Test: Frantic

  • VonSebastian Hamers
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Warum sind Klassiker wie Phase 10, SkipBo oder UNO auch heute noch so beliebt? Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen sind diese Spiele nahezu jedem bekannt, die Einstiegshürde ist also denkbar gering, zum anderen dauert eine Partie in der Regel auch nicht allzu lange. Der Hauptgrund ist aber ganz banal: Diese Spiele machen einfach Spaß. Hin und wieder ist dann aber doch ein wenig Abwechslung nicht verkehrt. Warum also nicht einen dieser Evergreens einmal tüchtig aufmotzen? Das haben sich wohl auch Fabian Engeler, Stefan Weisskopf, Pierre Lippuner und Pascal Frick vom Schweizer Verlag Rulefactory gedacht. Sie haben sich UNO zum Vorbild genommen und dabei viele Regeln auf links gedreht. Herausgekommen ist dabei ein bitterböses Kartenspiel, das die niederen Instinkte in euch zum Vorschein bringt.

Die Spieleerfinder aus der Schweiz haben schon einen ganz besonderen Humor. Politische Korrektheit ist nicht so ihr Ding, von der vielbeschworenen Schweizer Neutralität fehlt in Frantic ebenso jede Spur. Hier geht es nur um eines: Ums Gewinnen! Dazu darf euch gerne jedes Mittel Recht sein. Runde für Runde könnt ihr euren Mitspielern auf die Füße treten und ihnen dabei sogar sprichwörtlich den Mittelfinger entgegenstrecken.

Mehr als ein UNO-Klon

Als Grundgerüst dient das zuvor schon erwähnte UNO, das selbst ja auch nur eine Variation von Mau-Mau ist. Gespielt werden hier überwiegend Farbkarten mit Zahlenwerten zwischen eins und neun. Jede Ziffer kommt pro Farbe genau zweimal im Kartenstapel vor. Bei vier Farben ergibt sich daraus eine Gesamtzahl von 72 Farbkarten. Statt der gewohnten arabischen Zahlen setzt Frantic auf eine römische Darstellung der Zahlen. Das mag am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig sein, klappt aber natürlich genauso gut.

Hinzu kommen allerdings noch etliche Sonderkarten, die für reichlich Pfeffer im Spielverlauf sorgen. Da wären zunächst weitere neun schwarze Karten. Sie tragen ebenso die Zahlen zwischen einem und neun Punkten. Bei Rulefactory gibt es aber wohl ein paar echte Korinthenkacker. Genaugenommen ist Schwarz keine Farbe, sondern lediglich die Abwesenheit von Licht oder Farbe. Logo, also könnt ihr euch beim Auslegen einer passenden Karte auch nicht Schwarz als Farbe wünschen.

Dafür löst das Spielen einer schwarzen Karte ein Ereignis aus. Womit wir gleich bei einer weiteren Kartenspezies in Frantic wären: den Ereigniskarten. Zwanzig solcher Karten liegen dem Spiel bei. Eine Ereigniskarte löst einen Einmaleffekt aus, der sofort abgehandelt wird. Hier haben sich die Autoren kreativ ordentlich ausgetobt. Bei einem Erdbeben werden alle Handkarten zum nächsten Spieler weitergeschüttelt, jeder Spieler fährt das Spiel mit den Karten seines Nachbarn fort. Die Planwirtschaft sorgt dafür, dass alle Spieler gleich viele Karten auf der Hand haben. Mit der Paarungszeit könnt ihr hingegen Karten loswerden, sofern ihr mindestens zwei Karten des gleichen Zahlenwerts auf der Hand habt. Die Ereignisse sind ziemlich bunt gemischt und lockern das Spiel wunderbar auf.

Klassische Funktionen…

Mit im Spiel sind jedoch auch bekannte Mechaniken, die ihr so auch in Mau-Mau oder UNO vorfindet. Diese wurden aber nicht 1:1 übernommen, sondern kommen immer mit einem kleinen Kniff daher. Folgende Karten sind einfarbig gestaltet und müssen auch entsprechend gespielt werden, entweder muss die Farbe oder das Symbol bedient werden. Skip ist etwa die gewohnte Karte, die einen anderen Spieler zum Aussetzen zwingt. Statt des nächsten Spielers in der Reihe, dürft ihr euch aber einen Spieler frei aussuchen, der seinen Zug überspringen muss. So könnt ihr Spieler ganz gezielt aufs Korn nehmen.

Ganz genauso funktioniert auch das Gift, das Geschenk. Mit dieser Karte könnt ihr einem Mitspieler ganz gezielt zwei eurer Handkarten „schenken“. Exchange ist eine abgemilderte Form des Geschenks. Zwar könnt ihr auch hier zwei Handkarten an einen Spieler übergeben, jedoch zieht ihr blind von seiner Hand zwei Karten wieder zurück.

Ziemlich witzig ist auch die 2nd Chance. Mit dieser Karte spielt ihr anschließend noch eine weitere zweite Karte hinterher. Prinzipiell eine gute Sache, könnt ihr aber keine weitere Karte spielen, müsst ihr eine Karte nachziehen. Ziemlich ärgerlich, wenn die 2nd Chance eigentlich eure letzte Karte war. Ungemein befriedigend… für alle eure Mitspieler.

