Test: Viral

  • VonSebastian Hamers
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Spiele, in denen wir uns als Kliniktycoons, Seuchenbekämpfer oder medizinischer Halbgott in Weiß betätigen, das kennen wir alles schon. Doch warum nicht auch mal in die andere Rolle schlüpfen? Viele von euch kennen vielleicht schon Plague Inc., das es für so ziemlich jede Plattform von der PS4 bis zum Smartphone gibt. Hier wird der Spieß herumgedreht. Ihr seid das Virus und wollt der Menschheit an den Kragen. Eine ähnliche Idee verfolgt auch das kürzlich erschienene Viral, das allerdings den analogen Weg einschlägt. Viral ist ein Brettspiel, in dem gleich bis zu fünf Virenstämme miteinander konkurrieren, jeder mit dem Ziel, der gefährlichste, gefürchtetste und tödlichste Erreger zu werden.

Das Faszinosum des Bösen hat uns doch alle schon mal gepackt. Der strahlende Held scheint ein wenig ausgedient zu haben. Stattdessen tummeln sich zahlreiche Antihelden in der Szene. Egal ob Agent 47, Kratos, Duke Nukem oder auch Wario, sie sind alle fest etablierte Größen bei uns Spielern. Ebenso gibt es mit Overlord oder natürlich dem Klassiker Dungeon Keeper einige Beispiele, in denen wir gleich voll und ganz auf die dunkle Seite wechseln. Gefällt euch? Dann herzlich Willkommen bei Viral! Hier dürft ihr euch als Virus voll und ganz dem Untergang der menschlichen Gesundheit verschreiben.

Es begann mit einem Kratzen im Hals

Das Spielbrett zeigt den menschlichen Körper in der Innenansicht. Hier findet ihr alle wichtigen Organe vom Hirn über Herz, Lunge, den ganzen Verdauungsapparat sowie Leber, Bauspeicheldrüse bis hin zu den Nieren. Als Virenstamm bekommt jeder eine Farbe zugewiesen und damit auch ein eigenes Set mit Karten und Markern. Zu letzteren zählen vor allem die Virusplättchen, von denen ihr gleich bei Spielbeginn schon einige im Körper des Menschen verteilt. Nach Abschluss der Spielvorbereitung liegt in jedem Organ genau ein Virusplättchen. Ihr werdet euch mit euren Viren also ein wenig im Organismus verteilt haben.

Weiterhin verfügt ihr noch über Mutations- und Zonenkarten. In der ersten Phase einer jeder Runde legt ihr verdeckt zwei Pärchen, bestehend aus jeweils einer Mutations- und einer Zonenkarte aus. Die Mutationskarten lassen euch diverse Aktionen ausführen. Ein Virus kann zum Beispiel eine Infektion auslösen, die zusätzliche Virusplättchen ins Spiel bringen. Andere Mutationen greifen Viren anderer Spieler an, lassen euch Viren im Organismus verschieben oder rüsten sie mit einem Schutzschild aus, nur um einige der vielen Mutationsformen zu erwähnen. Die passend dazu gespielte Zonenkarte gibt an, in welcher Körperregion die Mutation stattfindet. Bei der Bewegung der Viren gibt es übrigens ein paar Limitationen. Ein Virus kann nicht einfach so von A nach B springen, sondern muss sich entlang des menschlichen Kreislaufs bewegen. Dazu findet ihr eingezeichnete Arterien und Venen, die euch mögliche Wege vorgeben.

Alle eingesetzten Karten könnt ihr in der folgenden Runde nicht verwenden. Ihr könnt also nicht in jeder Runde die gleichen Karten erneut einsetzen. Das eigene Deck wird schrittweise zudem noch um neue Karten ergänzt. Sobald ihr auf der Siegpunktleiste eine bestimmte Punktzahl überschritten habt, dürft ihr eine weitere Mutation ziehen und auf die Hand nehmen. Die taktischen Möglichkeiten werden im Spielverlauf dadurch immer größer.

