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Jeder Spieler verwaltet sein eigenes Ländertableau.

Das Spiel zur EXPO

Crystal Palace im Test: Die Weltausstellung als Brettspiel

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Im Jahr 1851 seid ihr für die Ausstellung einer ganzen Nation auf der ersten EXPO in London verantwortlich: eine anspruchsvolle Aufgabe für Strategen.

Regelmäßige Besucher der SPIEL in Essen kennen solche Szenen. Sobald die Messetore pünktlich um 10:00 geöffnet werden, setzt sich die Masse im Stechschritt in Bewegung, um das neueste Hype-Spiel als erstes ausprobieren zu können. Viele Spieler steuern dabei gerne zuerst den Stand von Feuerland Spiele an. Kein Wunder, der hessische Verlag hat in den letzten Jahren ein gutes Händchen bewiesen, wenn es um komplexe Strategiespiele geht. Im Programm von Feuerland landen jährlich zwar immer nur eine Handvoll Spiele, die dafür aber qualitativ ziemlich hochwertig sind. Zuletzt landeten Hochkaräter wie Gloomhaven, Scythe oder auch das aktuelle Kennerspiel des Jahres Flügelschlag im Sortiment des Verlags. Im Herbst lag der Feuerland-Stand auf der SPIEL wieder stark im Fokus der Spieler. Das Objekt der Begierde: Crystal Palace, das komplexe Strategiespiel rund um die erste Weltausstellung 1851 in London.

Kaum zu glauben, schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kommen Nationen aus der ganzen Welt zusammen, um ihre beeindruckendsten Errungenschaften aus den Bereichen Technik und Kunsthandwerk auszustellen. Die EXPO in London markierte somit den Startschuss einer langen Tradition. Im Jahr 1851 wurde in London unter anderem auch der Kristallpalast des britischen Architekten Joseph Paxton gezeigt, der dem vorliegenden Spiel seinen Namen gab.

Reise in die Vergangenheit

Crystal Palace führt euch zurück ins Jahr 1851. Als Spieler übernehmt ihr die Betreuung der Ausstellung einer Nation. Schon beim ersten Blick auf das Spielmaterial wird klar, dieses Projekt ist deutlich umfangreicher als die Organisation der Gartenparty des ansässigen Karnickelzüchtervereins. Neben eurem eigenen Ländertableau müsst ihr gleich noch zwölf Ortspläne sowie ein Verwaltungstableau bewirtschaften. Da kann man auch mal schnell den Überblick verlieren.

Jeder Spieler verwaltet sein eigenes Ländertableau.

Die wahre Herausforderung liegt allerdings in der Verwaltung des eigenen Budgets. Auch wenn die finanziellen Ressourcen nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden, ohne Kohle werdet ihr in Crystal Palace nicht sonderlich weit kommen. Ein Großprojekt wie die Weltausstellung will schließlich auch gut finanziert werden. Schon direkt zu Beginn einer Spielrunde werdet ihr ordentlich zur Kasse gebeten. Ausgestattet mit ein paar dicken Scheinen, dürft ihr eure Mitarbeiter aussenden, um einige Jobs für euch zu erledigen.

Würfeleinsatz ohne Glücksfaktor

Diese Mitarbeiter kommen in Form von Würfeln ins Spiel, sind somit also schon ziemlich abstrakt dargestellt. Wie so oft gilt auch in Crystal Palace, je höher der Zahlenwert, desto besser. Das Spiel arbeitet jedoch nur ganz dezent mit dem Faktor Glück. Würfel werden daher auch nicht geworfen, sondern ganz gezielt von euch eingesetzt. Zu Beginn der Runde dürft ihr eure Würfel, zunächst vier Stück an der Zahl, auf eine beliebige Seite drehen. Der Haken: jeder Punkt muss mit einer Pfundnote bezahlt werden.

Einen Großteil der Punkte erarbeitet ihr euch über Patente und berühmte Persönlichkeiten.

