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Pacific Rails Inc. im Test: Railroad Tycoon als Brettspiel?

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Von: Sebastian Hamers

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Pacific Rails Inc. erscheint über den Kobold Spieleverlag und kostet ca. 45€. © Kobold Spieleverlag

Der Kobold Spieleverlag steht für familien- und einsteigerfreundliche Unterhaltung. Ist dem Verlag dies auch mit Pacific Rails Inc. gelungen?

Thema oder Mechanik, was ist bei einem Brettspiel wichtiger? Über diese Frage ließe sich vortrefflich diskutieren. Ein starker thematischer Unterbau kann jedoch häufig helfen, für ein intensiveres Spielgefühl zu sorgen. Doch welche Settings sind bei den Brettspielern besonders beliebt? Die Liste ist lang. Mittelalter, Postapokalypse, Fantasy, Zombies und Cthulhu gehören zu den am häufigsten verwendeten Brettspiel-Szenarien. Doch auch weltlichere Themen tauchen regelmäßig im Spiel auf. Viele Spieler lieben es, ein wenig in Eisenbahn-Romantik zu schwelgen. Der Fachhandel bietet dazu viele Möglichkeiten. Etliche Verlage haben das beliebte Thema aufgegriffen und ein eigenes Spiel mit Eisenbahn-Thema in den Handel gebracht. Zu diesen gesellt sich nun auch der Kobold-Spieleverlag hinzu. Pacific Rails Inc. erzählt die Geschichte der First Transcontinental Railroad, die vor rund 150 Jahren zum ersten Mal die beiden Küsten der Vereinigten Staaten miteinander verband.

Mit Pacific Rails Inc. über den amerikanischen Kontinent

Vor euch liegt somit eine geschichtsträchtige Aufgabe, die allerhand wirtschaftliches und vor allem planerisches Geschick erfordert. Der Bau eines riesigen Schienennetztes birgt schließlich so manchen Stolperstein und viele Unwägbarkeiten. Einfach mal aus dem Bauch heraus ein paar Schienen ins Landesinnere verlegen, das ist jedenfalls keine gute Idee. Jedenfalls nicht, wenn eure Eisenbahnfirma glorreich in die Geschichtsbücher der Vereinigten Staaten eingehen soll. Eine vage Idee von dieser Mammutaufgabe beschleicht die Spieler vermutlich schon beim ersten Blick auf das Spielmaterial.

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Das Spielfeld von Pacific Rails Inc. besteht aus zwei großen Bereichen. © Vesuvius Media

Vor euch erstreckt sich ein riesiger Spielplan, der im Wesentlichen aus zwei Teilen besteht. Der obere Teil des Bretts ist für die Steuerung der Abläufe reserviert. Im unteren Bereich findet ihr hingegen eine Karte des Landes, auf der eure Firmen ihre Schienen verlegen und Bahnhöfe sowie Telegrafenmasten aufstellen. Gleichzeitig werkelt ihr noch am Ausbau der Lokomotive, die im Verlauf des Spiels mit zusätzlichen Waggons bestückt wird. Auch die Personalakquise kommt in Pacific Rails Inc. nicht zu kurz. Geeignetes Personal, Spezialisten für alle möglichen Tätigkeiten, erleichtern euch den Streckenausbau schließlich ungemein.

Pacific Rails Inc. stellt euch vor logistische Herausforderungen

Zunächst spielt die Musik bei Pacific Rails Inc. jedoch im oberen Bereich des Spielfelds. Euch stehen insgesamt sechs Mitarbeiter zur Verfügung, die ihr in der kleinen Eisenbahnerstadt für die Verrichtung verschiedener Aufgaben einteilen dürft. Das Städtchen besteht aus neun Bezirken, jeder davon steht für eine bestimmte Aktion. In der Regel setzt ihr die Arbeiter jedoch nicht direkt in den Aktionsbereichen ein, sondern auf die Felder dazwischen. Auf diese Weise profitiert ihr gleich von zwei benachbarten Bezirken.

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In Pacific Rails Inc. pflastert ihr das Land nicht nur mit Schienen, sondern auch mit Telegrafenmasten und Bahnhöfen. © Vesuvius Media

Gleiches passiert übrigens auch, wenn der Arbeiter wieder von seinem Aktionsfeld zurückgezogen wird. Auf diese Weise herrscht auf dem Spielfeld von Pacific Rails Inc. ein reges Kommen und Gehen. Das verleiht dem Spielablauf eine ganz eigene Dynamik, die man so in Spielen mit Arbeiterplatzierung noch nicht so häufig erlebt hat. Prinzipiell lassen sich die Stadtareale in drei Kategorien unterteilen. Knapp die Hälfte der Gebiete dient der Gewinnung von Ressourcen und ermöglicht euch zudem das Bauen von Einrichtungen. Mit ebenso vielen Bezirken kann der eigene Zug aktiviert werden, so dass angeheuertes Spezialpersonal nun ihren Dienst verrichten kann. Bleibt nur noch das Feld im Stadtzentrum. Wird dieses Feld aktiviert, kann nicht nur neues Personal für den Zug angeheuert werden, sondern erlaubt es euch auch endlich, ein paar Schienen im Land zu verlegen.

