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Troyes im Test: Die Brettspiel-Neuauflage des Taktik-Schwergewichts

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Von: Sebastian Hamers

Troyes Wappen Bischof Buerger Adel Verpackung Schachtel Huch
Die Neuauflage von Troyes steht ab sofort zum Preis von 40-45€ im Handel. © Hutter Trade

Einige Jahre war es in der Versenkung verschwunden. Zwölf Jahre nach der Erstveröffentlichung feiert Troyes nun ein Comeback.

Bei einer stetig wachsenden Zahl von Brettspielneuheiten fällt es selbst eingefleischten Fans schwer, auch nur halbwegs einen Marktüberblick zu behalten. So ist es fast unumgänglich, dass zahlreiche Titel vergangener Jahre schnell in Vergessenheit geraten. Hochgelobte Spiele und sogar Spiel-des-Jahres-Preisträger werden von diesem Schicksal nicht verschont. Sie verstauben in den Schränken der Spieler, werden in der öffentlichen Berichterstattung immer weniger erwähnt und irgendwann verschwinden sie dann aus den Regalen der Brettspielhändler. Dieses Schicksal darf Troyes vom belgischen Entwickler Pearl Games nicht ereilen. In Zusammenarbeit mit dem Huch-Verlag erscheint das Spiel nun in einer neuen Auflage. Die Kooperation soll dem inzwischen schon zwölf Jahre altem Spiel zu neuem Glanz verhelfen.

Das Comeback von Troyes

Auf der SPIEL 2010 in Essen war Troyes zunächst ein Geheimtipp und wurde letztlich in vielen verspielten Haushalten rauf und runter gespielt. Was 2010 gut funktioniert hat, sollte doch auch noch 2022 Spaß machen? Optisch wirkt Troyes allerdings erstmal wie aus einer anderen Zeit. Grafisch wirkt das Spiel ziemlich altbacken, was natürlich auch dem Thema geschuldet ist. Troyes entführt euch ins Mittelalter, der Epoche also, die im Jahr 2010 noch gefühlt jedem zweiten Brettspiel übergestülpt wurde.

Troyes Spielbrett Karten Spieplan Gebaeude Kirche Kathedrale Wuerfel Muenze Stadt
Optisch wirkt Troyes wie aus einer anderen Zeit. Die Grafik wirkt 2022 schon etwas altbacken. © Hutter Trade

Im Mittelpunkt steht die namensgebende Stadt aus der Champagne in Frankreich. Dort wurde 1200 der Grundstein für eine beeindruckende Kathedrale gelegt. Die Arbeiten an der Kirche zogen sich damals allerdings ein wenig in die Länge. Rund 400 Jahre hat es bis zur Fertigstellung gedauert. Genau diese Zeit möchte euch das Brettspiel näherbringen und gleichzeitig erklären, warum der Kirchenbau so lange gedauert hat.

Adel, Klerus und Bürger in Troyes vereint

Ihr übernehmt dabei die Kontrolle über eine der mächtigen Familien der Stadt und versucht die wichtigen Personen der drei Stände zu beeinflussen. Sowohl der Adel, als auch der Klerus und die bürgerliche Fraktion tragen ihren Teil zum Wohl von Troyes bei. Wenn ihr dort die Strippen richtig zieht und nebenbei auch noch den Ausbau der Kathedrale nicht vernachlässigt, habt ihr gute Chancen auf den Spielsieg.

Troyes Haendler Palast Grafenpalast Gefolgsleute Meeple Foguren Haeuser
In Troyes schickt ihr Gefolgsleute in den Grafenpalast. Als Belohnung erhaltet ihr dafür rote Würfel. © Hutter Trade

Großen Anteil daran haben die Gefolgsleute, von denen euch bereits bei Spielbeginn eine Handvoll zur Verfügung stehen. Noch vor der ersten Runde werden sie der Reihe nach ins Rathaus, in den Grafenpalast und in den Bischofssitz platziert. Jeder Gefolgsmann bringt euch einen Würfel in der zugeordneten Farbe ein. Dieser wird bei Rundenbeginn geworfen und in das eigene Stadtviertel platziert. Im weiteren Verlauf der Partie werdet ihr diese Würfel einsetzen, um mit ihnen verschiedenste Aktionen durchzuführen.

