Test: The Witcher - Das Brettspiel

  • vonSebastian Hamers
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Ihr wartet bereits sehnsüchtig auf die Veröffentlichung des Fallout-Brettspiels? Ich auch! Um die Wartezeit etwas zu verkürzen, greife ich gerne auf ein anderes Brettspiel mit starker Videospiel-Lizenz zurück. Das The Witcher Abenteuerspiel ist zwar bereits im Jahr 2014 erschienen, doch in die Welt von Hexer Geralt kann man schließlich immer eintauchen, oder nicht? Kenner der Videospielreihe treffen im Brettspiel auf viele bekannte Figuren aus dem Witcher-Universum und auf noch mehr bekannte Schauplätze. Gute Voraussetzungen für ein analoges Witcher-Wohlfühlerlebnis.

Der erste Blick in die Spielschachtel von The Witcher Abenteuerspiel ist verheißungsvoll. Neben dem dicken Spielbrett befinden sich haufenweise Karten, Marker und auch Würfel im Paket. Das Highlight beim Material sind aber natürlich die vier Heldenfiguren und die dazu passenden Heldenbögen. Neben Geralt könnt ihr auch in die Rollen von Rittersporn, Yarpen Zigrin oder Triss Merigold schlüpfen.

Angesichts des Materialumfangs rechnen Brettspielfans schon mit einem ebenso umfangreichen und komplexen Regelwerk. An dieser Stelle kann aber gleich Entwarnung gegeben werden. Auf gerade mal acht reich bebilderten Seiten erfahrt ihr alles, was ihr zum Einstieg ins Spiel braucht. Etwaige Unklarheiten werden durch das beiliegende Referenzhandbuch aus dem Weg geräumt. Dieses könnt ihr aber mit gutem Gewissen erst einmal beiseitelegen und es erst zu Rate ziehen, wenn bestimmte Situationen eintreffen.

Finstere Mächte ziehen herauf

Gemeinsam reiten Geralt und seine Gefährten zur ausgebeuteten Goldmine, von der offenbar eine dunkle Macht Besitz ergriffen hat. In den Schächten tummeln sich aggressive Monster und immer wieder verschwinden Dorfbewohner, die sich in der Nähe der Höhle aufgehalten haben. Es ist Zeit der Sache auf den Grund zu gehen. Doch offenbar ziehen die Helden diesmal nicht an einem Strang. Jeder verfolgt eigene Ziele und löst unterschiedliche Questen auf eigene Faust.

Das The Witcher Abenteuerspiel ist kein kooperatives Spiel. Vielmehr übernimmt jeder Spieler die Kontrolle über eine Heldenfigur und geht seinen eigenen Questen nach. Im Spielverlauf kann es aber dennoch zu zwischenzeitlicher Kooperation kommen. Treffen zwei Helden auf der Weltkarte aufeinander, ergibt sich die Möglichkeit der Zusammenarbeit, die sich für alle Beteiligten auszahlt. Danach gehen die Charaktere aber wieder ihrer eigenen Wege.

Eine Quest zu erfüllen

Jeder Charakter bekommt bereits zu Beginn des Spiels die erste Questkarte ausgeteilt. Zur Erfüllung einer Quest müsst ihr bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Beispielsweise müsst ihr bestimmte Ressourcen einsammeln oder ein Monster ausschalten. Dazu reist ihr mit eurer Figur über die Landkarte, um an den Ort der Quest zu gelangen um dort die Aufgabe zu erfüllen.

Ganz wie ihr es aus den Witcher-Videospielen gewohnt seid, gibt es auch hier zahlreiche Nebenquests zu absolvieren. Diese sind natürlich optional, bringen euch aber ein paar zusätzliche Siegpunkte ein. Deutlich mehr Punkte gibt es jedoch, wenn ihr der eigentlichen Aufgabe nachgeht. Sollte sich aber zwischendurch die Chance bieten, einen Nebenjob anzugehen, ist das durchaus lukrativ. Letztlich ist es eine strategische Frage, wie ihr Ressourcen auf der Karte einsammelt und wie ihr sie investiert. Weiterhin findet ihr auf der Questkarte noch eine Unterstützungsquest. Treffen zwei Charaktere an einem Ort aufeinander, könnt ihr vorgegebene Ressourcen ausgeben, um Siegpunkte für beide Beteiligten zu generieren. Nach Abschluss der Hauptquest wird noch ein Ereignis ausgelöst, das wiederum ein neues Element ins Spiel bringt. So bleibt die Welt von The Witcher immer lebendig und dynamisch.

