Test: Das Orakel von Delphi

  • VonSebastian Hamers
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Wenn die Götter rufen, dann haben ihre irdischen Diener zu springen. Das gilt ganz besonders dann, wenn es sich dabei um die Gottheiten aus der griechischen Mythologie handelt. Göttervater Zeus höchstpersönlich möchte von euch unterhalten werden. Dazu ruft er unter den Sterblichen einen Wettbewerb aus, dessen Gewinner sich über einen Besuch im Olymp freuen darf. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Zwölf Aufgaben müssen zuvor erfüllt werden.

Die erste kleine Herausforderung stellt bereits der Aufbau des Spielbretts dar. Dieses ist nämlich gar kein klassisches Brett, sondern besteht aus mehreren Spielplänen, die ihr fast beliebig zusammenlegen könnt. Durch den modularen Aufbau ergeben sich immer wieder neue Szenarien, es gibt also reichlich Raum zum Experimentieren. Der Spielplan zeigt euch ein Wasserareal mit diversen Inseln. Beim Aufbau des Plan müsst ihr vor allem darauf achten, dass der Seeweg nicht durch Festland unterbrochen wird. Im Spielverlauf bewegt ihr euch nämlich mit Schiffen über das Spielbrett. Deshalb darf euch eine Landmasse nicht den Weg zu anderen Örtlichkeiten versperren.

Im Folgenden werdet ihr euch mit euren Schiffen über die Weiten des Meeres bewegen, die im Spiel durch Hexfelder dargestellt werden. Mit ihnen reist ihr von Ort zu Ort und erfüllt dort die von Zeus gestellten Aufgaben. Ihr errichtet Kultstätten, stellt Statuen auf, bringt bestimmte Opfergaben dar und bekämpft schreckliche Monster. Wenn ihr alle zwölf Aufgaben erfolgreich absolviert habt, müsst ihr nur noch zu Zeus zurückkehren, um das Spiel zu gewinnen.

Wettrennen mit Hindernissen

Aufs Grobe heruntergebrochen ist Das Orakel von Delphi also ein Rennspiel. Da ihr jederzeit über den Zwischenstand eurer Konkurrenzen informiert seid, bleibt ihr immer im Bilde, ob ihr noch gut im Rennen liegt. Das Orakel von Dephi ist ein taktisches Spiel. Es werden also nicht hektisch die Würfel geworfen, sondern alles funktioniert nach einer klaren Struktur. Würfel gibt es übrigens trotzdem. Bevor die Brettspiel-Strategen unter euch jetzt die Nase rümpfen, lasst euch gesagt sein, dass sich der Glücksfaktor trotz Würfeleinsatz in Grenzen hält.

Um Aktionen im Spiel durchzuführen, müsst ihr zuvor das namensgebende Orakel befragen. Es weist euch den Weg zur Erfüllung der Aufgaben. Für die Weissagung müsst ihr einfach die drei Orakelwürfel werfen. Sortiert die Würfelergebnisse nach ihrer Farbe und legt sie auf das entsprechende Feld eures Spielertableaus. Die abgelegten Würfel werden dort kreisförmig angeordnet. Um dem Glück etwas auf die Sprünge zu helfen, könnt ihr die Würfelergebnisse während eures Zuges modifizieren. Je weiter sich das gewünschte Ergebnis von der tatsächlich geworfenen Farbe im Kreis entfernt befindet desto teurer wird am Ende auch die Umwandlung.

Das Orakel weist den Weg

Mit den drei Orakelwürfeln führt ihr in eurem Zug dann auch die Aktionen aus. Eine der wichtigsten Aktionen ist natürlich die Bewegung eures Schiffs. Guckt euch dazu eine der eigenen Aufgabenkarten an und wählt so das erste Reiseziel aus. Da die Zeit im Wettlauf mit den Konkurrenten drängt, ist ein logistisches Geschick wohl von Vorteil. Wer einfach kreuz und quer über die See düst, erfüllt sicher nicht zuerst seine zwölf Aufgaben. Nachdem ihr euch das erste Ziel ausgesucht habt, bewegt ihr jetzt das Schiff auf dem Spielbrett. Mit einem Orakelwürfel könnt ihr bis zu drei Wasserfelder weit reisen. Der eingesetzte Würfel muss mit seinem farbigen Ergebnis allerdings mit der farblichen Umrandung des Wasserfelds übereinstimmen. Um ein bestimmtes Seefeld anzusteuern, braucht ihr also in jedem Fall ein passendes Würfelergebnis.

