Auf den ersten Blick wirkt Steamopolis erschlagend, letztlich spielt es sich dann aber überraschend flüssig und eingängig.
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Auf den ersten Blick wirkt Steamopolis erschlagend, letztlich spielt es sich dann aber überraschend flüssig und eingängig.

Auf den Spuren von BioShock Infinite

Steamopolis im Test: Steampunk als Brettspiel

  • vonSebastian Hamers
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Die Wolkenstadt Steamopolis sucht einen neuen Bürgermeister. Das ist eure Chance, das Zepter in einer Steampunk-Welt zu übernehmen.

Während viele schon ganz sehnsüchtig auf den Release von Firmament warten, haben wir uns mit dem Brettspiel Steamopolis schonmal vorab unsere Portion Steampunk abgeholt. Das Brettspiel von Gerhard Hecht entführt uns hoch in die Lüfte. Dort dreht die Wolkenstadt Steamopolis einsam und erhaben seine Runden, weit über der Erdoberfläche. Über den Wolken ist allerdings nicht alles eitel Sonnenschein, vielmehr hat sich ein finsteres Gewitter über der Stadt zusammengebraut. Der Bürgermeister von Steampolis hat nach einem üblen Unfall das Zeitliche gesegnet. Die schwebende Metropole treibt seitdem führungslos durch die Lüfte. Als einer von bis zu vier Kandidaten tretet ihr nun in den Wettstreit um das hohe Amt des Ortsvorstehers. Um die Bürger von euren Qualitäten zu überzeugen, müsst ihr beweisen, dass ihr dem Management der ungewöhnlichen Stadt gewachsen seid. Macht euch also besser schnell mit den Eigenarten einer Steampunk-Welt vertraut, dann seid ihr schon bald der Bürgermeister von Steamopolis.

Schon das Spielbrett von Steamopolis schindet ordentlich Eindruck. Vor euch liegt eine Mischform aus Stadt und Luftschiff, die gleich satte acht Stockwerke umspannt. Jedes Stockwerk bildet einen eigenen Stadtteil mit eigenen Bürgern, die ihr von euren Vorzügen überzeugen müsst. Von eurem kleinen Beiboot aus, startet ihr Wahlkampagnen in den verschiedenen Ortsgebieten. Um mitsamt eurem Wahl-Equipment dorthin zu gelangen, braucht ihr vor allem eines: ordentlich Dampf!

Das Luftschiff als Kommandozentrale

Als Bürgermeister-Kandidat verfügt ihr über euer eigenes kleines Luftschiff. Von dort aus plant ihr all eure Züge und organisiert eure Wahlkampagnen. Es ist aber auch gleichzeitig ein Prestigeobjekt. Wenn ein gut ausgebauter Zeppelin mit seinen bunten Bannern die Stadt umschifft, hinterlässt das bei den Einwohnern einen bleibenden Eindruck und eure Wahlchancen steigen. Gleichzeitig ist das Luftschiff eine echte Höllenmaschine. Wenn ihr die Hebel richtig betätigt, verschafft sie euch im Wettstreit mit den anderen Kandidaten einen wesentlichen Vorteil.

Auf den ersten Blick wirkt Steamopolis erschlagend, letztlich spielt es sich dann aber überraschend flüssig und eingängig.

Natürlich bekommt ihr in Steamopolis nichts geschenkt. Alle Luftschiff-Erweiterungen und auch die bunten Banner müsst ihr erst erwerben. Dabei gilt es mit verschiedenen Ressourcen wie etwa Zahnrädern und Kristallen zu hantieren. Neue Maschinenteile, die ihr in das Luftschiff einbaut, bringen euch regelmäßige Boni ein und machen euch das Leben als Bürgermeister-Anwärter zunehmend leichter. Siegpunkte und damit Stimmen der Bürger bringen sie euch allerdings nicht ein. Dabei helfen euch vor allem die besagten Banner, wenn ihr mit ihnen euren Zeppelin dekoriert.

Wir brauchen mehr Druck

Vom Luftschiff aus verschickt ihr eure Mitarbeiter in die verschiedenen Bereiche der Stadt. Sie werden im Spiel durch Drucksteine dargestellt, die sich auf einer Leiste von links nach rechts in eurem Luftschiff bewegen können. Um einen Druckstein in eine der oberen Etagen von Steamopolis zu bewegen, muss er sich in der Leiste schon entsprechend weit rechts befinden. Erhöht den Druck, um Drucksteine von links nach rechts zu verschieben. Wieviel Druck ihr im System aufbauen könnt, hängt wiederum von der Anzahl der Kessel ab, die ihr im Maschinenraum des eigenen Zeppelins installiert habt. Besitzt ihr eine gut ausgebaute Maschine, könnt ihr reichlich Druck auf den Kessel bringen und die Drucksteine rasend schnell in eine gute Position bringen.

