Test: Doom - Das Brettspiel

  • vonSebastian Hamers
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Immer mehr Videospiele erhalten inzwischen eine analoge Umsetzung als Brettspiel. Dieser Trend ist begrüßenswert, gibt es doch eine breite Schnittmenge bei den Video- und Brettspielern. Im Falle von Doom liegt der Fall allerdings ein wenig anders. Die Brettspielversion des Egoshooters folgt nicht einem neuen Trend, sondern erschien bereits im Jahr 2004. Nachdem das Spiel lange Zeit kaum zu bekommen war, dürfen wir uns jetzt über eine überarbeitete Neuauflage freuen.

Als id Software im Jahr 1993 das erste Doom veröffentlichte, dürfte es sich bei den meisten Spielern um eine reine Solo-Erfahrung gehandelt haben. Erst durch die langsam in Mode kommenden LAN-Partys wurde Doom auch zu einem Multiplayer-Phänomen. Heute sieht die Situation natürlich vollkommen anders aus. Über das Netz lassen sich Doom und andere Shooter ganz komfortabel mit Spielern aus der ganzen Welt zocken. Das einzigartige Gemeinschaftsgefühl einer LAN-Party geht dabei aber leider flöten. In diesem Punkt kann Doom – Das Brettspiel helfen. Es bringt das Gefühl des Couch-Koops der 90er zurück.

Opulente Grafik

Bei Egoshootern ist die grafische Darstellung besonders wichtig. Wie lieben es doch alle, wenn die Bewegungen geschmeidig sind und die Explosionen besonders spektakulär ausfallen. Doom – Das Brettspiel hat durchaus den Anspruch, dieser grafischen Opulenz gerecht zu werden. Dem Spiel liegt eine stattliche Zahl von 37 Miniaturen bei. Besonders die übergroßen Dämonen sehen sehr beeindruckend aus und bestechen durch ihren Detailreichtum. Die schicken Figuren wirken sich positiv auf den Spielspaß aus. Wenn plötzlich so ein fetter Obermotz vor euch auftaucht, dann macht das schon ordentlich Eindruck. Umso befriedigender ist am Ende des Kampfes dann auch das Gefühl, wenn ihr den Dämon in seine Schranken gewiesen habt.

Doch auch in anderen Bereichen wird die Nähe zum Videospiel-Original sichtbar. Doom ist nicht das Spiel, das mit einer tiefgründigen Geschichte glänzt oder eine umfangreiche Open World auffährt. Traditionell ist Doom ziemlich geradlinig und schnörkellos. Das Spiel bringt es auf den Punkt und zieht euch direkt in die Action hinein. Genau diesen Ansatz verfolgt auch das Brettspiel.

Dungeon Master gesucht

Bevor ihr euch durch die Missionen metzelt, müsst ihr zunächst einen Spielleiter bestimmen, im Regelwerk liebevoll „Zerstörer“ genannt. In diesem Punkt ist Doom – Das Brettspiel ein wenig old-school. In der Brettspiel-Welt gibt es heute bereits etliche Spiele, bei denen das Böse durch eine App oder komplexe Spielmechaniken personifiziert wird. Doch dies würde wohl dem Grundgedanken von Doom widersprechen. Schließlich soll die Action im Vordergrund stehen. Da würden technischer oder (spiel-)mechanischer Schnickschnack nun unnötig im Wege stehen. Der Preis dafür ist, dass einer von euch die Kontrolle der Dämonen übernehmen muss.

Die Rolle des Zerstörers hat dabei allerdings durchaus seinen eigenen Reiz. In vielen Dungeon-Crawler-Brettspielen ist der Dungeon Master mit angezogener Handbremse unterwegs. Er versucht die Helden das Abenteuer so gerade eben bestehen zu lassen. Würde er jedoch alle Geschütze auffahren, wäre es ihm ein Leichtes die Heldengruppe auszulöschen. Bei Doom – Das Brettspiel ist das kein Problem. Als Zerstörer ist die Aufgabe ausreichend herausfordernd, die Spieler in Schach zu halten. Ihr könnt also Vollgas geben.

