Test: This War Of Mine - Das Brettspiel

  • VonSebastian Hamers
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Videospiele mit Kriegsszenario kennen wir zur Genüge. Meist schlüpfen wir dabei in die Rolle eines Soldaten, der sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, um die Bevölkerung zu schützen. Das Verhalten und die Gefühlswelt letzterer wird in den meisten Spielen, wenn überhaupt, nur oberflächlich beleuchtet. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das Antikriegs-Spiel This War Of Mine bei den Spielern…Achtung…wie eine Bombe einschlug. Selten zuvor gelang es einem Spiel, die Auswirkungen eines Krieges auf die Bevölkerung so greifbar zu vermitteln und so emotional darzustellen. Ganz neu im Handel steht nun auch das kooperative Brettspiel zu This War Of Mine. Wir haben für euch geprüft, ob die analoge Variante eine ähnliche Faszination ausstrahlen kann wie schon das Videospiel.

Draußen toben die Gefechte, Scharfschützen haben sich in Position gebracht und die Kugeln fliegen uns nur so um die Ohren. Zum Glück haben wir uns eine Unterkunft gesichert, ein verlassenes Wohnhaus, das durch die Bombenanschläge allerdings schweren Schaden genommen hat. An einen Spaziergang an der frischen Luft ist nicht zu denken. Zu dritt gucken wir uns also erstmal in unserem Versteck um.

Im Schutze der Nacht

Das Haus befindet sich nicht gerade in einem guten Zustand. Überall liegt Schutt herum und nicht alle Räume sind begehbar. Es wird einige Zeit dauern, bis wir hier für etwas Ordnung gesorgt haben. Es fehlt zudem an vielen alltäglichen Gegenständen. Mit den richtigen Einzelteilen könnten wir uns vielleicht einen provisorischen Herd oder zumindest ein Bett bauen. Ein noch größeres Problem ist jedoch unser Wasser- und Nahrungsvorrat. Vielleicht finden wir ja in den Trümmern noch ein paar Konservendosen oder etwas anderes zu essen.

Bevor wir uns im Schutze der Nacht nach draußen wagen, um nach Lebensmitteln oder anderen hilfreichen Gegenständen zu suchen, müssen wir uns noch etwas stärken. Nahrungsmittel sind leider knapp, also können wir nicht jeden hungrigen Bauch füllen. Mit dem Wasser haben wir das gleiche Problem. Für die Moral der Truppe ist das nicht gut, aber es ist auch nicht zu ändern. Nach dem kargen Mahl setzen wir uns zusammen und überlegen uns einen Schlachtplan für die Nacht.

Einige von uns sind müde und erschöpft. Es wäre gut, wenn sie ein paar Stunden schlafen könnten. Doch daran ist leider nicht zu denken. Wir brauchen jede Frau und jeden Mann für den nächtlichen Einsatz. Mindestens einer von uns sollte hier im Versteck bleiben und auf unsere Wertsachen aufpassen, wir brauchen also eine Wache. Der Rest stapft los in die Nacht und geht auf Plünderzug. Das wird eine anstrengende Nacht.

Wir entscheiden uns, in eine ruhigere Wohngegend zu gehen und uns dort umzusehen. Die abgelegenen Häuser liegen zwar etwas weiter von unserem Unterschlupf entfernt, aber es erscheint uns dafür sicherer zu sein als die nahegelegene Militärbasis. Ein Teil der Nacht geht also schon einmal für den weiten Weg drauf. Hoffentlich lohnt sich unser Ausflug in die Wohngegend. Eilig raffen wir noch ein paar Gegenstände zusammen, die wir unterwegs vielleicht gebrauchen können. Am Tag haben wir an der improvisierten Werkbank noch einen Dietrich gebastelt, der kann sicher nicht schaden.

Unser Ausflug in die Wohngegend war hart, aber es hat sich gelohnt. Wir konnten es jedoch nicht über das Herz bringen, uns an den privaten Habseligkeiten der alten Leute zu bedienen. Ein paar Landstreicher sahen in uns potentielle Opfer, sie erhofften sich wohl bei uns Nahrungsmittel zu finden. Bruno hat es aber leider erwischt, er hat sich eine Wunde zugezogen. Immerhin konnten wir ein paar Konservendosen und sogar etwas Wasser ergattern. Das dürfte uns zumindest über den nächsten Tag bringen.

Währenddessen hatte Pavle keine ruhige Nacht in unserem Versteck. Wir sind offenbar nicht die einzigen Plünderer auf der Suche nach Nahrung. Zum Glück konnten wir Pavle eine Pistole zurücklassen, mit der er die Angreifer in die Flucht schlagen konnte. Es sieht so aus, als ob sich die Lage in unserem Viertel immer weiter zuspitzt. Die Kriminalität steigt immer weiter an, jeder ist auf der Suche nach Lebensmitteln und schreckt immer weniger davor zurück, sie sich notfalls auch mit Gewalt zu besorgen. Nicht nur die Soldaten an der Front stecken im Überlebenskampf, sondern auch die einfachen Bürger der Stadt.

