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Terra Nova im Test: Das familienfreundliche Terra Mystica?

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Von: Sebastian Hamers

Terra Nova Kosmos Verpackung Schachtel Priester Fluss Wald See
Terra Nova ist über den Kosmos-Verlag erschienen und kostet 40-45€. © Kosmos

Für den Feuerland-Verlag war Terra Nova vielleicht doch eine Spur zu seicht, jetzt ist das Brettspiel beim Kosmos-Verlag gelandet.

Fragt man Brettspiel-Enthusiasten nach einer Top 10 ihrer liebsten Strategiespiele, dann dürfte der Name Terra Mystica sicher auf der ein oder anderen Liste auftauchen. Das Spiel hat inzwischen bereits auch schon zehn Jahre auf dem Buckel, genießt unter Strategen allerdings immer noch einen exzellenten Ruf. Bei so viel Lobhudelei mag selbst so mancher Gelegenheitsspieler in die Versuchung kommen, sich diesen dicken Klopper zuzulegen. Ob dieser an Terry Mystica jedoch Gefallen finden würde, ist zumindest fragwürdig. Die fein verzahnten Mechaniken und individuellen Herangehensweisen der einzelnen Fraktionen machen das Spiel zwar zu einem echten Leckerbissen für erfahrene Spieler, machen es auf der anderen Seite aber auch nicht besonders zugänglich. Einen Lösungsansatz für dieses Problem hat Brettspiel-Autor Andreas Faul parat. Mit Terra Nova möchte er den Kern von Terra Mystica bewahren, das Spielkonzept jedoch auf ein moderates Maß herunterbrechen.

Terra Nova möchte den Geist von Terra Mystica bewahren

Wenn man sein Lieblingsspiel aus Komplexitätsgründen nicht im eigenen Freundeskreis platzieren kann, erfindet man einfach eine leichtere Version seines Herzenstitels. So oder ähnlich mag Andreas Faul an die Mission herangegangen sein, als er mit den Arbeiten zu Terra Nova begann. Das Ergebnis seines Schaffens liegt nun vor uns und erinnert bereits auf den ersten Blick an die Originalvorlage. Im Spiel streiten verschiedene Völker um die Vorherrschaft in einer fiktiven Welt. Statt militärischer Kräfte lassen die Völker jedoch ganz andere Waffen sprechen. Jede Fraktion bevorzugt ein bestimmtes Terrain, auf dem sie sich mit ihren Häusern, Kontoren und Palästen niederlassen.

Terra Nova Spielbrett Karte Fluss Landschaft Plaettchen Spielfeld
Das Spielbrett von Terra Nova sieht zwar etwas dröge aus, ist dafür aber sehr übersichtlich. © Kosmos

Im Dienst des Fortschritts werden also ganze Landschaften umgewandelt. Aus endlosen Wüsten entstehen saftige Wälder, aus Gebirgsregionen werden tiefe Seelandschaften. Den konkurrierenden Völkern ist das natürlich ein Dorn im Auge, wenn aus ihrem bevorzugten Untergrund plötzlich ein Stück unnützes Brachland wird. So entsteht ein hitziger Wettlauf um die besten Baugrundstücke. Und dennoch, in gewisser Weise befruchtet die direkte Nachbarschaft zu fremden Völkern die eigene wirtschaftliche Lage. Eine schwierige und komplexe Situation, mit der ihr euch in Terra Nova herumschlagen müsst.

Name des SpielsTerra Nova
Spielerzahl2-4 Personen
Altersempfehlungab 12 Jahren
Spieldauer60-90 Minuten
AutorAndreas Faul
VerlagKosmos
Preis40-45€

Das Streben nach Wachstum in Terra Nova

Mit eurem Volk startet ihr die Aufgabe mit zwei kleinen Siedlungen, die zunächst lediglich aus jeweils einem Haus bestehen. Je weiter ihr mit euren Gebäuden expandiert, desto mehr Siegpunkte fallen für euch ab, was eure Chancen auf den Spielsieg natürlich erhöht. Daher seid ihr von der ersten Sekunde an auf die Erweiterung eures Reichs gepolt. In erster Linie greift ihr dabei auf die Gebäude zurück, die auf eurem persönlichen Tableau auf ihren Einsatz warten. Jedes Gebäude, das vom Tableau entfernt und auf das Spielfeld platziert wird, schaltet ein zusätzliches Einkommen oder einen besonderen Bonus frei.

