Lohnt sich Kino: The Disaster Artist

  • Christian Böttcher
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Kultfilme: Meist sind sie ein Produkt jahrelanger Medienaufmerksamkeit und entwickeln sich erst Jahrzehnte nach ihrem Kinostart zu echten Hits. Blade Runner aus dem Jahr 1982 ist einer dieser Streifen, der damals an den Kinokassen floppte, heutzutage aber als wegweisend gilt. Besonders kultig wird es aber erst dann, wenn nicht besonders gute Filme in diese Kategorie fallen, sondern handfeste B-Movies. So geschehen beim Kult-Klassiker The Room aus dem Jahr 2003. James Franco, Experte für Kunstfilme und Trash-Hits gleichermaßen, hat sich den Film geschnappt und dessen Entstehungsgeschichte in ein bizarres Portrait verwandelt. Ob bei The Disaster Artist die Leinwand glüht, haben wir für euch herausgefunden.

Vom Desaster zum König der Midnight-Movies

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The Room erfreut sich vor allem in der amerikanischen Filmszene als „bester schlechtester Film aller Zeiten“ großer Beliebtheit und entwickelte sich nach seinem desaströsen Kinostart innerhalb der letzten zehn Jahre zu einem Stern unter den Midnight-Movies. Noch heute füllt der Streifen ganze Mitternachtsvorstellungen und trägt inzwischen sogar seine astronomischen Produktionskosten – ein echtes Phänomen. Phänomenal ist auch die Geschichte hinter dem „Citizen Kane of Bad Movies“. James Franco bedient sich in seiner Inszenierung nur allzu gern bei der Buchvorlage The Disaster Artist: My Life Inside The Room von niemand anderem als Greg Sestero, dem besten Freund, Opfer und Sidekick des exzentrischen Tommy Wiseau. Die Geschichte des Films setzt also genau dort an, wo auch Sestero mit seinen eigenen Schilderungen beginnt.

How to: Wie entsteht ein trashiger Kultfilm?

1998 besucht der verträumte Schauspielanfänger Greg Sestero (Dave Franco) einen Bühnenkurs in San Francisco. Leider fehlt ihm jegliches Selbstbewusstsein und er leiert seine Zeilen stocksteif und verschüchtert daher. Direkt nach ihm tritt ein älterer, extrovertierter Mann mit schwarzen Haaren auf, dessen exzentrisches Schauspiel eher unter die Kategorie Performance-Art fällt. Von dessen Gebaren beeindruckt, spricht Greg seinen späteren Weggefährten Tommy Wiseau (James Franco) an und bittet ihn um einige Tipps, um auf der Bühne lockerer zu werden. Schnell freunden sich die beiden an und beschließen, sich nicht länger vom versnobten San Francisco zurückhalten zu lassen. Hals über Kopf treten der ambitionierte Schönling und sein ewig Schwarz tragender Partner die Reise nach Los Angeles, um in der Stadt der Träume ihr Glück zu finden.

Nach einiger Zeit folgt jedoch die Ernüchterung. Greg findet trotz Agentin keine annehmbaren Rollen und Tommy gilt mangels Talent schlichtweg als Witzfigur. Seiner übersteigerten Selbstwahrnehmung tut dies jedoch keinen Abbruch und so beschließt er eines Tages, sein eigenes Drehbuch zu schreiben und an Agenturen zu verschicken. Als auch dieser Versuch kläglich scheitert, steht sein endgültiger Entschluss fest: Tommy Wiseau wird seinen eigenen Film produzieren, das Drehbuch schreiben und natürlich auch die Titelrolle spielen. Die Dreharbeiten von The Room beginnen im Jahr 2002 und stellen nicht nur das Budget von sechs Millionen US-Dollar, sondern auch die Nerven der Crew (Seth Rogen, Zac Efron, Josh Hutcherson und Co.) auf eine harte Probe.

Ein Mann, ein Mythos - James Franco mit Bestleistung

The Disaster Artist kommt ohne große Exposition aus und zieht euch binnen Minuten in einen Sog naiver Euphorie, die bis zum Ende des Films anhält. Bevor die Geschichte überhaupt beginnt, bekennen lediglich einige Hollywood-Größen in typischer Dokumentarfilm-Manier ihre Liebe zu The Room. Umso absurder wirken die folgenden 104 Minuten Spielzeit, in denen James Franco die Entstehungsgeschichte des Films in all seinen nebulösen Einzelheiten aufdröselt. Seine Hommage an Tommy Wiseaus filmische Katastrophe funktioniert dabei auf vielen Ebenen und ist dabei zu keiner Zeit verkopft oder gar langweilig.

