Brass Birmingham Giant Roc Verpackung Artwork Roxley
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Brass Birmingham erscheint über Giant Roc und kostet etwa 60€.

Brass Birmingham entführt euch in die Zeit der frühen Industrialisierung

Brass Birmingham im Test: Das Brettspiel für Wirtschaftsexperten

  • vonSebastian Hamers
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Giant Roc wird mit Brass Birmingham seinem Ruf als Verlag für Brettspiel-Experten einmal mehr gerecht. Hardcomer-Gamer kommen voll auf ihre Kosten.

  • für 2-4 Spieler ab 14 Jahren geeignet
  • Verlag: Giant Roc
  • Preis: ca. 60€

Wer vorwiegend an schnellen Kartenspielen wie UNO oder Skipbo Freude findet und sich mit Brettspielen, die den Komplexitätsgrad eines Monopoly übersteigen, schon überfordert fühlt, darf an dieser Stelle den Text gerne bereits schließen. Jetzt ist die Zeit für echte Brettspiel-Nerds gekommen, die sich knietief in die Mechaniken eines Spiels einfuchsen wollen, die sich ein Brettspiel knallhart erarbeiten und die den Glücksfaktor scheuen wie der Teufel das Weihwasser. OK, das war jetzt vielleicht ein wenig überzogen, aber ihr erahnt jetzt sicher schon, wohin die Reise geht. Auf dem Spieletisch liegt mit Brass: Birmingham diesmal ein echtes Schwergewicht, das im deutschsprachigen Raum über das noch recht junge Label Giant Roc vertrieben wird. Mit seiner enormen Spieltiefe passt Brass: Birmingham perfekt zum restlichen Programm des Verlags, der sein Schaffen voll und ganz den anspruchsvollen Brettspielen gewidmet hat.

Das Regelwerk von Brass: Birmingham ist dabei gar nicht mal die größte Hürde, die es zu überwinden gilt. Auf zwölf Seiten, von denen sogar noch eine Doppelseite mit geschichtlichem Hintergrundwissen gefüllt wird, findet ihr die Abläufe kurz und knackig beschrieben. Doch der Schein trügt. Brass: Birmingham ist ein knallhartes Wirtschaftsspiel. Angesiedelt zur Zeit der industriellen Revolution von 1770 – 1870 stellt euch das Spiel vor eine große ökonomische Herausforderung. In Konkurrenz zu bis zu drei weiteren Industriellen zieht ihr Kohlebergwerke, Eisenhütten und diverse Produktionsanlangen in die Höhe. Weiterhin müsst ihr aber auch noch auf eine Vernetzung des Landes achten, mit denen ihr die Städte der britischen West Midlands verbindet.

Ohne Moss nichts los in Brass: Birmingham

Für Unternehmer muss die Zeit um den Wechsel vom 18. zum 19. Jahrhundert ziemlich reizvoll gewesen sein. Das ganze Land bietet so viel Raum, um mit Industrien verschiedenster Art übersät zu werden. An potenten Geldgebern soll es wohl ebenso wenig mangeln. Ob der fantastischen Gewinnperspektiven sind die Banken nur zu gerne bereit, den Industriellen die nötigen Scheine zuzustecken und so ihren Teil zum Wirtschaftswachstum beizutragen. Ohne Geld läuft in Brass: Birmingham nichts. Die paar Kröten, die ihr als Industrieller zum Start geschenkt bekommt, sind schnell verbraten.

Es gibt viel zu tun in Brass Birmingham. Jeder Spieler wird im Spielverlauf zahlreiche Fabriken errichten.

In jeder Runde generieren eure Fabriken zwar etwas Einkommen, doch hin und wieder muss eben doch einen Kredit von der Bank her, um das Wachstum voranzupeitschen. Für den geneigten Brettspieler fühlt sich das immer noch ziemlich seltsam oder gar falsch an. Schließlich haben wir schon bei Monopoly gelernt: muss erstmal ein Kredit aufgenommen werden, befinden wir uns eigentlich schon auf der Verliererstraßen. In Brass: Birmingham greift dieses Prinzip definitiv nicht. Meist ist es viel wichtiger, über genügend frisches Geld zu verfügen. Die Kredite müsst ihr ohnehin nie wirklich zurückerstatten, sie reduzieren lediglich das Gesamteinkommen für die nächsten Runden. Mit den neuen finanziellen Mitteln lässt sich dieser Malus aber schnell wieder egalisieren. Willkommen in der schönen Welt des Kapitalismus.

