Das Ortsbuch ist ein zentrales Element in Forgotten Waters und führt euch auf euren Reisen an unterschiedlichste Plätze.
+
Das Ortsbuch ist ein zentrales Element in Forgotten Waters und führt euch auf euren Reisen an unterschiedlichste Plätze.

Analoges Piratenabenteuer à la Monkey Island

Forgotten Waters im Test: Die interaktive Piraten-Seifenoper

  • vonSebastian Hamers
    schließen

Bei Plaid Head Games standen storylastige Brettspiele schon imm hoch im Kurs. Haben die Brettspielmacher mit Forgotten Waters nun ihr Meisterwerk gechaffen?

Es dürfte inzwischen längst kein Geheimnis mehr sein, dass eine hohe Immersionskraft nicht ausschließlich den Videospielen vorbehalten ist. In Sachen Storytelling und Vermittlung einer dichten Atmosphäre haben Brettspiele in den letzten Jahren enorm zu den digitalen Verwandten aufgeschlossen. Zu diesem Aufschwung hat der US-amerikanische Entwickler Plaid Head Games einen guten Teil beigetragen. Seit vielen Jahren versorgt die Kreativschmiede aus Ohio die Brettspielwelt mit erlebnisintensiven Titeln wie Komanauten, Winter der Toten oder Gen7. Dieser Linie bleibt das Studio auch bei seinem aktuellen Spiel treu. Nicht die Spielmechanik soll im Vordergrund stehen, sondern die Geschichte. Diese entführt euch diesmal auf hohe See, genauer gesagt auf ein Piratenschiff. Bei Forgotten Waters füllt ihr mit euren Charakteren unterschiedlichste Rollen an Bord aus und versucht den Kahn gemeinsam auf Kurs zu halten.

Die Navigation mit einem Piratenschiff ist komplexer als man zunächst denken mag. Ohne eine erfahrene Crew wird selbst das beste Schiff nicht lange auf den Weltmeeren bestehen können. In Forgotten Waters übernehmt ihr die wichtigsten Aufgaben an Bord selbst. Insgesamt sieben Jobs sind an Deck zu vergeben, die ihr unter euch aufteilt. In eurer Rolle als Pirat übernehmt ihr mindestens eins dieser wichtigen Ämter. Ihr agiert dabei allerdings nicht einfach nur als Ausguck oder Erster Offizier, sondern spielt einen individuellen Charakter mit vielen Facetten. Bei so vielen unterschiedlichen Charakteren an Bord kann es natürlich auch mal knistern im Gebälk. Ihr seid als Crew zwar aufeinander angewiesen, dennoch verfolgt jeder Pirat auch seine eigene Agenda. Ein wenig Eigensinn kann nicht schaden, solange ihr das Schiff gemeinsam auf Kurs halten könnt.

Forgotten Waters mit Rollenspielanteilen

Bevor ihr euch an Bord begebt, steht zunächst die Charaktererstellung an. Dazu erhaltet ihr einen doppelseitigen Charakterbogen, der nicht nur über ein halbes Dutzend Charakterwerte verfügt, sondern auch gleich über eine kleine Hintergrundgeschichte. Rund zwanzig verschiedene Piraten mit jeweils eigenen Geschichten stehen euch zur Auswahl. Zu einem kleinen Teil könnt ihr den Hintergrund eures Alter Egos mitgestalten. Ihr werdet beispielsweise aufgefordert, ein besonders übelriechendes Tier oder eine richtig hohe und coole Zahl zu notieren.

Das Ortsbuch ist ein zentrales Element in Forgotten Waters und führt euch auf euren Reisen an unterschiedlichste Plätze.

Die gewählten Begriffe werden anschließend in den vorgesehenen Stellen der Hintergrundgeschichte eingefügt, was in unseren Spielrunden schon für viele Lacher gesorgt hat. Überhaupt kommt der Humor in Forgotten Waters nicht zu kurz. Das Spiel bietet zwar spannende und atmosphärisch starke Geschichten, erinnert mit seinen komödiantischen Einlagen jedoch ein wenig an Monkey Island oder Fluch der Karibik. Sicherlich nicht die schlechtesten Referenzen.