Stattdessen lebt The Disaster Artist davon, den Menschen Wiseau in den Vordergrund zu rücken. Weder wird der Exzentriker glorifiziert noch als Witzfigur dargestellt. Besonders im Umgang mit seinen Mitmenschen zeigt sich der ambivalente Charakter des eigentümlichen Entrepeneurs. Einerseits ist er für den unerfahrenen Sestero Inspirationsquelle, Mentor und Vorbild zugleich, andererseits behandelt er seine Darstellerkollegen und Crewmitglieder am Set mit Abscheu und zögert nicht eine Sekunde, ethische und die Genzen des guten Geschmacks zu übertreten.

All dies verkörper James Franco mit einer bahnbrechenden Intensität und reiht positiv gestimmte Verbissenheit an lächerliche Grimassen des Elend. Damit schafft er nicht nur Wiseau, sondern auch sich selbst ein Denkmal, weil er seine bis dato sehenswerteste schauspielerische Leistung abliefert. An seiner Seite macht auch sein Bruder Dave eine gute Figur. Die beiden harmonieren hervorragend miteinander und tragen die locker-leichten Partien des Films fast im Alleingang. Hinzu kommt der obligatorische Auftritt des Franco-Anhängsels Seth Rogen, der für gute Laune sorgt, aber nicht wirklich dazu beiträgt, das filmische Konzept voranzubringen.

Kultfilm über einen Kultfilm

The Disaster Artist funktioniert auf mehreren Ebene. Einerseits beschäftigt sich der Film mit der Person Tommy Wiseau und wagt immer wieder den Schritt, zu hinterfragen, woher der Aussenseiter mit dem eigenartigen Akzent denn nun eigentlich stammt und wie er die finanziellen Mittel auftreiben kann, mit denen er The Room zum Leben erweckt- Beantwortet werden die Fragen natürlich nicht, denn bis heute gelten seine und die Herkunft des Geldes als Mysterium. Erzählt wird das Ganze nicht auf dokumentarische Art und Weise, sondern vielmehr in Bezug auf Tommys Beziehung mit einer Welt, die ihn so gar nicht verstehen will. Daraus erwachsen schließlich auch die tragischen Einflüsse, mit denen der Film sich seine Sporen verdient.

Darüber hinaus stehen aber auch Fragen der Entstehung und Rezeption von Filmen im Vordergrund. Etliche Szenen aus The Room werden in The Disaster Artist baugleich nachgespielt und in den Kontext ihrer Entstehung gesetzt. So feiern sowohl das Original als auch die Hommage kultige Inhalte aus Film und Fernsehen ab, weil Wiseau und Sestero selbst ihnen nachhängen. James Dean gilt als große Ikone der beiden und auch auf Internet-gewordene Kult-Klassiker wie etwa Rick Astleys „Never gonna give you up“ oder „Rhythm of the Night“ von Corona nimmt Franco in seiner Inszenierung Bezug. Genau genommen schafft er somit einen Kultfilm über einen Kultfilm.

Eine Frage der Rezeption

Schließlich hat uns der Film mit einer Frage zurückgelassen, über die wir zuvor nie recht nachgedacht haben. Tommy Wiseau wollte mit The Room einen zeitlosen Klassiker im Stile von Citizen Kane schaffen. Er ging mit einer Ernsthaftigkeit an sein Meisterstück heran, die kaum nachzuvollziehen ist, wenn man das Endergebniss vor sich hat. Die weltweite Rezeption hatte andere Pläne. Aus seinem emotionalen Drama ist letztlich ein Witz geworden, der sich vergesellschaftet hat. Am Ende von The Disaster Artist bleibt also folgende Frage: Wer weiß, welche Ideen der Macher eigentlich hinter unseren Lieblingsfilmen stecken und wie viel Neues erst wir in sie hineininterpretieren?

Fazit

The Disaster Artist beschäftigt sich auf locker-leichte Art und Weise mit der Entstehungsgeschichte des Kultfilm-Klassikers The Room. Im Fokus steht über eine Laufzeit von 104 Minuten der polarisierende Wunderling Tommy Wiseau, der den "besten schlechtesten Film aller Zeiten" im Alleingang aus dem Boden gestampft hat. Nicht nur auf dem Regiestuhl macht James Franco dabei eine gute Figur, sondern verkörpert eben jenen Exzentriker auf beeindruckende und unbedingt sehenswerte Art und Weise. Damit schafft er einen Kultfilm über einen Kultfilm - selbst für diejenigen, die den König der Midnight-Movies noch nicht kennen.

The Disaster Artist läuft ab dem 01. Februar in den deutschen Kinos

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