Test: Chronicles of Crime

  • VonSebastian Hamers
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Geschichtslastige Spiele sind in der Videospielkultur natürlich schon ein alter Hut. Was sich bei den Computerspielen schon seit geraumer Zeit etabliert hat, findet nun langsam auch Einzug in die Welt der Brettspiele. Im Mittelpunkt dieser Spiele steht nicht mehr die Mechanik, sondern der Plot, den das Brettspiel erzählen möchte. Einer der Vertreter dieser modernen Spiele ist Chronicles of Crime aus dem Hause Corax Games. In der Rolle von Ermittlern löst ihr insgesamt fünf Kriminalfälle in London. In Chronicles of Crime agiert ihr gemeinsam und versucht den Tätern kooperativ auf die Schliche zu kommen. Dazu untersucht ihr Tatorte, befragt Zeugen, untersucht Beweismittel und holt euch so manches Mal externe Unterstützung herbei. All dies passiert mit Hilfe eures Smartphones und der dazugehörigen App, die ihr kostenlos für iOS oder Android herunterladen könnt.

Chronicles of Crime ist ein Video-Brettspiel-Hybrid. Im Spielverlauf agiert ihr zwar häufig mit Karten, wesentliche Teile des Spiels laufen allerdings auf dem Smartphone oder einem Tablet ab. Ohne technische Hilfsmittel könnt ihr Chronicles of Crime nicht spielen. Habt ihr die App einmal heruntergeladen, benötigt ihr aber zumindest keine aktive Internetverbindung mehr.

Chronicles of Crime: das digitale Analogspiel

In der Brettspielszene mag es sicherlich einige Spieler geben, die den Einsatz von digitalen Hilfsmitteln in einem Brettspiel prinzipiell ablehnen. Dabei birgt eine gut programmierte App viele Vorteile. Ein intensives Regelstudium entfällt bei Chronicles of Crime zu einem ganz großen Teil. Dem Spiel liegt lediglich eine Kurzbeschreibung der elementaren Funktionen bei. Doch im Grunde könnt ihr selbst auf das Lesen dieser wenigen Seiten verzichten und das Spiel direkt in der App starten.

Ein kleines Tutorial beinhaltet nicht nur einen kleinen ersten Kriminalfall, sondern macht euch auch mit den Regeln des Spiels vertraut. So werdet ihr ganz geschmeidig in die Mechaniken des Spiels eingeführt. Besonders viele Spielmechaniken hat Chronicles of Crime dann auch gar nicht zu bieten. Das Spiel konzentriert sich mehr auf das Erzählen einer Geschichte und natürlich auf die Rätsel, die ein Fall so mit sich bringt.

Eine Tour durch London mit der Handykamera

Die Fortschritte, die ihr in einem Fall erzielt, werden dabei auf dem Spielfeld festgehalten. Das beiliegende Brett ist eigentlich nur eine Fläche für das Ablegen von Karten. Hier sammelt ihr Beweismittel, die zur Aufklärung des Falls beitragen. Rund um das Spielbrett herum legt ihr im Verlauf weitere Karten an. Diese stellen die verschiedenen Örtlichkeiten dar, die ihr während der Ermittlungsarbeiten bereist.

Im Tutorial startet eure Mission in den Büros von Scotland Yard. Der zuständige Kommissar erklärt euch, was vorgefallen ist. Die App weist euch direkt an, welchen Ort und welche Person ihr in Form einer Karte auslegen sollt. Mit diesen Karten könnt ihr nun interagieren. Um mit dem Kommissar zu sprechen, nehmt ihr die Karte zur Hand und scannt den Code darauf ein. Schon weiß die App, dass ihr mit dem Kommissar reden wollt und springt in die Kommunikation über. Das Einscannen von Karten werdet ihr im Verlauf des Spiels häufiger durchführen. Es ist ein wesentlicher Bestandteil des Spiels.

Virtual Reality am Tatort

Im Gespräch wird euch der Kommissar auch eine Information über den Tatort geben. Die entsprechende Ortskarte holt ihr aus dem Stapel heraus und legt sie an das Spielfeld an. Auf jeder Ortskarte befindet sich ebenfalls ein QR-Code. Scannt ihr diesen Code mit der App ein, wechselt ihr im Spiel den Ort und könnt nun dort eure Ermittlungen fortführen.

Die Schauplätze in Chronicles of Crime könnt ihr ganz genau unter die Lupe nehmen. Auch hier greift ihr auf die Unterstützung der App zurück. Für die Untersuchung eines Orts habt ihr nur genau vierzig Sekunden Zeit. Als Ermittler steht ihr in der Mitte eines Orts und könnt euch nach allen Seiten hin umsehen. Die App schaltet in diesem Fall in einen 360°-Modus um. Mit den Fingern könnt ihr das Bild auf dem Touchscreen in alle Richtungen bewegen und euch so einen Überblick verschaffen.

Alternativ könnt ihr euch aber auch mit dem Smartphone um die eigene Achse drehen, ganz so wie ihr es sicher von den Panorama-Bildern auf Facebook & Co. kennt. Chronicles of Crime bietet sogar einen VR-Modus. Für ein paar Euro könnt ihr euch zusätzlich eine Virtual-Reality-Brille aus Pappe besorgen und dort das Smartphone einlegen. Auf diese Weise erkundet ihr die Schauplätze sogar in der virtuellen Realität.

Kooperative Ermittlungsarbeit

Ein wesentliches Problem dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand. Nur ein Spieler kann in die virtuelle Realität abtauchen und den ausliegenden Ort betrachten. Chronicles of Crime hat sich diese Einschränkung allerdings zur Stärke gemacht und daraus eine kooperative Mechanik gestrickt. Der aktive Spieler blickt in die virtuelle Welt und berichtet seinen Mitspielern, was er dort erblickt. Die anderen Spieler durchsuchen in der Zwischenzeit einen Stapel mit Hinweiskarten.