Viele bunte Würfel bestimmen das Stadtbild von Troyes

Die Höhe der geworfenen Augenzahlen spielen in Troyes natürlich eine gewichtige Rolle. An dieser Stelle kann allerdings direkt Entwarnung gegeben werden, bevor ihr jetzt angesichts des vermuteten hohen Glücksfaktors wegklickt. Ja, etwas Würfelglück kann nicht schaden, dennoch liegt der Fokus des Spiels auf dem taktischen Vorgehen. In Troyes könnt ihr nämlich auch auf die Würfel der Mitspieler zugreifen, müsst diese allerdings mit einem kleinen Obolus bezahlen. In der Regel dürfen ein bis drei Würfel einer Farbe verwendet werden, um damit eine Aktion auszuführen. Je mehr Würfel dabei zum Einsatz kommen, desto teuer kommt euch jeder „gekaufte“ Würfel.

Troyes Wuerfel Stadt Plan Spielbrett Haeuser Baeume Strasse
Trotz Würfeleinsatz liegt bei Troyes der Fokus auf dem taktischen Vorgehen. © Hutter Trade

Das Besonders an Troyes ist, dass sich die verfügbaren Aktionen mit jeder Partie verändern. Auf dem Spielbrett gibt es (nahezu) keine fixen Aktionsfelder. Stattdessen werden sie bei jedem Spiel durch die Auslage von Karten neu angeordnet. Jeweils drei Aktionsmöglichkeiten tauchen in den Bereichen Adel, Klerus und Bürgertum auf. Um den Spannungsbogen zu erhöhen werden die Aktionskarten dort allerdings erst im Spielverlauf nach und nach aufgeblättert. Je länger die Partie andauert, desto größer werden somit eure Möglichkeiten.

Feindlicher Ansturm auf Troyes

Weitere Optionen werden zudem ständig über die Außenbezirke von Troyes angespült. Vor den Toren der Stadt lauern ernsthafte Bedrohungen für den Frieden der Stadt. Straßenräuber, Ketzer und anderes Gesocks klopfen an die Tore. Irgendjemand muss sich um diese Angelegenheiten kümmern. Es soll euer Schaden nicht sein, denn für die Beseitigung dieser Probleme winkt euch Ruhm und Ehre, die in diesem Fall Siegpunkte oder andere Vergünstigungen einbringen.

Troyes Ereignisse Fahne Wuerfel Meeple Mauer Stadtmauer Burg Fluss Turm
In Troyes kommt es ständig zu neuen Ereignissen, um die sich jemand kümmern muss. © Hutter Trade

Ereignisse wie diese werden im Prinzip genauso wie die Aktionsfelder eingesetzt. Zur Aktivierung müssen Würfel der angegebenen Farbe verwendet werden. Je höher die addierten Augenzahlen auf den Würfeln, desto häufiger kann die Aktion verwendet werden. Dabei springen nicht immer nur Siegpunkte oder Geld für euch heraus, sondern manchmal auch mächtige Sonderaktionen. Einige davon werden sofort aktiviert, andere lassen sich im weiteren Spielverlauf bei Bedarf auslösen.

Der Bau der Kathedrale zu Troyes

Bei der ganzen Aktionsvielfalt sollte allerdings der Ausbau der Kathedrale nicht zu sehr vernachlässigt werden. Wer hier die Zügel zu sehr schleifen lässt, wird am Spielende mit Punktabzug bestraft. Die Kathedrale ist der ganze Stolz der Stadt und wird entsprechend von den Stadtoberen mit Siegpunkten belohnt. Um sich am Bau zu beteiligen müssen abermals Würfel aufgewendet werden, die nun in Klötzchen eurer Farbe umgewandelt werden. Diese werden in ein Raster aus 3x6 Feldern gestellt, so dass sich am Ende ein kunterbuntes Bild der Kathedrale ergibt.