Kohle und Eisen als Triebfedern von Brass: Birmingham

Mit Geld allein ist es allerdings auch wieder nicht getan. In der Zeit der frühen Industrialisierung waren Eisen und Kohle wichtige Bestandteile des Fortschritts. Es müssen also Kohlebergwerke und Eisenhütten im Land geschaffen werden. Sie sorgen für diese wichtigen Ressourcen des Spiels. Errichtet ihr eine dieser Produktionsstätten, habt ihr das Eisen oder die Kohle allerdings nicht für euch alleine gepachtet. Auch die anderen Spieler können problemlos darauf zugreifen. Ihr werdet es ihnen jedoch nicht sonderlich übelnehmen. Denn sobald sämtliche Kohle- oder Eisenressourcen auf der Produktionsstätte verbraucht wurden, sprudelt bei euch das Einkommen und das Siegpunktkonto schnellt in die Höhe. Damit verdeutlicht Brass: Birmingham, dass selbst Industrien konkurrierender Unternehmer sich mitunter positiv bedingen. Konkurrenz belebt das Geschäft und ist somit der wahre Wirtschaftsmotor.

Eisen und Kohle sind die Triebfedern der Wirtschaft in Brass Birmingham.

Eisen und Kohle wird an vielen Stellen im Spiel benötigt, um Aktionen durchzuführen. Sie sind jedoch nicht die einzigen Ressourcen in Brass: Birmingham. Produziert wird selbstverständlich auch in anderen Industrien. Die Produkte richten sich allerdings mehr an den Endverbraucher. Deshalb müsst ihr diese auch erst zu einem Händler transportieren, um die Waren zu verkaufen. Es werden also erstmal die passenden Transportwege benötigt, um die fertigen Produkte zu den Konsumenten zu schaffen. Dies geschieht in Brass: Birmingham über zwei verschiedene Wege.

Brass: Birmingham mit Kanal- und Eisenbahnepoche

Das Spiel ist in zwei Phasen unterteilt. Im Zeitraum von 1770 – 1830 werden die Waren auf dem Wasserweg über Kanale verschifft. Ab 1830 beginnt dann so langsam der Siegeszug der Eisenbahn. Ab sofort und bis zum Spielende im Jahr 1870 seid ihr jetzt damit befasst, neue Transportwege per Schiene zu erschließen. Eine kleine Ausnahme stellt hier die Bereitstellung von Eisen dar. Dieser Rohstoff wird in der frühen Industrialisierung – im Gegensatz zur Kohle – nur in relativ kleinen Mengen benötigt und kann daher noch ganz altmodisch in einem Pferdewagen geliefert werden. Der Kutscher wird seinen Weg ohne Wasser- oder Eisenbahnverbindung finden. Deshalb kann auf eine direkte Vernetzung in diesem Fall verzichtet werden.

Netzwerkarbeit in Brass Birmingham. Die Verbindung wurde erfolgreich über den Kanal hergestellt.

Der Aufbau logistischer Netzwerke ist eine der Hauptaufgaben in Brass: Birmingham. Auch auf diesem Gebiet agiert ihr als Konkurrenten. Der Bau neuer Transportwege ist kostenintensiv, verbraucht in der Eisenbahnepoche zudem Kohle und unter Umständen sogar eine Bier-Ressource. Deshalb solltet ihr bestrebt sein, dass sich die Netzwerkerweiterungen für euch auch rentieren. Dabei lässt es sich wohl nicht ganz vermeiden, dass irgendwann auch die Mitspieler von euren Strecken profitieren. Einmal gelegte Wasser- oder Landstrecken dürfen von jedem Industriellen genutzt werden.

Netzwerkarbeit in Brass: Birmingham

Tüftler und Denker sind jetzt klar im Vorteil. Schon das Legen einer einzigen Verbindung kann einen riesigen Unterschied machen. Manchmal stehen innerhalb kürzester Zeit plötzlich Optionen zur Verfügung, an die man vor ein paar Minuten nicht einmal im Traum gedacht hätte. So müsst ihr eure Züge mit jedem Mal mitunter vollends neu überdenken. Gerade im zweiten Spielabschnitt sind eure Möglichkeiten stark angewachsen, dass es gar nicht mehr so leicht fällt, noch den Überblick zu behalten.

Mit Ortskarten errichtet ihr in Brass Birmingham eine beliebige Fabrik am gezeigten Ort.

