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Flügelschlag im Test - Wie gut ist das Kennerspiel des Jahres?

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Wenn im Juli das „Spiel des Jahres“ gekürt wird, dann hält die gesamte Brettspiel-Welt den Atem an. Bei Feuerland Spiele hatte man bei der Vergabe dieses prestigeträchtigen Preises bislang nicht viel mitzureden. Das Verlagsangebot bestand zu einem großen Teil aus Schwergewichten für erfahrene Spieler.

Bislang fischte Feuerland überwiegend in den Gewässern für Spieleexperten. Zu komplex für den Massenmarkt, Spiele wie das grandiose Terra Mystica oder Scythe hätten viele Gelegenheitsspieler sicher überfordert. Inzwischen hat aber auch Feuerland seine Angebotspalette vergrößert und einige Spiele unterhalb der Expertengrenze veröffentlicht. Der Mut und das Engagement wurden belohnt. Mit Flügelschlag darf sich der Verlag über die Auszeichnung „

Kennerspiel des Jahres 2019

“ freuen.

In der jüngeren Verlagsgeschichte waren es mit Scythe, Gloomhaven oder auch Gaia Project oft Spiele, die mit fantastischen Themen für Furore sorgten. Ganz anders bei Flügelschlag. Das Spiel lässt euch in die Rolle von Vogelliebhabern schlüpfen. Eure einzige Aufgabe besteht darin, der Vogelwelt die bestmöglichen Lebensbedingungen zu verschaffen. Was sich fast schon banal anhört, stellt sich aber schnell als herausfordernde Aufgabe heraus. Gelingt es euch, das eigene Spielertableau geschickt mit Vogelkarten auszustatten, könnt ihr mit effektiven Kombinationen ein wahres Vogelparadies aufbauen.

Ein Spiel für Ästheten

Als Ornithologe betrachtet ihr die Vogelwelt und labt euch an ihrer Ästhetik. Für Brettspiel-Schöngeister wurde offenbar auch Flügelschlag designt. Nicht nur optisch, sondern auch haptisch wird einiges geboten. Das fängt schon beim hochwertigen Papier der Anleitung an, geht über die wundervolle Kartengestaltung und endet beim beiliegenden Würfelturm, der gleichzeitig die Futterkrippe für die Vögel darstellt. Das Material von Flügelschlag kann nur als absolut hochwertig bezeichnet werden. Doch kann das Spiel selbst da auch mithalten?

Die Grundregeln sind gar nicht mal so schrecklich komplex. Im Wesentlichen stehen euch pro Zug immer nur vier unterschiedlichen Optionen offen. Die strategische Tiefe entsteht zum einen durch die Verknappung der Ressourcen, zum anderen aber auch durch zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten. Schritt für Schritt entwickelt ihr eine gut geölte Maschine, die euer Vogelparadies zunehmend gedeihen lässt.

Jonglage mit drei Ressourcen

Ihr beginnt das Spiel mit ein paar Vogelkarten auf der Hand, sowie ein paar Futtermarkern. Vor euch liegt zudem eine persönliche Auslage. Hier wollt ihr im Spielverlauf möglichst viele Vögel platzieren. Dabei müsst ihr den Tieren einen artgerechten Lebensraum bieten. Einige Vögel fühlen sich im Wald zu Hause, andere ziehen Gras- oder Wasserlandschaften vor. Längst nicht alle Vögel sind allerdings so wählerisch. In der Vogelwelt gibt es einige Spezies, die bezüglich ihres Wohnraums flexibel sind.

Allen gemein ist jedoch, dass sie eine gewisse Starthilfe von euch als Vogelzüchter benötigen. Sie brauchen das passende Futter und auch die Eier, die im Lebensraum ausgebrütet werden. Somit jongliert ihr während des Spiels immer mit den drei Ressourcen Futter, Eier und Vogelkarten. Meistens fehlt euch zumindest eine dieser drei Ressourcen. Gerade bei Spielbeginn, wenn noch ein leeres Tableau vor euch liegt, fällt dies besonders ins Gewicht.

Schöne bunte Vogelwelt

Die Situation entspannt sich aber zum Glück zunehmend. Mit fortschreitendem Spielverlauf stehen euch immer mehr Möglichkeiten offen. Zuvor müsst ihr jedoch eure Aktionen geschickt planen, um eine florierende Vogel-Fauna auf das Tableau zu zaubern. Ihr beginnt das Spiel mit acht Aktionswürfeln. Mit jedem Würfel dürft ihr genau eine Aktion durchführen. Die meisten Aktionen helfen euch dabei, frische Ressourcen zu generieren.