Doch auch hier wurde der Glücksfaktor ordentlich entschärft. Im Spielverlauf könnt ihr auf unterschiedliche Art und Weise die sogenannten Gunstplättchen erwerben. Mit ihnen könnt ihr nicht nur die Orakelwürfel farblich verändern, sondern auch die Reichweite eures Schiffs erhöhen. Jedes zusätzlich gezogene Feld kostet euch ein Gunstplättchen.

Zwölf göttliche Aufgaben

Mit Hilfe eures logistischen Geschicks, etwas Würfelglück und dem Einsatz der Gunstplättchen sollte es auch also gelingen, den Zielort zu erreichen. Um eine Aufgabe auf dem Festland oder einer Insel zu erfüllen, müsst ihr ein direkt benachbartes Wasserfeld ansteuern. Ist dies geschehen, könnt ihr vor Ort die passenden Aktionen durchführen. Für diese benötigt ihr allerdings wiederum den farblich passenden Orakelwürfel.

Eine Aufgabe wird lauten, ein Monster zu besiegen. Dazu werft ihr den zehnseitigen Kampfwürfel. Habt ihr mit dem Wurf mindestens die Stärke des Monsters erreicht, geht der Sieg an euch. Zu Beginn eines jeden Kampfes hat jedes Monster allerdings eine Stärke von neun Punkten. Es ist also recht schwierig, diesen Wert mit einem Zehnseiter zu übertreffen. Praktischerweise könnt ihr euch mit einem Schild ausrüsten.  Schilde haben eine Stärke von bis zu fünf Punkten, die ihr von der Monsterkraft abziehen könnt. Auf pures Würfelglück seid ihr aber auch beim Monsterkampf nicht angewiesen. Verliert ihr den Kampf, könnt ihr einfach ein Gunstplättchen abgeben und die Schlacht startet erneut. Bei jeder neuen Kampfrunde geht das Monster geschwächt in die Auseinandersetzung, mit einem Stärkepunkt weniger.

Weitere Aufgaben bestehen darin, Kultstätten auf bestimmten Inseln zu platzieren. Leider ist euch zunächst nicht bekannt, um welche Insel es sich dabei genau handelt. Kommt euer Schiff neben einer unbekannten Insel zum Stehen, könnt ihr sie erforschen. Habt ihr eine der eigenen Inseln entdeckt, dürft ihr sofort eine Kultstätte darauf errichten und so die Mission erfüllen. Doch auch wenn ihr eine fremde Insel entdeckt habt, so bekommt ihr dennoch eine ordentliche Belohnung für eure Tat.

Weiterhin könnt ihr vom Festland Opfergaben aufladen. Sie müssen später noch zu ihrem Zielort transportiert werden. Leider ist der Lagerplatz auf eurem Schiff begrenzt. Ihr könnt also nicht einfach beliebig viele Opfergaben auf das Schiff laden. Ähnlich geht das Errichten der Statuen vonstatten. Ihr ladet die Statuen aus einem Stadtteil aufs Schiff und bringt es dann zum passenden Bauplatz. Damit wären die Aufgabenkategorien auch schon grob umrissen. Es gibt allerdings weitere Aktionen, die euch bei der Erfüllung der Aufgaben unterstützen.

Die Gunst der Götter

Zur Hilfe kommen euch dabei die griechischen Götter selbst. Sie mögen zwar hart in ihren Urteilen sein, wissen das Treiben ihrer Untertanen aber durchaus zu schätzen. Opfert ihr etwa einen beliebigen Orakelwürfel, ohne mit ihm eine Aktion auszuführen, so bekommt ihr einen kleinen Bonus, den ihr frei wählen könnt. Dies können etwa zwei Gunstplättchen sein oder aber auch eine Orakelkarte. Mit ihrer Hilfe könnt ihr eine zusätzliche Aktion ausführen. Wenn ihr also einen Orakelwürfel opfert, zieht ihr eine Orakelkarte vom Nachziehstapel. Das Symbol auf der Karte zeigt euch eine Farbe, die auch den Würfelergebnissen entsprechen. Setzt ihr in eurem Zug eine Orakelkarte ein, dürft ihr damit eine zusätzliche Aktion entsprechend ihrer Farbe tätigen. Pro Zug dürft ihr aber immer nur jeweils eine dieser Orakelkarten einsetzen.

