Gen7 im Test: Das epische SciFi-Brettspiel

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Selbst als eingefleischter Brettspiel-Fan bin ich doch immer wieder darüber erstaunt, wie sehr sich das analoge Spielen in den letzten Jahren doch entwickelt hat. Immer häufiger steht nicht nur eine schnöde Mechanik im Mittelpunkt, sondern auch eine intensive Geschichte, die sich hinter anderen erzählerischen Medien nicht verstecken muss. Ein solches Paradebeispiel ist Gen7 vom amerikanischen Spieleentwickler Plaid Hat Games. Das Science-Fiction-Epos erzählt seine Geschichte über einen dicken Wälzer, den man von seinen Ausmaßen fast für einen kompletten Roman halten könnte. Die Erwartungen sind entsprechend hoch. Kann es Gen7 tatsächlich mit SciFi-Legenden wie Mass Effect & Co. aufnehmen?

Der Weg von der Erde zum Sternensystem Epsilon Eridani ist lang. Ganze 210 Jahre hat die Besetzung des Raumschiffs angepeilt, um die immense Distanz zwischen den beiden Systemen zu überbrücken. Damit das Schiff nicht bereits auf einem Viertel der Strecke als besatzungsloser Blechhaufen durch die Weiten des Alls schippert, haben sich die Verantwortlichen ein ziemlich spezielles Vorgehen ausgedacht. Teile der Mannschaft werden in den Kälteschlaf versetzt, während die restliche Crew ihren viermonatigen Dienst an Bord verrichtet.

Rivalität der Wohnbereiche

Die lange Reise durch das All birgt natürlich so einige Gefahren. Sie drohen nicht nur durch Eingriffe von außen, sondern lauern nicht selten auch im Inneren des Raumschiffs. Die Offiziere stehen in Rivalität zu einander. Jeder möchte seine eigene Position an Bord stärken und verfolgt daher auch seine eigenen Ziele. Die Gesamtmission darf dadurch aber nicht gefährdet werden. Fällt ein überlebenswichtiges System auf dem Schiff aus, nützt jedweder erworbene Status nichts. Genau mit diesem Vabanque-Spiel jongliert Gen7 und ihr seid mittendrin.

Als ehrgeiziger Offizier seid ihr auf die Offiziersterne aus. Sie stellen euer Ansehen an Bord des Schiffes dar. Wer besonders viele Sterne sammelt, kann zudem auch in seinem Dienstrang aufsteigen. Der persönliche Aufstieg wirkt sich auch spieltechnisch schnell positiv auf euch aus. Mit der nötigen Menge an Offiziersternen auf dem Konto, dürft ihr zusätzliche Fähigkeiten erwerben. Ihr sucht euch neue Fähigkeiten aus einer stattlichen Auswahl heraus. Je höher ihr zudem im Rang aufsteigt, desto mehr Fähigkeiten lassen sich erwerben. So kommt sogar ein leichtes Rollenspiel-Element mit ins Spiel.

Verantwortung für einen Wohnbereich

Zu Beginn jeder Episode wird euch ein Wohnbereich auf dem Raumschiff zugeteilt. Dieser macht euch in gewisser Weise auch für einen Aufgabebereich besonders verantwortlich. Verwaltet werden müssen die Wohnbereiche Wissenschaft, Ingenieurwesen, Kybernetik und Biotechnologie. Jeder Offizier ist für einen dieser Bereiche zuständig und erhält den passenden Spielplan. Auf diesem könnt ihr Ressourcen einlagern, über Schemakarten dauerhafte Vorteile erhalten und sogar eine individuelle Aktion ausführen.

Weiterhin platziert ihr zunächst auch die Würfel eurer Farbe hier. Im Kern handelt es sich bei Gen7 um ein Worker-Placement-Spiel. Arbeiter in Form von Würfeln werden auf dem Spielplan eingesetzt, um bestimmte Funktionen auszulösen. Die Arbeitsplätze für die gesamte Crew sind allerdings begrenzt. Sind alle Plätze in einem Bereich bereits belegt, müsst ihr euch wohl für eine andere Aktion entscheiden. Natürlich spielt die Augenzahl des eingesetzten Würfels oftmals eine Rolle. Zur Verfügung stehen euch Würfel unterschiedlicher Art. Zwölfseitige Roboterwürfel müsst ihr euch meist erst erarbeiten, während euch die sechsseitigen Kolonistenwürfel direkt zur Verfügung stehen. Der achtseitige Offizierswürfel stellt praktisch euer Alter Ego dar und darf ebenso gleich zu Beginn verwendet werden.

