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Gemeinnützigkeit für E-Sport: Das Warten auf der langen Bank

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Gemeinnützigkeit
Bei der Gaming-Lounge-Eröffnung von Spvgg. Erkenschwick E-Sports nahm auch der Erkenschwicker Bürgermeister Carsten Wewers (CDU) den Controller in die Hand. © Marcel Kozycki/Spvgg. Erkenschwick E-Sports/dpa

E-Sport wird beliebter, viele Sportvereine wollen das als Chance nutzen. Doch die deutsche Bürokratie verhindert viele Projekte. Dabei versprachen schon zwei Bundesregierungen, das zu ändern.

Berlin - In Oer-Erkenschwick, einer kleinen Stadt im Ruhrgebiet, steht eine Gaming-Lounge. Ein paar Bildschirme, Spielekonsolen, bequeme Sitzgelegenheiten. Dort trainieren E-Sportler der Spielvereinigung Erkenschwick E-Sports in der Fußballsimulation FIFA und treten in virtuellen Wettkämpfen an.

Die Räumlichkeiten sind etwa zehn Gehminuten entfernt vom Stimberg, der Spielstätte des Sportvereins Spielvereinigung Erkenschwick. Was nach außen wie eine geschlossene Organisation wirkt, darf nicht so richtig zusammengehören - weil der Gesetzgeber das nicht ermöglicht, sagt Tobias Rawers, Vorstandsmitglied des Vereins, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

E-Sport ist nicht gemeinnützig

E-Sport gilt in Deutschland nicht als Sport. Außerdem wird er von den zuständigen Behörden in den meisten Fällen nicht als gemeinnützige Aktivität anerkannt. Entsprechende Abteilungen werden deshalb meist außerhalb des eigentlichen Vereins betrieben.

Auch die Spvgg. Erkenschwick gründete für den E-Sport eine eigene Unternehmergesellschaft. „Damit wir steuerrechtlich auf der sicheren Seite sind und das Ganze abwickeln können“, sagt Rawers. „Damit haben wir jetzt den Fall, dass es für den Fußballverein den e.V. gibt und auf der anderen Seite das Unternehmen für den E-Sport. Die heißen zwar ähnlich, aber haben rein rechtlich nichts miteinander zu tun.“

Wie Rawers und den Erkenschwickern geht es vielen Sportvereinen in Deutschland, sagt Martin Müller, Vizepräsident für Breitensport beim eSport-Bund Deutschland (ESBD). „Wir haben eine relativ große rechtliche Unsicherheit dadurch, dass die Frage der Gemeinnützigkeit für E-Sport nicht geklärt ist“, sagt Müller. Es fehle an einer einheitlichen und bundesweiten Regelung.

Zwei Regierungen versprachen Bürokratieabbau

Dabei ist die politische Willenserklärung da. Schon im Koalitionsvertrag der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD 2018 stand, dass die Regierung den „E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht“ anerkennen wolle.

Umgesetzt wurde dieses Versprechen nicht. Auch die aktuelle Regierung von SPD, Grünen und FDP widmet dem E-Sport im Koalitionsvertrag einen Halbsatz. Die Regierung wolle „E-Sport gemeinnützig“ machen.

Dabei ist die Frage, ob E-Sport nun Sport ist, überholt. „Es geht darum, dass E-Sport auch gemeinnützig betrieben werden kann. Das wachsende ehrenamtliche Engagement braucht diesen Status, um nachhaltig wachsen zu können“, sagt Müller. Die Gemeinnützigkeit für den E-Sport sei das derzeit wichtigste Ziel des Verbands.

E-Sport als gesellschaftliche Chance

Für die Frage der Gemeinnützigkeit müsste das von Christian Lindner (FDP) geführte Finanzministerium die Abgabenordnung anpassen. „Ob und inwieweit gesetzlicher Handlungsbedarf besteht, ist Teil der politischen Planung der Bundesregierung“, heißt es vom Ministerium auf dpa-Anfrage. Wann in der Legislaturperiode welche Gesetzgebungsvorhaben anstehen, sei noch nicht entschieden. Außerdem gebe es auch heute schon Vereine mit E-Sport-Abteilungen, die Kriterien der Gemeinnützigkeit erfüllen.

In einigen wenigen Fällen treffe das zu, bestätigt Martin Müller vom ESBD: „Prinzipiell ist vieles lösbar, leider bedarf es jedoch häufig noch kreativer Lösungen oder es wird aus Angst schlicht keine Abteilung aufgebaut.“ So greifen E-Sport-Vereine beispielsweise auf den Zweck der Jugendarbeit zurück. Dieser bringt aber weitere Anforderungen mit sich.

Ohne Gemeinnützigkeit haben es Vereine schwer

Bei der Spvgg. Erkenschwick scheiterte das Vorhaben, die E-Sport-Abteilung in den Sportverein einzugliedern, am zuständigen Finanzamt. „Der Hauptgrund, E-Sport im Verein zu betreiben, war, dass man neue Mitglieder für den Verein akquirieren möchte“, sagt Rawers.

Dadurch, dass der E-Sport-Verein ausgegliedert ist, habe der Hauptverein aber wenig von den Anmeldungen der Interessierten. „Die Mitgliedergewinnung funktioniert nur indirekt, zum Beispiel wenn die Bekanntheit des Vereins durch den E-Sport steigt“, sagt Rawers. Außerdem blieben dem Verein Förderprogramme und steuerliche Vorteile verschlossen. Dabei seien externe Geldgeber für E-Sport-Projekte wichtig, denn allein die Infrastruktur koste viel Geld.

„Es ist immer einfacher, Leute davon zu überzeugen, etwas für eine Jugendmannschaft zu tun - sei es in Form eines Trikotsatzes oder einer Geldspende - als eine UG zu führen und dafür eine Rechnung auszustellen“, berichtet Rawers. Vielen Sponsoren sei eine Spendenquittung dann doch zu wichtig.

Spvgg. Erkenschwick hofft auf Ampelkoalition

Trotz aller Hürden machen die Erkenschwicker am Stimberg das beste aus der Situation. „Unsere C-Jugend vom Fußballverein hat die Weihnachtsfeier in unserer Gaming-Lounge veranstaltet. Da kamen die E-Sportler dazu, haben den Jugendlichen ein paar Tricks in FIFA gezeigt und Taktiken erklärt“, sagt Rawers. Auf der anderen Seite unterstützen die E-Sportler den Fußballverein in der Fankurve.

Am Stimberg wächst also zusammen, was gesetzlich noch nicht zusammengehören darf. Die Erkenschwicker setzen ihre Hoffnung in die Ampelregierung, auch wenn Skepsis bleibt. „Es wird von der Politik bisher immer sehr unkonkret von bürokratischen Hürden gesprochen, die abgebaut werden sollen - das ist natürlich wenig greifbar“, sagt Rawers und erneuert eine Forderung, die eigentlich schon gar nicht mehr im Raum steht: „Der wichtigste Punkt ist erst einmal, dass der E-Sport als Sport anerkannt wird.“

Wenn die Regierung ihr Koalitionsversprechen zum E-Sport hält, solle Hochzeit am Stimberg gefeiert werden: Dann wird der E-Sport-Verein in den Fußballverein der Spvgg. Erkenschwick integriert. dpa

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