Impulsive Entscheidungen in Forgotten Waters

Abseits der Charakterentwicklung wird der Großteil der Geschichte über eine Website zum Spiel erzählt. Zunächst wählt ihr eines von insgesamt fünf Szenarien aus. Ihr erhaltet einige Anweisungen zum Spielaufbau, bevor ihr in die Piratengeschichte eingeführt werdet. In der Regel erhaltet ihr nun die Anweisung, das Ortsbuch zur Hand zu nehmen und auf einer bestimmten Seite aufzuschlagen. Jede Doppelseite zeigt euch eine Illustration der Umgebung, an der sich eure Piraten gerade befinden, sowie eine Handvoll Aktionsmöglichkeiten, die sich vor Ort durchführen lassen.

Mit ihrem Piratenschiff schippert ihr durch die Südsee und erkundet fremde Orte.

Nachdem ihr über die Website ein paar Details zum Ort und den aktuellen Geschehnissen erfahren habt, dürfen eure Piraten endlich zur Tat schreiten. Jeder Pirat entscheidet sich, am besten ganz spontan, für eine der verfügbaren Aktionen. Auf der Doppelseite findet ihr zwar auch detaillierte Angaben zu den Auswirkungen der einzelnen Aktionen, denen ihr aber zugunsten des Spielspaßes zunächst keine Beachtung schenken solltet. Handelt am besten ganz impulsiv und entscheidet euch für eine Aktion, die euch gerade sinnvoll erscheint. Ein kleines Zeitlimit hilft, euch dabei ein wenig zu disziplinieren. Haben sich innerhalb der vorgegebenen Zeit nicht alle Piraten entscheiden können, wirkt sich das nachteilig auf die Zufriedenheit der restlichen Besatzung aus. Lest ihr also regelmäßig erstmal in aller Ruhe die ganzen Einträge im Ortsbuch durch, steuert ihr geradewegs auf eine Meuterei zu.

Charakterentwicklung in Forgotten Waters

Haben sich alle Piraten für eine Aktion entschieden, geht es direkt weiter mit der Auswertung. Im Ortsbuch erfahrt ihr nun, wie sich eure Entscheidung auf den weiteren Verlauf der Geschichte auswirken. Recht häufig werden euren Piraten bei ihren Aufgaben Proben auf ein bestimmtes Attribut abverlangt. Befindet ihr euch beispielsweise auf einer Waldinsel und wollt dort eure Nahrungsvorräte ein wenig auffüllen? Dann legt euer Pirat jetzt möglicherweise eine Jagen-Probe ab. Bei Erfolg kehrt er mit frischem Proviant wieder zum Schiff zurück. Stellt er sich bei der Jagd jedoch ziemlich ungeschickt, könnte der Waldausflug allerdings auch negative Konsequenzen nach sich ziehen.

In Forgotten Waters übernimmt jeder Spieler mindestens eine wichtige Funktion an Bord, wie beispielsweise die Rolle des Kanoniers.

Prinzipiell gilt in Forgotten Waters die goldene Regel: Übung macht den Meister! Je öfter sich euer Freibeuter in einer Disziplin versucht, desto höher steigt sein Wert in diesem Attribut. Eine gut aufeinander eingespielte Crew, achtet vielleicht sogar darauf, dass sich in der Mannschaft Spezialisten für jede Aufgabe herausbilden. Während sich ein Pirat gut auf die Navigation versteht, trumpft ein anderer dafür mit hohen Werten in Jagen oder Erkundung auf. Im Verlauf des Abenteuers gewinnt jeder Pirat stückweise immer mehr Profil.

Forgotten Waters setzt auf einfache Mechaniken

Die Attributproben, sowie im Grunde sämtliche Mechaniken im Spiel, handelt ihr ziemlich simpel ab. Zunächst werft ihr einen zwölfseitigen Würfel, dann addiert ihr den Wert des geprüften Attributs und möglicherweise noch einige Boni, die ihr durch euer Piraten-Equipment erhaltet. Das Ergebnis lest ihr nun einfach aus der beistehenden Tabelle direkt im Ortsbuch nach.

Das Leben an Bord eines Piratenschiffs ist nicht immer ganz so gemütlich. Wenn ein Sturm aufzieht, ist die Hilfe von allen Piraten gefragt.

Doch nicht alle Aktionsmöglichkeiten ziehen zwingend eine Probe nach sich. Manche Einträge bringen euch pauschale Vorteile ein. Mal gibt es zusätzliche Proviantreserven, mal bessert ihr den Rumpf des Schiffes aus oder sorgt für mehr Zufriedenheit an Bord. In Forgotten Waters gibt es ein paar Parameter, die ihr immer gut um Auge behalten solltet. Ihr verliert das Spiel sofort, wenn sich der Schiffszustand zu sehr verschlechtert und das Schiff somit kentert, wenn die Moral an Bord sinkt und dadurch eine Meuterei ausgelöst wird oder aber wenn die generelle Bedrohung das maximale Level erreicht hat. Um diese wichtigen Aufgaben solltet ihr euch als Crew auf jeden Fall gemeinsam kümmern. Doch wer gibt sich schon gerne für diese Schmutzarbeiten her?

