Test: Ein Fest für Odin

  • vonSebastian Hamers
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Viele Brettspieler freuen sich jährlich im Oktober immer über die Neuerscheinung von Feuerland. Auch in diesem Jahr präsentierte der kleine Verlag aus Hessen mit Ein Fest für Odin wieder ein ganz besonderes Highlight. Dabei handelt es sich sprichwörtlich um ein Schwergewicht der strategischen Brettspiele. Ein Fest für Odin bringt mehr als drei Kilo auf die Waage. Doch nicht nur rein physikalisch, sondern auch spielerisch ist der Titel ein dickes Ding.

Thematisch hat Autor Uwe Rosenberg den Zahn der Zeit getroffen. Auf der Brettspiel-Messe in Essen lagen Wikinger voll im Trend. Ein Fest für Odin handelt jedoch nicht nur den kriegerischen Aspekt des Nordvolks ab, sondern geht weiter in die Tiefe. Als Oberhaupt eines Wikinger-Stamms könnt ihr zwar auch plündern, jagen und Überfälle durchführen, manche vergessen dabei jedoch schnell, dass die Wikinger für viele andere Dinge bekannt waren. So gilt Leif Eriksson als der erste Europäer in Amerika, lange Zeit bevor Kolumbus den Kontinent betrat. Die Wikinger mussten aber natürlich auch ihre nicht immer ganz lebensfreundliche Heimat bewirtschaften. Sie trieben regen Handel mit anderen Völkern und verarbeiteten ihre Rohstoffe zu hochwertigen Produkten. All dies findet ihr in Ein Fest für Odin wieder.

Auf den ersten Blick erschlagend

Eines vorweg, Ein Fest für Odin richtet sich nicht an Spieler, die mal eben zwischendurch ein paar Karten kloppen wollen. Zwar werden die Abläufe im 24-seitigen Regelheft gut erklärt, dennoch bedarf es einiger Eingewöhnungszeit. Schon für den Aufbau des Spiels werdet ihr einige Minuten brauchen. Außerdem ist ein großer Tisch erforderlich, der den zahlreichen Spielplänen genügend Platz einräumt.

Dem Spiel liegen zwei Sortierkästen bei, in denen ihr die unterschiedlichen Warenplättchen aufheben könnt. Die Kästen stellt ihr nach dem Spiel komplett in die Spielschachtel zurück. Das erspart euch beim erneuten Spielen viel Arbeit. Das Konzept der Sortierkästen ist eine tolle Idee des Verlags. Es macht das Spielen so viel schneller und einfacher, da man im Spielverlauf eigentlich ständig auf die Warenplättchen zurückgreifen muss. So geht das Spiel um einiges flüssiger von der Hand.

Doch trotz der gut sortieren Warenplättchen, wird es schnell voll auf dem Tisch. Es gibt einen großen Plan, der die unterschiedlichen Aktionen auflistet, die euch zur Verfügung stehen. Es gibt satte 18 unterschiedliche Aktionen, die zudem jeweils in vier verschiedenen Ausführungen bereitstehen. 72 Aktionen stehen euch entsprechend zur Auswahl. Das lässt selbst so manchen Echtzeitstrategie-Klicker alt aussehen.

Zu Hause ist es doch am schönsten

Weiterhin bekommt jeder Spieler seinen eigenen Heimatplan, den er bewirtschaften kann. Dazu gibt es noch einen kleineren Plan, auf dem ihr eure Schiffe beheimaten könnt. Für alle Spieler gibt es dann noch insgesamt vier Entdeckungspläne, die doppelseitig bedruckt sind. Dabei handelt es sich um Inseln, die von euch entdeckt und anschließend ebenfalls bewirtschaftet werden können.

Euer eigener Verwaltungsapparat kann zudem durch zusätzlich errichtete Gebäude wachsen. Wie ihr sicher schon erahnt, im Spiel stehen euch mehr als genug Strategien zur Verfügung, um der reichste und mächtigste Wikinger-Boss zu werden. Denn genau darum geht es in Ein Fest für Odin. Am Ende des Spiels vergleicht ihr die Werte, die ihr im Spielverlauf geschaffen habt. Ob ihr dabei auf Handel, Ernte, Warenproduktion, Raubzüge oder Entdeckungen setzt, bleibt völlig euch überlassen.

Hungrige Wikinger

Um Aktionen auszuführen, setzt ihr eure Wikinger-Untertanen ein. Ihr schickt sie aus, damit sie für euch diverse Aufträge erfüllen. Bei Spielbeginn stehen euch im Standard-Spiel, ein Fest für Odin kennt auch noch eine leicht abgewandelte Variante, fünf Wikinger auf dem sogenannten Thingplatz zur Verfügung. Der Thingplatz ist ein Pool für noch nicht eingesetzte Wikinger, die ihr in der laufenden Runde verwenden könnt. Reihum nehmt ihr Wikinger vom eigenen Thingplatz und setzt sie auf den Aktionsplan. Dort führen sie dann die entsprechende Aktion aus. Jede der 72 Aktionen kann allerdings pro Runde nur ein einziges mal ausgeführt werden. Hat ein Mitspieler also die von euch gewünschte Aktion schon durchgeführt, guckt ihr in die Röhre.

