Test: Myth

  • VonSebastian Hamers
    schließen

Seit Anbeginn der Computerspiel-Zeit wandern wir durch finstere Dungeons, jagen Monster, horten Schätze und verbessern unsere Ausrüstung. Pen-and-Paper-Rollenspieler verfolgen in Spielen wie Dungeons & Dragons oder Das Schwarze Auge ganz ähnliche Ziele. Die Monsterhatz funktioniert allerdings auch im Brettspiel ganz hervorragend. Das haben Klassiker wie das gute alte Hero Quest oder Descent, die modernere Version eines Dungeon Crawlers, mit Bravour bewiesen. Das nun vorliegende Myth steht ganz in der Tradition dieser Spiele, hat aber einen ganz entscheidenden Vorteil: Es funktioniert ganz ohne einen Spielleiter.

Eine Mischung aus Brettspiel, Miniaturen-Tabletop und Rollenspiel, so sieht sich Myth selbst. Im Handel findet ihr bereits einige Vertreter, die Ähnliches versprechen. Bei den meisten dieser Spiele müsst ihr jedoch einen Spieler bestimmen, der in die Rolle des Dungeon Masters schlüpft und die Kontrolle über alle feindlichen Kreaturen übernimmt. Er führt seine Mitspieler durch die Dungeons und erzählt die Geschichte des Spiels. Bei Myth handelt es sich um einen vollkooperativen Dungeon Crawler. Einen Spielleiter müsst ihr nicht bestimmen. Sämtliche Vorgänge unterliegen einer ausgeklügelten Mechanik, mit denen sich das Spiel praktisch selbst steuert.

Helden gegen die Dunkelheit

Für eine Partie Myth benötigt ihr zwei bis fünf Spieler. Jeder von euch übernimmt dabei die Kontrolle über einen individuellen Helden. Jeder der Charaktere verfügt über spezielle Fähigkeiten. Ob Nahkämpfer, Dieb, Zauberer oder Bogenschütze, für euch wird schon eine Figur nach eurem Geschmack mit dabei sein. Die einzelnen Figuren unterscheiden sich spielerisch auch tatsächlich ziemlich voneinander. Jeder bekommt ein eigenes Deck mit Spielkarten, die über euer Schicksal entscheiden. Dargestellt werden die Charaktere, wie auch die Monster, durch kleine Miniaturen. Ganze 41 Figuren liegen dem dicken Paket bei. Die Miniaturen sind zwar von Haus aus nicht bemalt, sind dafür aber von sehr hoher Qualität.

Die Werte des Charakters sowie die Ausrüstung verwaltet ihr auf einem kleinen Tableau. Dort legt ihr wie bei Diablo & Co. die ausgerüsteten Gegenstände ab, managt das Inventar und vieles mehr. Euer Gegenspieler, die Dunkelheit, verfügt über ein eigenes Tableau. Auf diesem seht ihr zum Beispiel die Anzahl der Schätze, die es noch zu finden gibt und vor allem die sogenannte Dunkelheitsskala.

Jede Handlung einer Figur muss mit Aktionspunkten bezahlt werden. Überschreitet die Gesamtzahl der Aktionspunkte aller Helden die Zahl von sechs, so ist euer Zug zunächst beendet. Jetzt ist die Dunkelheit an der Reihe und die Kreaturen können sich bewegen oder angreifen. So ist klar geregelt, wann ihr mit den Helden agieren könnt und wann die Gegner am Zug sind. Innerhalb der eigenen Spielphase könnt ihr die Aktionen frei planen und etwa die Reihenfolge der Angriffe selbst bestimmen. Sprecht euch gut ab, denn eine gute Planung werdet ihr brauchen, um im Dungeon zu bestehen.

Variables Spielbrett

Den Dungeon baut ihr dabei aus unterschiedlichen Teilstücken zusammen. Diese liegen dem Spiel in diversen Größen bei. Auf jedem Teilstück befindet sich eine kleine Legende, wie es zu bestücken ist. Ihr findet darauf Angaben bezüglich Monster, Schätzen, Fallen und einigem mehr. Je nach Spielmodus muss manchmal auch eine Questkarte gezogen werden, die zusätzliche Elemente und eine kleine Geschichte ins Spiel einbringt.