Ihr werdet sie benötigen, um Vogelkarten von der Hand in eure Auslage zu spielen. Das Auslegen einer Karte ist auch schon gleich die erste der vier verfügbaren Aktionen. Vorab gilt es aber ein paar Bedingungen zu erfüllen. Zunächst müsst ihr die Futterkosten für den Vogel bezahlen. Es gibt genügsame Vögel, die sich schon mit einem Futtermarker zufriedengeben. Größere Vögel benötigen deutlich mehr Starthilfe.

Üppiges Vogelmenü

Die Vögel sind beim Futter ziemlich wählerisch. Mit ein paar Körnern ist es nicht getan. Mit Würmern, Samen, Fischen, Früchten und Nagern soll das Vogelbuffet möglichst breit aufgestellt sein. Für jeden Vogel müsst ihr das passende Futter auf Lager haben. Anschließend dürft ihr die Vogelkarte auf den ersten freien Platz des passenden Lebensraums (Wald, Grasland oder Wasser) legen.

Das persönliche Tableau ist in drei Reihen unterteilt, eine Reihe für jeden Lebensraum. Maximal fünf Vogelkarten könnt ihr im Spielverlauf in einer Reihe anlegen. Je mehr Vögel auf dem Spielfeld liegen, desto mehr Möglichkeiten stehen euch später zur Verfügung. Die erste Karte einer Reihe könnt ihr, vom Futter einmal abgesehen, noch ohne weitere Kosten auslegen. Später müsst ihr zusätzlich noch Eier abgeben, um die Vögel ins Spiel zu bringen. Spätestens ab der zweiten Karte einer Reihe müsst ihr euch also auch mit dieser Ressource näher beschäftigen.

Sammeln von Ressourcen

Um euren Vogelgarten weiter aufzustocken, braucht ihr also dringend neue Ressourcen. Statt einen Aktionswürfel für das Ausspielen einer Vogelkarte zu investieren, dürft ihr diesen auch auf das erste freie Feld eines Lebensraums legen. Auf jedem Feld ist eine Belohnung aufgedruckt, die ihr jetzt erhaltet. Je weiter ihr den Aktionswürfel rechts einsetzen dürft, desto höher fällt die Belohnung aus. Habt ihr in einem Lebensraum also schon viele Vögel eingesetzt, kommen jetzt reichlich Ressourcen ins Haus.

Im Wald könnt ihr Futter für eure Vögel sammeln. In Flügelschlag unterliegt das Sammeln von Futter, so wie vieles andere auch, einer kleinen Glückskomponente. Das Futter muss von den Vogelliebhabern erwürfelt werden. Dem Spiel liegen fünf Futterwürfel bei, die ihr bei Spielbeginn in den beiliegenden Vogelhäuschen-Würfelturm werft. Dürft ihr euch eine Futtermarke nehmen, bedient ihr euch an einem beliebigen Würfel aus dem Turm. Der Würfel wird aus dem Turm entfernt und ihr nehmt euch den passenden Futtermarker.

Durch den Würfelmechanismus seid ihr immer ein wenig auf das Glück angewiesen, die passenden Würfel noch im Würfelturm vorzufinden. Sobald allerdings nur noch gleiche Symbole ausliegen, dürfen alle Würfel wieder erneut in den Turm geworfen werden. Zudem dürft ihr Futter auch immer im Verhältnis 2:1 tauschen. Ganz so dramatisch ist der Glücksfaktor also nicht.

Brütende Vögel

Setzt ihr einen Aktionswürfel im Grasland ein, erhaltet ihr dafür Eier. Ihr werdet sie später zahlreich benötigen, um eure Vögel in die Lebensräume auszuspielen. Im Gegensatz zum Futter, könnt ihr die Eier aber nicht einfach so neben eurem Tableau lagern. Jedes Ei muss einem bereits ausliegenden Vogel zugeordnet werden, der es unter seine Fittiche nimmt. Es gibt Vögel, die bereitwillig eine Vielzahl von Eiern aufnehmen. Doch längst nicht alle Tiere entwickeln einen so großen Mutterinstinkt. Ihr solltet also auchhier die Kapazitäten ein wenig im Auge behalten.

In den Wasserlandschaften könnt ihr hingegen neue Vogelkarten auf die Hand ziehen. In der Tischmitte liegt eine Tränke aus, an der sich drei offene Vogelkarten laben. Wenn ihr eine Vogelkarte zieht, dürft ihr euch aus dieser offenen Auslage bedienen. Alternativ darf auch eine verdeckte Karte vom Nachziehstapel gezogen werden.