Wettlauf gegen die Konkurrenz

Seid ihr am Zug, dürft ihr mit eurem Charakter lediglich zwei Aktionen durchführen. Durch diese Beschränkung ergibt sich ein Wettlauf mit den anderen Spielern. Sammelt in der euch zur Verfügung stehenden Zeit also möglichst viele Siegpunkte. Denn sobald ein Charakter drei Hauptquests erfüllt hat, wird das Spielende eingeleitet. Jeder Schritt will daher gut geplant werden. Die Möglichkeiten, die sich euch während des Zugs bieten, sind vergleichsweise überschaubar.

Ein wesentlicher Bestandteil ist natürlich das Reisen. Ihr könnt eine Aktion dazu verwenden, um die Heldenfigur über bis zu zwei Straßen zu ziehen. Je länger eure Reise geht, desto höher ist natürlich auch die Gefahr eines unangenehmen Zwischenfalls. Die Straßen in der Welt von The Witcher sind eben nicht sonderlich sicher. Solltet ihr euch also dazu entscheiden, gleich zwei Straßen mit einer Aktion hinter euch zu lassen, müsst ihr eine Unglückskarte ziehen und direkt abhandeln.

An einem Ort könnt ihr ebenso Ermittlungen durchführen. An dieser Stelle kommen die Ermittlungskarten ins Spiel. Durch die Ermittlungskarten könnt ihr an wichtige Ressourcen gelangen, die ihr später vielleicht zum Erfüllen einer Aufgabe einsetzen könnt. Manche Orte im Spiel bringen euch auch schon einige Ressourcen-Marker ein, wenn ihr sie bereist. Es gibt also unterschiedliche Wege, um an die benötigte Ausstattung zu gelangen.

Vier Charaktere, vier Individuen

Von Zeit zu Zeit muss eure Figur sicher auch mal eine Rast einlegen. In dieser kleinen Auszeit könnt ihr eure Wunden versorgen, die ihr euch etwa im Kampf gegen ein Monster eingehandelt habt. Wunden sind zwar niemals tödlich, aber ziemlich hinderlich während des Abenteuers. Eine Wunde kann dafür sorgen, dass ihr Aktionen im Spiel nicht mehr ausführen könnt. Daher seid ihr hin und wieder zu einer kleinen Pause gezwungen.

Hilfreich kann es auch sein, seinen Charakter zu trainieren. Wählt ihr diese Aktion, dürft ihr eine Trainingskarte ziehen, die sich positiv auf eure Fertigkeiten oder eure Ausrüstung auswirkt. Jeder Charakter hat übrigens einen eigenen Trainingsstapel, der aus jeweils fünfzehn Karten besteht. Hier zeigt sich, dass man sich viel Mühe gegeben hat, die vier Charaktere ausreichend zu individualisieren. Dies fängt bereits beim Heldenbogen an, der euch unterschiedliche Startvoraussetzungen bringt, geht über das eigene Set an Trainingskarten und findet auch in der Ausgestaltung der Aktionen wieder.

Jeder Charakter verfügt über eine spezielle Aktion, die ihn von den anderen Helden weiter unterscheidet. Geralt beherrscht die Herstellung von alchemischen Tränken. Über die Trainingsaktion könnt ihr diverse Tränke erhalten, mit der Alchemie-Aktion könnt ihr Marker auf die Tränke legen und diese so wieder auffüllen. Triss hingegen hat magische Fähigkeiten, benötigt dafür aber eine Vorbereitungszeit, um die Zauber bereitzustellen. Rittersporn kann eine Aktion für das Singen aufwenden, um sich damit etwas Kleingeld zu verdienen. Yarpen Zigrin kann auf die Unterstützung seiner eigenen vier Gefährten zurückgreifen.

Neben diesen beschriebenen Hauptaktionen gibt es auch noch einige sogenannte freie Aktionen, von denen ihr beliebig viele ausführen könnt. Dazu zählen vor allem das Abschließen von Quests, bei denen ihr die geforderten Ressourcen einsetzt, um einen Auftrag abzuschließen. Ihr könnt aber auch mit anderen Spielern handeln, sofern sich die Figuren am gleichen Ort befinden.