Ein Spiel mit Geschichte

So etwa könnte eine Nacht in The War Of Mine ablaufen. Ihr beginnt das Spiel mit drei Charakteren, die sich eine Unterkunft teilen. Im Verlauf des Spiels kann noch eine vierte Figur in die Gruppe aufgenommen werden. Die Chancen, dass alle Charaktere diesen Krieg überleben werden, stehen dabei mehr als schlecht. In This War Of Mine steuert ihr nicht euren eigenen Charakter, sondern habt prinzipiell immer Zugriff auf alle Figuren im Spiel. Nach jeder Aktion wechselt der aktive Spieler, der dann wiederum freie Auswahl bezüglich der Aktionen hat.

Im Grunde könnt ihr This War Of Mine auch wunderbar alleine spielen. Mir selbst macht es aber mehr Spaß, wenn ich mich mit ein bis zwei anderen Spielern beraten kann. Im Spiel werdet ihr ohnehin nicht dauernd aktiv sein. Die Würfel kommen nur sporadisch zum Einsatz und es gibt auch keine Karten von der Hand zu spielen. This War Of Mine ist eher ein ruhiges Spiel, bei dem die Geschichte im Vordergrund steht und weniger komplexe Spielmechaniken. Dabei hangelt ihr euch Tag für Tag durch einen vorgegebenen Ablauf.

Zunächst versucht ihr in eurem Versteck Fortschritte zu erzielen. Unter dem Schutt findet ihr manchmal wertvolle Einzelteile oder auch mal Nahrung. Zudem macht ihr den Weg frei, um auch an unzugängliche Teile des Hauses zu gelangen. Mit den nötigen Zutaten könnt ihr hilfreiche Gegenstände bauen und sie im Haus platzieren. Jeder Charakter hat allerdings maximal drei Aktionen am Tag. Diese werden aber leider oftmals durch unterschiedliche Eigenschaften der Figuren reduziert. Krankheiten, Hunger, Verletzungen oder auch Traurigkeit lassen die handelnden Personen träger werden. Im Extremfall werden sie sogar ganz handlungsunfähig. In diesem Fall solltet ihr euch schnell um die Genesung kümmern, ansonsten droht das Ableben des Charakters.

Ein klar strukturierter Tagesablauf

Nach Abschluss der Aktionen im Haus, müsst ihr die Hausbewohner mit Lebensmitteln und Nahrung versorgen. Könnt ihr das nicht, steigt der Hunger bei ihnen. Bestimmte Lebensmittel senken den Hunger dafür deutlich. Hungrige Charaktere sind in ihren Aktionen beschränkt. Das ist ein echter Nachteil, denn die Aktionsphase im Haus ist für den Fortschritt von hoher Bedeutung.

In der nächsten Phase teilt ihr die Aufgaben für die Nacht zu. Hin und wieder müsst ihr die Charaktere auch mal schlafen lassen, damit ihre Erschöpfung nicht zu groß wird. Ein Bett ist hier besonders effektiv, doch das müsst ihr erstmal aus gefundenen Überresten bauen. Charaktere, die im Versteck Wache stehen oder zum Plündern in die Nacht ziehen, bekommen einen Erschöpfungspunkt hinzu. Dies bedeutet, na klar, weniger Aktionen am nächsten Tag.

Jetzt geht es endlich auf Plündertour. Auf dem Spielfeld liegen immer drei Orte aus, die unterschiedlich weit von eurem Versteck entfernt liegen. Nahegelegene Orte bedeuten, dass ihr auch mehr Erkundungskarten vom Stapel ziehen könnt. Mit diesen habt ihr Chancen auf wertvolle Entdeckungen. Ganz risikolos ist der Ausflug aber natürlich nicht. Im Blick solltet ihr auf jeden Fall den Lärmpegel behalten. Einige Aktionen lassen den Pegel steigen, was die Gefahr auf eine Zufallsbegegnung steigen lässt.

Im nächsten Schritt blendet die Szenerie zurück in das Versteck. Dort ereignet sich ein nächtlicher Überfall, der per Zufallskarte gesteuert wird. Manchmal haben es ein paar Streuner auf euer Lager abgesehen und stehlen euch ein paar Vorräte. Mit Waffengewalt könnt ihr das Eindringen verhindern oder zumindest das Schlimmste abwenden. Waffen sind aber ein wertvolles Gut. Lasst ihr Waffen im Versteck für die Wache zurück, stehen sie natürlich euren Plünderern nicht mehr zur Verfügung.

Am Ende der Nacht wird die Kriminalität in eurem Viertel erhöht. Dazu mischt ihr ein paar besonders heftige Überfälle oder Begegnungen in die ausliegenden Stapel. Dann kehren die Plünderer in den Unterschlupf zurück. Eventuell verfügbare Medikamente oder Verbände können nun zugeteilt werden, um Krankheiten und Verletzungen zu lindern. Es folgt das Ziehen einer Schicksalskarte. Diese fordert euch manchmal dazu auf, einen der ausliegenden Orte für die Plünderzüge auszutauschen. Ebenso findet ihr darauf eine Angabe, wie effektiv die Medikamente und die Verbände wirken. Sehr spannend ist auch die Abwicklung der Charakterzüge der einzelnen Figuren.