Um eine Aktion durchzuführen, müsst ihr unterschiedliche viele Wikinger einsetzen. Manche Aktionen lassen sich mit einen einzigen Wikinger absolvieren. Für andere Aktionen benötigt ihr hingegen zwei, drei oder gar vier Wikinger. Pro Spielrunde kommt ein weiterer Arbeiter hinzu, sodass eure Möglichkeiten immer weiter anwachsen.

Allerdings wollen eure Untertanen auch versorgt werden. In einer der fortgeschrittenen Phasen einer Runde müsst ihr für eure Wikinger ein Festmahl veranstalten und somit einige Nahrungsmittel investieren. Je mehr Arbeiter ihr im Einsatz habt, desto kostspieliger wird auch das Festmahl.

Puzzeln auf Nordmännisch

Das Bankett findet ihr auf eurem Heimatplan wieder. Es handelt sich um einen Streifen, der aus mehreren Feldern besteht. Diese Felder müsst ihr jetzt mit Lebensmitteln füllen. Ein Teil der gesammelten Ernte oder Jagd wird also für die eigene Crew aufgewendet. Allerdings könnt ihr das Festmahl nicht nur mit Bohnenkraut ausrichten. Die Wikinger legen offenbar Wert auf eine ausgewogene Mahlzeit. So dürft ihr orangenfarbene Warenplättchen wie zum Beispiel das schon erwähnte Bohnenkraut oder auch andere Agrarprodukte nicht direkt nebeneinander legen. Gleiches gilt für die roten Tierprodukte. Bei letztgenannten ist den Wikingern jedoch außerdem abwechslungsreiche Kost wichtig. Ein Stück Pökelfleisch ist ein sättigendes Lebensmittel und füllt gleich vier Felder des Festmahls aus. Wollt ihr aber ein zweites Stück Pökelfleisch zum Festmahl bereitstellen, müsst ihr es mit der schmalen Seite anlegen. Jetzt belegt es nur noch ein Feld des Banketts. Als eine Art Joker fungiert hingegen die Silbermünze. Sie dürfen direkt nebeneinander liegen und schaffen wertvolle Lücken zwischen beispielsweise zwei orangen Agrarprodukten.

Die Puzzle-Spielmechanik zieht sich auch in weiten Teilen durch das Spiel. Der Heimatplan, der vor jedem Spieler liegt, wird in einer ähnlichen Form bepuzzelt. Zwar gelten hier etwas veränderte Regeln, das Prinzip ist jedoch das gleiche. Mit grünen Handwerksprodukten und blauen Luxuswaren füllt ihr den Spielplan immer weiter aus. Hinzu können auch Beutestücke aus Raubzügen kommen.

Florierende Wirtschaft

Auf dem Heimatplan findet ihr diverse Symbole wieder, darunter auch die Einkommensdiagonale. Sie zieht sich von unten links nach oben rechts durch und wächst stetig an. Einmal pro Runde wird euch das Einkommen ausgezahlt. Als Einkommen erhaltet ihr immer die kleinste Einkommenszahl, die von euch noch nicht durch ein Puzzlestück abgedeckt wurde. Je weiter ihr euch von unten nach oben arbeitet, desto größer wird also auch euer Einkommen.

Andere Symbole auf dem Heimatplan müssen hingegen von anderen Puzzlestücken komplett umschlossen werden. Habt ihr ein solches Feld umpuzzelt, dürft ihr euch über einen Bonus freuen. Dies sind dann Warenplättchen wie Met oder Rohstoffe wie Holz oder Erz. Um die Boni zu kassieren bedarf es mehr Präzision und Planung, was möglicherweise ein rasches Auslegen der anderen Felder wieder behindert. Das zügige Zulegen von Feldern auf dem Heimatplan ist jedoch nicht unwichtig. Zum einen steigert ihr so euer Einkommen, zum anderen legt ihr so aber auch die Felder zu, die euch in der Endauswertung Minuspunkte einbringen. Im oberen Teil des Heimatplan befinden sich zahlreiche Minusfelder. Habt ihr diese am Spielende nicht abgedeckt, bekommt ihr Strafpunkte.

