Test: Die Kolonisten

  • VonSebastian Hamers
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Seit jeher gehören Aufbaustrategiespiele zum festen Bestandteil der Video- und Computerspielkultur. Gleiches lässt sich allerdings auch über die Brettspiel-Szene sagen. Gerade das eben erst abgelaufene Jahr 2016 dürfte bei den Brettspiel-Fans als ein besonders starker Jahrgang gelten. Auf der Spielemesse in Essen war die Konkurrenz riesig. Unter den Mitbewerbern gesellte sich auch der Titel Die Kolonisten. Mehr als 3kg Gewicht bringt das Spiel auf die Waage. Das neue Spiel von Lookout Games hat jedoch noch so viel mehr als pure Masse mit in die Waagschale zu werfen.

In Die Kolonisten werdet ihr vom Kaiser mit der Gründung einer neuen Gemeinde betraut. Beim Ausbau des zunächst noch kleinen Dorfes wird euch ziemlich freie Hand gelassen. Es gibt viele Wege, die Gemeinde zu vergrößern und zu Wohlstand und Ruhm zu verhelfen. Dazu braucht ihr zu Beginn in erster Linie neue Einwohner, die ihr mit dem Bau von Wohnstätten zu euch lockt. Die so gewonnene Arbeitskraft könnt ihr nun zu euren Gunsten einsetzen. Ihr errichtet also Arbeitsplätze für die Untertanen, die für euch wiederum Rohstoffe abbauen oder Güter produzieren. Schnell wuseln die Dorfeinwohner über den Spielplan, dass es Freunden von Die Siedler oder Anno eine wahre Freue sein wird.

Vom Bauernhof zur Großstadt

Jeder Spieler bekommt in Die Kolonisten seinen eigenen Spielplan, der für die Gemeinde steht. Die Bauplätze darauf sind begrenzt, sodass ihr mit dem Platz im späteren Verlauf ein wenig haushalten müsst. In der Gemeinde werdet ihr mehr und mehr Gebäude platzieren. Die Auswahl an Gebäudetypen ist riesig. Ob Manufaktur, Theater, Schneiderei, Bibliothek, Eisenmine oder Gestüt, die Wahl der Gestaltung der Gemeinde liegt ganz in eurer Hand.

Allerdings stehen euch nicht immer alle Gebäudetypen auch zur Verfügung. Die Kolonisten wird in Epochen gespielt. Je nachdem in welcher Epoche ihr euch gerade befindet, könnt ihr auf andere Gebäude zurückgreifen. Die gespielte Epoche hat dann auch einen wesentlichen Einfluss auf den Spielverlauf. Jede Epoche spielt sich noch einmal ziemlich anders als die vorherige, ohne jedoch die Grundmechanismen zu verändern.

Unsteter Verwalter

Es gibt abseits der eigenen Gemeinde aber auch noch ein gemeinsames Spielfeld, das sich aus Hexfeldern zusammensetzt. Hier spielen sich die Aktionen der Spieler ab. Dreh- und Angelpunkt des Spielfelds sind die Märkte. Auf ihnen werden nicht nur wichtige Handelsaktionen ausgelöst, sie dienen auch als wichtiger Fixpunkt. Als Dorfoberer setzt ihr die sogenannten Verwalter ein. Zu Beginn der ersten Epoche habt ihr nur eine einzige Verwalter-Figur, später können es bis zu vier werden. Mit ihr könnt ihr in einem Spielzug jederzeit zu einem Markt zurückspringen, egal wie weit entfernt sich dieser vom Verwalter befindet.

Um die Märkte herum werden Ortsplättchen ausgelegt, die ebenfalls sechseckig sind, so dass sich das Raster stückweise immer vergrößert. Seid ihr am Zug, startet ihr zunächst auf dem Marktplatz. Ihr dürft nun mit dem Verwalter um ein Feld in eine beliebige Richtung ziehen und dort eine Aktion auslösen. Um welche Aktion es sich dabei handelt, legt das jeweilige Ortsplättchen fest, auf dem sich die Figur jetzt befindet. Nach der Durchführung der Aktion wiederholt ihr die Prozedur noch zweimal. Ihr habt also immer drei Spielzüge direkt hintereinander, wenn ihr an die Reihe kommt. Haben alle Spieler ihre drei Spielzüge durchführt, endet das erste Halbjahr. Das Winterhalbjahr wird direkt im Anschluss gespielt. Erst dann kommt es zu einer ersten Zwischenwertung und das Jahr endet. Eine Epoche geht über fünf volle Jahre.

