

Zuletzt betrat die beliebte Anno-Reihe neue Pfade und verlegte das Geschehen in die Zukunft. Anno 2070 und Anno 2205 waren beides sicherlich keine schlechten Spiele, dürfte vielen Fans der Serie allerdings doch arg ungewohnt vorgekommen sein. Der jüngste Spross der Anno-Familie geht wieder ein stückweit zurück zu den Wurzeln und verlegt den Schauplatz erneut in die Vergangenheit. Diesmal steuert die Zeitmaschine das Jahr 1800 an und führt uns zurück in die Anfänge der Industrialisierung, ein perfektes Szenario für clevere Handelsleute. Das PC-Spiel hat zwar inzwischen schon ein paar Monate auf dem Buckel, durch die gute Produktpflege hält Publisher Ubisoft den Titel aber weiterhin brandaktuell. Neben zahlreichen Addons hat das Softwarehaus jetzt auch eine offizielle Lizenz für das Anno 1800 Brettspiel vergeben, das kürzlich über den Kosmos-Verlag in den Handel gelangt ist.

Seit vielen Jahren schätzen Kenner der Anno-Reihe die bunte Mischung aus Entdeckung, Handel und militärischem Vorgehen. Das vorliegende Brettspiel zu Anno 1800 startet nicht den Versuch die gesamte Komplexität des PC-Spiels analog umzusetzen, sondern konzentriert sich voll und ganz auf die wirtschaftlichen Aspekte. Ganz wie im echten Leben sind die Mitarbeiter dabei euer wertvollstes Kapital. Als Unternehmer sorgt ihr für die passenden Arbeitsplätze und nutzt die produzierten Waren, um auf dem Weltmarkt tätig zu werden. Aus den zarten Anfängen der Industrialisierung erwächst so schrittweise ein riesiges Handelsimperium.

Anno 1800 konzentriert sich auf das wirtschaftliche Handeln

Jeder Spieler erhält zunächst eine eigene Heimatinsel, die zur Schaltzentrale der fortschreitenden Industrialisierung wird. Anno 1800 spendiert euch zum Start direkt ein paar erste Industrien, eine Werft und sogar eine kleine Flotte, die euch beim Handel und der Erkundung neuer Welten unterstützt. Der weitere Ausbau der Insel bleibt euch überlassen. Die Heimatinsel ist groß genug, um noch ein paar weitere Produktionsstätten darauf anzusiedeln. Geht euch doch mal der Platz aus, stecht ihr mit einem Erkundungsschiff in See und erschließt eine zusätzliche Insel in der Alten Welt.

In Anno 1800 könnt ihr auf einen großen Fundus verschiedenster Industriezweige zurückgreifen.

Ihr könnt eure Geschäfte somit in viele verschiedene Richtungen erweitern. Wie so häufig befruchten sich bestimmte Industrien gegenseitig. Ihr stellt auf eurer Heimatinsel schon Segeltuch her? Dann hilft euch das natürlich beim Bau eines neuen Handelsschiffs weiter. Lasst ihr viele Rädchen geschickt in einander greifen, erarbeitet ihr euch einen klaren Vorteil vor der Konkurrenz. Die besten Produktionsstätten nutzen euch allerdings nichts, wenn ihr sie nicht mit den passenden Arbeitskräften besetzen könnt.

In Anno 1800 sind Facharbeiter euer wertvollstes Kapital

Fünf verschiedene Professionsgruppen kommen in Anno 1800 zum Einsatz. Die Bauern kümmern sich um landwirtschaftliche Produkte, versorgen euch mit Holz, Schweinefleisch und ähnlichen Naturprodukten. Arbeiter sind hingegen in der Weiterverarbeitung tätig und stellen mit Glas, Bier oder Brot schon etwas komplexere Güter her. Noch ein wenig mehr Spezialisierung kommt durch die Handwerker ins Spiel. Sie setzen den Produktionsprozess fort, sind beispielsweise für die Herstellung von Uhren, Fenstern oder Kanonen verantwortlich. Am Ende der Produktionskette stehen noch die Ingenieure, die mit Dampfmaschine & Co. die stärksten Motoren der Industrialisierung darstellen. Bleiben noch die Investoren, die letzte Berufsgruppe, die in Anno 1800 eine Rolle spielen. Für den eigentlichen Produktionsvorgang sind sich die hohen Herren zwar zu schade, dennoch bedarf es hin und wieder einer gewissen Anschubfinanzierung, um größere Projekte zu realisieren. Bei aufwändigen Produktionsprozessen müsst ihr daher den ein oder anderen Finanzier in der Hinterhand haben.