Entdecke neue Welten

Mutmaßlich wird es aber nicht nur beim Bepuzzeln des Heimatplans bleiben. Sofern ihr über genügend Schiffe verfügt, könnt ihr in See stechen und neue Welten entdecken. Warum nicht die Shetland-Inseln bewirtschaften? Mit dem Einsatz von Warenplättchen könnt ihr dort weiteres Einkommen generieren. Allein durch das Entdecken der Shetland-Inseln gibt es auch schon ein paar Siegpunkte. Allerdings finden sich auch dort wieder die schon erwähnten Minusfelder wieder. Es bleibt also abzuwägen, ob sich die Erschließung einer Insel für euch rentiert.

Bepuzzelt werden können auch andere Gebäude, die ihr im Spielverlauf bauen könnt. Jedes Gebäude gibt euch am Spielende Siegpunkte. Die Anzahl der Siegpunkte kann aber durch die Minusfelder reduziert werden. Das Puzzlespiel in den Gebäuden ist etwas schwieriger. Hier finden sich tragende Säulen innerhalb des Gebäudes wieder, die nicht mit Warenplättchen belegt werden dürfen. An diesem Beispiel erkennt ihr die große Liebe zum Detail, die sich an vielen Stellen des Spiels wiederfindet.

Strategiebrocken mit Glückskomponente

Etwas überraschend gibt es in Ein Fest für Odin auch eine Glückskomponente. Diese kommt bei den Aktionen Überfall, Plünderung und Jagd zum Einsatz. Beim Überfall versucht ihr eine blaue Warenmarke zu räubern. Jede dieser Marken besitzt einen bestimmten Wert. Ihr würfelt mit dem achtseitigen Würfel und versucht damit mindestens den Wert der gewünschten Warenmarke zu erreichen. Mit dem Rohstoff Stein oder der Waffenkarte Langschwert könnt ihr das Würfelergebnis nochmals beeinflussen. Ähnlich laufen die Plünderungen ab. Hier spielt jedoch das auf dem Drachenschiffen geladene Erz eine Rolle. Mit Erz könnt ihr das Ergebnis des Würfelwurfs positiv beeinflussen. Etwas anders funktioniert die Jagd. Hier spekuliert ihr auf einen möglichst niedrigen Wurf. Denn je geringer die Augenzahl, desto weniger Holz oder Waffenkarten müsst ihr einsetzen, um die Jagd erfolgreich auszuführen.

Der Glücksfaktor hält sich allerdings in starken Grenzen, da er nur in wenigen Aktionsbereichen überhaupt verwendet wird. Sollte eine Jagd, eine Plünderung oder ein Überfall nicht erfolgreich sein, werdet ihr zudem mit ein paar Boni getröstet. Zum allergrößten Teil kommt Ein Fest für Odin ohne die Beeinflussung durch Würfelglück aus.

Ergänzt wird der Spielablauf durch viele weitere kleine Mechaniken. Dazu gehört zum Beispiel die Viehzucht, die bei den Wikingern von großer Bedeutung ist. Mit geschicktem Management vermehren sich die Tiere in jeder zweiten Runde, was euch natürlich wieder weitere Möglichkeiten bringt. Auch die Wikinger selbst können eine wichtige Ressource sein. So könnt ihr sie zum Beispiel auswandern lassen. Das bringt euch nicht nur Siegpunkte ein, sondern verkleinert auch das Festmahl, das ihr jede Runde austragen müsst. Interessant sind auch die Ausbildungen, die ihr euren Männern angedeihen lassen könnt. Hier kommen die Handkarten ins Spiel, die ihr im Verlauf des Spiels sammeln könnt. Ein Fest für Odin ist vollgestopft mit vielen kleinen, aber dennoch gut ausbalancierten Mechaniken, die dazu einladen, das Spiel immer wieder auf eine neue Art zu spielen. Als schöne Beigabe bietet euch das Spiel auch einen Solomodus, der sich überraschend gut spielen lässt.

Pros

Cons

Fazit

Ein Fest für Odin ist ein dickes fettes Pakt für alle Fans von Aufbaustrategiespielen. Vollgestopft mit vielen Mechaniken, die sich zu einem ausgereiften Ganzen zusammenfügen, hat Autor Uwe Rosenberg wieder einmal viel Liebe zu Detail bewiesen. Das zeigt schon das beiliegende Begleitheft, das sich mit der Geschichte der Wikinger auseinandersetzt. Dort könnt ihr nachlesen, warum und wie so manche Abläufe ihren Weg ins Spiel gefunden haben. Das Spiel hat das Potenzial zu einem Dauerbrenner. Es gibt einfach zu viele erfolgversprechende Wege, als dass man die wahre Tiefe des Spiels schon nach ein paar Durchläufen verstanden haben könnte. Mit knapp 70€ bewegt sich der Preis allerdings auf einem recht hohen Niveau. Angesichts von mehr als drei Kilo Spielmaterial erschient dieser Preis aber dennoch gerechtfertigt. Wenn ihr mit Aufbaustrategie etwas anfangen könnt, dann ist Ein Fest für Odin auf jeden Fall eine echte Empfehlung.

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