Lohnt sich Kino: Silence

  • Christian Böttcher
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Mit Silence bringt uns Martin Scorsese, zuletzt mit The Wolf of Wallstreet auf dem anderen Extrem des Lautstärke-Kontinuums unterwegs, nicht nur einen Film, der sich in erstaunlicher Tiefe mit menschlicher Spiritualität und Religiosität beschäftigt, sondern vor allem ein Portrait des Zauderns. Über 161 Minuten illuminiert die Odyssee zweier portugiesischer Priester in das ferne Japan einerseits tief religiöse Spaltung, andererseits ungeschönt Fragen der Moral und konsequent menschliches Zweifeln.

Auf der Suche

Scorsese bedient sich in dieser persönlichen Herzensangelegenheit, die schon seit einigen Jahren im Kopf des Oscarpreisträgers umherschwirrt, bei einer Romanvorlage des japanischen Autors und Katholiken Shūsaku Endō aus dem Jahre 1966.

Der Film führt uns an der Seite von Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) ins ländliche Japan des 17. Jahrhunderts, das sich primär buddhistisch geprägt zeigt – Verfolgung und Folter japanischer Christen inklusive. Die beiden strenggläubigen Jesuiten aus Portugal werden mit der Aufgabe betraut, das Schicksal ihres ehemaligen Mentors Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) zu untersuchen, der Gerüchten zufolge bereits vor Jahren seinem Glauben abgeschworen hat. Eine spirituelle und dennoch höchst gefährliche Irrfahrt beginnt.

Eine Odyssee des Zweifels

Bereits die ersten Minuten auf dem fremden und unwirtlichen japanischen Festland lassen die jungen Priester erkennen, dass es sich bei ihrer Reise vielmehr um ein Martyrium als um schlichte Missionierungsarbeit handelt. Pater Rodrigues stellt sich schnell als wichtigste Persönlichkeit auf der Suche nach der Wahrheit und Absolution heraus.

Wir folgen ihm in abgedunkelte Hinterzimmer, in denen er den verbliebenen japanischen Christen die Messe liest und sind ebenso dabei, als die Häscher der Feudalherren den zweifelnden Gottesmann überwältigen, einkerkern und über Wochen ein Exempel an ihm statuieren, indem sie versuchen, seinen Glauben Tropfen für Tropfen auszuhöhlen. Das Ziel: Der Priester schwört endgültig seiner Religion ab und tritt bzw. trampelt in symbolischer Geste auf einem Abbild von Jesus Christus herum.

Die Handlung wird unablässig vom betenden Voice-Over des langhaarigen Andrew Garfield begleitet, dessen Glaube im Verlauf der zermürbenden Odyssee auf immer perfidere Art und Weise auf die Probe gestellt wird. Als Fundament der Geschichte blitzen Stück für Stück die folgenden Fragen durch den dichten japanischen Dschungel: Wie kann Gott die menschlichen Abgründe zulassen, die in jedem von uns schlummern? Wie weit kann und muss man für den eigenen Glauben gehen?

Dschungel als visueller Widerstand

Der Star in diesem Film, der mehr nüchterne Geschichte als emporgehobener Epos sein möchte, ist neben den beiden Hauptdarstellern Garfield und Driver ohne Zweifel Rodrigo Prieto, verantwortlich für die Kamera. Er lässt sie in sanften Bewegungen über die dicht zugewucherte Natur der japanischen Fremde gleiten und malt ein Naturdenkmal, das sich als Kontrast zur Frage nach dem natürlich Geistlichen in Japan zwischen die Missionare und Feudalherren drängt.

Die Jesuiten schlagen und beten sich unablässig durch den immergrünen Dschungel und werden allegorisch mit kulturellen und spirituellen Barrieren konfrontiert. Prieto wandelt mit seiner Kameraarbeit zwischen historischer Distanz und religiöser Intimität, was sich vor allem in den variablen Einstellungen widerspiegelt. Dazu kommt der Verzicht auf jegliche moderne Tricktechnik. Als Drehort wurde Taiwan auserkoren, um das feudale Japan des 17. Jahrhunderts zu repräsentieren. Die Oscar-Nominierung des Mexikaners halten wir für absolut gerechtfertigt.