Sieht es um das finanzielle Polster also eher mau aus, müsst ihr wohl mit eher geringen Punktwerten auf euren Würfeln auskommen. Ein echter Nachteil, denn hohe Punktzahlen gewähren euch einen früheren Zugriff auf die ausliegenden Karten und Plättchen auf den einzelnen Ortsplänen. Crystal Palace ist ein Spiel mit Konfliktpotential, indem die Spielerreihenfolge einen großen Einfluss hat. Den Letzten beißen die Hunde.

Vom Patentamt bis zur Waterloo Station

Das Einsetzen der Würfel birgt so manche Tücken. Habt ihr zu Beginn der Runde das größte Investment getätigt, also die größte Summe auf den Würfeln, dürft ihr als erster Spieler einen Würfel einsetzen. Da die Plätze auf den Ortstafeln limitiert sind, habt ihr einen klaren Vorteil. Alle Felder fordern zudem eine Mindestpunktzahl, um einen Würfel dort einsetzen zu können. Auf einigen Feldern gibt es zudem einige Boni oder Mali, so dass nicht jedes Feld gleichwertig ist.

Eure Arbeiter setzt ihr an acht unterschiedlichen Orten ein, wie etwa auch am Port of London.

Viel entscheidender ist jedoch die Punktzahl eines Würfels, wenn es an die Durchführung der Aktionen geht. Jetzt werden alle Würfel in die Reihe darunter verschoben und nach Punktwerten sortiert. Der Spieler mit der höchsten Augenzahl darf sich seine Belohnung als Erstes wählen. Der gewählte Bonus ist damit für die anderen Spieler nicht mehr verfügbar. Im schlimmsten Fall bleibt für einen Spieler überhaupt keine Belohnung mehr übrig und guckt somit in die Röhre. Der verwendete Würfel und vor allem auch die damit investierte Kohle ist somit futsch.

Patente und berühmte Personen

Einen großen Teil der Siegpunkte erzielt ihr durch die Realisation von Patenten. Das Patentamt solltet ihr also zumindest hin und wieder mal mit einem eurer Würfel aufsuchen. Es ist vergleichsweise günstig, sich die Rechte an einem Patent zu sichern. Ihr müsst lediglich einen Würfel investieren und ihn in die Wartereihe im Patentamt setzen. Die Kosten des Prototyps werden erst fällig, wenn ihr das Projekt realisiert. Die Siegpunkte und den Bonus erhaltet ihr aber natürlich auch erst, wenn die Kosten bezahlt wurden.

In Westminster könnt ihr euren Einfluss steigern. Für einflussreiche Nationen arbeiten die Promis oft sogar unentgeltlich.

Prinzipiell gilt, je früher ihr einen Prototypen verwirklicht, desto mehr Siegpunkte springen für euch heraus. Gerade bei Spielbeginn lassen sich aufwändige Projekte kaum erfüllen, da kann es sich auch lohnen, erstmal kleinere Brötchen zu backen. Besonders lohnenswert ist ein Patent, wenn ihr gleichzeitig in der Gunst des Prominenten steht, der mit dem Projekt in Verbindung steht. Stellt ihr beispielsweise die Denkmaschine auf der EXPO vor, dann wäre es doch cool, wenn diese von niemand geringerem als Sherlock Holmes himself vorgestellt würde.

Um Kontakte schachern im Reform Club

Verbindungen zu berühmten Persönlichkeiten könnt ihr in Londons Reform Club knüpfen. Für die Anwerbung müsst ihr wieder unterschiedliche Ressourcen zahlen, die diesmal aber sofort fällig werden. Weiterhin fordern die Prominenten auch ein Gehalt von euch. Dieses könnt ihr aber reduzieren, wenn eure Nation einen großen Einfluss hat. Um den Einfluss zu erhöhen müsst ihr wiederum in Westminster aktiv werden und dort eure Würfel einsetzen. Habt ihr genug Einfluss gesammelt arbeiten einige Persönlichkeiten sogar ohne Entgelt für euch. Gesammelte Personenkarten bringen euch Siegpunkte ein, aber auch ein paar weiterführende Boni.

Ein wenig PR schadet nie. Über die London Times erhalten eure Projekte die mediale Aufmerksamkeit.