Charaktere mit Profil

Die Charaktere in This War Of Mine verhalten sich ziemlich unterschiedlich. Einige Eigenschaften wie Stärke und Tragkraft sind vorteilhaft, wenn es in den Kampf geht oder darum, möglichst viele Raubgegenstände zurück in den Unterschlupf zu bringen. Auf jeder Charakterkarte findet ihr zudem noch drei individuelle Eigenschaften. Eine davon wird durch die gezogene Schicksalskarte aktiviert. Besteht zum Beispiel bei einer Figur eine Nikotinabhängigkeit, solltet ihr ihn jetzt mit einer Zigarette versorgen, ansonsten steigt seine Traurigkeit. Lernt eure aktiven Charaktere also gut kennen, um sie am Leben zu halten. Eine hohe Traurigkeit kann sich durchaus auf die Letalität auswirken. Gefrustete Charaktere verlassen vielleicht voreilig das Versteck, nehmen noch ein paar Dinge aus dem Lager mit, nur um dann an der nächsten Ecke im Sperrfeuer der Soldaten zu verenden.

Sollte ein Charakter wirklich einmal versterben, kann das auch Auswirkungen auf die Überlebenden haben. In diesem Fall müsst ihr eine Probe auf die Empathie der Charaktere ablegen. Falls diese misslingt, steigt die Traurigkeit gleich um zwei Punkte. Unter Umständen kann dies zu weiteren unüberlegten Aktionen im Versteck führen. Zum Abschluss der Runde zieht ihr noch eine Erzählkarte vom Stapel, mit der die Geschichte fortgeführt wird.

Ein Spiel mit viel Geschichte

Auf vielen Karten findet ihr einen Hinweis auf einen bestimmten Abschnitt im Skript. Das Skript ist ein ziemlich dickes Heft, in dem ihr ein paar hundert Einträge wiederfindet. Verweist eine Karte auf einen Skripteintrag, lest ihr den entsprechenden Abschnitt nach. Manchmal findet ihr dort nur einen Text, der die düstere Atmosphäre unterstreicht und die Geschichte vorantreibt. Es gibt aber auch Einträge, die spieltechnisch relevant sind, euch zu bestimmten Entscheidungen auffordern oder eine Probe abverlangen. Entscheidungen spielen in This War Of Mine überhaupt eine große Rolle. Eine helfende Hand ist im Krieg eine Seltenheit. Jeder achtet auf den eigenen Vorteil, doch manchmal wird eine beherzte Handlung auch belohnt.

This War Of Mine spielt ihr vermutlich nicht komplett an einem Abend durch. Das Spiel geht über mehrere Kapitel, jedes dauert alleine schon ein bis zwei Stunden. Zum Glück könnt ihr den Spielstand zwischenspeichern. Dazu haltet ihr die Ergebnisse auf dem beigelegten Block fest. Mit wenigen Handgriffen könnt ihr beim nächsten Mal dann den aktuellen Zustand wiederherstellen. This War Of Mine ist ab sofort im Handel verfügbar, jedoch nur in ausgewählten Geschäften. In einigen Wochen sollte das Spiel aber auch flächendeckend verfügbar sein. Das Spiel kostet zwischen 50€ und 60€. Wenn ihr im Netz ein wenig stöbert, sollte es aber kein Problem sein, This War Of Mine käuflich zu erwerben.

Pros

Cons

Fazit

This War Of Mine ist wirklich ein ganz besonderes Spiel. Eines vorweg: Wenn ihr auf viel Aktion wert legt, also gerne würfelt oder Karten von der Hand spielt, dann werdet ihr mit diesem Spiel nicht glücklich. This War Of Mine spielt sich ganz anders, der Fokus liegt ganz klar auf der Geschichte und der beklemmenden Atmosphäre. Außerdem müsst ihr euch darüber im Klaren sein, dass eurer Gruppe praktisch ständig Knüppel zwischen die Füße geworfen werden. Das kann mitunter ziemlich frustrierend sein, der Krieg hält euch ständig seine hässliche Fratze entgegen. Spannend sind auch die vielen Charaktere, die ihr im Spielverlauf entdecken könnt. Jeder von ihnen verfügt über ein ganz eigenes Profil mit Stärken und Schwächen. Es handelt sich dabei auch nicht um Soldaten oder gar Helden, es sind ganz normale Bürger, die unter den Auswirkungen des Kriegs leiden. This War Of Mine ist also ein Antikriegsspiel im besten Sinne. Mir hat das Spiel sehr viel Freude gemacht, da es sich so erfrischend anders anfühlt. Es ist aber sicher kein Spiel für jeden. Ihr könnt This War Of Mine aber auch gut alleine spielen. Am meisten Spaß hat es mir jedoch mit zwei oder drei Spielern gemacht. Laut Angabe auf der Verpackung ist das Spiel für bis zu sechs Spielern geeignet. Dazu müsst ihr aber auch wirklich die richtige Gruppe haben, damit das Spiel nicht in endlose Diskussionen ausartet.

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