Letztlich dreht es sich aber im Großen und Ganzen in erster Linie um das Verdreschen von Monstern und das Einheimsen von Schätzen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Kampf bei Myth ziemlich im Mittelpunkt steht. Die Kämpfe sind allerdings recht anspruchsvoll und erlauben viele taktische Finessen, auch wenn ein Glücksfaktor mit dabei ist. Schon beim Aufbau des Teilabschnitts ist es wichtig, mit Bedacht an die Sache heranzugehen.

Ihr könnt eure Charaktere über die Spielfelder bewegen und euch so schon vor dem Kampf eine gute Ausgangslage erarbeiten. Unterschiedliche Objekte, die sich möglicherweise auf dem Spielfeld befinden, lassen sich dabei taktisch nutzen. Fernkampfangriffe sind in der Regel nur möglich, wenn ihr eine direkte Sichtlinie zum Gegner besitzt.

Kämpfe in Myth

Bei den Kämpfen wird, aller taktischen Aspekte zum Trotz, auch gewürfelt. Zweierlei Würfelsorten liegen dem Spiel bei. Da wären zunächst die zehnseitigen Angriffswürfel. Mit ihnen bestimmt ihr, ob ihr ein Ziel überhaupt getroffen habt. Dazu müsst ihr nur einen Mindestwurf erzielen. Durch etwaige Ausrüstungsgegenstände könnt ihr den eigenen Mindestwurf natürlich noch ein wenig tunen. Die Sammelleidenschaft beim Looten funktioniert genauso gut wie bei den digitalen Rollenspielen. Es macht Spaß zu sehen wie der eigene Held stückweise immer etwas mächtiger wird.

Sofern das Ziel getroffen und der festgelegte Schaden zugefügt wurde, kommen nun die Schicksalswürfel ins Spiel. Dabei handelt es sich um sechsseitige Spezialwürfel. Auf den Seiten findet ihr die Symbole für Wut, List, Natur, Magie, Glaube und Dunkelheit wieder. Mit den Symbolen könnt ihr Spezialeffekte der Waffen oder anderer Ausrüstungsgegenständen aktivieren. Das kann zusätzlicher Schaden sein, aber auch ein Heileffekt oder etwas ganz Anderes. Manche Effekte erlauben es euch sogar, Flächenschaden zu verursachen.

Die Möglichkeiten der Helden

Während der Schlacht kann natürlich so allerhand passieren. Myth ist vollgepackt mit vielen kleinen Details, die das Spiel vielschichtiger machen, jedoch auch ein wenig komplizierter. Bestimmte Ereignisse fordern Mutproben von euch, es kann zu Vergiftungen kommen, ihr könnt eingefroren werden oder auch verflucht. Entsprechende Gegenmittel gibt es natürlich ebenso. Mit der passenden Ausrüstung alles kein Problem. Tränke lassen sich aber nicht aus der Entfernung verwenden, sondern müssen erst übergeben werden. Für alle diese Kleinigkeiten gibt es Regeln in Myth.

Die meisten Aktionen werden über die Handkarten gesteuert. Glücklicherweise wird auf den Karten selbst alles ziemlich detailliert erläutert. Bei den Angriffskarten habt ihr so eine ganze Menge Variablen, die in den Kampf miteinfließen. Darunter befinden sich zum Beispiel auch Karten, die ihr als Reaktion auf eine Attacke des Gegners spielen könnt. Damit fahrt ihr in der Phase der Dunkelheit einen schnellen Gegenangriff. Banditen können im Schatten verschwinden und sich so für den Feind unsichtbar machen. Die Möglichkeiten der Helden sind groß. Manche Aktionen erhaltet ihr aber auch erst zu einem späteren Zeitpunkt. Je weiter sich eure Figur entwickelt, desto mehr Möglichkeiten stehen ihr auch offen.

Die Monster sind los

Aber natürlich möchte sich auch die Dunkelheit nicht kampflos ergeben. Sobald ihr mit euren Charakteren sechs Aktionspunkte verbraten habt, ist das Böse am Zug. Da es keinen menschlichen Spielleiter gibt, liegen für die Monster ziemlich genaue Regeln vor. Zu Beginn der Dunkelheitsphase zieht ihr eine Dunkelheitskarte. Diese zeigt ein Ereignis, das in dieser Runde möglicherweise eintritt, sofern bestimmt Voraussetzungen erfüllt sind. Sie gibt weiterhin an, in welcher Reihenfolge die Feinde aktiviert werden.