Dämonen gegen Marines

Optimalerweise treten vier Marines gegen den Zerstörer an. Bei geringerer Spielerzahl werden die vorhandenen Weltraumkämpfer verstärkt, so dass sie es auch in reduzierter Besetzung gegen die Dämonenbrut aufnehmen können. Auf der Mars-Anlage A113 der Union Aerospace Corporation erfüllt ihr je nach Mission unterschiedliche Aufgaben. Diese bestehen meist darin, das Gebiet von den Dämonen zu säubern oder bestimmte Gegenstände zu sichern.

Die Missionsbeschreibungen sind in einem separatem Handbuch festgehalten. Insgesamt findet ihr dort zwei Operationen, die in jeweils sechs Missionen unterteilt sind. Pro Mission könnt ihr eine Spieldauer von 2-3 Stunden einplanen. Es gibt also genug Stoff für lange Spieleabende.

In den Beschreibungen seht ihr auch genau wie das jeweilige Level aufzubauen ist. Die Räume und Gänge steckt ihr ganz einfach aus unterschiedlich geformten Spielplanteilen zusammen. Anschließend wird das Feld noch mit den notwendigen Markern und den Türen bestückt. Dann könnt ihr endlich auch eure Marines für die Mission ausrüsten.

Die Spielzeuge der Marines

Die Aktionen der Marines und auch des Zerstörers werden über Karten gesteuert. Als Marine beginnt ihr das Spiel mit einem Deck aus zehn Karten. Es besteht aus vier Grundkarten sowie drei Karten je Waffe. Am Anfang des Spiels ist jeder Marine mit zwei Waffen ausgerüstet. Darunter befinden sich viele Spielzeuge, mit denen Doom-Fans sicher bestens vertraut sind. Super-Schrotflinte, Plasma-Gewehr, Chain-Gun oder natürlich auch die legendäre BFG-9000 sind nur einige Beispiele aus dem Arsenal der Marines.

Je nach verfügbarer Ausrüstung verändert sich also auch das Kartendeck und somit auch die Auswahlmöglichkeiten bei den Aktionen. In jeder Runde habt ihr in der Regel drei Karten auf der Hand, aus denen ihr eure Aktionen wählt. Der Zerstörer greift auf einen anderen Kartenstapel zu und hat zudem etwas mehr Verwaltungsaufwand als die Marines zu bearbeiten. Er ist für die Auslosung der Zugreihenfolge verantwortlich und muss darauf achten, wann seine Dämonen ins Spiel kommen. Insgesamt kann aber auch der Zerstörer seine Aktionen zügig abhandeln. Dadurch kommt das Spiel nur ganz selten ins Stocken und spielt sich ziemlich flüssig.

Auf dem Schlachtfeld

Doch kommen wir endlich zur Action selbst. Auf den Marines- und Waffenkarten befinden sich diverse Aufgaben, die für Aktionen nutzbar sind. So könnt ihr Karten etwa für die Bewegung verwenden. Pro Bewegungspunkt darf sich der Marine um ein Feld auf dem Spielplan bewegen, ziemlich einfach.

Viel komplexer ist auch der Angriff nicht. Dank des übersichtlichen Angriffsfelds auf den Aktionskarten habt ihr die Optionen immer gut im Blick. Es gibt eine Angabe zur Reichweite der Waffe und natürlich auch zum Schaden, den die Attacke anrichtet. Beim Schaden handelt es sich nicht um eine fixe Größe, sondern es wird selbstverständlich gewürfelt, wie es sich für ein Brettspiel gehört. Dazu stehen euch zwei unterschiedliche Würfelsorten zur Verfügung.

Einer Attacke ist der Verteidiger aber weder als Marine noch als Dämon wehrlos ausgeliefert. Als Verteidiger zieht ihr die obere Karte von eurem Deck. Mit etwas Glück findet ihr darauf das ein oder andere Schild, das den Schaden reduziert. Wurde eine Karte mit einem Ausweich-Symbol aufgedeckt, wird sogar der gesamte Schaden ignoriert.

