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Lohnt sich Kino: The Hateful 8

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Von: INGAME Redaktion

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Wenn Quentin Tarantino eine bunte Truppe angesehener Schauspieler nimmt und sie als Western-Archetypen von Sheriff bis Kopfgeldjäger während eines Schneesturms in eine kleine Hütte einsperrt, dann ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis uns eine Woge aus superben Dialogen und recht explizitem Gewaltgrad überrollt. Ob sich der Kinobesuch für The Hateful 8 lohnt, erfahrt ihr im Folgenden.

Vor einem aufziehenden Schneesturm auf der Flucht, möchte John "Der Henker" Ruth eigentlich nur möglichst schnell die Berge überqueren und nach Red Rock gelangen, denn dort wartet das ganz große Geld auf ihn. Er ist Kopfgeldjäger und mit ihm unterwegs ist seine Gefangene Daisy Domergue, auf deren Kopf eine beträchtliches Sümmchen ausgesetzt ist. Nun hätte John Ruth die Verbrecherin natürlich auch tot nach Red Rock bringen können, aber immerhin hat man ja seine Prinzipien und den Beinamen "Der Henker" nicht grundlos. Während sich die Kutsche mühsam durch den Schnee kämpft, gesellen sich schnell die beiden Anhalter Major Marquis Warren und Chris Mannix zu der illustren Reisegruppe und neben dem Blizzard zieht langsam auch eine weitere Bedrohung auf.

Mit Müh und Not erreicht die Kutsche Minnie’s Haberdashery, wo sie von Minnies Verwalter Bob und einigen anderen Reisenden empfangen werden. Die Stimmung ist den Umständen entsprechend gespannt, der greise Südstaaten-General Sandy Smithers hockt schweigsam in einem Sessel, Cowboy Joe Cage arbeitet an seinen Memoiren und einzig Henker Oswaldo Mobray scheint einigermaßen begeistert über die zusätzlichen Gäste. Schnell steckt ein jeder der acht seine Grenzen ab und die Spannungen zwischen den einzelnen Charakteren werden greifbar. Zwischen Rassenkonflikten und Geldgier traut hier keiner keinem und eine Eskalation scheint vor dem Ende des Blizzards unausweichlich.

So viel vorweg, für 167 Minuten Tarantino muss man schon in Stimmung sein, denn in The Hateful 8 nimmt sich Quentin Tarantino einmal mehr jede Menge Zeit, um das Aufeinandertreffen der Charaktere gebührend zu inszenieren. Wen das jedoch nicht abschreckt, der dürfte sich königlich unterhalten fühlen, zumal der hervorragende Soundtrack sein Übriges tut, um das Gesehene perfekt zu unterstreichen. Schon der Aufbau des Settings lässt erahnen, dass der Film weniger durch rasante Action am Fließband, als durch raffiniertes Ränkespiel starker Charaktere, brillante Dia- oder Monologe und gelegentliche überzogene Exzesse aus Gewalt und Blut besticht. Eine Mischung, die einige Zuschauer sicherlich nicht über die ganze Länge des Films befriedigen wird. Aber eines nach dem anderen.

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The Hateful 8 lebt zu jeder Zeit von seinen starken Charakteren, die ausnahmslos hervorragend von den Darstellern verkörpert werden. Selbst zwischen all den strahlenden Charakteren schafft es Samuel L. Jackson mit jeder Menge Charme und Bosheit noch zu glänzen, was in einem großartigen Monolog mit "Say what again"-Charakter gipfelt. So schafft der Cast gemeinsam eine von beinahe greifbarem Misstrauen geprägte Atmosphäre, mit der jeder der Charaktere auf unterschiedliche Art umgeht. Jon Ruth, der sofort klar stellt, wer der Herr in Minnie’s Haberdashery ist, Marquis Warren, der sich auf charmant-hinterliste Art seiner Widersacher zu erwähren sucht, oder Daisy Domergue, die in ihrer aussichtslosen Lage mal kokett, mal derb ihre Strippen zieht.

Und wahrend sich die unfreiwilligen Zimmergenossen gegenseitig einzuschätzen versuchen, tun wir als Zuschauer dasselbe, aber vielleicht ist am Ende ja doch alles ganz anders, als wir es gedacht hätten. Ähnlich wie in der Szene im Keller der Taverne aus Inglorious Basterds, entfalten alle Gespräche und Ereignisse in der Hütte eine ganz eigene Spannung und Dynamik, denn im Hintergrund hat hier jeder schon eine geladene Waffe auf die anderen gerichtet. Das zu Grunde liegende Setting sollten wir dabei nicht zu sehr hinterfragen, denn hier zeigt The Hateful 8 einige Unstimmigkeiten, über die wir jedoch bereitwillig hinwegsehen können. Dafür ist die Szenerie in Minnie’s Haberdashery ansonsten einfach zu gut. 

Doch selbst ein Quentin Tarantino kann schwerlich knapp drei Stunden mit zwischenmenschlichem Geplänkel füllen und so wartet auch der übliche Splatter- und Gore-Anteil mit teilweise schon absurdem Gewaltgrad und Blutvergießen in The Hateful 8. Nun könnte man dies als unpassend oder gar albern auffassen, aber gerade in dieser mit Augenzwinkern vorgetragenen Entladung der aufgebauten Anspannung liegt der willkommene Ausgleich, bevor im Anschluss das Spiel von Neuem beginnt. Das Pacing des Films ist an manchen Stellen allerdings ein wenig zu langsam und eventuell wäre das Gesamtpaket noch ein wenig runder, wenn es eine halbe Stunde kürzer wäre. Wohlgemerkt, The Hateful 8 ist stellenweise vielleicht ein wenig langatmig, aber zu keiner Zeit langweilig und ein packender Western mit Tarantino-Flair!

The Hateful 8 ist clever, böse und strotzt vor starken Charakteren und noch stärkeren Dialogen. Der recht eigene, aber unverkennbare Stil von Quentin Tarantino schwebt über jeder Minute des Films und fesselt den Zuschauer mit schwarzem Humor und ein wenig zu viel Blut. Dass sich The Hateful 8 ab und an ein wenig in sich selbst verliert, ist da absolut zu verzeihen. Klare Filmempfehlung!

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