Bei Forgotten Waters gibt es Konkurrenzkämpfe an Bord

Bessert ihr den Schiffsrumpf eures Schiffs aus, ist das natürlich gut für das Team. In eurer persönlichen Agenda bringen euch diese Samaritertätigkeiten allerdings nicht wirklich nach vorne. Als echter Pirat seid ihr vielleicht eher bestrebt, neue Schätze anzuhäufen. Eine Erkundungstour über die Insel mag da auf den ersten Blick vielleicht attraktiver erscheinen, als sich um die Schiffsreparatur zu kümmern. Zusätzliche Schätze helfen dem Piraten weiter, seine persönlichen Ziele zu erreichen. Habt ihr als Schatz etwa ein dekoratives Holster erbeutet, verbessert dies eure Jagd-Fähigkeiten und steigert obendrein die Zielgenauigkeit. Für weitere Aufgaben seid ihr mit so einem schicken Teil doch gleich viel besser gerüstet.

Jede Doppelseite im Ortsbuch zeigt euch eine Reihe unterschiedlicher Aktionen, für die ihr euch am besten ganz spontan entscheidet.

Insgeheim bastelt jeder Pirat an seiner eigenen kleinen Mission, um das Abenteuer erfolgreich abzuschließen. Dazu müsst ihr auf eurem Charakterblatt möglichst viele Sternenbildpunkte sammeln. Einige dieser wertvollen Punkte könnt ihr durch das Erreichen bestimmter Ziele im Verlauf der Geschichte sammeln. Es winken euch ebenfalls Sternenbildpunkte, wenn ihr eure Attribute auf ein gewisses Niveau gehievt habt. Für die Entwicklung der Hintergrundgeschichte eures Piraten haben die Sternenbildpunkte ebenfalls Relevanz. An bestimmten Etappen dürft ihr ein weiteres Story-Häppchen von eurem Spielerbogen entblättern und es der Gruppe vortragen. Mit jeder erreichten Etappe erhaltet ihr zudem einen individuellen Bonus, beispielsweise in Form eines neuen Gegenstandes oder der Steigerung eines Attributs. Gewinnen könnt ihr die Partie nur, wenn ihr das gemeinsame Ziel mit der Crew erreicht und gleichzeitig ausreichend Sternenbildpunkte gesammelt habt.

Egoistische Piraten sorgen bei Forgotten Waters für Ärger an Bord

Genau diese Doppelbedingung für den Spielsieg sorgt bei Forgotten Waters für eine gewisse Brisanz. Ihr seid für die Rationierung des Proviants eingeteilt? Dann haut doch gerne eine Extraportion für die müden Matrosen raus, für einen guten Ruf an Bord habt damit auf alle Fälle gesorgt. Bleibt nur zu hoffen, dass ein anderer Spieler jetzt die Kastanien für die Crew aus dem Feuer holt und für neue Nahrungsvorräte sorgt. So manche Entscheidung, die ihr an Bord trefft, kann also ganz schön pikant sein.

Die Geschichte von Forgotten Waters wird zum Großteil über die Web-App transportiert.

Forgotten Waters stellt euch allerdings nicht nur vor Entscheidungen im Ortsbuch, indem ihr dort unterschiedliche Aktionen auswählen könnt. Weitere Verzweigungen in der Geschichte kommen über die Website ins Spiel. In regelmäßigen Abständen fordert die Seite einen bestimmten Spieler auf, das Heft in die Hand zu nehmen und über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Je nach Entscheidung kann sich die Story in eine etwas andere Richtung entwickeln. Überhaupt wird der Fortgang der Geschichte hauptsächlich über die App transportiert.