Troyes Stadtviertel Wuerfel Marktplatz Haeuser Strasse
In Troyes verfügt ihr zwar über einen eigenen Würfelsatz, dürft euch allerdings auch bei den Mitspielern bedienen. © Hutter Trade

In der Stadt gibt es also ziemlich viel zu erledigen. Um den Prozess zu beschleunigen könnt ihr weitere Gefolgsleute anwerben. Nur mit diesen erhaltet ihr Zugriff auf die Aktionsfelder der drei Stände. Früher oder später werdet ihr um die Anwerbung von neuem Personal also nicht herumkommen. Auch im Rathaus, im Bischofssitz und im Grafenpalast könnt ihr ein paar treue Seelen gut gebrauchen. Sie gewähren euch Zugriff auf weitere Würfel, die dann ab der nächsten Runde in euer Stadtviertel wandern. Die Sitze in den drei Standeshäusern sind allerdings limitiert. So kann es passieren, dass im Verlauf des Spiels plötzlich mal Gefolgsleute vor die Tür gesetzt werden.

Euer Einfluss in Troyes wächst

Ein weiterer wichtiger Faktor in Troyes ist euer Einfluss in der Stadt. Einflusspunkte erhaltet ihr bei der Aktivierung verschiedener Aktionen, etwa beim Ausbau der Kathedrale. Die Punkte können verwendet werden, um die Würfelergebnisse zu manipulieren. Je nachdem wie viele Punkte ihr investiert, dürfen Würfel neu geworfen oder auf die gegenüberliegende Seite gewendet werden. Auch das Anwerben neuer Gefolgsleute wird über Einflusspunkte abgewickelt. Euer Einfluss-Konto solltet ihr daher immer ein wenig im Blick behalten.

Troyes Persoenlichkeiten Karten Hammer Ritter Kreuz Krone Thron Moench
Persönlichkeiten stellen bei Troyes eine weitere Möglichkeit dar, um an Siegpunkte zu kommen. © Hutter Trade

Das gilt auf jeden Fall auch für die Persönlichkeitskarten. Sie werden vor Spielbeginn im Geheimen an euch verteilt werden. Sie schalten weiterführende Belohnungen frei, die erst am Ende der Partie offenbart werden. So kann es zusätzliche Siegpunkte für gesammelten Einfluss, verbleibendes Barvermögen, Gefolgsleute in den Standeshäusern und vieles mehr geben. Manchmal sind die Persönlichkeiten das Zünglein an der Waage und sorgen so für ein packendes Herzschlagfinale.

Troyes ist für zwei bis vier Personen ab vierzehn Jahren geeignet. Für eine Partie müsst ihr etwa anderthalb Stunden Spielzeit einplanen. Ihr findet das Spiel ab sofort zum Preis von 40-45€ im Handel.

Fazit: Troyes funktioniert auch im Jahr 2022 noch wunderbar und hat sich damit diese ingame-Testwertung verdient

Wertungsgrafik Troyes
Troyes kann auch 2022 noch überzeugen. Das Strategiespiel hat sich diese ingame-Testwertung verdient. © ingame.de

Würfel in einem Strategiespiel? Ein Ausschlusskriterium muss das schon lange nicht mehr sein. Das hat Troyes schon vor fast zwölf Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die bewährte Formel funktioniert auch heute noch fantastisch. Das liegt vor allem an der sich immer wieder neu zusammenstellenden Aktionsauswahl, der dem Spiel eine gewisse Unberechenbarkeit verleiht. Diese macht es selbst erfahrenen Spielern schwer, sich auf die Herausforderung Troyes einzustellen. Bis man die Möglichkeiten des Spiels überblickt hat, dauert es schon eine Weile. Was sich für Vielspieler wie das Eldorado des Brettspiels liest, wird für Gelegenheitszocker allerdings schnell zur Überforderung. Es bedarf eben schon etwas Einarbeitung, um in den vollen Genuss des Spiels zu kommen. Mit fortschreitendem Spielverlauf weiten sich die Optionen immer weiter aus. Wenn sich euch jetzt mehr als ein gutes Dutzend Handlungsoptionen eröffnen, gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Gefahr endlosen Grübelns besteht bei Troyes auf jeden Fall, aber dies gilt schließlich für die meisten taktisch anspruchsvollen Spiele. Wer auf der Suche nach einem solchen Titel ist, macht mit dem Kauf von Troyes sicher nichts falsch… auch wenn das Spiel eigentlich schon zwölf Jahre auf dem Buckel hat.

ProCon
+ spielt sich auch zu zweit sehr gut- wirkt optisch altbacken
+ taktisch fordernd- Gelegenheitsspieler könnten überfordert sein
+ abwechslungsreicher Spielverlauf
+ variantenreicher Aufbau
+ ordentliches Spielmaterial
+ Neuauflage mit Solo-Modus

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