Bei Spielbeginn verfügt ihr auf eurer Heimatinsel bereits ein paar erste Industrien.

Da sich in Anno 1800 bereits die ersten Anzeichen der Globalisierung einstellen, profitiert ihr möglicherweise aber sogar vom Fortschritt der Konkurrenz. Im Austausch gegen Gold, könnt ihr jedes Produkt auch ganz bequem bei einem anderen Händler in Auftrag geben. Ihr braucht gerade dringend eine Ladung Messing, um eure Grammophon-Fabrik fertigzustellen? Mangelt es euch an einer eigenen Messing-Fertigungsstätte, dürft ihr das Metall auch bei einem Mitspieler erwerben. Jede gehandelte Ware kostet euch ein Gold-Plättchen. Der Preis ist nicht verhandelbar, ebenso darf euch der Deal nicht vom Verkäufer verwehrt werden.

Die Kunst der Seefahrt bei Anno 1800

Als Verkäufer einer Ware habt ihr zunächst ohnehin nur die Vorteile auf einer Seite. Ihr müsst keine zusätzlichen materiellen oder personellen Ressourcen für die Produktion investieren. Es reicht vollkommen aus, eine Firma zu besitzen, welche die gewünschte Ware produzieren kann. Für den Käufer ist der Aufwand allerdings etwas größer. Er muss nicht nur das Gold abdrücken, sondern sich auch noch um die Logistik kümmern. Ein Handelsschiff muss ausgesandt werden, um die bestellte Ware abzuholen. Wollt ihr am globalen Handel teilnehmen, solltet ihr also vielleicht den Ausbau eurer Flotte vorantreiben.

Die verschiedenen Berufsgruppen sind in Anno 1800 euer wertvollstes Kapital.

Zwei Handels- und ein Erkundungsschiff erhaltet ihr bei Spielbeginn als kleine Starthilfe. Weitere Schiffe können in der Werft produziert werden. Die kleine Werft auf der Heimatinsel kann allerdings nur Schiffe mit geringer Stärke herstellen. Größere Schiffe erweitern eure Handelsoptionen und können euch zudem helfen, weitere Inseln zu erschließen. Letzteres geschieht, wenn ihr eure Erkundungsschiffe aussendet. Je besser die Erkundungsflotte ausgestattet ist, desto mehr Inseln könnt ihr für die eigenen Zwecke in Beschlag nehmen.

In Anno 1800 könnt ihr neue Welten entdecken

Neue Inseln werdet ihr sicherlich schon recht bald brauchen. Es wird nicht lange dauern, bis ihr die Heimatinseln mit Industrien zugepflastert habt. Neue Grundstücke müssen also her. Ihr lasst eure Schiffe also in See stechen, damit sie neues Land für euch in Beschlag nehmen. Jede neu erschlossene Insel bietet euch frisches Bauland und der weiteren Industrialisierung steht nichts mehr im Wege. Mutige Händler mit Forscherdrang wagen sich möglicherweise auch an die Entdeckung von Inseln in der Neuen Welt. Da militärisches Vorgehen kein Bestandteil von Anno 1800 geworden ist, steht eine Eroberung der fremden Völker nicht zur Debatte. Stattdessen erwerbt ihr exklusive Handelsrechte und erhaltet so Zugriff auf exotische Rohstoffe wie Kaffeebohnen oder Zuckerrohr. Ab sofort dürft ihr eure Handelsschiffe aussenden, um die neuen Waren zu importieren. In der alten Welt wird die Freude groß sein, wenn plötzlich Kaffee und Schokolade in den Handel gelangen.

Im weiteren Spielverlauf entdeckt ihr neue Inseln und schließt Handelsabkommen mit fremden Kulturen ab.

Durch den Bau immer neuer Industrien erweitert ihr stetig die eigenen Möglichkeiten. Die steigende Komplexität der Aufgaben ruft allerdings auch nach neuen Facharbeitern. Ohne die passenden Experten läuft nicht sonderlich viel in Anno 1800. Um eine Fabrik in Betrieb zu nehmen, setzt ihr Mitarbeiter in den Produktionsstätten ein, damit sie das gewünschte Produkt für euch herstellen. Der Pool der eigenen Mitarbeiter ist allerdings begrenzt. Eingesetztes Personal produziert nicht rundenweise neue Produkte, sondern muss für immer wieder neu den Fabrikhallen zugewiesen werden. Ihr werdet also früher oder später an den Punkt kommen, an dem der Vorrat an Mitarbeitern erschöpft ist und ihr keine weiteren Waren mehr herstellen könnt. Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ein rauschendes Fest zu feiern.