Systemstatus: Kritisch

Die Würfel sind in Gen7 euer wertvollstes Kapital. Ihr setzt sie ein, um eure ganz persönlichen Ziele zu erreichen. Dazu zählt etwa den Systemstatus des eigenen Wohnbereichs aus dem kritischen Bereich herauszuhalten. Es gibt jedoch weitere zufällige Ziele, die ihr individuell verfolgt. So tätigt ihr möglicherweise auch manchmal Aktionen, die zum Gelingen der Gesamtmission nur wenig beisteuern. Ebenso werden euch regelmäßig Arbeitsaufträge erteilt. Wenn ihr sie gewissenhaft erfüllt, gewinnt euer Offizier an Ansehen.

Allerdings gibt es auch noch die übergeordneten Aufträge. An Bord treten regelmäßig neue Probleme auf, um die sich die Crew kümmern muss. Mal müsst ihr eine Energiezelle in einer Abteilung austauschen, mal gibt es ein Kühlmittelleck oder es macht sich eine Strahlenkrankheit in der Biosphärenabteilung breit. Um Probleme dieser Art könnt ihr euch kooperativ kümmern. An Bord könnt ihr die auftretenden Probleme nicht einfach so ignorieren. Wird eine Störung nicht zeitnah behoben, verschlechtert sich der Status in einem der Bereiche.

Kooperativ oder nicht?

Eine Verschlechterung des Status kann gravierende Auswirkungen auf die Gesamtmission haben. Je nach Störung wird die Situation in einem anderen Bereich ein Stück kritischer. Schon dieser Umstand führt dazu, dass einige Offiziere mehr an der Behebung einer Störung interessiert sind als andere.  Ihr seid für die Instandhaltung der Biosphärenabteilung zuständig? Dann werdet ihr wohl alles daransetzen, Störungen in diesem Sektor schnell zu beheben.

Jedoch sollte die gesamte Crew darauf bedacht sein, die Situation in einem bestimmten Bereich nicht völlig außer Kontrolle geraten zu lassen. Jede Störung kann letztlich zu einem Ausfall im System führen. Dadurch werden Einsatzplätze für eure Würfel gesperrt. Eure Arbeitet können in diesem Bereich jetzt nur noch bedingt tätig werden. Das erschwert die Abläufe an Bord schon ungemein. Ihr seid aufeinander angewiesen, steht aber dennoch ebenso in Konkurrenz zu einander. Dies ringt euch recht häufig harte Entscheidungen ab. Tretet ihr vorbildlich für das Team ein? Oder trefft ihr auch manchmal eine unpopuläre Entscheidung, die euch möglicherweise auf der Karriereleiter nach oben steigen lässt?

Die richtige Entscheidung treffen

Prinzipiell kann die Besatzung an Bord des Schiffs über alles diskutieren. Gen7 ist ein kommunikatives Spiel, letztlich muss aber dennoch jeder Offizier seine eigenen Entscheidungen treffen. Das gilt nicht nur für den Einsatz der Würfel. Regelmäßig werden kleine Story-Fetzen nach oben gespült. Ihr müsst euch eine kleine Szene an Bord anhören und dann als Offizier eine Entscheidung treffen, wie mit der Situation umgegangen werden soll. Die Entscheidung hat mal mehr und mal weniger weitreichende Konsequenzen.

Zwischenzeitlich haben eure Offiziere und Kolonisten aber auch alle Hände voll zu tun. Für die Erledigung der Arbeitsaufträge müssen Ressourcen gesammelt werden. Weiterhin lassen sich wertvolle Zusatzkarten erarbeiten, die entweder dauerhafte Vorteile geben oder einen einmaligen Effekt. Da ist natürlich jede helfende Hand willkommen. In der Biosphärenabteilung könnt ihr weitere Kolonisten aus dem Kälteschlaf holen, die euch ab der nächsten Runde zur Seite stehen. Ebenso hilfreich sind Roboter, die sich über die Robotik-Abteilung in Betrieb nehmen lassen.