In Steamopolis erhält jeder Bürgermeister-Kandidat sein eigenes kleines Luftschiff.

Habt ihr einen Druckstein bis auf das letzte Feld der Leiste befördert, steht euch die Welt von Steamopolis offen. Ihr dürft den Stein nun selbst in der achten Etage der Wolkenstadt einsetzen. Damit verschwindet der Druckstein jedoch zunächst von eurem eigenen Tableau. Er wandert auf das Spielfeld und damit in die Stadt. Dort blockiert der Druckstein eine ganze Etage nur für euch. Kein anderer Spieler kann dort einen Arbeiter platzieren, bis ihr die Aktionen dort vollständig abgewickelt habt.

Eine Frage der Logistik

Verschiebt ihr einen Druckstein nach Steamopolis, werden die verfügbaren Aktionen auf der Etage nicht unmittelbar ausgelöst. Stattdessen könnt ihr euch im eigenen Zug bewusst dazu entschließen, alle ausliegenden Drucksteine in Steamopolis zu aktivieren. Wie so häufig spielt logistisches Geschick eine Schlüsselrolle auf dem Weg zum Sieg. Bei der Planung ist vor allem zu bedenken, dass ihr in jedem Zug immer nur eine Aktion ausführen dürft.

Das Brettspiel von Corax Games zeichnet sich auch durch seine hochwertigen Materialien aus.

Das Verschieben eines Drucksteins in die Stadt ist bereits eine dieser Aktionen. Das Aktivieren aller Steine, die sich schon in Steamopolis befinden, wird ebenfalls als eine Aktion gewertet. Mit dem Erhöhen des Drucks steht euch nur noch eine dritte Option als Aktion zur Verfügung. Mit diesen drei Aktionsmöglichkeiten könnt ihr das gesamte Spiel steuern. Doch auch wenn die Auswahloptionen auf dem Papier nicht sonderlich umfangreich erscheinen, so gibt es doch etliche Faktoren bei der Planung zu berücksichtigen.

Komplexes Spiel mit nur drei Aktionen

Setzt ihr einen Druckstein in die Stadt, reserviert ihr damit eine ganze Etage für euch. Ihr blockiert diese Auswahloption solange, bis ihr alle Drucksteine in der Stadt auswertet. Wollt ihr mit eurem Arbeiter also in eine Etage, die gegenwärtig blockiert ist, müsst ihr möglicherweise auf Zeit spielen. Bis der begehrte Platz geräumt wird, könnt ihr weitere Drucksteine in andere Stockwerke versetzen. Alternativ erhöht ihr den Druck im System.

Im eigenen Luftschiff baut ihr eine effektive Engine auf.

Bei der Abwartetaktik sind euch allerdings Grenzen gesetzt. Wenn ihr keinen Druckstein mehr auf dem Luftschiff habt und der Druck bereits auf der Maximalstufe angelangt ist, seid ihr gezwungen, eure Stadtaktionen durchzuführen. Dadurch werden alle von euch blockierten Etagen wieder mit einem Schlag frei und die anderen Spieler haben jetzt die Chance, sie in Beschlag zu nehmen. Wird ein gewünschter Platz frei, ist eure Stunde gekommen. Jetzt solltet ihr allerdings auch einen Druckstein mit ausreichend Dampf parat haben, der den gewünschten Platz auch tatächlich belegen kann. Genau diese Verkettung von Umständen machen Steamopolis so spannend und packend.

Upgrade für das Luftschiff

Auf jeder Etage in Steamopolis stehen euch zwei bis drei verschiedene Stadtaktionen zur Verfügung, von der ihr euch für eine entscheiden müsst. Alternativ dürft ihr im Stockwerk auch den Marktbereich aufsuchen. Dort könnt ihr, die nötigen Ressourcen vorausgesetzt, ein paar feine Goodies für euer Luftschiff kaufen. Habt ihr euren Zeppelin bis zum Anschlag aufgemotzt, prasseln laufend hilfreiche Extras auf euch herein. Verpasst dabei aber nicht, eurem Schiff auch ein paar Banner zu verpassen, mit denen ihr euch Siegpunkte erarbeitet.

Jeder Spieler übernimmt die Kontrolle über einen eigenen Charakter, der euch eine kleine Besonderheit bietet.

