Test: Fallout - Das Brettspiel

  • VonSebastian Hamers
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Seid ihr schon heiß auf Bethesdas kommenden Rollenspielknaller Fallout 76? Könnt ihr es kaum erwarten, die dichte Endzeitstimmung der Reihe endlich auch im Mehrspielermodus genießen zu dürfen? Dann gibt es gute Nachrichten! Das neue Fallout-Brettspiel gibt euch ebenfalls die Möglichkeit dazu… und zwar jetzt sofort! Die deutsche Version des Brettspiels ist vor wenigen Tagen im Handel aufgeschlagen. Ihr könnt euch also ohne weiteres Warten mit ein paar Freunden auf ins Ödland machen. Wir haben für euch geprüft, ob auch die analoge Variante mit ähnlichen Qualitäten wie die Videospiel-Vorlage aufwarten kann.

Es ist nicht der erste Versuch, die Fallout-Marke auf ein Brettspiel zu übertragen. Bereits im Jahr 2015 wurde das Ödland in eine Monopoly-Variante gepresst. Seien wir ehrlich, so etwas braucht doch kein Mensch. Das neue Fallout-Brettspiel will es besser machen und das auch noch deutlich komplexer. Es soll alles enthalten, was wir von einem echten Fallout erwarten. Freies Bewegen in einer unbekannten Welt, intensive Kämpfe, Steigern des eigenen Charakters und natürlich auch eine spannende Geschichte.

Willkommen in Vault 84

Bevor ihr euch ins Abenteuer stürzt, müsst ihr noch die Welt von Fallout zusammenstecken. Dazu liegen dem Spiel insgesamt 21 Spielplanteile bei. Je nach gewähltem Szenario, baut ihr das Ödland nach einer bestimmten Vorgabe auf. Der größte Teil der Umgebung wird dabei verdeckt ausgelegt. So entsteht ein Fog of War, den ihr im Spielverlauf erst nach und nach aufdecken müsst. Einige wenige Felder liegen bereits offen aus. Dabei handelt es sich meist um verfallene Städte oder eine der Ödland-Metropolen.

Von Bedeutung ist auch die Wahl des Charakters. Jede Figur verfügt über besondere Eigenschaften. Schon an dieser Stelle wird die Nähe zum Videospiel-Original deutlich. Das S.P.E.C.I.A.L.-System findet ihr auch im Brettspiel wieder. Strength, Perception, Endurance, Charisma, Intelligence, Agility und Luck… das sind die Charakterattribute, die in Fallout eine besondere Rolle spielen. Als kleine Starthilfe wird jeder Spieler mit zwei Attributen ausgestattet, die bei ihm besonders gut ausgeprägt sind. Wird euch im Verlauf des Spiels eine Probe auf ein solches Attribut abverlangt, dürft ihr Würfel neu werfen und habt so höhere Chancen, die Probe zu bestehen.

Die Gefahren des Ödlands

Bei diesen zwei Stärken muss es jedoch nicht bleiben. Durch das Erfüllen von Aufträgen oder auch durch Kämpfe mit den Ödland-Bewohnern kann euer Charakter Erfahrungspunkte sammeln und so später im Level aufsteigen. Ein Level-Aufstieg beschert euch weitere Stärken, die euch das Überleben wieder etwas einfacher machen sollen. Es lohnt sich also an der Weiterentwicklung seiner Figur zu arbeiten. Das motiviert und sorgt für ein ordentliches Rollenspiel-Flair.

Nicht weniger spannend ist aber natürlich die Erkundung des Ödlands selbst. Jedes Spielplanteil besteht aus mehreren Feldern, die ihr durchschreiten müsst. Bewegt ihr eure Figur an den Rand eines Spielplanteils, könnt ihr ein angrenzendes Teil erkunden und es herumdrehen. Das Stück des Spielfelds gilt somit nun als erkundet und kann von allen Spielern eingesehen werden. Es entblättern sich potentielle Gegner, aber auch Siedlungen oder radioaktiv verseuchte Bereiche. Wie schon im Videospiel ist das Erkunden des Ödlands nie ohne Risiko. Die Gefahr lauert überall.