Vorsicht vor dem Arzt

Doch nicht nur die Viren werden mit der Zeit immer pfiffiger. Natürlich ertragen auch die Menschen ihr Leid nicht klaglos, sondern rennen zum Arzt. Sie versuchen ein Gegenmittel gegen euren Virus zu entwickeln. Dabei konzentrieren sich die Ärzte jedoch auf die fiesesten Viren. Um herauszufinden, welche Viren genauer erforscht werden, müsst ihr feststellen, welcher Erreger die Kontrolle über eine Organgruppe gewonnen hat. Dazu zählt ihr einfach, welcher Spieler die meisten eigenen Virusplättchen in einer Region auslegen konnte. Grundbedingung ist jedoch, dass in jedem Organ immer mindestens ein Virus ausliegt. Die Herz-Zone besteht aus zwei Organen, der linken und der rechten Herzkammer. Die Kontrolle über die gesamte Zone könnt ihr nur erringen, wenn in beiden Herzhälften mindestens ein eigener Erreger liegt.

Habt ihr tatsächlich die Kontrolle über eine Zone errungen, bekommt ihr an dieser Stelle des Spiels gleich einige Siegpunkte hinzu. Der Haken an der Sache: die Ärzte haben euch jetzt im Visier und forschen nach einem Gegenmittel. Um den Forschungsfortschritt auf dem aktuellen Stand zu halten, befindet sich auf dem Spielbrett ein zusätzliches Feld mit passenden Markern. Sollten die Ärzte das Antidot entwickelt haben, geht es eurem Virenstamm an den Kragen. Ihr habt zwar noch eine kurze Karenzzeit bis zum Rundenende, doch dann werden alle eigenen Viren vom Spielfeld entfernt. Lediglich einige besonders hartnäckige Mutationen dürfen im Organismus verbleiben. Alle Viren mit einem Schild-Symbol sind vor dem Gegenmittel gefeit, müssen aber ihr Schild ablegen. Im Gegenzug wird der Forschungsstand der Ärzte wieder auf null gesetzt. Einer erneuten Inkubation steht also nicht mehr im Wege.

Die Überraschungen des Lebens

Doch selbst die Ärzte können nicht alles bis ins letzte Detail kontrollieren. Es gibt immer noch ein paar Unwägbarkeiten, die den Plan ein wenig durcheinanderwirbeln können. Dies wird durch die Ereigniskarten im Spiel dargestellt. In jeder Runde wird eine dieser Karten ins Spiel gebracht. Manchmal wird durch ein Ereignis eine kleine Zwischenwertung durchgeführt. Bei einer Luftverschmutzung gibt es etwa zusätzliche Siegpunkte für Viren im Lungensystem, Fast Food sorgt dafür, dass jeder Spieler eines seiner Viren in den Bereich der Verdauungsorgane verschieben muss. Insgesamt beinhaltet Viral dreizehn Ereigniskarten, pro Spiel werden allerdings immer nur sechs dieser Karten benötigt. Für genügend Variation ist also gut gesorgt. Der Stapel mit den Ereigniskarten ist übrigens nicht verdeckt. Ihr könnt euch auf das eintreffende Ereignis also im Rundenverlauf schon etwas vorbereiten und eure Strategie danach ausrichten.

Eine gewichtige Rolle spielt weiterhin das Immunsystem des Patienten. Sobald die Zahl der Viren in einem Organ eine gewisse Grenze übersteigt, kommt es zum Kollaps und das Immunsystem springt an. Ein Kollaps bringt dem Spieler, der die Kontrolle über das Organ hat, sofort zwei Siegpunkte ein. Alle Spieler, die im Organ noch mit mindestens einem Virus vertreten sind, werden mit immerhin noch einem Siegpunkt belohnt. Allerdings werden nun alle Viren des kollabierten Organs vom Spielplan entfernt. Viren mit einem Schild verbleiben auch in diesem Fall auf dem Plan, verlieren aber nun ihren Schutz.