Steamopolis ist vollgestopft mit kleinen Gimmicks. Ihr könnt an vielen Stellschrauben drehen, um im Wahlkampf nach vorne zu kommen. Beispielsweise dürft ihr euch zwischenzeitlich als Taxifahrer für wichtige Persönlichkeiten von Steamopolis verdingen. Ihr haltet einen Wahlkampf in der sechsten Etage ab? Dann könnt ihr in eurem Beiboot doch sicher den stinkreichen Bankier mitnehmen, der auf der fünften Ebene einen wichtigen Termin hat. Arglistige Bürgermeisterkandidaten setzen hingegen auf den Einsatz von Schmarotzern. Dabei handelt es sich um kleine Plagegeister, die sich in den Luftschiffen der Mitspieler einnisten und so manche Ressource für ihren Boss abzweigen.

Entscheidung an der Wahlurne

Der Wahlkampf in Steamopolis kann auf zwei verschiedene Arten beendet werden. Wenn sich die Märkte auf den Ebenen leeren, kommen dort Statuen zum Vorschein. Deckt ihr eine dieser Statuen auf, wird diese an die Turmspitze der Stadt befördert. Sobald auf dem Turm drei Statuen auf die Stadt hinunterblicken, wird das Spielende eingeleitet. Gleiches passiert, wenn ausreichend Passagiere von euch innerhalb der Stadt befördert wurden.

Steamopolis ist über Corax Games erschienen und kostet etwa 45€.

Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg. Bis zu zwei Stunden müsst ihr für eine Partie einrechnen. Die Spieldauer hängt allerdings auch stark von der Zahl der Mitspieler ab. Wenn ihr mit dem Spiel gut vertraut seid, lässt sich eine Zwei-Spieler-Partie auch mal in einer Stunde abreißen. Steamopolis ist ein Kennerspiel für zwei bis vier Spieler ab zwölf Jahren. Es ist über Corax Games erschienen und kostet etwa 45€.

Fazit: An der Wahlurne hat sich Steamopolis folgende Testnote verdient

Steamopolis im Test: Mit Volldampf zu dieser Note.

Bei einer bombastischen Zahl an Neuerscheinungen im Brettspiel-Sektor ist es ein Ding der Unmöglichkeit, einen umfassenden Überblick über alle Titel zu erhalten. Sowohl die finanziellen als auch die zeitlichen und räumlichen Möglichkeiten sind begrenzt, wenn es um die Anschaffung eines neuen Brettspiels geht. Es muss also gehörig vorsortiert werden. Steamopolis von Corax Games schaffte es im letzten Jahr sehr schnell auf meine Will-ich-haben-Liste. Zum einen ist der Verlag mit dem Raben aus Sachsen-Anhalt bekannt für seine Titel mit hohem Interaktionsgrad, zum anderen spricht mich das Steampunk-Thema einfach tierisch an. Als Fan von BioShock Infinite und Dishonored wollte ich mir die analoge Aufbereitung des Settings nicht entgehen lassen. Steamopolis ist ein Spiel mit vielen Möglichkeiten. Es bietet euch eine ganze Stange an Chancen, um euch in Sachen Bürgermeisterwahl in eine gute Ausgangslage zu bringen. Die dicke Anleitung mit vierzig Seiten lässt bereits erahnen, dass Steamopolis taktisch und spielerisch einiges zu bieten hat. Gerade das Timing der einzelnen Aktionen spielt in Steamopolis eine bedeutsame Rolle. Als Bürgermeisterkandidat schnappt ihr euch nicht nur die besten Plättchen vor der Nase weg, sondern ihr blockiert mit euren Drucksteinen auch die wichtigen Positionen in der Stadt. Beinahe nebenbei managt ihr auch noch den Ausbau des eigenen Luftschiffs, auf dem ihr eine gut arbeitende Engine errichtet, die ihresgleichen sucht. Trotz der vielen Möglichkeiten spielt sich Steamopolis schon nach einigen Runden ziemlich flüssig. Da sich eure Möglichkeiten im Wesentlichen auf gerade einmal drei verschiedene Aktionen reduzieren, finden sich erfahrene Spieler sehr schnell in der Wolkenstadt zurecht. Steamopolis bietet eine schöne Mischung vieler beliebter Mechaniken und verbindet sie mit einem stimmigen Thema, an dem nicht nur beinharte Steampunk-Fans ihre Freude finden.

Pros

Cons

+ Steampunk-Thema

- hohes Ärgerpotential

+ sehr viel Interaktion

+ Handling von Ressourcen

+ gutes Spielmaterial

+ gute Anleitung

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