Lohnt sich Kino: GLASS (Filmkritik)

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Ein verzögertes Finale - Mit Unbreakable wagte sich M. Night. Shyamalan im Jahr 2000 zum ersten Mal in den Bereich Comics und Superhelden vor und konnte, wenn auch erst nach einigen Jahren, große Erfolge feiern. 2016 folgte der Psychothriller Split, welcher das Publikum in seinen letzten Minuten schockte, indem er den unzerbrechlichen David Dunn auf den Plan rief und beide Filme in einen gemeinsamen Kontext setzte. Damit jedoch nicht genug, denn mit GLASS möchte der König der Twists sein Werk nun vollenden und die Ereignisse der "Eastrail 177"-Trilogie zu einem furiosen Abschluss führen. Ob ihm das gelungen ist, erfahrt ihr in unserer Kritik.

Die Anstalt ruft

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19 Jahre sind vergangen, seitdem die tragischen Ereignisse in Zug 177 den bodenständigen David Dunn (Bruce Willis) zu einem Helden wider Willen machten. Inzwischen kennt man ihn als unzerbrechlichen "Aufseher", der im von Verbrechen geplagten Philadelphia für Ordnung sorgt. Zumindest so lange, bis ein Widersacher auf den Plan tritt, der ihm ebenbürtig erscheint: Die Horde. Dabei handelt es sich um Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), in dessen Kopf 23 verschiedene Persönlichkeiten darum ringen, ans Licht zu kommen. Nach seiner erfolgreichen Flucht hat "das Biest" die Führung übernommen, verschleppt und foltert reihenweise junge Mädchen. Als David und Kevin das erste Mal blutig aufeinander treffen, kann ihre rohe Kraft nur von einer mysteriösen Frau im Zaum gehalten werden. Sie nimmt die beiden kurzerhand fest und verfrachtet sie in eine psychiatrische Anstalt.

Dort angekommen stellt sie sich ihnen als Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) vor, Leiterin genau der Einrichtung, in die vor 19 Jahren auch der diabolische Strippenzieher Elijah Price (Samuel L. Jackson), eingeliefert wurde. In der Hoffnung, die drei Patienten von ihrem vermeintlichen Größenwahn zu heilen, bringt sie das übernatürliche Trio zusammen und spricht mit ihnen über ihre comichaften Superkräfte - Nicht ohne Grund beginnen alle an ihrem Heldenstatus zu zweifeln. Gleichzeitig setzen Casey Cooke (Anya Taylor-Joy), die Mutter von Elija (Charlayne Woodard) und Davids Sohn Joseph (Spencer Treat Clark) alles daran, die verlorenen Seelen aus den Fängen der Psychiaterin zu befreien. Die Konfrontation zwischen menschlich und übernatürlich bleibt dabei selbstverständlich nicht ohne tragische Folgen, sobald die Lage in der Anstalt eskaliert.

Erzählerische Schlaglöcher

Wie schon Unbreakable inszeniert Shyamalan auch das Finale der Trilogie nicht als selbstironische Materialschlacht Marke Marvel, sondern versucht sich abermals daran, das Superhelden-Genre auf seine inneren Konflikte herunterzubrechen. Dementsprechend viel Zeit lässt sich der gebürtige Inder, um die drei verstörenden Hauptcharaktere zu etablieren. Obwohl der titelgebende Mr. Glass erst nach rund 40 Minuten den ersten Satz von sich gibt, schafft es der Film, seine Helden bzw. Schurken bodenständig und reflektiert darzustellen - mit ungläubigen Augen blicken sie ihrem exponierten Schicksal entgegen, statt sich am laufenden Band selbst abzufeiern. In Zeiten der Glorifizierung von Superhelden stellt dieser Ansatz für uns eine erfrischende Abwechslung dar.

Weniger bescheiden präsentiert sich jedoch das Drehbuch. Der Meister der Twists macht seinem Namen alle Ehre und versucht die Handlung von GLASS so gut es geht zu mystifizieren und krampfhaft Fäden zwischen den Vorgängern herzustellen. Abseits von der großen Enthüllung am Ende des Films - dieses Mal nicht nur überraschend, sondern auch folgenreich - gelingt das allerdings nur mäßig. Zu viele Plotholes und unnötige Nebenhandlungen blasen die Geschehnisse groß auf, obwohl sich der Film in seinen 129 Minuten eigentlich kaum von der Stelle bewegt - sowohl metaphorisch als auch buchstäblich, denn die Anstalt markiert den großen Fokuspunkt der Geschichte. Wer weder Split noch Unbreakable gesehen hatte, sollte das vor dem Kinobesuch unbedingt nachholen, denn GLASS gibt sich darüber hinaus kaum Mühe, seine Vorgeschichte groß auszubreiten.