Individuelle Vogel-Fähigkeiten

Einen Aktionswürfel setzt ihr immer auf dem ersten freien Platz eines Lebensraums ein. Nachdem ihr euch die Belohnung genommen habt, werden aber auch noch alle schon ausliegenden Vögel in der Reihe aktiviert. Die meisten Vögel verfügen über eine Fähigkeit, die immer dann ausgelöst wird, wenn ihr einen Aktionswürfel in ihrem Lebensraum einsetzt. Die Sonderfunktionen der Vögel sind vielfältig. Ihr könnt zum Beispiel weiteres Futter erhalten oder zusätzliche Eier. Oft könnt ihr durch die Aktivierung auch Siegpunkte kassieren.

Die verschiedenen Vögel werden aber auch noch auf andere Art und Weise klassifiziert. Bedeutsam ist zum Beispiel auch die Art der Nester, die von den Vögeln gebaut werden. Im regulären Spielverlauf haben die Nester zwar keine Relevanz, sie sind aber in den End- und Zwischenwertungen von Bedeutung. Eine Zwischenwertung erfolgt am Ende jeder Runde, nachdem alle verfügbaren Aktionswürfel verwendet wurden. In jeder Runde wird ein neues Ziel mit zusätzlichen Siegpunkten belohnt. Wie die Zwischenziele aussehen, kann in jeder Partie wieder neugestaltet werden. Das Spiel beinhaltet genug Material, um hier häufig zu variieren.

Jagd nach Siegpunkten

Um die Punkte der Zwischenwertung zu zählen, wird ein Aktionswürfel auf die Wertungstafel positioniert. Dadurch steht euch in der nächsten Runde nun eine Aktion weniger zur Verfügung. Insgesamt läuft das Spiel über vier Runden, bevor es zur finalen Wertung kommt. Punkte gibt es zum Schluss für die ausliegenden Vögel und für die Ergebnisse bei den Zwischenzielen. Durch bestimmte Vogel-Fähigkeiten können weitere Siegpunkte generiert werden, etwa wenn Eier oder Futtermarken auf ihnen platziert wurden. Weiterhin verfolgt jeder Vogelliebhaber ein eigenes Ziel, das zu Spielbeginn festgelegt wurde.

Je nach Zahl der Mitspieler dauert einer Partie Flügelschlag zwischen 40 und 75 Minuten. Das Spiel beinhaltet ausreichend Material für bis zu fünf Spieler. Sogar an einen Modus für Solospieler wurde gedacht. Flügelschlag sollte inzwischen wieder in ausreichender Stückzahl im Handel verfügbar sein. Preislich müsst ihr mit etwa45-50€ rechnen.

Pro

Cons

+ Gute Mischung aus Taktik und Glück

+ Viel Liebe zum Detail

+ Mit Solomodus

+ Enthält Vogelhäuschen-Würfelturm

+ Tolle Illustrationen

+ Schnell erlernt, trotzdem taktisch fordernd

+ Geringe Wartezeiten

- Aktionen wiederholen sich schnell

Fazit


Die Spiel-des-Jahres-Jury hat auch in diesem Jahr wieder ein gutes Händchen bewiesen. Die Auszeichnung „Kennerspiel des Jahres 2019“ hat mit Flügelschlag einen würdigen Preisträger gefunden. Flügelschlag ist von den Regeln her nicht zu komplex und verfügt auch über einige Glückskomponenten. Wer einen dicken Strategie-Brecher erwartet, wie es sie bei Feuerland ebenso im Verlagsprogramm gibt, wird also enttäuscht. Das Spiel besticht vielmehr mit einer hohen Zugänglichkeit, ohne sich dabei in Anspruchslosigkeit zu verlieren. Flügelschlag erlaubt durchausinteressante Strategien und spannende Kartenkombinationen. Der Glücksfaktor schwingt dabei nur eben immer etwas mit. Trotz des moderaten Glücksfaktors werden eure grauen Zellen auf jeden Fall rege beansprucht. Dicke Pluspunkte sammelt Flügelschlag natürlich mit seiner tollen Ausstattung. Das Material ist absolut hochwertig und der beiliegende Würfelturm ein echter Hingucker. Mehr noch als das Material hat mich aber dieinhaltliche Liebe zu Detail begeistert. Es muss eine wahre Sisyphus-Arbeit gewesen sein, die vielen Informationen rund um die Vogelwelt zusammenzutragen. Die Aktionen der Vögel sind sinnvoll auf das natürliche Verhalten der Tiere abgestimmt. All diese Komponenten zusammengenommen, ergeben einen würdigen Kennerspiel-Preisträger, der jede Spielesammlung aufwertet.


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