Die Hinweiskarten beinhalten Begriffe, die der aktive Spieler vielleicht gerade am Schauplatz gesehen hat. Im Tutorial seht ihr am ersten Tatort beispielsweise eine Katze am Boden liegen. Die Spieler finden im Stapel mit den Hinweisen den Begriff „Tiere“, den sie für die weiteren Ermittlungen heraussuchen. So haben die Spieler innerhalb der vierzig Sekunden häufig gleich mehrere Karten herausgesucht, die möglicherweise etwas mit dem laufenden Fall zu tun haben.

Beweise sammeln

Nach der Untersuchung des Orts habt ihr jetzt die Möglichkeit, euch die herausgesuchten Hinweise einmal genauer anzugucken. Einmal mehr greift ihr dabei auf die Kamera eures Smartphones zurück. Auch auf den Hinweiskarten befinden sich QR-Codes, die ihr mit der App einscannt. Jetzt erfahrt ihr ein paar Details über das untersuchte Objekt. Einige Hinweise spielen bei der weiteren Bearbeitung des Falls keine Rolle. Diese Karten könnt ihr vorläufig beiseitelegen. Andere Objekte wirken hingegen verdächtig und können euch vielleicht dabei helfen, auf die richtige Fährte zu kommen.

Manchmal braucht es allerdings die Hilfe eines echten Experten. In Chronicles of Crime stehen euch insgesamt vier externe Berater zur Verfügung, die ihr um Unterstützung bitten könnt. Hierzu zählen ein Kriminologe, ein Hacker, eine Wissenschaftlerin und ein Arzt. Jeder Berater ist Experte auf seinem Gebiet und bringt euch, je nach Art des Hinweises, neue Erkenntnisse ein. Über diese Experten können so neue Ortschaften, Personen oder Gegenstände offengelegt werden. Die neue Spur nehmt ihr wiederum auf und schließt so die Löcher des Puzzles Stück für Stück.

Londons Unterwelt

Bei der Lösung des Falls kämpft ihr jedoch auch gegen die Zeit. Je früher ihr das Verbrechen aufgeklärt habt, desto höher wird auch euer Punktestand am Ende des Spiels ausfallen. Gespielt wird dabei allerdings nicht in Echtzeit. Jede Aktion im Spiel kostet euch einige Zeiteinheiten. Besonders zeitaufwändig ist die Reise an andere Orte, zwanzig Minuten gehen für den Wechsel eines Ortes drauf. Auch das Befragen einer Person oder das Einscannen eines Gegenstands kostet wertvolle Zeit. Ihr meint den Fall gelöst zu haben? Dann könnt ihr das Spiel beenden. Zum Abschluss des Falls werden euch noch einige Fragen über den Ablauf des Verbrechens gestellt. Am Ende des Spiels steht dann der finale Punktestand, der aus der richtigen Beantwortung der Fragen und der Gesamtspieldauer resultiert.

Dem Grundspiel liegen, abseits des Tutorials, insgesamt fünf Fälle bei, die alle in London angesiedelt sind. Für jeden Fall könnt ihr eine ungefähre Spielzeit von neunzig Minuten einplanen. Über die App könnt ihr euch weitere Fälle herunterladen, jedes zusätzliche Szenario kostet 5,49€. Für das nächste Jahr sind bereits weitere Downloads geplant. Es sieht also ganz so aus, als wäre der Nachschub für die nächste Zeit erstmal gesichert, zumal für Anfang 2019 auch schon zwei Erweiterungen mit zusätzlichem Kartenmaterial angekündigt wurden. Chronicles of Crime steht ab sofort im Handel und kostet zwischen 30€ und 35€. Das Spiel ist für ein bis vier Spieler ab zwölf Jahren geeignet.

Pros

Cons

Fazit

Das Gefühl, als Ermittler von Scotland Yard für Recht und Ordnung in London zu sorgen, wird von Chronicles of Crime gut transportiert. Daran hat vor allem die gut erzählte Geschichte ihren Anteil. Die fünf Episoden sind in sich abgeschlossen, fügen sich am Ende zu einem großen Ganzen zusammen. Die Immersion wird jedoch auch durch die Implementierung von Virtual Reality verstärkt. Beim Absuchen eines Tatorts müsst ihr auf viele Details achten und euch gut in allen Ecken umschauen. Besonders lebendig wird die Detektivarbeit natürlich, wenn ihr die VR-Brille einsetzt. Obwohl ihr die Orte immer nur alleine durchsuchen könnt, seid ihr dennoch auf die Mithilfe der anderen Spieler angewiesen, die in Windeseile die passenden Karten raussuchen müssen. Prinzipiell könnt ihr Chronicles of Crime natürlich auch alleine spielen. Das Spiel wird in diesen Situationen dann aber natürlich doch etwas hektisch. Außerdem entfällt im Solospiel auch das gemeinschaftliche Gefühl, zusammen einen Kriminalfall gelöst zu haben. Das gemeinsame Rätseln und Taktieren ist Teil des Spielerlebnisses. Für eine Partie Chronicles of Crime könnt ihr mit etwas Glück vielleicht sogar ein paar absolute Spiele-Verweigerer gewinnen. Ihr könnt ohne umschweifende Regelerläuterungen loslegen und seid direkt inmitten eines spannenden Kriminalfalls. Die Einstieghürde ist bei Chronicles of Crime also denkbar gering. Für Fans von geschichtsgetriebenen Spielen, die sich gerne in die Detektivarbeit stürzen, ist Chronicles of Crime eine tolle Empfehlung.

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