Versorgung der Kolonisten

Am Ende eines Jahres werden neue Ortsplättchen angelegt, die Karte und somit auch der Bewegungsradius des Verwalters wird größer. Außerdem könnt ihr nun alle Kolonisten im Spiel neu verteilen. Dies ist insbesondere relevant, weil alle Einwohner natürlich auch ernährt werden müssen. Solange die Kolonisten arbeitslos sind und sich in ihren eigenen Häusern befinden, ernähren sie sich selbst. Setzt ihr sie aber zum Beispiel für die Produktion von Gütern ein, seid ihr als Dorfchef für die Lebensmittel verantwortlich. Die schönsten Produktionsstätten nützen euch natürlich nichts, wenn dort keine Arbeiter eingesetzt sind. Am Jahresende findet nämlich auch die Produktionsphase statt. Hier werden Produkte erstellt oder gleich bares Geld erwirtschaftet, solange die Arbeiter auch an Ort und Stelle sind.

Neben dem Gebäude- gibt es im Spiel also auch ein Personalmanagement. Eure Einwohner können als Bauer, Bürger oder Kaufmann aktiv werden. Je nach Qualifikation verändert sich auch die Ausbeute einzelner Produktionsstätten. Meistens wird aber ohnehin ein Spezialist gebraucht. Ein Kaufmann weiß auf dem Bauernhof natürlich recht wenig mit sich anzufangen. Dort könnt ihr nur einen Bauern einsetzen.

Logistisches Geschick erforderlich

Je mehr Arbeiter und Gebäude ihr in eurer Gemeinde besitzt, desto größer werden natürlich auch die eigenen Möglichkeiten. Gebäude, die am Anfang noch ganz lukrativ erschienen, bewegen jetzt nur noch wenig. Es steht also ein Upgrade an. Im Spiel könnt ihr bestimmte Gebäude einfach aufwerten. Dazu zieht ihr mit dem Verwalter auf das passende Aktionsfeld und bezahlt die notwendigen Kosten für das Upgrade. Das alte Grundgebäude wird dann entfernt und durch die modernere Variante ersetzt. Wenn ihr euch mal total verbaut habt, könnt ihr ausliegende Gebäude auch wieder überbauen, jedoch zu etwas erhöhten Kosten.

Das Spiel kennt zusätzlich zu den Gebäuden auch noch die sogenannten Anschaffungen, die in Kartenform vorliegen. Pro Epoche findet ihr 35 dieser Karten wieder. Einige Anschaffungen geben euch einen einmaligen sofortigen Effekt, andere verbleiben dauerhaft im Spiel. Limitierte Anschaffungen lassen sich in einer begrenzen Anzahl verwenden. Zu letzterer Variante gehört beispielsweise das Bahnticket. Gegen die Abgabe von Ressourcen könnt ihr den Verwalter insgesamt dreimal auf ein beliebiges Feld euer Wahl ziehen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, denn zu Spielbeginn hat der Verwalter nur eine Reichweite von gerade mal einem Feld.

Eine ganz besondere Bedeutung haben die vielen Lagermöglichkeiten im Spiel. Ihr findet gleich drei unterschiedliche Lagermöglichkeiten für eure Ressourcen wieder. Am wichtigsten ist auf jeden Fall das Lager selbst. Um Aktionen zu bezahlen, könnt ihr nur auf die Ressourcen aus dem Lager zurückgreifen. Es empfiehlt sich also, sein Lager nicht zu leer werden zu lassen, um handlungsfähig zu bleiben. Weiterhin gibt es noch den Speicher. Dort könnt ihr ebenfalls Waren aufbewahren. Im Spielverlauf könnt ihr Waren jederzeit umlagern, allerdings nicht während einer Aktion. Braucht ihr also etwa acht Holz, so muss die Menge schon vor der Durchführung der Aktion im Lager sein. Als dritte Lagermöglichkeit kommen noch die Zwischenspeicher ins Spiel. Dabei handelt es sich um kleine Speicher, die einer Produktionsstätte direkt angeschlossen sind. Die produzierten Waren können dort zunächst verweilen, um Speicher und Lager nicht weiter zu belasten. Das Lagermanagement spielt in Die Kolonisten eine große Rolle. Wenn ihr mit den Ressourcen geschickt jongliert, habt ihr in jedem Fall einen echten Vorteil. Hier ist ein wenig Micro Management gefragt.