Brettspiel mit Geschichte

Meist reichen eure Würfel aber trotzdem nicht aus, um alle gewünschten Aktionen durchzuführen. An Bord gibt es einfach zu viele Dinge zu erledigen. Manchmal fordert euch das Plot-Buch auch noch dazu auf, gemeinsam bestimmte Situationen herzustellen. Werden eure Offiziere zur Einsatzbesprechung zitiert, könnt ihr euch dieser zwar entziehen, müsst dann allerdings mit negativen Konsequenzen rechnen. Es bleibt eben immer ein Abwägen der vielen Möglichkeiten.

Das dicke Plot-Buch kommt dabei immer wieder zum Einsatz. Es gibt euch nicht nur regelmäßig neue Verfahrensanweisungen, sondern erzählt auch die Ereignisse an Bord des Raumschiffs ziemlich atmosphärisch. Die Handlung splittet sich dabei immer wieder in verschiedene Stränge auf, je nachdem wie ihr euch im Spielverlauf entscheidet. Zwar entfernen sich die Handlungsstränge nie sonderlich weit auseinander, aber immerhin hat jede Entscheidung eine Auswirkung.

Einige Auswirkungen sind sogar so weitreichend, dass ihr sie im Logbuch für das weitere Spiel festhalten müsst. An einem Abend werdet ihr Gen7 wohl kaum durchspielen. Das Spiel ist in mehrere Episoden unterteilt, jede dauert etwa 60-90 Minuten. Nach einer Runde haltet ihr den Spielstand fest, könnt das Spiel damit praktisch abspeichern. Für eine Partie braucht ihr mindestens drei Spieler, bei vier Spielern steht auch schon die Obergrenze. Gen7 steht ab sofort im Handel. Wollt ihr euch auf die lange Reise durch das All begeben, müsst ihr preislich mit etwa 90€ rechnen.

Pros

  • spannende Mischung aus kooperativer Spielweise und der Verfolgung eigener Ziele
  • umfangreiche Science-Fiction-Geschichte
  • fordert ständig Entscheidungen ein
  • Regelwerk wird im Spielverlauf erweitert
  • lange Spieldauer
  • Einbindung von neuem Spielmaterial mit fortschreitender Spieldauer
  • kommunikativ
  • enthält zaghafte Rollenspielelemente

Cons

  • nur mit 3 oder 4 Spielern spielbar
  • Story recht vorhersehbar
  • enthält wenig Artwork
  • mechanisch nicht besonders aufregend

Fazit

Gen7 zählt zur Gruppe der immer beliebter werdenden Episodenspiele. Im Mittelpunkt des Spiels steht weniger eine ausgeklügelte Mechanik, sondern die erlebte Geschichte und die Kommunikation der Spieler untereinander. Hier liegt wohl auch die große Herausforderung für euch als Offizier. Bei so ziemlich jeder Aktion werdet ihr vor die Frage gestellt, ob ihr zum Wohle des Teams agiert oder eure eigenen Ziele verfolgt. Auf diesem schmalen Grat müsst ihr euch in Gen7 ständig bewegen. Hinzu kommen allerdings noch andere schwierige Entscheidungen. Regelmäßig werden kleine Story-Elemente eingeworfen, die euch vor neue Fragen stellen. Die Rahmenhandlung wird dabei durch das dicker Episodenbuch zusammengehalten. Die Geschichte ist zwar ein wenig vorhersehbar, hat mir aber dennoch viel Freude gebracht. Das Gefühl, sich auf einer bedeutsamen Weltraummission zu befinden, hat sich bei mir auf jeden Fall recht schnell eingestellt. Mir haben es vor allem die vielen Entscheidungen angetan, die das Spiel immer wieder einfordert. Mechanisch bietet Gen7 indes wenig Neues. Allerdings nimmt das Regelwerk ständig an Komplexität zu. Über das Episodenbuch kommen immer wieder neue Regeln hinzu, manchmal werden gar völlig neue Spielelemente mit hinzugenommen. Diese liegen zunächst schön verpackt in verschlossenen Umschlägen. Da ist die Überraschung groß, wenn sich das Spielfeld dann schlagartig verändert. Ein paar Überraschungen hält Gen7 dann also doch für euch bereit. Als Fan von epischen SciFi-Szenarien hat mir Gen7 sehr viel Freude gemacht. Der vergleichsweise hohe Preis von 90€ kann angesichts der langen Spieldauer wieder etwas relativiert werden. Wenn ihr die gesamte Gen7-Kampagne spielt, warten viele spannende Stunden im Weltraum auf euch.

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