Gummiband light

In manchen Fällen wird sich nicht gleich ermitteln lassen, wer denn nun ein bestimmtes Organ kontrolliert und somit die meisten Siegpunkte einfahren darf. Dazu findet ihr auf dem Spielfeld mit der Vorrangtabelle einen weiteren Bereich, den ihr mit Markern immer wieder aktualisieren müsst. Ihr liegt auf der Siegpunktleiste abgeschlagen auf dem letzten Platz? Dann dürft ihr euren Marker auf der Vorrangtabelle an die oberste Position schieben. Gleichstände fallen nun stets zu euren Gunsten aus. Am Ende einer jeder Runde wird die Vorrangtabelle wieder auf den neuen Stand gebracht. Ja, ein leichter Gummibandeffekt ist vertreten, damit kein Spieler zu sehr ins Hintertreffen gerät. Das Gummiband ist allerdings nicht zu elastisch. Wenn ihr mit einer ausgefeilten Taktik zu Werke geht und vielleicht auch noch etwas Glück habt, dann hilft dem letzten Spieler auch dieses Gummiband nicht wirklich weiter.

Wenn ihr es ohnehin etwas taktischer mögt, könnt ihr die Mutationskarten auch vor dem Spiel gezielt auswählen. Dazu bietet Viral eine kleine Draft-Mechanik an. Ihr erhaltet vier Mutationen zugeteilt, wählt eine davon aus und gebt die restlichen Karten an den nächsten Spieler weiter. Aus den folgenden drei Karten wählt ihr wieder eine Karte aus und gebt den Rest erneut weiter. Die Prozedur wiederholt ihr, bis alle Karten verteilt sind. Zudem könnt ihr die Mutationskarten noch sortieren und so eure Taktik ganz danach auslegen. Diese Experten-Variante macht Viral zu einem ganz neuen Spiel. Mit ein wenig Erfahrung bastelt ihr euch so eure ganz eigenen Taktiken zusammen.

Viral ist ab sofort im Handel verfügbar und kostet etwa 45€. Eine Partie dauert zwischen 60 und 90 Minuten. Erschienen ist das Spiel über Corax Games. Da es im stationären Handel nicht ganz leicht zu bekommen ist, empfehle ich euch den Shop der Spiele-Offensive für den Kauf. Dort werdet ihr in jedem Fall fündig.

Pros

Cons

Fazit

Eigentlich sind Viren und Krankheiten nicht unbedingt ein Thema, mit dem man sich gerne länger als nötig beschäftigen möchte. Bei Viral mache ich gerne eine Ausnahme, zumal ich im Spiel endlich mal nicht selbst von einem Infekt betroffen bin, sondern diesen sogar noch kultivieren möchte. Viral richtet sich nicht an die Gelegenheitsspieler, die eine Partie ganz locker runterspielen wollen. Das Spiel fordert euren Gehirnwindungen so einiges ab. Die Überlegungen, wie ihr eure Erreger mutiert oder in welche Organe sie wandern sollen, können sich spielentscheidend auswirken. Da braucht es vielleicht auch schon einmal etwas länger, um seinen nächsten Zug zu planen. Im Gegensatz dazu steht das Studium des Regelwerks. Dieses umfasst zwar immerhin fünfzehn Seiten, ist jedoch reichlich bebildert und liest sich ziemlich flüssig. Die Regeln selbst sind auch schnell verstanden und den anderen Spielern vermittelt. Auch häufiges Nachschlagen im Regelheft bleibt euch erspart. Wer es richtig taktisch mag, sollte unbedingt einmal die Variante für erfahrene Spieler versuchen, hier lassen sich ein paar spannende Strategien entwickeln, mit denen sich Viral nochmal ganz anders anfühlt. Ob Viren und Krankheiten ein geeignetes Thema für ein Brettspiel sind, darüber ließe sich bestimmt auch vortrefflich streiten. Ich selbst finde das Thema herrlich unverbraucht und freue mich über so frische Ideen wie bei Viral. Und da ich selbst die eingangs schon erwähnten Duke Nukems & Co. auch gut überstanden habe, können mir doch ein paar lächerliche Viren doch nichts anhaben, oder? …hust…krächz…chrrrr….

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