Lohnt sich Kino: Ghostland

  • schließen

Wenn Film zur Folter wird – Stellt man eine Liste auf mit den härtesten und unbequemsten Horrorstreifen aller Zeiten, dann dürfte Martyrs (2008) von Pascal Laugier ziemlich sicher einen der oberen Plätze belegen. Mit seinen sadistischen, quälend langen Einstellungen prägte der Schocker seinerzeit ein Genre, das wir heute Torture Porn nennen. Sechs Jahre nach seinem letzten Film meldet sich der Meister des Martialischen nun mit fiesem Home Invasion-Kino zurück. Ghostland ist zugänglicher als seine meisten Filme, dreht euch aber trotzdem den Magen um. Wir haben den Trip ins Gehirn des französischen Folterknechts gewagt und für euch herausgefunden, ob sich die Tortur lohnt.

Home-Invasion²

Wie so oft stehen am Anfang der Geschehnisse ein Haus und eine Erbschaft.  Aus der Stadt zieht es Pauline (Mylène Farmer) in einen französischen Vorort, um sich die verfallene Villa ihrer verstorbenen Tante genauer anzusehen. Mit im Gepäck: Ihre beiden Töchter. Vera (Taylor Hickson) ist ein aufgeweckter Teenager, das Smartphone immer im Anschlag und skeptisch, was das Leben in der Einöde anbelangt. Beth (Emilia Jones) hingegen fasziniert alles an ihrem neuen Zuhause, von den mit Kuriositäten vollgestopften Schränken bis hin zum verstörenden Sammelsurium alter Puppen. Es bleibt jedoch kaum Zeit, das Haus zu untersuchen. Bereits in der ersten Nacht dringen Fremde in das Haus ein und machen Jagd auf die drei Frauen. Folter und Tod folgen auf dem Fuße. Nur mit letzter Mühe können sich ihre Opfer befreien und fliehen.

16 Jahre später schleppen die Erwachsenen ihre kindlichen Traumata immer noch mit sich herum. Während Pauline mit der schizophrenen und wahnhaften Vera (Anastasia Phillips) in die Villa zurückkehrt, bewältigt Beth (Crystal Reed) ihre Ängste mithilfe der Arbeit. Als gefeierte Autorin von Horrorbüchern eifert sie ihrem großen Vorbild H.P. Lovecraft nach und hat gerade einen Bestseller veröffentlicht, in dem sie den Vorfall aus ihrer Kindheit schildert. Eines Tages erhält sie jedoch einen grauenerregenden Anruf von ihrer Schwester. Ohne viel nachzudenken macht sie sich auf den Weg zur abgelegenen Villa und der blutige Schrecken beginnt von Neuem.

Folterurlaub im Puppenhaus

Mit Ghostland inszeniert Pascal Laugier Home-Invasion-Horror wie er im Buche steht und bedient sich gleichzeitig an zeitlosen Klassikern, die so gar nichts mit dem Genre zu tun haben. Alles beginnt mit dem Gruselhaus, das gleichermaßen Falle wie Rettung bedeutet. Unter minutiöser Kleinarbeit erschafft der Film einen Ort des Grauens, in dem sich die Frauen verlieren und gleichzeitig ihre Peiniger abhängen können. Verstörende Puppen geben den beiden die Möglichkeit, zu starren Opfern ihrer Angst zu werden, dabei aber zu überleben.

Tierköpfe mit nackten Kinderkörpern und vollgestopfte Regale machen aus dem Haus schließlich ein beklemmendes Labyrinth der nie enden wollenden Folter. In Sachen Bildkomposition, Kostüm und Setdesign orientiert sich der Film an Streifen aus den 70ern und weckt dabei mehr als nur einmal Assoziationen, beispielsweise zum verdreckten Mordhaus aus Blutgericht in Texas.

Laugier und die Frauen

Laugiers eigene Note kommt dabei trotzdem nicht zu kurz. Wie schon in Martyrs und Co. scheut sich der Franzose nicht davor, das weibliche Geschlecht konsequent in die Opferrolle zu drängen. Auch in Ghostland haben zwei junge Frauen die leidige Aufgabe, physische wie psychische  Folter über sich ergehen zu lassen. Sei es in Form von Verbrennungen, Schlägen, Schnitten und anderen Verletzungen oder in der  eines triebhaften, kindlichen "Ogers", der die beiden schauderhaft explizit auf ihre Menstruation hin beschnüffelt. Die Kamera hält drauf - selbst wenn Hautfetzen und Fleisch durch die Gegend spritzen oder die letzten angsterfüllten Körperfunktionen einsetzen.