Storytelling in Forgotten Waters

In regelmäßigen Abständen werdet ihr von der Website aufgefordert, dreistellige Zahlencodes in eine Maske einzugeben. Mal handelt es sich dabei um Verweise im Ortsbuch, manchmal handelt ihr aber auch die Nummer auf Plättchen ab, die ihr auf dem Spielfeld mit eurem Piratenschiff überquert. Nach Eingabe des Codes gelangt ihr auf eine weiterführende Seite, die euch mit einem weiteren Kapitel aus dem laufenden Piratenabenteuer versorgt. Die Website hält einiges an Text für euch bereit. Wählt am besten daher einen Mitspieler mit angenehmer Sprechstimme aus, der euch die Geschichte atmosphärisch vorträgt. Alternativ wählt ihr vielleicht die englischsprachige Version aus, die bereits mit einer wirklich coolen Sprachausgabe ausgestattet ist. Die Texte im Spiel sind durchgehend von ziemlich hoher Qualität, auch in der deutschen Variante. Für ein stimmiges Südsee-Feeling sorgen aber nicht nur die guten Texte, sondern auch die Sounduntermalung, die euer Abenteuer atmosphärisch weiter aufpeppen.

Während der Abenteuer dürft ihr das Schiff immer wieder mal verlassen, um euch an Land umzusehen.

Insgesamt enthält die Website fünf Piraten-Kampagnen. Klingt zunächst nach gar nicht so viel. Allerdings spielt ihr an einem Abenteuer auch locker drei bis vier Stunden und kommt damit auf eine ziemlich respektable Spieldauer. Forgotten Waters von Plaid Head Games kommt über Asmodee in den deutschsprachigen Handel. Das Spiel ist für drei bis sieben Spieler ab vierzehn Jahren geeignet. Preislich solltet ihr etwa 50-55€ einplanen.

Fazit: Mit viel Seemannsgarn segelt Forgotten Waters zielsicher zu folgender Testwertung 8.5

Forgotten Waters im Test: So gut schneidet das unkonventionelle Piraten-Brettspiel ab.

Forgotten Waters von Plaid Head Games ist schon ein ganz besonderes Brettspiel. Das fängt schon bei der Materialauswahl an, bei der das klassische Spielbrett durch einen dicken Wälzer ersetzt und überdies zahlreiche Inhalte in eine Web-Anwendung ausgelagert wurden. Ist Forgotten Waters denn überhaupt noch ein richtiges Brettspiel? Für mich haben sich die Partien immer noch ziemlich stark danach angefühlt. Im Vergleich zu vielen anderen Spielen mit App-Unterstützung, hält sich das Herumklicken auf dem Tablet oder Notebook noch einigermaßen in Grenzen. In Forgotten Waters wird weiterhin viel gewürfelt, es werden Karten gezogen und die Spielwerte der Charaktere zu 100% analog verwaltet. Wer allerdings erwartet, dass eine fein verzahnte Mechanik nach der anderen rausgefeuert wird, greift wohl besser zu einem anderen Titel. Das Spiel lebt tatsächlich in erster Linie von seiner starken Atmosphäre und den spannenden Piratengeschichten. In diesem Bereich haben die Macher ganze Arbeit geleistet. Selten zuvor hat mich ein Brettspiel so tief in seine Geschichte hineingezogen wie Forgotten Waters. Auch der semikooperative Spielansatz kommt sehr gut zum Tragen. Ihr seid immer wieder gefordert, bedeutsame Entscheidungen zu fällen. Wählt ihr den persönlichen Vorteil oder aber agiert ihr zum Wohle der gesamten Crew? Es ist spannend zu sehen, dass plötzlich alle an einem Strang ziehen, wenn die Lage an Bord angespannt ist und die Mission zu scheitern droht. Befindet sich das Schiff hingegen im sicheren Fahrwasser, wird auch gerne mal über die Stränge geschlagen. Genau diese Mixtur macht Forgotten Waters zu einem ganz besonderen Spielerlebnis, das ihr in dieser Form sonst nur selten findet.

ProsCons
+ atmosphärisch stark- es werden mindestens 3 Spieler benötigt
+ enthält 5 spannende Piratenabenteuer- eher repetitive Spielmechaniken
+ semikooperative Spielweise
+ mit multimedialer Unterstützung durch Web-App
+ auch für größere Gruppen geeignet
+ gutes Spielmaterial

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Der Herr der Ringe - Reise durch Mittelerde im Test - Starke Lizenz für Video- und Brettspieler
Der Herr der Ringe - Reise durch Mittelerde im Test - Starke Lizenz für Video- und Brettspieler
Der Herr der Ringe - Reise durch Mittelerde im Test - Starke Lizenz für Video- und Brettspieler
Anubixx im Test: Das Würfelspiel für ägyptische Baumeister
Anubixx im Test: Das Würfelspiel für ägyptische Baumeister
Anubixx im Test: Das Würfelspiel für ägyptische Baumeister
Test: Pandoria
Test: Pandoria
Test: Pandoria

Kommentare