Statt dem Nehmen einer Orakelkarte oder zwei Gunstplättchen könnt ihr euch aber auch noch zwei Inselplättchen ansehen. So kommt ihr möglicherweise schneller dazu, die Kultstätten auf den richtigen Inseln abzusetzen.

Belohnungen gibt es zusätzlich, wenn ihr eine der zwölf Aufgaben erfüllt habt. So kommt ihr in den Genuss von zusätzlichen Gunstplättchen, Begleitern oder Ausrüstungsgegenständen, die euch weitere Vorteile im Spiel verschaffen. Die Vorteile der Begleiter und Ausrüstungsgegenstände sind breit gefächert und werden durch Symbole in der Funktion zumindest angedeutet. Am Anfang müsst ihr an dieser Stelle sicher noch einige Male einen Blick ins Handbuch werfen. Ein wesentlicher Bruch im Spielfluss entsteht dadurch aber kaum.

Als besonders mächtige Belohnung kommt zudem die Gunst der Götter selbst ins Spiel. Auf jedem Spielertableau befinden sich die sechs Götter Ares, Artemis, Poseidon, Apollon, Aphrodite und Hermes. Bestimmte Aktionen erlauben es euch, einzelne Göttersteine um ein Feld nach vorne zu rücken. Gelangt einer dieser Steine an das Ende der Leiste, könnt ihr einmalig seine Sonderfunktion einsetzen. Dabei handelt es sich um sehr mächtige Aktionen, die ihr zusätzlich aktivieren könnt. Poseidon bringt euch etwa ohne Umschweife auf ein Feld eurer Wahl, während Ares euch den direkten Sieg über ein Monster beschert.

Der Titan greift an

Die Sonderfunktionen der Götter zeigen noch einmal deutlich, dass sich Autor Stefan Feld wirklich Gedanken zur Umsetzung des Themas gemacht hat. Die Fähigkeiten der Götter passen sehr schön zu ihren Rollen im Götter-Pantheon. Mit dem Titan kommt zudem auch noch eine weitere Figur der griechischen Sagen mit ins Spiel. Er ist euch allerdings nicht sonderlich freundlich gesonnen, sondern greift regelmäßig alle Spieler an. Je nach Würfelpech bekommt ihr so Wundenkarten hinzu. Habt ihr drei Wundenkarten einer Farbe oder sechs beliebige Wundenkarten, müsst ihr eine Runde aussetzen. In diesem Fall dürft ihr drei eurer Wundenkarten wieder entfernen. Im Spielverlauf werdet ihr aber auch noch auf andere Möglichkeiten der Heilung treffen. Das göttliche Eingreifen der Aphrodite etwa lässt euch alle Wundenkarten auf den Ablagestapel legen.

Zu guter Letzt soll auch ein weiteres Detail nicht unerwähnt bleiben, das mir besonders viel Freude bereitet hat. Dem Spiel liegt eine breite Auswahl an Schiffstypen bei. Jedes Schiff bringt euch von Haus aus einen Startvorteil. Die Boni der Schiffe haben es wirklich in sich und können sich durchaus spielentscheidend auswirken. Bei einem Schiff kostet das Umfärben eines Orakelwürfels etwa ein Gunstplättchen weniger, ein anderes erhöht hingegen die Reichweite um zwei Felder. Zum Glück sind sämtliche Schiffsboni ähnlich stark, so dass sich die Vorteile am Ende auch wieder ausgleichen. Ein Balancing-Problem hat Das Orakel von Delphi nicht. Das Spielgefühl verändert sich mit der Wahl des Schiffs nochmal deutlich. Das macht nicht nur viel Spaß, sondern lädt auch dazu ein, sich immer wieder eine neue Strategie zu erarbeiten.

Pros

Cons

Fazit

Das Orakel von Delphi ist kein Spiel für Anfänger oder Gelegenheitsspieler, auch wenn der Würfeleinsatz dies zunächst suggerieren mag. Der neue Titel von Stefan Feld spielt sich gerade die ersten Male etwa schwierig und sperrig. Dazu trägt auch die nicht immer ganz runde Anleitung bei. Doch wenn ihr dem Spiel eine Chance gebt, entfaltet es schon bald sein volles Potenzial. Mit einer eingespielten Gruppe, spielt es sich ziemlich flüssig und facettenreich. Dazu tragen die unterschiedlichen Schiffsytpen genauso bei wie das modulare Spielfeld. Mich hat das Orakel von Delphi auf den zweiten oder dritten Blick erst richtig gepackt, dann aber in seinen Bann gezogen.

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