Jetzt wird es vor allem darauf ankommen, das finanzielle Potenzial eurer wertvollsten Industrien auszuspielen. Im Spielverlauf werden die Produktionsstätten immer effektiver, wenn ihr sie zu Hochleistungsindustrien weiterentwickelt. Sofern ihr genug Eisen verbrauchen könnt – notfalls auch mit Hilfe der Konkurrenz – könnt ihr der Effizienz der Fabriken einen ordentlichen Boost verpassen. Jetzt müsst ihr die Industrien nur noch mit dem Netzwerk verbinden, dann die Waren verschachern und schon klingelt es ordentlich in der Kasse.

Brass: Birmingham mit einfacher Aktionsabfolge

Rein spielmechanisch klingt das alles erstmal ziemlich einfach. Ist es auch. Um eine Aktion durchzuführen braucht es in der Regel nicht sonderlich vieler Bedingungen. Im Normalfall reicht es, eine beliebige Aktionskarte abzulegen. Die Art der Aktionskarte ist lediglich beim Bauen neuer Produktionsstätten relevant. Brass: Birmingham unterscheidet hier zwischen Orts- und Industriekarten. Durch sie wird eure Optionsvielfalt beim Bauen ein wenig eingeschränkt.

Industriekarten in Brass Birmingham erlauben das Errichten der gezeigten Fabrik an einem beliebigen Ort.

Spielt ihr eine Ortskarte, dürft ihr jede beliebige Industrie spielen. Allerdings nur an dem Ort, der auf der gespielten Karte verzeichnet ist. Das umgekehrte Problem habt ihr beim Spielen einer Industriekarte. Hier ist hingegen der Ort frei wählbar, dürft aber nur die auf der Karte gezeigte Produktionsstätte bauen. Auf diese Art kommt in Brass: Birmingham also doch noch ein wenig Kartenglück ins Spiel.

In Brass: Birmingham endet eine Epoche, wenn jeder Spieler seine letzte Handkarte ausgespielt hat. Über zwei Epochen hinweg müsst ihr mit einer Spieldauer von ein bis zwei Stunden rechnen, abhängig von der Zahl der Mitspieler. Maximal dürfen vier Industriekapitäne an einer Partie teilnehmen. Brass: Birmingham von Giant Roc ist ab sofort im Handel zum Preis von etwa 60€ zu finden.

Fazit: Mit reichlich Wirtschaftswachstum schnellt die Testwertung für Brass: Birmingham auf diese Testwertung an

Brass Birmingham erfreut sich eines rasanten Wirtschaftswachstums und dieser Testwertung

Brass: Birmingham ist ein knallhartes Wirtschaftsspiel und ist damit längst nicht für jeden Spielertyp geeignet. Spielt ihr ein Brettspiel bevorzugt locker und lässig herunter, führt eure Aktionen gerne aus einem Bauchgefühl heraus aus, dann werdet ihr in Brass: Birmingham vermutlich krachend scheitern. Kühle Berechnung und penible Planung sind schon eher vielversprechende Eigenschaften auf dem Weg zum Spielsieg. Einfach mal ein paar Bahnverbindungen ins Land kloppen und auf den lieben Gott zu vertrauen, dass schon alles gut gehen würde… nein, das ist in Brass: Birmingham einfach nur der pure Wahnsinn. Mit Glück hat das Spiel von Giant Roc nicht viel am Hut. Doch eine gut strukturierte Vorausplanung ist ebenso kein Garant auf ein florierendes Unternehmen. Praktisch ständig werden euch neue Spielkonstellationen vorgesetzt, die unter Umständen eine völlige Überarbeitung der eingeschlagenen Strategie erfordert. Verantwortlich dafür sind eure lieben Mitspieler. Genau wie ihr selbst, schrauben sie ständig am Transportnetzwerk herum. So ergeben sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten, die vor ein paar Augenblicken noch wie ein Luftschloss erschienen. Die immense Interaktion unter den Mitspielern hat daher ihren ganz besonderen Reiz und sind für mich daher das absolute Highlight von Brass: Birmingham. Wenn ihr euch mal wieder so richtig knietief in ein Brettspiel vertiefen, es beherrschen und bezwingen wollt, dann findet ihr in Brass: Birmingham eine echte Herausforderung, die über viele Partien hinweg zu motivieren weiß.

ProCon
+ immenser Interaktionsgrad- nichts für Gelegenheitsspieler
+ optisch sehr ansprechend
+ doppelseitiger Spielplan
+ taktisch fordernd
+ hoher Wiederspielwert

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