In Crystal Palace gibt es aber noch so viel mehr zu erledigen, als das Sammeln von Patent- und Personenkarten. Um ein Patent zu realisieren, müsst ihr noch die notwendigen Ressourcen aufbringen, damit der Bau des Projekts beendet werden kann. Die baulichen Ressourcen werden im Spiel durch Zahnräder und Glühbirnen dargestellt. Diese erhaltet ihr manchmal als Bonus über bestimmte Karten, ansonsten müsst ihr sie auf dem Schwarzmarkt oder an der Waterloo Station erstehen.

Ohne Moos nix los

Auf keinen Fall dürft ihr vergessen, euch um ausreichende Geldreserven Gedanken zu machen. Gegen Ende einer Runde erhaltet ihr zwar ein regelmäßiges Einkommen, das aber jede Runde um einen stattlichen Anteil schrumpft. Diese sogenannten Sonderausgaben können euch Kopf und Kragen kosten. Wenn ihr in der Einkommensleiste unter den Nullpunkt rutscht, müsst ihr dieses Defizit mit Siegpunkten zahlen.

Auf dem Verwaltungstableau seht ihr etwa, wie es gerade um euer Einkommen bestellt ist. Auch die Siegpunkte werden hier angezeigt.

Sorgt also lieber für eine stetige Einkommenserhöhung. Eine gute Möglichkeit dazu findet ihr im British Museum. Dort könnt ihr Plättchen mit einem einmaligen Soforteffekt erwerben, einige von ihnen kommen aber auch mit einer dauerhaften Wirkung daher. Habt ihr ein Plättchen erworben, dass euer Einkommen jede Runde um eine Stufe steigen lässt, dann ist das schon ziemlich beruhigend in Hinblick auf eure Barreserven. Alternativ stattet ihr der Bank of England einen Besuch ab. Dort eingesetzte Würfel bringen euch Siegpunkte ein und erhöhen zusätzlich das eigene Einkommen. So bleibt ihr einigermaßen flüssig und könnt eure nächsten Aufgaben auch finanzieren.

Der Schwarzmarkt blüht

Eine besondere Rolle nimmt in Crystal Palace zudem der Schwarzmarkt ein. Setzt ihr Würfel auf bestimmten Feldern auf den Ortstafeln ein, dürft ihr einen Assistenten ins Spiel bringen. Dieser kann für euch beispielsweise auf dem Schwarzmarkt aktiv werden. Wie fast überall im Spiel sind die Plätze hier auch wieder begrenzt. Je später ein Assistent im Schwarzmarkt eingesetzt wird, desto mehr Pfund müsst ihr zunächst investieren, um dort tätig zu werden. Eure Mühen werden später in der Einkommensphase belohnt. Je weiter oben eine Figur in der Leiste steht, desto lukrativer ist jetzt der Bonus.

Über realisierte Patente werden die meisten Siegpunkte generiert.

Über den Schwarzmarkt erhaltet ihr so eine regelmäßige Belohnung, die in jeder Runde aktiviert wird. Nach Erhalt der Boni werden alle Assistenten um ein Feld zurückgestuft, verbleiben aber im Markt und werden in der nächsten Runde erneut aktiv. Sind jedoch zu einem Zeitpunkt im Spiel mal alle Felder belegt, wird der Schwarzmarkt gecrasht und alle Assistenten werden vom Feld genommen. Lediglich die zuletzt eingesetzte Figur bleibt als Sole Survivor im Spiel. Mit so einer Aktion werdet ihr euch keine Freunde machen.

Verzahnung der Mechanismen

Crystal Palace ist gespickt mit vielen Details, die dank einer guten Verzahnung zu einem großen Ganzen verschmelzen. Ergänzt werden eure Optionen etwa noch durch die London Times, der englischen Presse. Wenn ihr die Aufmerksamkeit der Presse erregt, etwa durch das Anwerben einer Kultfigur wie Sherlock Holmes, rückt ihr auf der sogenannten Buzz-Leiste nach vorne. Über diese Leiste erhaltet ihr Einmal-Boni, könnt aber auch wieder regelmäßige Belohnungen in der Einkommensphase generieren.