Überlebende auf Plünderzug

Wo Gefahren liegen, sind natürlich auch Chancen. In verfallenen Siedlungen etwa könnt ihr Relikte aus der Zeit vor dem Krieg finden. Waffen, Rüstungen und selbst Verbündete können bei einer genaueren Untersuchung der Umgebung für euch herausspringen. Andere Gegenstände stellen wertvolle Tauschobjekte dar. Bargeld gibt es selbstverständlich auch zu erbeuten. Statt klingender Münze wird in der Welt von Fallout stilecht mit Kronkorken bezahlt.

Ohne passende Ausrüstung dürfte der Ausflug ins Ödland schon recht bald tödlich ausfallen. Euer Charakter darf stets eine Waffe sowie eine Rüstung parat haben. Ihm zur Seite steht im besten Fall auch ein Verbündeter, der im Kampf unterstützt, Lebenspunkte regeneriert oder vielleicht die ein oder andere Probe erleichtert. Verbündete verbleiben leider nur temporär bei euch. Sobald eure Figur einen bestimmten Status erreicht hat, trennen sich eure Wege auch schon wieder. Längerfristig behaltet ihr hingegen die Ausrüstung in Form von Waffen und Rüstung. Sie sind im Kampf unentbehrlich.

Das Ödland der vielen Möglichkeiten

Feindliche Kreaturen findet ihr im Ödland an allen Ecken. Der Kampf ist zwar nicht das zentrale Element des Spiels, spielt aber dennoch eine gewichtige Rolle. Auf das bewährte V.A.T.S. müsst ihr dabei ebenso nicht verzichten, wenn es auch in einer etwas abgeänderten Form stattfindet. Kommt es zu einem Gefecht, werft ihr zunächst die drei V.A.T.S.-Würfel. Auf diesen Würfeln findet ihr Symbole unterschiedlicher Art wieder. Da wären zunächst die Trefferzonen. Einschläge können beispielsweise am Kopf, dem Rumpf oder an den Extremitäten auftauchen. Die Feinde sind jedoch nur in bestimmten Körperregionen überhaupt verwundbar. Eure Aufgabe ist es daher, möglichst viele Würfel auf eine Seite zu werfen, die eine entsprechende Körperzone zeigt.

Erreicht oder übertrefft ihr mit den Würfelergebnissen die Stufe des Gegners, habt ihr ihn vernichtet. Schaden erleidet ihr aber dennoch. Dazu müsst ihr noch nicht einmal die Würfel neu werfen. Einige Würfelflächen zeigen zusätzliche Symbole, kleine Einschusslöcher, die euch pro gewürfeltem Symbol Schadenspunkte zufügen. Durch etwaige Ausrüstungsgegenstände kann der Schaden vielleicht noch etwas reduziert werden. Auch das Neuwürfeln einzelner Würfel ist möglich, je nachdem wie gut eure Waffen sind oder wie geschickt ihr euch im Kampf anstellt. Im Fallout-Brettspiel gibt es viele Faktoren, die den Kampf maßgeblich beeinflussen können.

Kampf der Fraktionen

Der Kampf mit feindlichen Einheiten ist in Fallout aber nur Mittel zum Zweck. Durch das Bekämpfen der Ödländer erhaltet ihr Erfahrungspunkte und sammelt manchmal auch noch etwas Beute ein. Im Blick habt ihr dabei aber stets eure eigenen Aufträge. Bis zu vier solcher Agendakarten dürft ihr im Spiel erbeuten. Mit ihnen sammelt ihr Einflusspunkte, die am Spielende über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Einfluss gewinnt ihr, wenn es euch gelingt, auf dem Spielfeld eine bestimmte Situation herzustellen. Beispielsweise könnt ihr eine der Ödland-Fraktionen unterstützen und für sie arbeiten. In jedem Szenario gibt es zwei solcher konkurrierenden Fraktionen, die sich im Ödland immer weiter ausbreiten wollen. Sie schicken auch ihre Schergen durch die Wildnis, die alles abknallen, was nicht auf ihrer Seite ist. Folgerichtig attackieren euch die Anhänger einer Fraktion auch nicht länger, wenn ihr euch offen zu ihr bekennt. Damit erhalten die Computer… pardon, die Brettspielgegner schon so etwas wie eine rudimentäre KI.

Das große Ganze im Blick behalten

Im Hintergrund läuft in jedem Szenario auch eine Geschichte ab. Diese wird über Begegnungs- und Questkarten gesteuert. An einigen Stellen im Spiel wird auf eine bestimmte dieser Karten verwiesen und so die Story weiter vorangetrieben. Überhaupt ist das Storytelling eine der großen Stärken des Fallout-Brettspiels. Kommt es etwa zu einer Begegnung, so liest ein passiver Spieler eine kurze Textpassage vor und vermittelt, welche Situation gerade entstanden ist. Weiterhin ergeben sich für den aktiven Spieler nun stets zwei Optionen.

