Selbst komplexe Spiele wie Bonfire von Pegasus konnten via Tabletopia auf der SPIEL.digital ausprobiert werden.
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Selbst komplexe Spiele wie Bonfire von Pegasus konnten via Tabletopia auf der SPIEL.digital ausprobiert werden.

So lief die digitale Brettspiel-Messe

SPIEL.digital 2020: Das Fazit zur Brettspiel-Messe

  • vonSebastian Hamers
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In diesem Jahr öffnete die SPIEL ihre Pforten nur in digitaler Form. Wir haben uns ins virtuelle Messegetümmel gestürzt.

Das Messejahr 2020 ist digital. Nahezu alle Messen, die für uns Spieler interessant sind, fanden in diesem Jahr ausschließlich im digitalen Raum statt. Nach der E3 im Frühling erwischte es im August auch die Kölner gamescom, beide Messen konnten in der gewohnten Form leider nicht stattfinden. Die Online-Auftritte beider Messen sorgten bei den Besuchern für gespaltene Meinungen. Echtes Messefeeling konnte allerdings keine Veranstaltung wirklich transportieren. Die Essener SPIEL, die weltgrößte Messe für Brettspiele, wollte das Event ein wenig anders aufziehen. Unter Einbeziehung der Verlage, Medienschaffenden und sogar der lokalen Händler schickte sich ausgerechnet die Veranstaltung für analogen Spielegenuss an, den Platzhirschen zu zeigen, wie man einer Online-Veranstaltung etwas Messeflair zu verleihen kann.

Im letzten Jahr strömten etwas mehr als 200.000 Brettspielfans in die Essener Messehallen, um an der SPIEL teilzunehmen. Die meisten Besucher hätten vermutlich auch in diesem Jahr gerne wieder den Weg nach Essen auf sich genommen. Stattdessen loggten sie sich nun per Internet ins Messegeschehen ein. Kein Gedrängel, kein langes Anstehen, keine überfüllten Toiletten… so eine digitale Messe hat auch Vorteile. Aber SPIEL.digital bedeutet gleichzeitig ebenso Verzicht auf das haptische Erlebnis, das gemeinsame Spielen am Tisch und natürlich auch das Gefühl eines jährlichen Klassentreffens.

SPIEL.digital mit problematischem Start

Pünktlich um 10:00 sollten am Donnerstag die virtuellen Messehallen für die Brettspieler eröffnet werden. Wer sich um diese Uhrzeit pünktlich vor seinen Rechner eingefunden hatte, musste sich allerdings zunächst mit technischen Problemen herumschlagen. Nichts funktionierte, die Messeseite produzierte reihenweise Fehlermeldungen oder zeigte gar an, dass die angesteuerte Seite überhaupt nicht existiere. Hinter den Kulissen geriet die Messeleitung vermutlich kräftig ins Schwitzen, die zu diesem Zeitpunkt bereits über einen ansteigenden Baldrian-Konsum twitterte. Glücklicherweise bekam die SPIEL.digital ihre Technik schon recht schnell in den Griff und die Spieler konnten sich dann mit etwas Verzögerung in die digitalen Welten stürzen.

Selbst komplexe Spiele wie Bonfire von Pegasus konnten via Tabletopia auf der SPIEL.digital ausprobiert werden.

Die Suche nach neuen Spielen war über mehrere Wege möglich. Wer sich einfach ein wenig inspirieren lassen wollte, besuchte einfach die verschiedenen Themenwelten. Insgesamt deckte die Messe siebzehn unterschiedliche Genres ab. Brettspiel-Cracks stöberten bei den Expertenspielen, für Rollenspieler gab es eine Pen-and-Paper-Ecke, während sich Gelegenheitsspieler bei den Familienspielen umsehen konnten. Innerhalb der Themenwelten konnten die Verlage ihre eigenen Stände buchen. Mit einem weiteren Klick öffnete sich die Unterseite mit einem Überblick über die Neuheiten des Verlags.