…und viele Neuerungen

Hinzu kommt noch eine ganze Reihe von mehrfarbigen Spezialkarten. Sie haben den Vorteil, dass sie auf jede ausliegende Karte gespielt werden können. Karten dieser Art werdet ihr also ziemlich leicht von der Hand los. Zu diesen Karten zählt auch Fantastic, mit der ihr euch etwas wünschen dürft. Das kann eine Farbe sein, aber genauso gut eine Zahl zwischen eins und neun, die der folgende Spieler nun bedienen muss. Fantastic Four sorgt hingegen dafür, dass vier Karten gezogen werden müssen. Wie ihr die vier Karten unter den Mitspielern aufteilt, bleibt ganz euch überlassen. Ihr könnt die vier Karten einem einzigen Spieler zuschanzen, sie aber auch ganz gerecht unter allen Spielern aufteilen.

Für mehr Gerechtigkeit sorgt auch die Karte Equality, ein Spieler zieht solange Karten nach, bis er genauso viele Karten wir ihr selbst auf der Hand hat. Diese Karte kann andere Spieler in den Wahnsinn treiben, wenn er sich schon kurz vor der Ziellinie wähnt und dann plötzlich wieder ins Schlussfeld katapultiert wird. Möglicherweise kann so eine Attacke aber auch noch abgewendet werden. Der Gegenschlag lässt sich als Reaktion auf so einen Angriff spielen und diesen verhindern.

Netter Versuch

Eine echte Bürde wird euch aufgehalst, wenn ihr die Fuck-You-Karte zieht. Ihr könnt diese Karte nur ausspielen, wenn ihr über exakt zehn Handkarten verfügt. Zudem darf Fuck You auch nicht gezielt an Spieler über andere Karteneffekte weitergegeben werden. Wenn euch ein Mitspieler nicht den großen Dienst erweist, euch Fuck You zufällig von der Hand zu stibitzen, müsst ihr euren Kartenbestand wohl erstmal gehörig aufstocken. Besonders passend ist auch die grafische Gestaltung der Karte, die euch den gezogenen Mittelfinger entgegenstreckt.

Meine absolute Lieblingskarte kommt zum Schluss. Nice Try hat nur einen einzigen Zweck: einen sicher geglaubten Sieg im letzten Moment noch zu verhindern. Legt ein Mitspieler genussvoll seine letzte Karte auf den Ablagestapel, zückt ihr Nice Try. Der Spieler, der gerade noch seine vermeintlich letzte Karte gespielt hat, darf nun drei neue Karten ziehen und das Spiel geht weiter.

Damit sich das Spiel nicht ewig in die Länge zieht, ist Nice Try im gesamten Spiel auch nur ein einziges Mal vorhanden. Gleiches gilt auch für die Fuck-You-Karte. Überhaupt ist der Kartenstapel ziemlich ausgewogen gestaltet. Bei der Vielzahl der Karten hätte das Balancing auch schnell außer Kontrolle geraten können. Frantic hat aber offenbar genügend Testpartien hinter sich gebracht und keine dieser Kinderkrankheiten mit sich gebracht.

Gut auch in größeren Gruppen

Am Ende des Spiels folgt noch die Punkteabrechnung. Der Spieler, der zuerst alle seine Karten losgeworden ist, gewinnt das Spiel und geht logischerweise mit null Minuspunkten aus der Partie. Alle anderen Spieler zählen nun ihre Miesen. Die Punktekarten geben ihren Kartenwert als Minuspunkte, eine Spezialkarte bringt euch sieben negative Punkte ein. Richtig dumm gelaufen ist es für euch, wenn ihr am Spielende noch die Fuck-You-Karte auf der Hand habt. Wie viele Minuspunkte gibt es für ein Fuck You? Die Antwort auf diese Frage ist die popkulturelle Antwort auf alles: 42.

In der Regel spielt ihr gleich mehrere Durchläufe in Frantic. Das Ende des Spiels ist erreicht, wenn der erste Spieler die maximale Punktzahl erreicht hat. Die Höhe der maximalen Punktzahl variiert mit der Spielerzahl. Rulefactory hat die Punktzahl aufgrund jahrelanger Erfahrungen und einem geheimen Algorithmus festgelegt. Nur so ist es wohl zu erklären, dass die maximale Punktzahl bei acht Spielern für ein mittellanges Spiel, genau den Wert von 137 Punkten beträgt.

Frantic ist ein Kartenspiel für 2-8 Spieler ab 12 Jahren. Die Spieldauer könnt ihr fast nach Belieben variieren. Das Spiel ist mittlerweile im Handel angekommen und kostet etwa 15€.

Pros

Cons

Fazit

Könnte man da nicht gleich UNO spielen? Nein, das könnte man nicht! Auch wenn sich Rulefactory offensichtlich am Grundprinzip des Klassikers bedient hat, so ist Frantic doch ein Spiel mit eigenem Profil. Dafür sorgen die zahlreichen Sonderkarten, die dem doch etwas in die Jahre gekommenen Spielkonzept neues Leben einhauchen. Der Ärger-Faktor in Frantic ist ungleich höher. Nicht umsonst kommt das Spiel mit dem Warnhinweis „Kann Agressionen auslösen“ daher. Erfrischend ist auch, dass Frantic kein Blatt vor den Mund nimmt. Eine Fuck-You-Karte kommt in Kartenspielen dann wohl doch eher selten vor. Das Spiel nimmt sich selbst nicht besonders ernst, bedient sich ungeniert aus der Popkultur und beweist immer wieder seinen (schwarzen) Humor. Gut gefallen haben mir auch die eingestreuten Ereigniskarten, die das Spielgeschehen gerne auf den Kopf stellen. Frantic ist ein freches Kartenspiel, das sich vor allem in etwas größeren Gruppen sehr gut spielt. Dank der einfachen und größtenteils bereits bekannten Regeln ist der Ablauf schnell erklärt. So lässt sich Frantic auch sicherlich mit schon gestiegenem Alkoholpegel gut spielen und ist somit vielleicht ein Tipp für die anstehende Silvesterparty.

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