Terra Nova Golem Tableau Haeuser Kontore Palaeste Macht
Bei Terra Nova übernimmt jeder Spieler die Kontrolle über eines von insgesamt zehn Völkern. © Kosmos

Drei unterschiedliche Immobilientypen stehen jedem Volk zur Verfügung: Häuser, Kontore und Paläste. Je größer das Gebäude ausfällt, desto mehr Goodies werden freigeschaltet. Jedes Bauprojekt stellt euch allerdings vor ein paar Probleme. Zunächst müssen die Kosten für den Bau eines Gebäudes in klingender Münze bezahlt werden. Direkten Zugriff habt ihr lediglich auf die Häuser, Kontore und Paläste können nur errichtet werden, indem den kleineren Gebäuden ein Upgrade verpasst wird. Ihr werdet rasch merken, ohne das nötige Kleingeld geht in Terra Nova nicht sonderlich viel.

Dauerbaustelle Terra Nova

Doch es kommt noch viel dicker. Wie eingangs bereits erwähnt, errichtet jedes Volk ihre Häuser nur auf ihrer Heimatlandschaft. Da potentieller Wohnraum knapp ist, müssen die Landschaften eben kurzerhand umgewandelt werden. Es dürfte wenig überraschen, dass die Arbeiten daran ebenso aufwändig wie teuer sind. Dabei macht es natürlich einen erheblichen Unterschied, ob ihr einen Wald in eine Seelandschaft oder in eine Wüste verwandeln wollt. Je artfremder das gewünschte Terrain zur Originallandschaft, desto mehr Kosten fallen an.

Terra Nova Haeuser Fluss Bruecke Spielbrett
Die unmittelbare Nachbarschaft zu einem Mitspieler kann in Terra Nova auch viele Vorteile haben. © Kosmos

Ein weiteres dickes Problem stellt die Erreichbarkeit der Landschaftsfelder dar. Bei Spielbeginn ist es euch nämlich nur erlaubt, neue Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem anderen Gebäude zu errichten. Auf diese Weise habt ihr euch entweder irgendwann in eine Sackgasse manövriert oder aber euch stehen nur noch extrem kostenintensive Felder zur Umwandlung zur Verfügung. Ein Ausweg aus diesem Dilemma stellt der Brückenbau dar. Das Spielfeld in Terra Nova ist von Flüssen durchzogen, ein neutraler Geländetyp, der keiner Fraktion als Wohnraum dienen kann. Errichtet ihr allerdings eine direkte Verbindung über den Fluss hinweg, dürft ihr nun auch auf dem benachbarten Feld, abseits des Flusses, eure Zelte aufschlagen. Kostengünstig - ihr habt es euch sicher schon gedacht - ist diese Variante allerdings ebenfalls nicht.

Die Rolle der Schifffahrt bei Terra Nova

Eine Alternative dazu stellt die Kunst der Schifffahrt dar. Diese ist eurem Volk bei Spielbeginn zwar noch fremd, doch mit ein paar Münzen lässt sich hier Abhilfe schaffen. Im Spielverlauf baut ihr diese Fähigkeit schrittweise aus, sodass ihr irgendwann auch entferntere Areale problemlos über den Seeweg erreichen könnt. Egal welche Strategie ihr einschlagen wollt, der Spielfortschritt muss teuer erkauft werden. Jedem Volk steht jedoch noch eine weitere Ressource zur Verfügung. Mit Machtaktionen lassen sich verschiedene Sonderaktionen ausführen, die von allen Völkern genutzt werden dürfen. Einmal verwendet, werden sie für den Rest der Spielrunden deaktiviert. Schnell sein, lohnt sich hier also.

Terra Nova Bruecke Haus Fluss Landschaft Spielbret
In Terra Nova schließt ihr entfernte Areale mit dem Bau einer Brücke an euer Reich an. © Kosmos

Das Machtsystem erfordert ein gutes Timing und ist nicht ganz einfach zu handhaben. Acht Machtpunkte lagern in drei Schalen auf eurem Völkertableau. Nutzbar sind dabei nur die Punkte in der dritten Machtschale. Generiert euer Volk weitere Macht, müssen die Punkte erst von der ersten zur zweiten und dann zu dritten Schale verschoben werden. Erst von dort aus dürfen sie wieder zum Einsatz gebracht werden, um ihre Kräfte zu entfalten. Der Machtzyklus ist ein nicht zu unterschätzendes Instrument eines jeden Volkes und kann der Schlüssel zum Sieg sein.

Auf gute Nachbarschaft in Terra Nova

Da alle Fraktion stark auf Expansionskurs sind, stoßt ihr in der Regel recht schnell an die Grenzen fremder Reiche. Die Rangelei um attraktiven Lebensraum ist somit zwar vorprogrammiert, allerdings hat die Nachbarschaft zu anderen Völkern auch ihre Vorteile. Setzt euch ein fremdes Volk ein neues Gebäude direkt vor die eigene Haustür, erhaltet ihr dafür direkt einige Machtpunkte. Doch auch der Bauherr profitiert möglicherweise von der guten Nachbarschaft. Sofern ein Kontor aufgestellt wurde, erhält dieser einen dicken Preisnachlass.

