Test: Catan - Der Aufstieg der Inka

  • VonSebastian Hamers
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Die Siedler von Catan? Kennt doch eigentlich jeder. Das Spiel aus der Feder von Klaus Teuber löste 1995 einen wahren Boom aus und war mitverantwortlich für den Umschwung in der Brettspiel-Szene. Angesichts des modernen Spieldesign wirkten Klassiker wie Monopoly oder Das Spiel des Lebens plötzlich wie graue Mäuse. Mittlerweile haben die Siedler von Catan (heute: Catan – Das Spiel) über zwanzig Jahre auf dem Buckel. Zahllose Erweiterungen, Alternativ-Versionen und natürlich Computerspiel-Umsetzungen haben Catan – Das Spiel bis heute aktuell gehalten. So ist es wenig verwunderlich, dass auch in diesem Jahr zur Essener Brettspielmesse ein neues Catan auf dem Plan steht. Catan – Der Aufstieg der Inka führt euch nach Südamerika, wo bis ins 15. Jahrhundert dieser Stamm das Geschehen dominierte.

Der Geist der Ur-Siedler aus dem Jahre 1995 weht immer noch durch die aktuellen Catan-Spiele von Klaus Teuber, der seine Projekte seit einiger Zeit gemeinsam mit seinem Sohn Benjamin realisiert. Die Grundzüge des Regelwerks findet ihr fast 1:1 auch in Der Aufstieg der Inka wieder. Kenner der Catan-Reihe, also vermutlich so ziemlich jeder Spieler, fühlt sich sofort heimisch und kann praktisch direkt mit dem Spiel loslegen. Die ersten paar Seiten des Regelwerks können getrost übersprungen werden. Auf den letzten zwei Seiten sind alle Neuerungen zusammengefasst.

Überhaupt ist das Regelwerk traditionell eine große Stärke der Catan-Spiele und des Kosmos-Verlags. Selbst wenn ihr noch nie im Leben ein Catan-Spiel angerührt haben solltet, arbeitet ihr euch geschmeidig durch das schlanke Regelwerk. Wenn ihr aber so überhaupt keinen Bock auf Regellesen habt, könnt ihr euch alternativ auch die kostenlose Erklär-App für iOS oder Android herunterladen. Mit ihr werdet ihr angenehm in das Catan-Universum eingeführt.

Bewährte Mechaniken bleiben erhalten

Es wurde wirklich alles dafür getan, dass der Einstieg ins Spiel so leicht wie möglich gestaltet wird. Neue Spieler können sich an einem vorgegebenen Aufbau des Spielbretts entlanghangeln. Wie bei Catan üblich, kann das Spielfeld aber auch anders zusammengesteckt werden. Der modulare Aufbau ist seit jeher ein Markenzeichen der Serie.

Durch die thematische Ansiedlung in südamerikanischen Gefilden, wird die Spielfläche an den äußeren Grenzen durch Meer oder Dschungel eingerahmt. In der Mitte befinden sich unterschiedliche Terrains, die sich bewirtschaften lassen.  Außer dem schon erwähnten Dschungel und den Meerfeldern ist der Kontinent mit Wald, Steinbrüchen, Weideland, Ackerland und Gebirgen gesegnet. Die abwechslungsreiche Flora und Fauna ermöglicht euch die Produktion verschiedener Rohstoffe und Handelsgüter.

Auf diese Güter habt ihr es mit eurem eigenen Stamm abgesehen. Sie ermöglichen euch Wohlstand und Fortschritt durch den Bau von neuen Siedlungen, Städten und Straßen. Jeder Stamm beginnt das Spiel bereits mit zwei kleinen Siedlungen, die auf dem Spielfeld verteilt werden. Die einzelnen Gebiete werden durch Hexagon-Plättchen dargestellt. Siedlungen stellt ihr nicht direkt auf den Gebietsfeldern ab, sondern platziert sie immer an den Schnittstellen. Jede Siedlung berührt somit stets drei Gebiete und hat so Zugriff auf ihre Ressourcen.