Ihr untersucht die Trümmer einfach nach nützlichem Zeug. In beiden Fällen erfahrt ihr auch, welche Proben euch für die jeweilige Aktion abverlangt werden. Welche Folgen ein Erfolg oder auch ein Misserfolg mit sich bringt, erfahrt ihr hingegen erst, wenn es soweit ist. Wie auch immer eure Entscheidung ausfällt, es erwartet euch immer eine kleine Überraschung.

Das Land verändert sich

Die verstrahlte Welt von Fallout unterliegt auch im Brettspiel einem steten Wandel. Die Fraktionen weiten sich aus, die Landschaft wird nach und nach aufgedeckt und auch der eigene Charakter entwickelt sich stetig weiter. Immer auf dem Stand halten müsst ihr die Erfahrungs-, Treffer- sowie auch die Verstrahlungspunkte. Letztere erhaltet ihr, wenn ein verseuchtes Gebiet betreten wird. Ebenso verändern sich auch die Attribute des Charakters und seine Eigenschaften. Eine Eigenschaft bringt euch zumeist keine spieltechnischen Vorteile, verändern aber die Art und Weise wie die Ödland-Bewohner auf euch reagieren. Bestimmte Figuren im Spiel wollen sich beispielsweise nicht einem Charakter anschließen, der zu viel negatives Karma gesammelt hat.

Am Spielende sind sämtliche Eigenschaften, Attribute und Erfahrungspunkte aber wertlos. Es kommt einzig und allein darauf an, wie stark euer Einfluss im Ödland geworden ist. Sobald ein Spieler die geforderte Anzahl an Einflusspunkten errungen hat, gewinnt er das Spiel sofort. Mit in der Konkurrenz sind jedoch auch die beiden Fraktionen, die durch die Spielmechaniken gesteuert werden. Es kann durchaus passieren, dass eine der Fraktionen zuerst das Ziel erreicht und alle Spieler zu Verlierern macht.

In jedem Fall solltet ihr euch ein wenig Zeit einräumen, wenn ihr in eine Partie Fallout geht. Mindestens zwei, eher jedoch drei Stunden müsst ihr für ein Spiel schon einrechnen. An einer Partie können maximal vier Spieler teilnehmen. Wenn ihr mögt, dürft ihr Fallout aber auch alleine spielen. Dazu sind lediglich ein paar wenige Regeländerungen notwendig. Das Fallout-Brettspiel sollte in der deutschen Version mittlerweile im Handel eingetroffen sein. Preislich müsst ihr mit etwa 50€ rechnen.

Pros

Cons

Fazit

Als Fallout-Fan werdet ihr euch über die Liebe zum Detail freuen, die von den Machern in dieses Brettspiel gelegt wurde. Die wichtigen Spielelemente und auch viele Kleinigkeiten, die Fallout geprägt haben, finden sich auch im Brettspiel wieder. Es ist deutlich zu merken, dass sich die Autoren intensiv mit der Fallout-Franchise auseinandergesetzt haben. So wurde das typische Fallout-Feeling sehr gut in ein analoges Spiel transportiert. Dies bringt aber auch einen höheren Zufallsfaktor mit ins Spiel. Im Grunde wisst ihr nie so recht, was euch in der nächsten Runde erwartet. Das erschwert ein gezieltes strategisches Vorgehen doch erheblich. Dieser Umstand wurde konsequenterweise vom Videospiel mit in die analoge Fassung übernommen. Wie oft bin ich im Videospiel schon in eine Horde übermächtiger Gegner spaziert und habe dann, nach meinem Ableben, erstmal eine ganz andere Region des Ödlands erforscht? Die Immersion einer offenen und vor allem unbarmherzigen Welt gelingt dem Fallout-Brettspiel ganz wunderbar. Wenn euch Geschichte und Atmosphäre wichtiger sind als beinharte Strategie, dann ist Fallout ein wirklich tolles Brettspiel, das nicht nur für Fallout-Fans interessant ist. Als echter Ödland-Veteran solltet ihr dieses Spiel ohnehin einmal ganz genau unter die Lupe nehmen.

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