Zwischen Comic und Film

Zu Gute halten muss man Shyamalan allerdings, dass er versucht, die Eckpfeiler der Handlung über die Bildsprache in Szene zu setzen, anstatt sie durch die Figuren lediglich nacherzählen zu lassen. Euch erwarten lange Einstellungen und spärliche Schnitte, alles im Dienste der komplexen Meta-Ebene, die sich durch den Film zieht. Wie schon Unbreakable lässt sich auch GLASS als einwandfreies Beispiel für einen Dreiakter heranziehen, der altbekannten Strukturen aus Comics folgt. Der Comic-Enthusiast Mr. Glass wird auch in seinem zweiten großen Auftritt nicht müde, uns das alle Nase lang mitzuteilen. Trotzdem hätten wir uns gewünscht, dass die Liebe zur Sprechblasen-Kunstform mehr Platz lässt für eine kohärente Geschichte. So bleibt der Film extrem ambitioniert, übernimmt sich aber im Großen und Ganzen.

Das nicht zuletzt, weil auch das Miteinander der Figuren nicht so knackig und unterhaltsam inszeniert ist wie es hätte sein können. In den Dialogen zwischen der fast besessenen Psychiaterin und ihren drei Patienten wirft GLASS immer wieder interessante Ideen auf, die sich der Frage annähern, was es bedeutet, mit vermeintlich übernatürlichen Fähigkeiten in einer "normalen" Gesellschaft zu leben - Stichworte: Verantwortung, Selbstjustiz, Nutzen für die Gesellschaft - allerdings werden diese in der Regel bereits nach wenigen Sekunden wieder verworfen. An ihre Stelle tritt ein Best-of der Superhelden-Floskeln, welche die Handlung nicht nur nicht voranbringen, sondern gutem Pacing sogar im Weg stehen.

23 in 1 - absolut sehenswert

Dass GLASS trotzdem sehenswert ist und nicht unter seinen Fehlern zusammenbricht, liegt in allererster Linie an der technischen Umsetzung. Auch wenn der Film gern 30 Minuten kürzer hätte ausfallen dürfen, konnten wir uns am Spiel mit der Kamera und der spektakulären Farbgebung des Films kaum satt sehen. Satte Pastelltöne erwecken den Eindruck einer Welt, die unserer so nah und gleichzeitig auf übernatürliche Weise fern ist, während die Kamera entweder starr und ellenlang in einer Einstellung verharrt oder als Kommentar auf die inneren Konflikte der Figuren um sie kreist oder gar auf den Kopf kippt. Statt CGI-Effektgewitter setzt Shymalan auf effektvolle Bildsprache und beweist somit einmal mehr, dass er auf den Regiestuhl gehört. Hinzu kommt ein unaufgeregter Soundtrack, der Suspense über Bombast stellt und vom Intro bis hin zu den Credits überzeugt.

Wie schon in Split wird auch das Finale der Trilogie von einem gut aufgelegten James McAvoy getragen und das fast im Alleingang. Als aufgedreht zwischen seinen Persönlichkeiten wechselndes Mosaik spielt er alles an die Wand, was nicht bei Drei den Verstand verliert und liefert eine 23-in-One-Man-Show, für die allein sich der Gang ins Kino lohnt. Im Sekundentakt wechselt er zwischen dem vorpubertierenden Hedwig, der eloquenten Patricia und dem blutrünstigen Beast hin und her, dass es eine wahre Freude ist, ihm dabei zuzusehen. Schnell ertappten wir uns dabei, dass wir die Persönlichkeiten anhand ihrer Gestik und Mimik unterscheiden konnten, ohne dass McAvoy auch nur den Mund geöffnet hat.

Auch Samuel L. Jackson liefert als Mastermind wieder eine gute Leistung ab und zeigt vor allem im dritten Akt, was er kann. Bruce Willis schließlich bekommt schlichtweg zu wenig zu tun, um seinem unzerbrechlichen David den nötigen Impact zu verleihen, bietet aber gerade deshalb einen ruhigen und gelungene Gegenpol zur aufgedrehten Bestie mit Persönlichkeitsspaltung.

Fazit

GLASS hat ein großes Problem: Das Drehbuch. Die Handlung kommt über die Laufzeit von mehr als zwei Stunden kaum vom Fleck und Shyamalan versucht erfolglos, die beiden Vorgänger zu einem logischen Ganzen zu verweben. Trotzdem ist der Film aufgrund seiner technischen Umsetzung und der irren 23-in-One-Man-Show von James McAvoy absolut sehenswert - vorausgesetzt, ihr könnt über Plotholes und banale Dialoge hinwegblicken. Damit kommt das Finale der "Eastrail 177"-Trilogie allerdings nicht über den guten Durchschnitt hinaus und muss hinter dem Glas seiner großen Ambitionen zurückbleiben.

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