Der optimale Standort für die Siedlung

Jedes Gebietsfeld, das Ressourcen produzieren kann, wird zu Spielbeginn mit einem Zahlenchip versehen. Die Bandbreite reicht hier von zwei bis zwölf Punkten und ist somit äquivalent zu den Ergebnissen, die zwei normale sechsseitige Würfel in Summe erzeugen können. Der aktive Spieler wirft beide Würfel und nennt das Ergebnis. Alle Gebietsfelder mit einem passenden Zahlenchip produzieren nun ihre jeweilige Ressource. Steht eine eurer Siedlungen auf einer Kreuzung zu einem solchen Gebiet, dürft ihr euch nun eine passende Ressourcenkarte nehmen. Praktischerweise gilt das für die passiven Spieler gleichermaßen, sodass ihr fast durchgehend aktiv seid.

Entsprechend sind Gebiete mit einem 6er- oder 8er-Zahlenchip wertvoller als ein Terrain mit einem 12er-Chip. So entsteht ein spannender Wettlauf um den Zugriff auf die ertragreichsten Territorien auf dem Spielfeld. Der Bau der Siedlungen ist eine kleine Wissenschaft für sich. Der Standort einer Siedlung entscheidet darüber, wie oft ihr mit neuen Ressourcen beliefert werdet. Erschwert wird der Bau von neuen Gebäuden durch die Abstandsregel. Sie verbietet es euch, neue Siedlungen in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen Gebäuden zu errichten. Weiter wird die Planung durch die Notwendigkeit des Straßenbaus erschwert.

Interaktion wird großgeschrieben

Durch diese Konkurrenzsituation um die besten Plätze wird es fast unmöglich, immer über die notwendigen Rohstoffe zu verfügen. Oft schwimmt ihr beispielsweise in Holz, bekommt aber in der Erzproduktion kein Bein auf den Boden. Ihr müsst es also so machen wie die alten Stammesvölker selbst und Handel betreiben. Als aktiver Spieler könnt ihr einen Ressourcen-Tausch mit euren Mitspielern initiieren. Das Regelwerk macht euch dazu keine großen Vorgaben. Ihr als Spieler entscheidet selbst, wie wertvoll euch eine bestimmte Ressource ist und legt entsprechend den Tauschkurs fest.

Die Interaktion unter den Spielern ist eines der wichtigsten Elemente des Spieldesigns. Mit dem Bau von Straßen und Gebäuden schränkt ihr nicht nur die Möglichkeiten eurer Gegner ein, sondern könnt auch ganz direkt mit ihnen in den Austausch gehen. Sollte ein Handel einmal gar nicht möglich sein, sei es ob die benötigten Ressourcen gar nicht verfügbar sind oder ob euch die Mitspieler ganz bewusst blockieren möchten, könnt ihr auch mit dem allgemeinen Vorrat tauschen.

Der Tauschkurs fällt dann jedoch weniger attraktiv aus. Etwas Entspannung können da die Handelsgüter bringen. Der Urwald wirft hin und wieder bunte Federn oder Coca-Pflanzen ab, die zu einem günstigeren Kurs gegen andere Ressourcen getauscht werden können. Fische sind weitere Tauschobjekte, die sich aus dem Meer gewinnen lassen. Fische, Coca-Pflanzen und die bunten Federn stellen somit eine frühe Form des Geldes dar.

Der Dschungelräuber

Benötigt werden alle Rohstoffe, die euch das Spiel bietet. Ohne Holz gibt es keine Straßen, ohne Stein keine Siedlung und ohne Erz keine Stadt. Auch die Kartoffeln und die Wolle sind Bestandteile von Siedlungen und Städten. Das Ressourcen-Management ist somit eine Aufgabe, die ihr auf alle Fälle irgendwie bewältigen müsst.