Eine gefährliche Welt

Nach Abschluss des kompletten Zugs wird immer noch eine Begegnung abgehandelt. In jeder Region liegen unterschiedliche Gefahren aus. Dazu zählen Monster, es kann sich aber auch um ein Unglück handeln, das über eine entsprechende Karte abgehandelt wird. Falls es einmal keine ausliegenden Gefahren in einer Region gibt, wird stattdessen der Kriegsanzeiger nach vorne gestellt. Der Kriegsanzeiger stellt den Konflikt mit Nilfgaard dar. Wird der Anzeiger verstellt, werden damit neue Gefahren in der Region platziert.

Zieht ihr nach Abschluss eines Zuges ein Monster, müsst ihr es sofort im Kampf stellen. Die Kämpfe werden genauso abgehandelt wie beim Abschluss einer Quest. Im Kampf kommen endlich auch die Würfel zum Einsatz. Dazu zählen drei allgemeine Kampfwürfel sowie ein oder gar mehrere charakterspezifische Würfel.

Kommt es zu einer Auseinandersetzung, vergleicht ihr zunächst die Zahl der gewürfelten Schwertsymbole mit dem Schwertwert des Gegners. Habt ihr gleich viele oder mehr Schwerter als der Feind erzielt, gilt der Angriff als erfolgreich. Andernfalls wird der Angriff als Fehlschlag gewertet und ein vorgegebener Effekt wird abgehandelt, der euch zum Beispiel eine Wunde zufügt.

Im Anschluss wird noch der defensive Part des Kampfs ausgefochten. Hier vergleicht man die Zahl der gewürfelten Schild-Symbole mit dem Schildwert des Gegners. Je nachdem, ob die Verteidigung erfolgreich war oder ob es zu einem Fehlschlag gekommen ist, wird erneut ein bestimmter Effekt ausgelöst. Auf diese Art und Weise könnt ihr im Kampf Wunden erleiden, aber auch Siegpunkte gewinnen und natürlich auch das Monster bezwingen oder ein wenig Gold räubern. Durch etwaige Ausrüstungsgegenstände oder Sonderfähigkeiten könnt ihr zudem die Würfelergebnisse erheblich beeinflussen.

Das Spiel endet, sobald es dem ersten Spieler gelungen ist, drei Hauptquesten erfolgreich abzuschließen. Gewonnen hat dieser Spieler damit aber nicht zwingend. Als Sieger geht ihr aus dem Witcher Abenteuerspiel hervor, wenn ihr zu diesem Zeitpunkt die meisten Siegpunkte gesammelt habt. Je nachdem wie geradlinig ihr dabei zu Werke geht, dauert eine Partie zwischen einer und zwei Stunden. Das The Witcher Abenteuerspiel kostet etwa 50€.

Pros

Cons

Fazit

Auch in der analogen Version von The Witcher gibt es für Geralt und seine Freunde ziemlich viel zu erledigen. Das Brettspiel stellt ein gutes Abbild der düsteren Welt dar, die ihr aus dem Video- und Computerspiel kennt. Ständig tauchen neue Gefahren auf oder es passieren andere Unglücke. Die Gefahr auf ein Monster zu stoßen ist praktisch allgegenwärtig. Genau dadurch wird die Atmosphäre des digitalen Originals gut eingefangen. Weitere Pluspunkte gibt es für die individuelle Ausgestaltung von Geralt & Co. Jede Figur spielt sich anders und erlaubt euch neue Strategien. Erstaunlich einfach ist dafür der Ablauf des Spiels geworden. Gönnt euch eine halbe Stunde für das Regelstudium, dann könnt ihr aber auch wirklich direkt loslegen. Während des Spiels folgt ihr einer ziemlich klaren Struktur, die sich euch direkt erschließt und euch schon bald in Fleisch und Blut übergegangen ist. Einzig wirklich epische Geschichten solltet ihr hier nicht erwarten. Bei den Quests handelt es sich eher um kleine Geschichten-Schnipsel, die sich aber nicht zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Der tollen Atmosphäre tut dies aber keinen Abbruch. Wenn ihr mit den Witcher-Videospielen viel Freude hattet, werdet ihr euch über die vielen kleinen Details freuen, die euch die analoge Version bietet. Liebhaber des Wichter-Universums werden auf ihre Kosten kommen. Spielbar ist das The Witcher Abenteuerspiel aber auch ohne profundes Wissen über das Videospiel, muss dann aber Abzüge in der B-Note hinnehmen.

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