Diplomatische Beziehungen

Als wären die Möglichkeiten des Spiels bislang noch nicht genug, so dürfen die Kolonien aber auf keinen Fall vernachlässigt werden. Sie sind nicht nur namensgebend, sondern geben dem Spiel auch eine besondere Note. Das Spiel kennt neun unterschiedliche Kolonien, jede davon ist mit einer Spezialfertigkeit ausgestattet. Im Spiel kommen jedoch immer nur vier Kolonien, im späteren Verlauf fünf, zum Einsatz.

Um mit einer der Kolonien zu interagieren, müsst ihr zunächst eine ihrer Botschaften in der eigenen Gemeinde errichten. Für jede Kolonie muss eine eigene Botschaft gebaut werden, die ihr stufenweise ausbauen könnt. Je nach Stufe der Botschaft, bekommt ihr unterschiedliche Vorteile. Die Kolonie der Altruisten etwa belohnt eure diplomatischen Beziehung regelmäßig mit Geschenken. Bei den Alchemisten hingegen, könnt ihr Waren eintauschen, während es bei der Kolonie der Gesandten eine höhere Reichweite für den Verwalter gibt. Jede Kolonie spielt sich ziemlich unterschiedlich, so dass für genügend Abwechslung gesorgt ist. Einige Kolonien geben euch sogar einen Sonderbotschafter, den ihr anstelle des Verwalters ziehen könnt. Es lohnt sich also mit den unterschiedlichen Kolonien etwas herumzuexperimentieren. Sie nehmen maßgeblich Einfluss auf die strategischen Möglichkeiten des Spiels.

Nicht nur Bares ist Wahres

Am Ende des Spiels, gewinnt der Spieler mit der wertvollsten Gemeinde. Dazu sammelt ihr nicht nur bares Geld. Es zählen auch die Werte, die ihr in der Gemeinde erschaffen habt. Dazu gehören Gebäude, ebenso wie Arbeitskräfte und dauerhafte Anschaffungen. Dem Spiel liegt ein kleiner Block bei, auf dem ihr die Ergebnisse festhalten könnt.

Es bleibt euch selbst überlassen, wie lange ein Spiel dauern soll. Ihr könnt frei wählen welche und wie viele Epochen ihr spielen wollt. Ein episches Spiel mit allen vier Epochen dauert aber dann allerdings auch mindestens vier Stunden. Wenn ihr in der Vollbesetzung mit vier Spielern antretet, sicherlich auch nochmal deutlich mehr. Notfalls gibt es aber auch noch die Möglichkeit, den Spielstand zu speichern. Nach einer vorgegebenen Regel, haltet ihr die bisherigen Werte im Spiel fest und setzt die Partie zu einer anderen Zeit wieder fort. Dabei werdet ihr die Spielsituation natürlich nicht wieder 1:1 herstellen können. Lediglich die handfesten Werte des Spielfortschritts bleiben euch dabei erhalten.

Pros

Cons

Fazit

Für Fans von Aufbaustrategiespielen ist Die Kolonisten ein Pflichtkauf. Es gibt so viele Möglichkeiten, seine Gemeinde wachsen zu lassen und zu Reichtum zu verhelfen. Kriegerisches Vorgehen ist dabei nicht gefragt. Besonders konfrontativ ist Die Kolonisten also nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Interaktion unter den Spielern geben würde. Die Züge der Mitbewerber haben durchaus Einfluss auf die eigene Taktik. Trotz des immensen Umfangs bleiben die Regeln, dank der guten Struktur, gut verständlich. Nach einer gewissen Einarbeitungszeit läuft das Spiel wie am Schnürchen. Am meisten Spaß macht Die Kolonisten, wenn ihr alle vier Epochen in einem Rutsch durchspielt. Die fünf bis sechs Stunden Spielzeit vergehen wie im Flug.

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