Auf Rohstoffe und Handelsgüter hat es auch der Dschungelräuber abgesehen. Dieser kommt ins Spiel, sobald eine Sieben geworfen wurde. In diesem Fall werden keine Ressourcen produziert. Stattdessen darf der aktive Spieler nun den Räuber versetzen und sich eine Karte von einem Mitspieler stibitzen. Der Räuber ist aber auch taktisch interessant. Er blockiert ab sofort die gesamte Produktion des Feldes, auf das er versetzt wurde. Erst wenn die nächste sieben geworfen wurde, zieht der Räuber weiter und ärgert jetzt andere Mitspieler.

Als Stamm könnt ihr aber nicht nur in Gebäude und Straßen investieren, sondern auch in den Fortschritt. Verglichen mit anderen Aufbauspielen fällt die Fortschrittsarbeit in Catan wenig umfangreich aus, ist aber doch ein wichtiger Bestandteil des Spiels. Immer wenn ihr je eine Ressourcenkarte mit Kartoffeln, Wolle und Erz abgebt, dürft ihr eine Entwicklungskarte ziehen.

Es lebe der Fortschritt

Ein großer Teil dieser Entwicklungskarten bietet euch die Möglichkeit, den Räuber zu versetzen. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil, denn ein Räuber auf dem falschen Feld kann euren Rohstoff-Nachschub für geraume Zeit lahmlegen. Andere Fortschritte erlauben den kostenlosen Bau von Straßen oder verteilen Rohstoffe zu euren Gunsten um. Ausufernde Möglichkeiten erlauben euch die Fortschrittskarten nicht, aber dennoch so manchen kleinen taktischen Kniff.

Fortschritt ist in Catan – Der Aufstieg der Inka aber auch noch in anderer Form relevant. Als Stammesanführer müsst ihr euer Volk zu Ruhm und Ehre geleiten… bevor sein Glanz dann verstrahlt und das Volk untergeht. Damit folgen die Catan-Stämme ganz dem Vorbild der Inka, die eine dominierende Rolle in Südamerika einnahmen, letztlich aber untergingen und lediglich die Ruinen der prunkvollen Gebäude als ein Zeugnis ihrer Existenz hinterließen.

Der Aufstieg und der Fall der Inka

Im Spiel müsst ihr insgesamt drei Stämme bei ihrem Aufstieg begleiten, aber auch ihren Untergang miterleben. Dazu erhält jeder Spieler eine kleine Tafel, der eine Übersicht über den Fortschritt der Völker bietet. Der Fortschritt jedes Stammes wird über Entwicklungsmarker festgehalten. Für jedes Gebäude, das ihr mit eurem Volk auf dem Spielfeld errichtet, erhaltet ihr einen dieser Marker. Habt ihr vier Entwicklungsmarker gewonnen, ist das Volk auf seinen Höhepunkt angelangt und geht unter.

Der Untergang des eigenen Volkes ist dann auch tatsächlich ein tiefgreifender Eingriff ins Spielgeschehen. Alle schon gebauten Straßen werden vom Spielfeld entfernt. Weiterhin müsst ihr sowohl Siedlungen als auch Städte mit einer Dickicht-Umhüllung verdecken. Diese Ummantelung soll darstellen, dass eure einst prachtvollen Gebäude nun zu Ruinen verkommen sind. Ganz von vorne müsst ihr eure nächste Zivilisation aber trotzdem nicht aufbauen.

Die Ruinenstädte und -siedlungen ernten nach wie vor die Erträge der angrenzenden Gebiete. Allerdings sind sie ab sofort permanent vom endgültigen Zerfall bedroht. Gebäude, die vom Dickicht umschlossen wurden, können jederzeit durch neue Gebäude ersetzt werden. Sofern das übliche Reglement eingehalten wird, dürfen an diesen Stellen nun auch rivalisierende Stämme ihre neuen Siedlungen aufziehen. Wollt ihr einen günstigen Bauplatz also weiter behalten, ist Eile geboten. Um euch den Neustart etwas zu erleichtern, dürft ihr eurem neuen Stamm direkt eine Gratis-Siedlung bereitstellen.