17 Themenwelten auf der SPIEL.digital

Wie auf einer echten Messe, so fielen auch die digitalen Stände der Verlage ziemlich unterschiedlich aus. Vor allem die großen Verlage hatten hier einiges zu bieten. Besondere Highlights waren die virtuellen Spieltische, an denen sich viele Neuheiten auch tatsächlich ausprobieren ließen. Für die technische Umsetzung hat sich die SPIEL.digital erfahrene Unterstützung gesichert. Das digitale Spielen wurde nicht über die eigene Plattform realisiert, sondern über externe Anbieter wie Tabletopia oder Boardgamearena.

Die Verlage konnten eigene Stände in den verschiedenen Themenwelten buchen.

Im Optimalfall musste sogar auf einen Spieleerklärer nicht verzichtet werden. Über Discord konnte an vielen Stellen ein Sprachchat angeboten werden, so dass ein langwieriges Regellesen nicht nötig war. Von dieser Option konnten allerdings längst nicht alle Verlage Gebrauch machen. Vielerorts fehlte es wohl an den nötigen Mitteln und Personal, um die eigenen Spiele in digitaler Form darstellen zu können. Gerade bei den etwas kleineren Ständen war ein direktes Anspielen oft nicht möglich. Auf reichlich Informationen zu den einzelnen Titeln musste aber dennoch niemand verzichten.

Informationsflut auf der SPIEL.digital

Häufig bestand beispielsweise die Möglichkeit, einen Blick in das Regelheft der Spiele zu werfen. Wer sich mit den Regelwerken nicht eingehend befassen wollte, fand in den Berichten der zahlreichen Medienschaffenden aber auch gute Alternativen. Viele Verlage verlinkten Rezensionen, Videos und andere Berichte zu ihren Spielen, um den Messebesuchern die nötigen Informationen zu ihren Spielen zu vermitteln.

Als einer der Sponsoren glänzte Pegasusspiele mit einem starken eigenen Streaming-Programm.

Überhaupt war die Beteiligung der Medien, insbesondere natürlich der enthusiastischen Blogger, Youtuber, Podcaster und Streamer, ziemlich groß. Sie lieferten nicht nur die passenden Testberichte zu den Spielen, sondern sorgten auch für ein stimmiges Rahmenprogramm. Täglich ging das Messeradio auf Sendung, das live im Stream verfolgt werden konnte. Neben den Besprechungen der Neuheiten liefen hier auch Interviews mit bekannten Persönlichkeiten aus der Szene, aber auch viele andere spannende Berichte rund um das Thema Brettspiel. Insgesamt kam das Messeradio auf eine Spielzeit von stattlichen 52 Stunden.

Starkes Engagement der Medien auf der SPIEL.digital

Wer sich über das Messegeschehen lieber per Video informieren wollte, kam ebenso auf seine Kosten. Jeden Tag ab 13:00 ging der Stream der SPIEL.digital auf Sendung, der mit sehr viel Engagement von einer kleinen Truppe bekannter Brettspiel-Youtuber geschmissen wurde. In verschiedenen Segmenten wurden hier viele Spieleneuheiten vorgestellt, es gab aber ebenso Interviews, Einblicke in die Welt der Spieleentwicklung und am späten Abend ein spaßiges Quiz nach dem Vorbild von Familienduell, an dem sich auch die Messebesucher rege beteiligten. Überhaupt fand das Publikum bei den Streamern viel Gehör. Via Chat konnten sich die User aktiv ins Geschehen einklinken und so ihre Fragen und Anregungen einbringen.

Dank der zahlreichen Filterfunktionen ließen sich besonders spannende Programmpunkte und Spiele gut ausfindig machen.