Crystal Palace ist über Feuerland Spiele erschienen und kostet etwa 45€.

Wie ihr seht, die Organisation einer Weltausstellung ist eine echte Mammut-Aufgabe. Es gibt etliche vielversprechende Strategien, um am Spielende den größten Ruhm für seine Nation zu ernten. Ihr solltet euch jedenfalls ein wenig Zeit für eine Partie Crystal Palace einplanen. Zu zweit könnt ihr das Spiel vielleicht in einer guten Stunde bewältigen. Wollt ihr aber in der Maximalbesetzung mit fünf Spielern antreten, kratzt ihr unter Umständen auch mal an der Drei-Stunden-Marke. Crystal Palace von Carsten Lauber ist über Feuerland Spiele erschienen. Das Spiel ist im Handel bereits verfügbar und kostet etwa 45€.

Fazit: Siegernation Feuerland – Diese Note hat sich Crystal Palace im Test verdient

Crystal Palace im Test: Folgende Wertung kann das komplexe Strategiespiel einheimsen.

Crystal Palace ist mal echt ein ordentlicher Brocken. Es sind gar nicht mal die Regeln, die es zu einem anspruchsvollen Strategie-Klopper für erfahrene Spieler machen, sondern die Vielzahl von Optionen, die eigene Nation auf die Siegerspur zu bringen. Von der ersten Sekunde an werden euch wichtige Entscheidungen abverlangt. Wie stelle ich meine Würfel für die nächste Runde ein? Natürlich möchte ich mit meinen Würfeln möglichst die besten Karten und Plättchen abgreifen, auf der anderen Seite will jedes Pfund schwer erarbeitet werden. Schnell entsteht ein Hauen und Stechen um die begehrten Plätze auf den acht Ortstafeln. Über diese Rivalität entsteht auch ein großer Teil der Interaktion. Gerade wenn deutlich wird, dass sich mehrere Personen um ein bestimmtes Plättchen prügeln, kann es schnell mal hitzig werden. Ihr greift zwar nicht aktiv in den Fortschritt der Mitspieler ein, durch das Blockieren von Feldern mit euren Würfeln könnt ihr aber durchaus ihre eingeschlagene Strategie boykottieren. Dadurch werdet ihr häufiger mal zum Improvisieren gezwungen, denn kaum jemand kann es sich leisten, alle seine Würfel auf Sechsen einzustellen. Durch diese Neuplanung öffnen sich manchmal jedoch auch neue Türen und es entstehen plötzlich neue Strategien. 

Crystal Palace hält euch immer viele Optionen offen, denn lohnenswerte Synergien finden sich an allen Ecken und Enden. Das Spiel birgt aber auch durchaus Frustpotential. Wer mit seinen Würfeln auf einem der hinteren Plätze landet, wird manchmal ganz von der Bildfläche geputzt. Dadurch könnt ihr in eine negative Spirale geraten und dem Feld hinterherhecheln. Sehr gut gefallen hat mir dafür die große Transparenz in Bezug auf das Zählen der Siegpunkte. Die meisten Siegpunkte erarbeitet ihr euch im Spielverlauf. So wird immer ziemlich deutlich, welcher Spieler sich gerade tatsächlich auf der Siegerstraße befindet. Große Überraschungen durch eine epische Schlusswertung sind also nicht zu erwarten. Crystal Palace ist ein anspruchsvolles und vor allem gut verzahntes Strategiespiel mit einer guten thematischen Umsetzung. Wenn ihr auch mal gerne ein Spiel auf den Tisch bringt, das mit seiner Spieldauer über die Zwei-Stunden-Grenze hinausgeht, dann ist Crystal Palace eine echte Empfehlung.

PROS

CONS

+ toll verzahnte Mechaniken

- hat Frustpotential

+ Thema gut aufgearbeitet

- sehr lange Spieldauer

+ hoher Interaktionsgrad

+ taktisch anspruchsvoll

+ für bis zu 5 Spieler geeignet

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