Wie und wann die Kreaturen aktiviert werden, hängt zu einem großen Teil von der Bedrohungsstufe der Charaktere ab. Je mehr Schaden sie angerichtet haben, desto größer ist die Bedrohung durch sie. Einige Monster springen schon recht früh auf eine Bedrohung an, andere Kreaturen sind da wesentlich geduldiger.

Viele Regeln, die schon für die Helden relevant sind, gelten auch für die Monster. Sie verfügen ebenso über Lebensenergie, eine Bewegungsrate, Angriffswerte und auch Sonderfertigkeiten. Die Regeln für diese Aktionen sind soweit einprägsam. Ein wenig kniffliger ist da schon die Bewegung der Monster. Jede Monstergruppe hat unterschiedliche Prioritäten. Einige Monster gehen einfach auf den Helden, der ihnen am nächsten steht. Andere wählen ihr Ziel auch nach dem Bedrohungslevel aus oder attackieren die Figur mit der geringsten Lebenskraft.

Auf den Spielabschnitten findet ihr auch immer wieder Monster-Verstecke. Sind bestimmte Bedingungen erfüllt, kommen die Gegner aus ihren Löchern gekrochen und stürzen sich auf die Helden. Unter Umständen kann es also auf dem Feld schon mal ziemlich voll werden. Die größte Gefahr strahlen aber die Bosse und Mini-Bosse aus. Dabei handelt es sich um besonders mächtige Gegner, die meist auch über einige Spezialattacken verfügen.

Erweiterbarer Dungeon Crawler

Habt ihr den Boss besiegt, dürft ihr euch meist auch über eine angemessene Belohnung freuen. Im Laufe eines Abenteuers sammelt ihr nicht nur mächtigere Gegenstände, sondern auch Gold. Damit könnt ihr hin und wieder auch zum Händler gehen und euch mit weiteren hilfreichen Kleinigkeiten eindecken. Am besten haltet ihr euren Spielfortschritt nach jeder Partie fest, damit ihr beim nächsten Mal wieder nahtlos weiterspielen könnt.

Dafür stehen euch gleich mehrere Optionen offen. Im Abenteuer-Modus spielt ihr recht frei, legt beinahe beliebige Teilstücke aus und besetzt diese mit den angegebenen Monstern, Verstecken und dem restlichen Kram. Die Geschichte wird dann über die Questkarten erzählt. Sie bieten euch kleinere Aufträge an und belohnen euren Heldenmut anschließend mit etwas Loot. Mehr Struktur bieten die Geschichtsquests in Myth. Hier werden euch die meisten Entscheidungen durch die Geschichte abgenommen. Im Netz hat sich mittlerweile eine kleine Community gefunden, die euch mit ersten Szenarien versorgt. Es ist aber wohl auch davon auszugehen, dass Myth regelmäßig erweitert wird. Neue Gegenstände, neue Monster und natürlich auch neue Geschichten. Potenzial hat das Spiel genug. Was noch fehlt, sind die packenden Plots. Solang es diese noch nicht im Handel gibt, seid ihr da auf die fleißige Community angewiesen. Trotzdem bietet das Basispaket erst einmal genug Inhalt, um euch viele Stunden Spielspaß zu bescheren.

Pros

Cons

Fazit

Spiele wie Descent oder Hero Quest haben es vorgemacht. Dungeon Crawler machen auch als Brettspiel sehr viel Spaß. Um Myth zu spielen, braucht ihr noch nicht einmal einen Spielleiter. Somit können sich alle Spieler ins Gefecht stürzen. Damit die Monster nicht strohdoof durch den Dungeon torkeln, haben sich die Macher ein recht komplexes Regelwerk ausgedacht. Vor allem die Bewegungen der feindlichen Kreaturen sind nicht immer ganz so leicht zu bewerkstelligen. Mit ein wenig Geduld und Übung bekommt ihr den Dreh aber auch schnell raus. Spätestens dann entfaltet Myth auch sein volles Potenzial und ihr bekommt ein komplexes Brettspiel, das auch langfristig unterhalten kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Test: Hero Realms - Der Untergang Thandars
Test: Hero Realms - Der Untergang Thandars
Test: Hero Realms - Der Untergang Thandars
Marvel Champions im Test: Das Kartenspiel für echte Superhelden
Marvel Champions im Test: Das Kartenspiel für echte Superhelden
Marvel Champions im Test: Das Kartenspiel für echte Superhelden

Kommentare