Doch auch abseits der offiziellen Streams gab es während der Messetage verdammt viel zu sehen. Gerne wurde dazu Amazons Streamingplattform Twitch genutzt. Scheinbar unermüdlichen wurde Content in vielen verschiedenen Sprachen geliefert. Egal ob in englischer, spanischer, deutscher oder französischer Sprache, jeder Sprachraum generierte mehr Inhalte, als man hätte innerhalb von vier Tagen gucken können.

Offizielle Zahlen von der SPIEL.digital

So ist es auch nicht ganz einfach den wahren Erfolg der Messe zu ermitteln. Zwar gab es mit der SPIEL.digital eine zentrale Anlaufstelle, dennoch liefen viele Inhalte über externe Plattformen. Durch den dezentralen Ansatz war es nicht immer ganz leicht, den Überblick über alle Angebote zu behalten. Ein paar offizielle Zahlen von der Messe gibt es aber dennoch. Die Messeseiten haben über die vier Tage verteilt insgesamt 148.000 individuelle Spieler besucht. Die offiziellen Streams verzeichnen eine stattliche Zahl von über 1.000.000 Zugriffe. In Sachen Neuheiten bewegte sich die SPIEL weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Rund 1.400 neue Spiele nutzen die Messe, um sich einem breiten Publikum vorzustellen.

Der offizielle Stream der SPIEL.digital sorgte für Messeflair.

Viele externe Anbieter haben ebenso von der digitalen Messe profitiert. Tabletopia verzeichnete einen massiven Nutzeranstieg von 100% und auch an anderen Plattformen wie Boardgamearena oder Tabletop Simulator dürfte die SPIEL.digital nicht spurlos vorbeigegangen sein. Abzuwarten bleibt, ob das Engagement der Podcaster, Youtuber und Blogger auch nachhaltig mit höheren Zugriffszahlen belohnt wird.

Analoge SPIEL.digital

Schwer zu ermitteln ist auch der Erfolg der lokalen Events, die ihm Rahmen der Messe veranstaltet wurden. Zahlreiche Spieleinitiativen und Brettspiel-Händler nutzten das Messeportal, um auf ihre Aktivitäten vor Ort aufmerksam zu machen. Das Spielen direkt im Geschäft dürfte angesichts der anhaltenden Pandemie in den meisten Geschäften allerdings kaum möglich gewesen sein. Einige Händler konnten jedoch zumindest das Material vieler Brettspiele ansprechend präsentieren, sowie ihren Kunden eine direkte Beratung bieten. Vielerorts wird es zudem sicherlich auch attraktive Messeangebote gegeben haben. Dazu tragen insbesondere die exklusiven Deals einiger Verlage mit dem stationären Handel bei. Ein Teil der Neuheiten ist für eine begrenzte Zeit nur beim Brettspiel-Händler vor Ort zu bekommen, ein klarer Vorteil für die leidgeprüften Einzelhändler im Corona-Jahr 2020.

Wer keinen Fachhandel in der Nähe seines Wohnorts verfügbar hat, konnte das Messeportal aber natürlich auch dazu verwenden, so manches Schnäppchen online zu schießen. Viele Verlage gewährten im Aktionszeitraum einen speziellen Messepreis, verzichteten auf Versandkosten oder legten ihren Spielen Promokarten oder andere Goodies bei. Die Vorgehensweise bei den Verkäufen variierte von Verlag zu Verlag. Während einige Anbieter vorzugsweise auf ihren hauseigenen Webshop verwiesen, wurde an anderer Stelle auch auf lokale Händler verlinkt oder es wurden Kooperationen mit größeren Versandhäusern abgeschlossen. Auch wenn die Gefahr eines Impulskaufs in diesem Jahr nicht ganz so hoch war, über zu wenig Auswahl konnte sich wohl niemand beschweren.

Wenn ihr die SPIEL.digital verpasst habt, könnt ihr viele Inhalte dennoch weiterhin abrufen. Die Messeseiten werden bis auf Weiteres online verfügbar bleiben. Wir wünschen noch viel Spaß beim Stöbern!

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