Carpe Diem im Test: Taktischer Städtebau im alten Rom

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Wenn sich Spiele thematisch im alten Rom ansiedeln, geht es nicht selten um die großen Eroberungszüge der römischen Kaiser. Das vorliegende Brettspiel Carpe Diem ist da eine willkommene Abwechslung. Kriegerische Aspekte werden komplett außen vorgelassen. Stattdessen widmet es sich der Aufbau der Stadt und der Kultivierung der Umgebung. Dabei rivalisieren bis zu vier Spieler mit ihren eigenen Stadtvierteln. Der Baumeister, der sein Gebiet am effizientesten aufbaut, gewinnt das Spiel.

Als Baumeister verfügt jeder von euch einen eigenen kleinen Spielplan. Dieser stellt euer Stadtviertel dar, das ihr nun nach euren Vorstellungen gestalten könnt. Leider ist die Auswahl der Baumöglichkeiten ein wenig begrenzt. Ihr müsst mit diesen Limitierungen also geschickt hantieren. Euer Baumeister bewegt sich auf dem Hauptspielplan entlang eines Rondells. Es besteht aus sieben Feldern. Zu jedem Feld gehören vier Bauplättchen, von denen ihr euch eines nehmen dürft, wenn der Baumeister dort hingezogen wird.

Rom im Wachstum

Die Möglichkeiten für euch als Baumeister können sich sehen lassen. Viele Gebäude und Landschaften sind auf den Bauplättchen allerdings noch unfertig. Häufig erwerbt ihr zunächst nur Fragmente, die sich erst durch den Kauf eines weiteren Plättchens abschließen lassen. Ein wenig Bastelarbeit gehört also zu euren Aufgaben. Unfertige Gebäude oder Landschaften sind in der Regel nichts wert.

Vollendete Bauwerke bringen euch natürlich Vorteile. Villen steigern das Siegpunktkonto, mit Landschaften erntet ihr Rohstoffe. Weiterhin gibt es Unterkünfte für bestimmte Berufsgruppen wie Händler oder Bäcker. Sobald ihr für sie die passenden Gebäude errichtet haben, nehmen sie ihre Arbeit auf und belohnen euch mit einem Vorteil.

Hinzu kommen noch ein paar Einrichtungen, die nur aus einem Plättchen bestehen und direkt aktiviert werden. Letztlich kommt es natürlich auf eine ausgewogene Zusammenstellung des Stadtviertels an. Wie der Stadtteil aussehen sollte, hängt von vielen verschiedenen Bedingungen ab. Diese sehen in jedem Spiel ein wenig anders aus. Vor Spielbeginn werden reichlich Variablen festgelegt. Jede Partie gestaltet sich so anders. Es dürfte schwerfallen, einen Masterplan zu entwickeln, der für jede Partie Gültigkeit besitzt.

Ein Spiel mit vielen Variablen

Von hoher Bedeutung sind hier die Wertungsplättchen. Sie werden offen auf dem Hauptplan ausgelegt. Das Spiel läuft über vier Durchgänge. Am Ende eines jeden Durchgangs kommt es zu einer Zwischenwertung. Mit farblich gekennzeichneten Scheiben wählt jeder Baumeister zwei benachbarte Wertungsplättchen aus, die jetzt für ihn aktiviert werden.

Beim Ausbau des Stadtviertels müsst ihr also schon vorab gut planen. In der Wertung werden jetzt bestimmte Errungenschaften mit Siegpunkten belohnt. Dies können abgeschlossene Villen, Landschaften oder auch Unterkünfte sein. Manchmal müsst ihr hingegen bestimmte Waren abgeben, um Siegpunkte zu erzielen. Zum Glück lassen sich Ressourcen auch durch Joker ersetzen. Erbaute Unterkünfte für Händler bringen euch Goldstücke ein. Mit klingender Münze könnt ihr das Fehlen einer beliebigen Ressource wettmachen.

Feintuning für Baumeister

Hilfreich bei der Auswertung sind auch Brote, die ihr über den Bäcker erhaltet. Für je drei Brote könnt ihr ebenso eine Wertung erzielen und die Siegpunkte oder eine andere Belohnung einheimsen. Die Brote helfen euch aber auch an anderer Stelle. Die Auswahl der Bauplättchen ist in Carpe Diem von hoher Bedeutung. In eurem Zug dürft ihr euren Baumeister im Auswahlrondell allerdings immer nur auf ein benachbartes Feld ziehen. Gebt ihr jedoch zuvor ein Brot aus, dürft ihr ihn direkt auf ein Feld eurer Wahl platzieren. Eure Auswahl vergrößert sich dadurch natürlich immens.

Nach vier Zwischenwertungen folgt am Spielende nochmals eine finale Abschlusswertung. Zumindest hier könnt ihr euch auf einige Fixpunkte verlassen. Für bestimmte Errungenschaften werden nun noch einige Extra-Siegpunkte vergeben. Letztlich entsteht so eine Mischung aus variablen und fixen Siegpunkten, die den Gewinner des gesamten Spiels ermitteln.