Zweifelnde Märtyrer

Andrew Garfield, Adam Driver und Liam Neeson liefern allesamt eine Schauspielleistung ab, die nicht nur dem Thema, sondern auch dem nüchternen Stil, für den sich Scorsese entschieden hat, absolut gerecht wird. Die Rolle von Driver ließ jedoch in ihrer Ausprägung etwas zu wünschen übrig, so erhält sie deutlich zu wenig Screentime und bleibt mehr als Skeptiker denn als konsequenter Jesuit, wie angedeutet, im Gedächtnis.

Rodrigues, verkörpert von Andrew Garfield, wird innerhalb der Erzählung immer wieder als Jesusfigur etabliert, was sich auch in der äußeren Erscheinung des Amerikaners manifestiert. Lange, wallende Haare kombiniert mit dem Auftreten eines bodenständigen Jünglings unterstreichen die Rolle, in die sich Pater Rodrigues auf seiner Reise gedrängt sieht. Wie in der Heilsgeschichte vorgegeben, wartet auch Garfield in seinen repetitiven Gebetszyklen auf ein Zeichen Gottes, der sich im Streifen allerdings vor allem durch ein Charakteristikum auszeichnet: Stille.

Das zweifelnde Selbstbildnis des Heilands, in das Andrew Garfield sich immer wieder zwängt, bekommt bereits in den ersten Minuten der Handlung seinen metaphorischen Judas spendiert. Der junge Kichijirō (Yōsuke Kubozuka), zunächst als Führer der beiden reisenden Priester engagiert, entpuppt sich schnell als Christ, der bereits mehrfach seinen Glauben verleugnet hatte, um zu überleben. Der brillant verkörperte Japaner ist die Inkarnation des reuigen Sünders, der jedoch pausenlos rückfällig wird. Jesusfigur Rodrigues vergibt ihm dennoch Mal für Mal.

Fundament: Leidensgeschichte

Sukzessive beginnt der Glaube des jungen Priesters zu wanken, nicht zuletzt weil er in der zweiten Hälfte des Films mit dem berüchtigten Inquisitor Inoue (Issey Ogata) konfrontiert wird, der sich Rodrigues, entgegen aller Erwartungen, nicht als Ebenbild des Bösen offenbart, sondern vielmehr als schrulliger, aber rationaler Glaubensmann, der beinahe den Eindruck einer Karikatur macht. Ab diesem Punkt beginnt der Film selbst zur Odyssee zu werden, indem er sich kontinuierlich wiederholt und die Leidensgeschichte des Jesuiten zur Leidensgeschichte des Zuschauers transformiert.

Als Andrew Garfield schließlich dem verschollenen Pater Ferreira (Liam Neeson) begegnet, beginnt auch die Geschichte wieder etwas Fahrt aufzunehmen, da aus dem unsäglichen Leiden, das Scorsese seinen Hauptdarsteller erleben lässt, ein philosophischer Dialog mit Tiefgang entsteht, in dem interessante Fragen in Bezug auf Moral und Glaubensvorstellungen abgehandelt werden. Leider können diese kurzen glanzvollen Interaktionen zwischen den Charakteren nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film zwischenzeitlich so einige Längen aufweist.

Die Inquisition japanischer Christen, die Scorsese in Silence dokumentiert, ist in jeder Sekunde des Films blutig, hart und ohne Zweifel nichts für Schwache nerven. Der Regisseur öffnet die Geschichtsbücher mit dem Wissen, dass nicht alles, was präsentiert wird, so hingenommen werden kann. So wandelt sich das Bild der christlichen Missionare im Verlauf der Handlung immer wieder vom inhärent Guten vom inhärent Bösartigen - und das unreflektiert.

In letzter Konsequenz lässt sich Scorsese unterstellen, dass er mit der Darstellung der japanischen Inquisition analog auch die damalige Inquisition auf dem europäischen Kontinent ankreiden und dokumentieren möchte. Die Parteien differieren, doch das Phänomen bleibt.

Silence ist Kino für Liebhaber, ein religionshistorischer Einblick in eine ferne Epoche und ohne Zweifel nur für Zuschauer mit Sitzfleisch konzipiert. Innerhalb von 160 Minuten Spielzeit lässt sich Martin Scorsese viel Zeit, seine Charaktere zu etablieren und sukzessive ins Verderben bzw. Martyrium zu führen. Wir empfehlen den Film vor allem denjenigen, die sich für die spirituelle Thematik interessieren und kein Problem mit expliziten Gewaltdarstellungen, langgezogenen Erzählstrukturen und einem nüchternen Stil haben. Wer sich auf Silence einlässt, findet einige interessante Denkanstöße, die allerdings selten mit dem nötigen Tiefgang versehen werden.

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