Ressourcen-Jonglage in Pacific Rails Inc.

Bevor die ersten Städte im Kontinent mit einem Streckennetz verbunden werden, müssen allerdings zunächst mal die nötigen Ressourcen herbeikommen. Holz, Eisen, Schwarzpulver und natürlich reichlich Kleingeld wird benötigt, um die beiden amerikanischen Küsten miteinander zu verbinden. Eure sechs Arbeiter schaffen die notwendigen Mittel für euch heran, wenn ihr sie in der Stadt an den Produktionsfeldern einsetzt. An die Produktion gekoppelt sind außerdem vier Spezialaktionen, mit denen Häuser oder Bahnhöfe errichtet, Telegrafenmasten aufstellt oder der Zug verbessert wird.

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Pacific Rails Inc. setzt auf eine unverbrauchte Worker-Placement-Mechanik. © Vesuvius Media

Je nachdem, welche Einrichtungen erstellt werden, dürft ihr euch über einen anderen Bonus freuen. Häuser in den Städten lassen eure Produktion sprungartig ansteigen, während Bahnhöfe und Telegrafenmasten nur darauf lauern, dass ein fremder Zug an ihnen vorbeirauscht. In diesem Fall kassiert ihr nämlich direkt ein paar Siegpunkte, ohne dass ihr einen weiteren Handschlag dafür erledigen müsst. Die Möglichkeit die eigene Eisenbahnmaschinerie zu Hochform auflaufen zu lassen, sind in Pacific Rails Inc. also vielfältig.

Die Rolle der Spezialisten in Pacific Rails Inc.

Im Stadtkern kann hingegen nicht produziert und gebaut werden. Dafür lässt sich hier neues Personal anheuern, das eure Züge bei der Arbeit begleitet. Unter der Abgabe bestimmter Ressourcen setzen sich diese Spezialisten in ein freies Abteil des Zuges und pendeln mit euch über den Kontinent. Relevant werden diese Spezialisten erst, wenn ein Arbeiter in der Stadt den Zug aktiviert. Dann werden alle Funktionen des Zuges abgehandelt, zu denen natürlich dann auch die mitfahrenden Spezialisten zählen.

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Pacific Rails Inc. startet etwas zäh, nimmt aber schnell an Fahrt auf. © Vesuvius Media

Bevor diese zu euch in den Zug steigen, braucht es allerdings erstmal den nötigen Platz. Es müssen also neue Waggons her. Maximal drei zusätzliche Wägen können an den Zug gehangen werden. Diese schaffen nicht nur Platz für Spezialisten, sondern auch frischen Stauraum für die Ressourcen, die quer durchs Land transportiert werden müssen. Um an neue Waggons zu gelangen, solltet ihr wiederum Bahnhöfe in den Städten platzieren, die bereits an das Schienennetz angeschlossen wurden. Wie ihr seht, es ist auch hier eine Frage der Logistik.

Multifunktionszüge in Pacific Rails Inc.

In vier weiteren Stadtgebieten lässt sich der Zug aktivieren. Jetzt macht sich etwaiges angeheuertes Personal bezahlt. Je nach Art der anwesenden Spezialisten werden Eisen-Ressourcen in Schienen umgewandelt, aus Schwarzpulver wird eine Tunnelstrecke und mit Holz kann eine Brücke erstellt werden. Auf diese Weise sammelt ihr die nötigen Streckenteile zusammen, die zum Ausbau des Schienennetzes benötigt werden. Die Streckenteile müssen dabei übrigens, genauso wie die anderen Ressourcen, im Zug transportiert werden. Achtet also darauf, über ausreichend Stauraum zu verfügen.

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In Pacific Rails Inc. entsteht eine schöne Dynamik in der Eisenbahnerstadt. © Vesuvius Media

Eine Sonderrolle unter den Spezialisten im Zug nimmt der Lobbyist ein. Er kann zwar nicht direkt beim Bau der Strecke behilflich sein, beeinflusst dafür jedoch den Kongress in der Eisenbahnerstadt. Für den Kongress ist ein eigener Bereich des oberen Spielfelds reserviert, auf dem Zylinder-Figuren verschoben werden. Auf diese Weise handeln die Lobbyisten ein paar Extras für eure Eisenbahngesellschaft heraus. Zusätzliche Ressourcen, Streckenteile oder Bauerlaubnisse kann man schließlich immer gebrauchen.