Verknappung der Möglichkeiten

Der besondere Reiz von Carpe Diem liegt in der Verknappung der Möglichkeiten. Da ist zum Beispiel die Auswahl der Bauplättchen. Bestimmte Plättchen mögen für euch gerade attraktiver sein, andere hingegen sind weniger wertvoll oder lassen sich sogar gar nicht erst anbauen. Dadurch entsteht natürlich eine Jagd nach den wertvollsten Plättchen. Wie wertvoll ein Plättchen ist, kann bei jedem Spieler natürlich wieder ziemlich individuell ausfallen.

Noch intensiver ist die Rangelei allerdings bei den Wertungsplättchen. Die Reihenfolge, in der ihr eure Wertungsplättchen wählt, ist von elementarer Bedeutung. Schließlich habt ihr einen ganzen Durchgang auf ein bestimmtes Ziel hingearbeitet. Es wäre doch schade, wenn euch ein Mitspieler jetzt das gewünschte Plättchen vor der Nase wegschnappt und den ganzen Plan zunichtemacht.

Auf die Reihenfolge kommt es an

Eine wichtige Ressource im Spiel ist daher die Banderole-Leiste. Durch bestimmte Aktionen könnt ihr mit eurem Marker auf dieser Skala nach vorne schreiten. Der Fortschritt sichert euch nicht nur ein paar Siegpunkte, sondern legt auch die Reihenfolge bei der Auswahl der Wertungsplättchen fest. Liegt ihr auf der Banderole-Leiste abgeschlagen auf dem letzten Platz? Dann dürft ihr euer Set aus Wertungsplättchen auch erst als letzter Spieler wählen. Dies kann sich in der Tat als gravierender Nachteil erweisen.

Ihr seht schon, in Carpe Diem gibt es ziemlich viel zu beachten und zu bedenken. Gerade wenn man denkt, jetzt wirklich an alles gedacht zu haben, kommt noch eine Kleinigkeit hinzu, die dann doch vernachlässigt wurde. Autor Stefan Feld hat das Spiel mit haufenweise Details gespickt. Ihr könnt euch weitere Siegpunkt mit Hilfe von Brunnenkarten sichern, die es über passende Bauplättchen ins Spiel kommen. Sie lassen weitere Siegpunkte springen, natürlich wieder abhängig von eurem Spielfortschritt.

Immer wieder eine neue Herausforderung

Außerdem belohnt euch das Spiel, wenn ihr euer Stadtviertel mit bestimmten Gebäude- oder Landschaftstypen verseht. Auch in diesem Punkt gestalten sich die Bedingungen wieder sehr individuell. Vor jedem Spiel werden die Voraussetzungen für das Verteilen der Zusatzpunkte wieder neu festgelegt. Diese hohe Variabilität trifft auf so ziemlich jeden Bereich des Spiels zu. Die meisten Materialien sind im Überfluss vorhanden. So könnt ihr die einzelnen Elemente immer wieder austauschen und so das Spiel wieder etwas anders erleben.

Für eine Partie benötigt ihr ungefähr eine Stunde. Je nach Zahl der Spieler kann die Dauer aber etwas schwanken. Carpe Diem ist für zwei bis vier Spieler ab zehn Jahren ausgelegt. Das Spiel ist über den Ravensburger Spieleverlag erschienen und kostet 25€ bis 30€.

Pros

  • viele fein verzahnte Mechaniken
  • sehr variabel im Spielaufbau
  • spielt sich immer wieder anders
  • taktisch anspruchsvoll
  • günstiger Preis

Cons

  • grafisch recht schlicht
  • Thema wirkt aufgesetzt

Fazit

Als die Nominierungen zum Spiel des Jahres 2019 bekanntgegeben wurden, stand für viele Spieler etwas überraschend auch Carpe Diem auf der Liste der Kennerspiele. Die etwas biedere Optik und die mittelmäßige Qualität des Materials erwecken auf den ersten Blick nicht gerade Lust, das Spiel auf den Tisch zu bringen. Ist es aber erst einmal soweit, entfaltet Carpe Diem seine Qualitäten. Vor allem spielmechanisch wird einiges geboten. Trotz der immer noch vergleichsweise leicht zu erlernenden Regeln, wird hier schon ein kleines Feuerwerk an fein verzahnten Mechaniken abgefeuert. Um die optimale Siegpunkt-Ausbeute aus den eigenen Möglichkeiten zu holen, bedarf es schon ordentlich Gehirnschmalz. Ebenfalls stark: Carpe Diem ist wirklich sehr vielseitig und abwechslungsreich. Dank der großzügigen Materialausstattung lässt sich das Spiel immer wieder anders aufbauen und neu erleben. Schade, dass es gerade bei der Qualität des Materials einige Schwächen hat. Die Bögen sind doch ziemlich dünn und grafisch muss man Carpe Diem wohl als eher schlicht bezeichnen. Das trägt leider auch dazu bei, dass man sich nie als echter Römer-Bauherr fühlt. Carpe Diem hätte auch genauso gut in jedem anderen Szenario stattfinden können. Mit Carpe Diem erhaltet ihr dennoch ein taktisch sehr anspruchsvolles Spiel mit großem Potential auf hohe Langzeitmotivation.

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