Durch dieses Vorgehen dienen die Aktionskarten des Decks für die Offensive und Defensive gleichermaßen. Das hält das Spiel schlank und einfach. Einige Karten haben sogar noch eine weitere Funktion. Sie können als Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis gespielt werden.

Die Umgebung nutzen

Eine bedeutsame Rolle im Spiel nimmt auch die Umgebung ein. In den Gängen und Räumen findet ihr manchmal hilfreiches Equipment wie Medikits oder neue Waffen. Beim Aufsammeln der Medikits zeigt sich auch wieder die Nähe zum Computerspiel. Sobald ein Marine über das Feld mit dem Medikit läuft, bekommt ihr ein paar Lebenspunkte gutgeschrieben. Ein Aufsparen des Erste-Hilfe-Kastens ist nicht möglich.

Taktisch lassen sich zudem die zahlreichen Vorsprünge, Hindernisse oder Wände benutzen. Diese sorgen dafür, dass Felder nicht oder nur erschwert passierbar sind. Weiterhin können bestimmte Objekte Einfluss auf die Sichtlinie nehmen. Um einen Dämon unter Beschuss zu setzen, müsst ihr ihn natürlich auch ins Visier nehmen können. Manchmal ist ein Gegner aber auch nur teilweise sichtbar. Dann befindet er sich in Deckung und darf bei der Verteidigung eine zweite Karte ziehen, falls ihm die erste Karte nicht zusagt. Die vielen Hindernisse auf dem Spielplan lassen sich prima als Deckung nutzen und geben Doom eine strategischere Note.

Glory Kills

Als weiteres taktisches Element dürfen die individuellen Fähigkeiten der Waffen und der Marines selbst nicht fehlen. Auf den Karten im Deck findet ihr viele verschiedene Sonderfähigkeiten, die ihr zusätzlich einsetzen könnt. Dazu erhält jeder Marine noch eine Klassenkarte, die ihm mit einer einzigartigen Fähigkeit ausrüstet. Ähnliche Funktionen stehen auch dem Zerstörer zur Verfügung. Auf den Zerstörer-Karten gibt es jede Menge Gemeinheiten, die den Marines vor die Füße gekotzt werden können.

Zum Abschluss möchte ich eine Funktion erwähnen, die spielerisch zwar vielleicht nicht ganz so bedeutsam ist wie andere, aber wieder schön verdeutlicht, wie gut der Geist des Computerspiels eingefangen wurde. Die Rede ist von den berüchtigten Glory Kills. Falls ein Dämon Schaden in Höhe seines Benommenheitswerts erleidet, gilt dieser als benommen. Jetzt muss der Marine nur noch auf das Feld des Dämons schlendern, um ihn mit einem finalen Nahkampfangriff spektakulär aus den Latschen zu kloppen. Als Belohnung dürft ihr jetzt sogar noch ein paar Schadenspunkte heilen. Schön, dass dieses Feature den Weg ins Brettspiel gefunden hat.

Doom – Das Brettspiel ist in der Neuauflage mittlerweile im Handel angekommen. Das Spiel kostet zwar zwischen 70€ und 80€, dafür bekommt ihr aber auch ein dickes Paket mit hochwertigem Material und langer Spieldauer.

Pros

Cons

Fazit

Als Videospieler begrüße ich es sehr, dass immer mehr liebgewonnene Marken aus der Branche jetzt auch als Brettspiel umgesetzt werden. Umso mehr freut es mich, wenn die Umsetzung so liebevoll ausfällt wie bei Doom. Es ist nicht nur ein Monopoly mit aufgeklatschtem Thema, wie wir es schon so oft gesehen haben. Die Macher haben sich intensiv mit der Computerspielvorlage befasst. Das lässt sich an kleinen Details wie den Glory Kills oder der Einbindung von bekannten Waffen erkennen, aber auch am Spieldesign selbst. Doom – Das Brettspiel ist schnell, actionreich und nicht zu kompliziert. Damit wird das Spielgefühl des Computerspiels gut transportiert. Mit dem Doom-Brettspiel könnt ihr die gute Zeit des Couch-Koops wieder aufleben lassen und braucht dazu noch nichtmal Monitor oder LAN-Kabel.

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