Glückliche Arbeiter feiern das Stadtfest in Anno 1800

Verwendet ihr eine Spielrunde damit, das Stadtfest für eure Bürger auszurichten, macht ihr alle Mitarbeiter wieder einsatzbereit. Ebenso kehren die ausgesandten Schiffe zum Fest wieder in den Hafen zurück. Mit gut erholtem Personal und abfahrbereiten Schiffen könnt ihr frisch in eine neue Runde starten. Obwohl das Stadtfest keine weiteren Kosten verursacht, wollt ihr den Bürgern aber nicht zu häufig in den Genuss dieses Events kommen lassen. Das viele Feiern hält die Stadtbewohner nur von der Arbeit ab. Eine ganze Runde geht ins Land, ohne dass auch nur eine einzige Ware produziert wird.

In Anno 1800 trefft ihr auf so manche Persönlichkeit aus der Anno-Reihe, die als Auftraggeber fungieren.

Für dieses Problem gibt es eine gute Lösung, es müssen mehr Arbeitskräfte gewonnen werden. Mit einer Aktion dürft ihr produzierte Waren aufwenden, um bis zu drei zusätzliche Personalsteine zu akquirieren. Je höher die Qualifikation des neuen Mitarbeiters sein soll, desto teurer kommt euch die Anwerbung. Notfalls holt ihr euch erst einmal die einfachen Hilfskräfte auf die Heimatinsel. Im Spielverlauf habt ihr noch die Chance, diese durch Weiterbildung für höhere Aufgaben zu qualifizieren. Händler mit großem Mitarbeiterstamm müssen deutlich seltener das zeitaufwändige Stadtfest ausrichten, da sie ihren Personalpool erstmal in Ruhe erschöpfen können.

Zufriedene Bürger sorgen in Anno 1800 für steigenden Einfluss

Mit jedem neu hinzugewonnenen Mitarbeiter müsst ihr allerdings auch eine Bevölkerungskarte auf die Hand ziehen. Diese symbolisieren die Bedürfnisse der Stadtbewohner, die sich durch die Verfügbarkeit von bestimmten Waren ausdrückt. Gelingt es euch, die auf der Bevölkerungskarte angezeigten Waren zu produzieren oder notfalls auch zu erhandeln, erhaltet ihr eine einmalige Belohnung sowie ein paar Siegpunkte. Bürgerkarten sind eine gute Möglichkeit, um viele Siegpunkte zu sammeln, haben aber auch noch eine weitere wichtige Bedeutung.

Rekrutiert ihr eine neue Arbeitskraft, zieht ihr eine Bürgerkarte. Diese stellen die Bedürfnisse der Einwohner in eurer Stadt dar.

Die Partie endet nämlich erst, wenn ein Spieler sämtliche Handkarten losgeworden ist. Zu einem großen Teil werden dies die oben genannten Bevölkerungskarten sein. Zusätzliche Handkarten werden allerdings auch vergeben, wenn ihr mit dem Erkundungsschiff eine Neue Welt entdeckt. Habt ihr als erster Spieler keine Karten mehr auf der Hand, zündet ihr das Feuerwerk und leitet damit das Spielende ein. Als kleinen Bonus für das Zünden des Feuerwerks erhaltet ihr zudem noch ein paar Siepunkte obendrauf.

Anno 1800 belohnt Expeditionen in unbekannte Länder

Wenn ihr mit euren Aufgaben als Händler und Entdecker immer noch nicht ganz ausgelastet seid, dürft ihr weitere Siegpunkte gewinnen, indem ihr noch ein paar Expeditionen in unbekannte Länder startet. Von den Expeditionen bringt ihr so manches Artefakt oder exotisches Tier mit, das ihr euren Museen und Tiergärten zur Verfügung stellt. Habt ihr eine starke Flotte mit Erkundungsschiffen auf die Beine gestellt, habt ihr durch die Expeditionen gute Chancen auf zusätzliche Siegpunkte.