Ihr solltet euch also gut überlegen, ob ihr der nervlichen Tortur des Regisseurs gewachsen seid, bevor ihr im Kinosessel Platz nehmt. Die Freigabe ab 18 Jahren hat sich Ghostland absolut verdient, denn Laugier schafft es erstmals nach dem Durchbruch in 2008, seiner Folter eine verquere Ästhetik zu verleihen, die bis ins Mark erschüttert und trotzdem den richtigen Ton trifft.

Ghostland: Ein Bruch mit Sehgewohnheiten

Ähnliches gilt auch für das beeindruckende Sounddesign des Films. Knarrende Dielen, rasselnde Atemzüge in unmittelbarer Nähe und absolute Stille sind Stilelemente, die in vielen Schockern Platz finden. Kaum ein Regisseur schafft es jedoch, auditive Hinweise so gekonnt miteinander zu verweben und damit zu überraschen wie Pascal Laugier. Nicht selten bricht Ghostland ganz bewusst mit unseren Hörgewohnheiten und schockt damit auf einer Ebene, die andere Horrofilme nicht im Traum erreichen. Auch beim Ton sind die Reminiszenzen an Klassiker aus den 70ern nicht zu verkennen. Aus dem Nichts ertönen immer wieder kreischende Sounds, die Hinweise auf geschichtliche Wendungen markieren und euch zugleich aus dem Sessel reißen in ihrer Intensität. Dario Argentos Suspiria lässt grüßen.

Ekelerregend und unbequem abnormal kommen auch die zwei  "Monster" des Films daher, wenn sie murmelnd über den Hausflur huschen. Die beiden Karikaturen aus der menschlichen Abfalltonne bleiben über die Spielzeit von 90 Minuten absolut unberechenbar, lassen menschliche Züge jedoch nie vermissen. Auch hier sind Parallelen zum texanischen Kettensägenmann unverkennbar. Chapeau, so erschafft man Psychoterror!

Um die Ecke gefoltert

Wer nach all der Folter flachen Torture Porn ohne Substanz erwartet, dürfte sein blaues Wunder erleben. Ghostland funktioniert nämlich nicht nur als schockierendes Mosaik verstörender Bilder, sondern vermittelt auch eine konsequent erzählte Geschichte. Wie schon in Martyrs verbaut Laugier eine ganze Reihe verquerer Gedankenspiele und unvorhergesehene Wendungen in seinem Film, die uns positiv überrascht haben.

Im Rahmen einer abgestumpften Horror-Kultur schafft es der Streifen, selbst eingefleischte Zuschauer aufs Glatteis zu führen. Trotzdem liefert uns Ghostland genügend Hinweise in Form von Perspektivwechseln, hörbaren Feinheiten oder Spitzfindigkeiten im Dialog, mit denen wir dem französischen Foltermeister Stück für Stück auf die Spur kommen können - wenn wir es denn wagen.

Fazit

Pascal Laugier zeigt mit Ghostland allen Netflix-Produktionen unter dem Titel "Härtester Horrorfilm aller Zeiten" wie hart, brutal und ekelerregend Horror wirklich sein kann. Der Film bricht dabei konsequent mit Seh- und Hörgewohnheiten, um sich von schlichtem Torture Porn zu distanzieren und stattdessen eine Geschichte mit unvorhersehbaren Wendungen und Abgründen zu erzählen. Sounddesign, Kamera und auch die vier gequälten Schauspielerinnen: Alles aus einem Guss, hochwertig und widerlich hautnah umgesetzt. Habt ihr einen starken Magen und Nerven wie Drahtseile, dann bekommt ihr mit dieser Home-Invasion-Tortur schockierend gutes Genre-Kino aus Frankreich.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Teamfight Tactics: Alle Champions, Klassen und Origins in der Übersicht

Teamfight Tactics: Alle Champions, Klassen und Origins in der Übersicht

GTA 5 Online: Alles zum neuen Update - Wann öffnet das Casino?

GTA 5 Online: Alles zum neuen Update - Wann öffnet das Casino?

Teamfight Tactics (TFT): Item Tier List - Wem gebe ich was?

Teamfight Tactics (TFT): Item Tier List - Wem gebe ich was?

Gamescom 2019: Die Gaming-Messe ist eröffnet. Hier alle Infos die Du brauchst

Gamescom 2019: Die Gaming-Messe ist eröffnet. Hier alle Infos die Du brauchst

Kommentare