Altes macht Platz für Neues

Doch selbst dieser zweite Stamm ist in Catan – Der Aufstieg der Inka dem Untergang geweiht. Das Trauma eines ausgestorbenen Stammes müsst ihr im Spielverlauf also gleich zweimal durchleiden. Nach dem Sammeln des achten Entwicklungspunkts ist der zweite Stamm am Ende und führt euch in das große Finale des Spiels.

Die letzten drei Entwicklungspunkte entscheiden über Sieg oder Niederlage. Ihr habt das Spiel gewonnen, wenn es euch gelungen ist, den dritten Stamm mit drei Entwicklungspunkten zu versorgen. Gerade diese letzte Phase im Spiel ist nicht ganz unkritisch.  Zurecht weist schon die Anleitung daraufhin, dass die Platzierung der ersten Siedlung des dritten Stammes von hoher Bedeutung ist. Achtet also darauf, dass euch die Mitspieler mit ihren Siedlungen nicht einbauen können, wenn sie nach euch ins dritte Zeitalter vorstoßen. In diesem Fall habt ihr keine Expansionsmöglichkeiten mehr und könnt das Spiel somit auch nicht mehr gewinnen. Einmal nicht aufgepasst, könnt ihr an dieser Stelle im Spiel eure ganze Arbeit zunichtemachen.

Catan – Der Aufstieg der Inka ist für 3-4 Spieler ab 12 Jahren geeignet. Für eine Partie braucht ihr ungefähr 90 Minuten. Der Kosmos-Verlag bringt das Spiel pünktlich zur Spielemesse in Essen in den Handel. Erste Spiele findet ihr aber inzwischen sicher schon auch beim Spielehändler eurer Wahl. Preislich müsst ihr mit etwa 30-35€ rechnen.

Pros

Cons

Fazit

Catan – Der Aufstieg der Inka bewegt sich nicht besonders weit von seinen Wurzeln weg. Das klassische Spielgefühl des alten Siedlers bleibt auch der 2018er-Variante erhalten. Brettspiel-Enthusiasten, die sich neue Regelwerke in Windeseile draufschaufeln können, hätten sich vielleicht etwas mehr Mut von den beiden Teubers gewünscht. Eine völlig andere Spielerfahrung bietet das Inka-Catan nicht. Macht das neue Catan denn dann überhaupt Spaß? Auf jeden Fall! Selbst mehr als zwanzig Jahre, nachdem Die Siedler von Catan wie eine Bombe einschlugen, entfaltet das Spielprinzip einen großen Reiz. Jede einzelne Aktion hat Auswirkungen auf die Strategie der anderen Spieler und durch die Handelsoptionen suchen die Beteiligten häufig die ganz direkte Interaktion. Durch die gleichzeitige Verteilung der Ressourcen sind immer alle Spieler fast durchgehend beschäftigt. Große Wartezeiten gibt es auch in der vorliegenden Fassung nicht. Die Neuerungen der Inka-Variante wurden behutsam in das Grundprinzip von Catan eingepflegt und fühlen sich organisch an. Das Gefühl, die neuen Spielelemente wurden mit der Brechstange in ein Catan-Spiel gehämmert, entsteht nicht. Das Inka-Catan spielt sich noch ein wenig taktischer als die Ur-Version. Gerade die Frage nach der Platzierung der Gebäude spielt eine gewichtige Rolle. Durch die regelmäßige Umverteilung der Gebietskontrolle erhöht sich die Dynamik des Spiels nochmal erheblich. Auf der anderen Seite ist es schon fast etwas traurig, wenn man sein mühsam erschaffenes Reich wieder abreißen muss. Pluspunkte sammelt das Spiel für die wirklich gelungene Anleitung sowie die kostenlose Erklär-App. So werden selbst Catan-Neulinge und überhaupt unerfahrene Brettspieler sanft an das Regelwerk herangeführt. So bleibt Catan – Der Aufstieg der Inka gerade für diese Zielgruppe eine spannende Neuheit. Brettspiel-Experten spielen aber bestimmt auch gerne mit. Eine Runde Catan, das geht schließlich immer.

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