Als letzte Quelle für Siegpunkte bleiben dann nur noch die fünf Auftragskarten, die bereits vor Spielbeginn ausgelegt werden. Als Auftraggeber treten viele bekannte Persönlichkeiten aus der Welt von Anno auf. Sie belohnen euch als Händler für bestimmte Strategien. Manchmal gibt es zusätzliche Siegpunkte, wenn bestimmte Industrien gebaut oder viele Neue Welten erkundet werden, mal wird eine bestimmte Ausgestaltung des Personalstamms belohnt oder die Sammlung von Tieren oder Artefakten. Einige Auftraggeber ermöglichen sogar ganz eigene Aktionen, die ihr im Spielverlauf immer wieder nutzen dürft. Je nachdem welche Auftraggeber ins Spiel genommen werden, lässt sich Anno 1800 konfrontativer, lockerer oder auch komplexer gestalten und bieten so reichlich Modulationsmöglichkeiten.

Anno 1800 - Das Brettspiel ist über den Kosmos-Verlag erschienen und kostet rund 50€.

Anno 1800: Das Brettspiel ist für zwei bis vier Spieler ab zwölf Jahren geeignet. Das Spiel kommt über den Kosmos-Verlag in den Handel und kostet etwa 50€. Für eine Partie müsst ihr euch allerdings ein wenig Zeit freischaufeln. Unter zwei Stunden bringt ihr einen Durchlauf nur selten zu Ende. Solltet ihr euch das Spiel zulegen, schaut euch unbedingt die Errata auf der Kosmos-Homepage an, da sich im Regelwerk ein kleiner Fehler eingeschlichen hat. Manchmal gibt es eben selbst bei Brettspielen einen Day-One-Patch.

Fazit: Anno 1800 – Das Brettspiel hat hart verhandelt und folgende Testwertung ausgefeilscht

Anno 1800 – das Brettspiel im Test: Auch analog ein Muss für Strategie-Nerds.

Das erste Durchlesen des Regelhefts offenbart noch nicht die volle Komplexität von Anno 1800. Zunächst einmal erscheinen die ganzen Spielabläufe gut nachvollziehbar und größere Fragen ergeben sich vorläufig nicht. Liegt aber erstmal die volle Bandbreite an verfügbaren Industrien vor euch auf dem Spieltisch, schwant euch schnell, dass die Brettspielumsetzung des Computerspiels ein ganz schön dicker Brocken ist. Ein großes Plus: viele Regelfragen ergeben sich während des Spiels tatsächlich nicht. Die Komplexität entsteht vielmehr durch die Vielzahl von Ausbaumöglichkeiten, die euch Anno 1800 bietet. Es gibt unzählige Wege, um die beginnende Industrialisierung in Gang zu bringen. Es gibt keine wirklich schlechten Aktionen im Spiel. Jeder Zug erweitert eure Möglichkeiten und gibt euch das Gefühl, eine florierende Industrienation zu steuern. Anno 1800 belohnt gekonnt jede Aktion der Spieler mit einem Gefühl der Zufriedenheit. Fans der PC-Serie werden möglicherweise den militärischen Anteil von Anno ein wenig vermissen. Dieser wurde in der Brettspielversion komplett gestrichen. Als eher pazifistisch veranlagter Spieler habe ich diese Entscheidung aber eher als Vorteil gesehen und weniger als Makel. Die volle Konzentration auf den wirtschaftlichen Aspekt hat dem Spiel gutgetan. Gerade der aktive Handel untereinander belebt das Spielgeschehen positiv. Wer auf eine starke Handelsflotte setzt, kauft sich fehlende Ressourcen einfach von seinen lieben Mitspielern, die sich über den Handel ebenso freuen. So entsteht das wohlige Siedler-von-Catan-Gefühl, das beim Abschluss eines fairen Tauschhandels entsteht, von dem beide Seiten profitieren. Anno 1800 – Das Brettspiel ist gutes Beispiel für eine gelungene Adaption einer Videospielvorlage und bringt – bis auf den militärischen Anteil – alle wesentlichen Spielelemente des Originals auf den Spieltisch.

ProCon
+ beinhaltet viele wesentliche Elemente des PC-Spiels- militärischer Teil wurde komplett gestrichen
+ hochwertiges Spielmaterial
+ komplexer Wirtschaftsanteil
+ befriedigende Handelsabläufe unter den Spielern
+ bietet zahllose Ausbaumöglichkeiten

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