Pacific Rails Inc. bringt die Schiene ins Landesinnere

Doch wie kommt denn nun endlich die Strecke ins Land? Die Aktion „Streckenteile legen“ teilt sich ihren Platz mit dem Anheuern der Spezialisten. Statt neues Personal zu rekrutieren, dürft ihr bereits geladene Streckenteile aus eurem Zug in den unteren Teil des Spielfelds legen. Dabei ist natürlich die Art des Terrains zu berücksichtigen. Wollt ihr ein Wasserfeld mit Schiene versehen, braucht es eine Brücke. Für die Überfahrt durch das Gebirge wird hingegen ein Tunnel benötigt. Auf diese Weise verbindet ihr Stadt um Stadt und sammelt so bereits erste Siegpunkte.

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Pacific Rails Inc. erzählt die Geschichte der First Transcontinental Railroad. © Vesuvius Media

Klingt erstmal gar nicht so kompliziert. Doch tatsächlich gilt es dabei so einige Dinge zu beachten. Gelegte Streckenteile gehören euch nicht exklusiv, sondern dürfen ebenso von den Mitbewerbern genutzt werden. Geht ihr die Sache geschickt an, lassen sich so manchmal recht große Strecken zurücklegen. Wird eine Stadt verbunden, düst ihr mit eurer Lokomotive immer direkt hinterher. Abschließend errichtet ihr an Ort und Stelle entweder einen Bahnhof oder einen Telegrafenmast. Diese werden im weiteren Spielverlauf noch ziemlich wichtig werden.

Bahnhöfe und Telegrafenmasten sorgenbei Pacific Rails Inc. für Extrapunkte

Da jede Eisenbahngesellschaft gleich zwei Lokomotiven durch das Land navigiert, werden sich die Wege der Spieler unweigerlich kreuzen. Das wird vor allem dann interessant, wenn sich Loks durch Städte hindurchbewegen, in denen bereits Bahnhöfe oder Telegrafenmasten stehen. In diesem Fall klingeln nämlich die Kassen. Die Besitzer dürfen sich über zusätzliche Siegpunkte freuen. Damit die strategisch wichtigen Punkte nicht von einem Spieler allein besetzt werden, darf sich jeder Gesellschafter in Städten daher immer nur mit einem Bahnhof oder einem Telegrafenmast einnisten.

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In Pacific Rails Inc. müsst ihr abseits des Hauptplans auch noch euren eigenen Zug verwalten. © Vesuvius Media

Das Ende der Partie wird eingeleitet, sobald es einem Spieler gelungen ist, Ost- und Westküste zu verbinden. Jetzt geht es nur noch an die Punkteauswertung. Einige Siegpunkte wurden schon fleißig während des Spiels gesammelt. Weitere gibt es abschließend für errichtete Bahnhöfe und Telegrafenmasten, sowie für das Erreichen von variablen Wertungszielen. Bis es soweit ist, vergehen etwa 45-60 Minuten. Pacific Rails Inc. ist für zwei bis vier Spieler ab vierzehn Jahren geeignet. Ihr findet das Spiel ab sofort zum Preis von etwa 45€ im Handel.

Fazit: Wir sind mit Pacific Rails Inc. von Ost nach West gefahren und haben uns auf der Fahrt die folgende ingame-Testwertung überlegt

Wertungsgrafik Pacific Rails Inc
Wir sind mit Pacific Rails Inc. von Ost nach West gefahren und haben uns auf der Fahrt die folgende ingame-Testwertung überlegt. © ingame.de

Der Kobold Spieleverlag hat sich als Lieferant von familien- und einsteigerfreundlicher Unterhaltung einen guten Ruf verdient. Das vorliegende Pacific Rails Inc. ist im Verlagsprogramm daher eher im oberen Bereich der Komplexitätsskala anzusiedeln. Vor allem der Einstieg ins Spiel fällt nicht ganz so leicht aus wie bei dem meisten anderen Spielen des Verlags. Dazu trägt leider auch das etwas konfuse Regelwerk bei, das den Spieler nach der Lektüre ein wenig ratlos zurücklässt. Wer sich dennoch auf Pacific Rails Inc. einlässt und sich durch den etwas zähen Einstieg boxt, wird mit einem taktisch fordernden Spielerlebnis belohnt. Das Spiel nimmt rasch an Fahrt auf. Fällt es zunächst noch etwas schwer, die notwendigen Ressourcen zusammenzukratzen, entwickelt sich die eigene Eisenbahngesellschaft schnell zu einer gut geölten Maschine. Gleiches passiert natürlich auch bei der Konkurrenz, was dem Spiel den thematisch passenden Wettlauf-Charakter verleiht. Spätestens jetzt hat Pacific Rails Inc. seine Qualitäten voll entfaltet… da ist auch der Ärger über das misslungene Regelheft schnell verraucht.

ProCon
+ packender Wettlauf-Charakter- misslungenes Regelwerk
+ unverbrauchte Arbeiter-Einsetzmechanik
+ spürbarer Fortschritt des eigenen Unternehmens motiviert
+ vielfältige Optimierungsmöglichkeiten

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