Terra Nova Macht Aktionen Marker Spielbrett
Die Machtaktionen stehen in Terra Nova allen Spielern zur Verfügung. © Kosmos

Im Spielverlauf lassen sich auf viele Weisen Boni erzielen, was die Runde manchmal ganz schön ausufern lässt. Doch irgendwann gehen auch die reichhaltigsten Ressourcen einmal zu Ende. Es bleibt euch nicht anderes übrig als zu passen und den möglicherweise noch verbleibenden Mitspielern das Feld zu überlassen. Das muss jedoch nicht zwangsweise zu eurem Nachteil sein. Immerhin steht euch in der nächsten Runde der erste Spielzug zu. Außerdem wählt ihr direkt ein Vorteilsplättchen, das euch in der kommenden einen besonderen Vorteil einbringt.

Die Machenschaften der Völker in Terra Nova

Zusätzliche Münzen oder Machtpunkte, Gebietsumwandlungen gratis, erhöhte Reichweite via Seeweg und einiges mehr gehören zu den speziellen Vorteilen, die rundenweise neu vergeben werden. Zusätzlich bringt jede Spielrunde allgemeine Boni zutage, die von allen Spielern gleichermaßen verwendet werden können. Für bestimmte Aktionen werden hierüber Siegpunkte verteilt. In manchen Runden werden so Anreize geschaffen, Häuser zu errichten, Geländetypen umzuwandeln oder auch die Seereise-Fähigkeit zu verbessern. Genau diese Kleinigkeiten machen Terra Nova so vielseitig und interessant.

Terra Nova Voelker Tableau Schaufel Muenze Landschaft Macht Fraktion
Jedes Volk verfügt in Terra Nova über besondere Eigenschaften. © Kosmos

Noch sehr viel mehr Variabilität kommt über die Verwendung der zehn unterschiedlichen Völker ins Spiel. Jedes von ihnen verfügt über gleich mehrere Spezialfähigkeiten, die euch taktisch vor ganz andere Voraussetzungen stellen. Es dürfte euch eine ganze Zeit beschäftigen, bevor ihr mit den Feinheiten aller Völker vertraut seid. In Sachen Langzeitmotivation spielt Terra Nova auf jeden Fall ganz oben mit. Terra Nova ist für zwei bis vier Personen ab zwölf Jahren geeignet. Für eine Partie müsst ihr etwa eine bis anderthalb Stunden einplanen. Ihr findet das Spiel ab sofort zum Preis von etwa 40-45€ im Handel.

Fazit: Mission geglückt. Terra Nova spielt sich deutlich zugänglicher als die Terra-Mystica-Vorlage, bewahrt sich aber den Geist des Originals. Das bringt dem Spiel diese ingame-Testwertung ein.

Wertungsgrafik Terra Nova
Terra Nova wandelt auf den Spuren des großartigen Terra Mysticas und verdient sich so diese ingame-Testwertung. © ingame.de

Eines gleich vorweg, wer Terra Mystica bereits kennt und liebt, wird mit Terra Nova vermutlich nicht hundertprozentig glücklich. Klar, die Spieldauer ist ein wenig kompakter und die Regeln sind deutlich einfacher. Doch wer den Zugang zum Feuerland-Original einmal gefunden hat, wird die weitreichenden taktischen Möglichkeiten, die das Strategie-Epos bietet, schnell vermissen. In diesem Punkt kann und möchte Terra Nova auch gar nicht mithalten. Es richtet sich an eine andere Zielgruppe. Welche Spielertypen dürfen bei Terra Nova also bedenkenlos zuschlagen? Als Familienspiel geht die Kosmos-Neuheit ebenfalls nicht ganz durch. Taktisch fordert euch die Partie schon einiges ab, dank des fehlenden Glücksfaktors sollten die eigenen Züge schon gut durchdacht werden. Terra Nova findet seine Nische irgendwo dazwischen. Ambitionierte Brettspielfans, die den Sprung zu den Expertenspielen noch nicht ganz gewagt haben, finden hier eine gut begehbare Brücke hin zu den ganz dicken Kloppern aus der Welt der analogen Spiele. Es ist erstaunlich, wie gut es Autor Andreas Faul gelungen ist, das Regelwerk stark zu vereinfachen, ohne den Geist der Vorlage zu verlieren. Die wichtigsten Elemente aus Terra Mystica sind dem Spiel erhalten geblieben und machen auch noch genauso viel Freude. Unter dem Strich bleibt ein zugängliches und vor allem abwechslungsreiches Strategiespiel, das auf eine große Zielgruppe trifft und so hoffentlich vielen Spielern auf den Weg zum Expertenspiel verhilft.

ProCon
+ taktisch fordernd- Kenner von Terra Mystica vermissen etwas Spieltiefe
+ dennoch ziemlich zugänglich- Spielbrett wirkt etwas dröge
+ Fraktionen bieten viel Abwechslung
+ gutes Spielmaterial
+ funktioniert auch zu zweit sehr gut

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