Test: Kurzer Prozess

  • VonSebastian Hamers
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Auch in diesem Jahr veröffentlicht der Gmeiner-Verlag pünktlich zur Spielemesse in Essen wieder ein neues Krimi-Kartenspiel in der traditionellen schwarzen Verpackung. Als Autor konnte der Verlag diesmal mit Reiner Knizia eine bekannte Größe der Zunft gewinnen. Frisch im Handel steht nun sein neues Werk Kurzer Prozess. In diesem müsst ihr euch als Ganoven unter Verdacht vor Gericht behaupten.

Diebstahl, Fälschung, Einbruch, Erpressung und Mord stehen als Delikte auf der Liste des strengen Richters. Allerdings hat der Gesetzeshüter keinen leichten Job. Immerhin sitzen da ein paar gewiefte Ganoven auf der Anklagebank, die mit allen Wassern gewaschen sind. Sie versuchen sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben und so ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Es droht der Knast

Werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf das Material. 60 Spielkarten und 15 Pappstreifen unterschiedlicher Länge, das war’s dann auch schon. Dank des geringen Materialaufwands gibt es das Spiel auch schon für schmale 12-15€.

Zu Spielbeginn legt ihr die Pappstreifen, im Spiel Knastperioden genannt, in drei Spalten untereinander. Pro Spalte wird eine Knastperiode weniger ausgelegt als Spieler teilnehmen. Jede Spalte steht dabei für eine Spielrunde, an deren Ende der Spieler mit den meisten belastenden Indizien die längste Knastperiode einstecken muss. Der Spieler, dem die wenigsten Beweismittel zugeordnet werden, darf sich freuen. Er muss überhaupt keinen Knaststreifen nehmen.

Kommen wir nun aber zu den Spielkarten. Beim großen Teil des 60-Karten-Decks handelt es sich um Verbrechenkarten. Es gibt die eingangs erwähnten Kategorien Diebstahl, Fälschung, Einbruch, Erpressung und Mord. Jeder Kategorie wurde zur besseren Erkennung eine Farbe zugeordnet. Weiterhin findet ihr auf jeder Verbrechenkarte einen Wert zwischen einem und drei Punkten.

Die Unschuld in Person

Ihr beginnt das Spiel mit zehn Handkarten. Seid ihr am Zug, dann legt ihr eine Handkarte offen vor einen Mitspieler oder euch selbst. „Im Mordfall wurden Reifenspuren entdeckt? Sag mal, war das nicht deine Karre?“ Und schon habt ihr einem Mitstreiter eine Verbrechenkarte und somit ein belastendes Indiz zugeschustert.

Dabei gibt es jedoch ein paar wenige, aber bedeutsame Regeln zu beachten. Vor jedem Spieler dürfen nur Karten einer einzigen Farbe ausliegen. Steht ihr also schon wegen dem Erpressungsfall vor Gericht, könnt ihr nicht auch noch für den Einbruch verdächtigt werden. Ferner muss jedem Spieler eine andere Farbe zugeteilt werden. Hat ein Spieler also schon eine Mordkarte erhalten, dürft ihr keinem anderen Spieler mehr eine solche Karte zuschieben.

Im Spiel befinden sich noch ein paar zusätzliche Sonderkarten. Da wären zunächst einmal die Zeugenkarten. Dabei handelt es sich um eine Art Joker im Wert von einem Punkt. Die Zeugen könnt ihr einem beliebigen Verbrechen zuordnen. Eine gute Portion Chaos bringen hingegen die „Schwarzer Peter“-Karten ins Spiel. Ihr legt diese Karte immer direkt vor euch ab. Anschließend werden alle schon ausliegenden Karten an den linken Nachbarn weitergereicht. Es kommt so also zu einer großen Zirkulation, die den gesamten Prozess auf den Kopf stellt.

Das Urteil wurde gefällt

Sobald ein Spieler Karten im Wert von mehr als fünf Punkten vor sich liegen hat, wurde er überführt. Er muss nun sämtliche ausliegende Karten von allen Spielern aufnehmen und zu sich auf die Seite legen. Der so entstandene Stapel wird später bei der Urteilsfällung von Bedeutung sein.

Ihr könnt die ausliegenden Karten aber auch freiwillig aufnehmen. Manchmal ist schon frühzeitig zu befürchten, dass ihr vom Richter überführt werdet. Dann kann es klug sein, die Schuld vorzeitig einzugestehen, bevor sich noch mehr Karten angesammelt haben. Alle Karten aufnehmen müsst ihr ebenso, wenn ihr keine Karte von der Hand spielen könnt. Gerade am Spielende entstehen solche Situationen hin und wieder. Ihr solltet also auch diesen Faktor in eure Überlegungen mit einfließen lassen.

Die Runde endet, wenn ein Spieler an die Reihe kommt und keine Karte mehr auf der Hand hat. Dann kommt es direkt zur Auswertung und Urteilsverkündung. Wer die meisten Karten kassiert hat, muss nun leider auch die längste Knastperiode aus der Spalte nehmen, die weiteren Spieler nehmen sich entsprechend ihrer Anzahl der gesammelten Karten die weiteren Knast-Streifen. Nun der beste Spieler geht völlig straffrei aus.

Gespielt wird über drei Runden. Der letzte Durchlauf ist oftmals auch der entscheidende. Der Sieger dieser Runde muss nicht nur keinen weiteren Knast-Streifen nehmen, sondern darf sogar noch eine bereits zuvor erhaltene Knastperiode wieder abgeben. Letztlich vergleicht ihr einfach noch die Länge eurer Knast-Streifen. Der Spieler mit dem kürzesten Streifen gewinnt das Spiel und wird die wenigste Zeit aller Ganoven im Knast verbringen müssen.

Für ein komplettes Spiel mit drei Durchläufen braucht ihr etwa eine halbe Stunde, bei einer höheren Teilnehmerzahl vielleicht auch ein wenig länger. Immerhin können bis zu sechs Spieler an der Gerichtsverhandlung teilnehmen. Damit eignet sich das Spiel auch für etwas größere Runden. Zwar wird das Spiel dadurch auch etwas weniger planbar, ein guter Schuss Chaos kann aber doch auch sehr belebend sein.

Pros

Cons

Fazit

Jede Runde einfach nur eine Karte vor einen Spieler legen? Was sich zunächst einmal ziemlich banal anhört, entfaltet jedoch schnell einen großen Spielreiz. Im Gegensatz zu den vielen anderen Gmeiner-Krimi-Kartenspielen, zieht es diesen Reiz jedoch nicht aus kniffligen Rätseln, sondern entsteht insbesondere durch die Kommunikation unter den Spielern selbst. Es gilt schließlich nicht nur den Kopf aus der Schlinge, sondern auch die anderen Ganoven in den Dreck zu ziehen. Schnell werden dann mal kurzzeitige Allianzen geschmiedet, nur um dem Verbündeten kurz darauf das Messer in den Rücken zu rammen. Frei von Taktik ist Kurzer Prozess aber auch nicht. Es ist gut zu überlegen, wem ihr eine Verbrechenkarte zuweist. Manchmal kann es strategisch sogar geschickt sein, sich selbst mit einem Beweismittel zu belasten. Dadurch ist man vor Verbrechenkarten anderer Farben erstmal geschützt. Kurzer Prozess ist eine gelungene Mischung aus Taktik, Glück und Kommunikation, das vor allem in etwas größeren Gruppen ab vier Spielern seine Stärken ausspielt.

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